Von Taxen und Re-Taxen

abgelehntVor ein paar Tagen hatte ich versprochen, mal etwas zu den ominösen Retaxationen, Retaxierungen und Retaxen zu schreiben, die ich immer wieder erwähne.

Also: Wer auf eine Party will, sich dort alkoholischen Gelüsten hingeben möchte, und keine Mitfahrgelegenheit findet, nimmt sich gemeinhin eine Taxe. Und wer dann mit einer angehenden C2-Intoxikation wieder nach Hause möchte, ruft sich folgerichtig eine Re-Taxe. Und was hat das jetzt alles mit der Apotheke zu tun?

Die Taxe ist im jursitischen Sinne eine Gebühr, die feste Höchst- und Mindestsätze darstellt. Der Wortstamm ist auch im Verb taxieren enthalten, und dieses kommt aus dem lateinischen taxare, welches so viel wie „prüfend abtasten“ bedeutet. Eingebürgert hat sich der Begriff mit der Ära der Pferdedroschken, die ein Taxameter an Bord hatten, mit dessen Hilfe der Beförderungspreis „abgeschätzt“ wurde, damals meines Wissens nach nur nach der Beförderungszeit, und übertrug sich auf die heutigen Motordroschken, in denen das Taxameter eichpflichtig ist und Daten wie Beförderungszeit, zurückgelegte Wegstrecke, Standzeiten usw. berücksichtigt. An anderer Stelle wird so eine „prüfend abgetastete“ Umlage dann z.B. Als Kurtaxe bei nichtsahnenden Touristen erhoben. [Alle Angaben aus unterscheidlichen Artikeln der Wikipedia gemopst.]

Womit wir endlich zur Apotheke kommen, bei der schon seit längerem die sinnvolle Erfindung der Arzneimittelpreisverordnung zum Tragen kommt, die den Patienten und Kunden (und auch die kranken Kassen) vor apothekerlicher Willkür schützt – denn ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel (mit der selben apothekenübergreifenden Bestellnummer [PZN]) kostet am selben Tag [1] in allen deutschen Apotheken genau den selben Geldbetrag. [2]

Bei der Belieferung eines Rezepts – und der dabei stattfindenden Rechnungslegung, dem Taxieren des Rezepts – können sich natürlich nun ein Haufen Fehler einschleichen. Wie ein Rezept auszustellen ist, ist in der Arzneimittelverschreibungsverordnung geregelt. Die gilt übrigens nicht nur für Apotheken bei der Kontrolle der entgegengenommenen Rezepte – liebe mitlesenden Kassenärzte, aufgemerkt! – über den Bundesmantelvertrag der Kassenärztlichen Vereinigung mit dem Spitzenverband der GKV habt ihr zugestimmt, euch ebenfalls daran zu halten. [4] Weiter spezifiziert wird das dann in den Arzneimittel- und Hilfsmittellieferverträgen der Apothekervereine mit den unterschiedlichen Krankenkassen(organisationen). [5]

Irrt sich nun die Apotheke bei dem Rezept, hat die kranke Kasse natürlich die Möglichkeit, die Rechnung der Apotheke um den Betrag, der ihr fälschlicher Weise in Rechnung gestellt wurde, zu berichtigen. Das ist auch gut so, denn man will ja fair miteinander umgehen. Und zu den guten alten Zeiten, wo es einer Krankenkasse darum ging, ihren Versicherten sinnvoll versorgt zu wissen, war auch alles gut, denn sinnlose Retaxationen waren nicht an der Tagesordnung, und wenn doch mal eine vorkam, konnte die Apotheke der fachlich kompetenten Sachbearbeitern meist erklären, warum so und so und eben nicht anders beliefert wurde.

Dann wurden die Krankenkassen immer mehr zu vollökonomisch arbeitenden kranken Kassen, und das Instrument der Retaxierung wurde zur Einnahmequelle und als Ausgabenminderungssystem umfunktioniert. Wie macht sich das bemerkbar? Ganz einfach: Wird der Belieferungstermin nur um einen Tag  überschritten, wird der Apotheke das gesamte Rezept gestrichen. Irrt sich der Apotheker bei einem Rabattvertrag, wird im Zweifelsfall das gesamte Rezept gestrichen (und nicht etwa der Schaden in Rechnung gestellt, welcher der kranken Kasse entstanden ist). Wird eine minimale Abweichung von einem Gesetzes-, Verordnungs- oder Vertragstext identifiziert – die eventuell sogar vom Gesetzgeber hingenommen wurde und wird – nutzt die kranke Kasse dies, um gnadenlos das Rezept abzuweisen. Usw. usw. Aufgemerkt: Die Apotheke hat das fragliche Arzneimittel beim Einkauf bezahlt. Beim Verkauf hat die Apotheke die MwSt. an den Staat abgeführt. Der Patient hat das gelieferte Produkt meist schon komplett verbraucht. (So ein Retax wird gewöhnlich ca. 10 Monate nach Rezeptbelieferung bearbeitet.) Und dann wird der Apotheke der Gesamtbetrag gestrichen. Ach ja, und in den Retax-Schreiben fehlt natürlich nie der Hinweis, dass es der Apotheke untersagt ist, den Versicherten von diesem Vorgang in Kenntnis zu setzen.

Da das viel Geld kostet, haben sich die kranken Kassen einen ganz schlauen Weg ausgedacht. Man beauftragt einen Subunternehmer, ein Rechenzentrum mit hoher Kapazität. Diesem stellt man die Daten elektronisch zur Verfügung. Und man bezahlt diesen Dienstleister auf Provisionsbasis – also um so mehr Retax-Summe er auswirft, um so höher wird die Bezahlung. Spannender Weise habe ich von noch keinem Versicherten gehört, dass er zugestimmt hätte, dass seine kranke Kasse seine persönlichen und unanomysierten Patientendaten einfach an Dritte weitergeben darf. Und im Kleingedruckten eines Versicherungsvertrags habe ich das auch noch nie gesehen. Erstaunlich.

Und was haben die kranken Kassen für ein Risiko, wenn sie das machen? Keines! Die Apotheken haben zwar die Möglichkeit, gegen so einen Retax Einspruch einzulegen, den die kranke Kasse anerkennen oder ablehnen kann. Aber selbst wenn die Kasse feststellt, nicht die Apotheke, sondern sie selber (bzw. ihr Lohndienstleister) habe sich geirrt, nimmt man des Retax zurück, und gut ist es. Der Arbeitsaufwand, die Arbeitszeit, die Beschaffung von Unterlagen zum Nachweis der Richtigkeit der Angaben, alles darf die Apotheke kostenlos erbringen. [6] Die kranke Kasse  kann also munter Retaxationen verschicken, bis die Poststelle glüht, mehr als die Portokosten fallen nicht an.

Und wer jetzt sagt Der Knick hat ja nen Knick!, der lese sich mal ein paar Fallbeispeile durch. Hier, oder hier, oder hier. Diese Beispiele sind alle öffentlich zugänglich und anonymisiert, ich verrate also nichts hochgeheimes.

Und nun mal zu dem Sinn hinter dem ganzen: Ey, Knick, da gehts um 19€. So arm sind Apotheken nicht. Lass doch sausen das PillePalle! Nunja, rechnen wir mal: 19€ * 144 kranke Kassen * 21.000 Apotheken [7] =  57.456.000€. Ja, 57,5 Millionen €! Ist keine schlechte Einsparung, oder?

Ey, Knick, dann verklag die kranken Kassen doch! Und da gehen die Probleme los. Erst einmal kann man keinen Rundumschlag machen. Nach deutschem Recht muss jede einzelne Apotheke gegen jede einzelne Retaxation Klage erheben. Dann ziehen sich solche Verfahren gemeinhin hin. Und nicht zu guter Letzt kosten solche Klagen Geld, viel Geld. Das der Apothekenleiter vorstrecken muss. Und da überlegt man gut, ob man sich wirklich wegen 19€ auf einen 5 Jahre dauernden Rechtsstreit einläßt, dessen Ausgang ungewiss ist und dessen Kosten vielleicht in die mehrere Tausend € gehen. Es ist eine Frage der Ökonomie. Und genau das wissen die kranken Kassen, und machen es sich zu Nutze.

Das Thema ist damit eigendlich noch lange nicht abgeschlossen, aber der Artikel ist jetzt schon so lang, dass ich es für heute dabei bewenden lasse.

Unabhängig davon – man möge mir eine rüde Wortwahl verzeihen – finde ich diesen Umgang mit den Leistungserbringern zum Kotzen!

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[1] Das gilt nicht nur am selben Tag, sondern in Zeiträumen von ca. 15 Tagen. Datenaktualisierungen müssen die deutschen Apotheken immer um Mitternacht vom Monats-Letzen zum Folgemonats-Ersten sowie vom 14. zum 15. Tag eines Monats vornehmen. Dabei werden nicht nur Änderungen zum „Tax-Verkaufs-Preis“ (= Endpreis), sondern auch zu Änderungen bei Festbeträgen, zu den Arzneimitelinformationen, sprich zu allen möglichen Einträgen der Datenbank eingeflegt. Und da sowas richtig Geld kostet, machen das Arztpraxen bei weitem nicht so häufig.
[2] Und trotzdem bezahlen zwei verschiedene Versicherte unterschiedliche Summen (Zuzahlung) auf das gleiche Medikament. Wie kommt dass? Einige kranke Kassen gewähren (unter bestimmten Umständen) ihren Versicherten eine Bevorzugung, wenn der Versicherte die „Rabatt-Arznei“ – also das Produkt von dem Hersteller, der der kranken Kasse Geld zurückerstattet [3] – akzeptiert. Das kann sich in der Halbierung der Zuzahlung ausdrücken, oder im Verzicht auf die Zuzahlung, oder gar im Verzicht auf die Festbetragsaufbezahlung. Verschlüsselt wird das auf den Rezept für die Apotheke im Feld „Kassen-Nr.“ Eine kranke Kasse kann locker 35 unterschiedliche Kassen-Nummern im Umlauf haben, die jeweils unterscheidliche Datenverarbeitungen auslösen. Kompliziert? Dazu blogge ich eventuell ein andermal.
[3] Man könnte auch sagen, die kranke Kasse hat den Hersteller aufgefordert, sie zu bestechen, damit sie ihm im Gegenzug eine Art „Exklusiv-Lieferrecht“ einräumt. Aber da dafür (geheime) Ausschreibungen zu Grunde gelegt werden, damit (geheime) Verträge unterschrieben werden, um (geheime) Geldflüsse zu initiieren, ist das Voregehen natürlich keine Bestechung sondern rechtsstaatliche Einvernehmlichkeit.
[4] Das dürfte vielen niedergelassenen, aber so ziemlich allen in einem Krankenhaus angestellten Ärzten neu sein, wenn ich mir anschaue, was ich tagtäglich für Rezepte zur Belieferung vorgelegt bekomme.
[5] Von diesen Verträgen gibt es in der Zwischenzeit einen unüberschaubaren Haufen, und jeder hat andere Stolperfallen. Wenn also der Apotheker – gerade bei Hilfsmittelrezepten – erst mal ca. 3 Stunden mit der Krankenversicherung telefoniert, um herauszubekommen, ob er das Rezept überhaupt beliefern darf, und wenn ja, zu welchem Preis, seit ihm nicht böse.
[6] Bei Krankenhäusern ist das anders. Wird eine Krankenhausrechnung durch die Kasse falsch retaxiert, steht dem Krankenhaus eine Mehrvergütung vom 300€ für diesen Fall zu. Da lohnt es sich sowohl für die Kasse als auch fürs K-Haus, diese Retaxierungen peinlich genau zu bearbeiten.
[7] Die Retaxbeträge differieren zwischen 0,01€ (hatte ich auch schon, allein das Porto für den Brief hat die kranke Kasse ca. 0,30€ gekostet) und locker mal 10.000€ pro Retaxation. Und nicht jede Kasse schreibt jeder Apotheke pro Jahr ein Retax. Dafür schreiben ausgesuchte Kassen viel öfter Retaxationen an einzelne Apotheken. Die Rechnung soll nur mal zeigen, um welche Summen es sich dreht.

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2 Gedanken zu „Von Taxen und Re-Taxen

  1. „dass es der Apotheke untersagt ist, den Versicherten von diesem Vorgang in Kenntnis zu setzen“ …. Was? Das auch noch? Und wie wird das gerechtfertigt?
    Irgendetwas stimmt da nicht, dass so ein Procedere rechtlich durchgeht. Echt. Retaxation … Zu voll-Lasten der Apotheke.
    Bei uns ist es so, dass, wenn wir einen Fehler machen und etwas der Kasse abrechnen versuchen, das sie nicht bezahlen, das an den Patient weitergegeben wird. Gut, meistens merken wir das bei der Abgabe und warnen den Patienten vor, dann merkt es unsere Abrechnungsstelle und verrechnet das dem Patienten, bevor es zur Kasse kommt. Und in den seeehr wenigen Fällen, wo das nicht der Fall ist, gibts eine Rechnung eben an den Patienten.

    • Nein, das ist untersagt. Um das zu erklären muss ich weiter ausholen. Als allererstes ist es so, dass der Versicherte mit dem Vorgang juristisch erst mal gar nichts zu tun hat – er ist nur Überbringer des Warengutscheins „Rezept“. Der Kaufvertrag kommt zwischen Apotheke (Verkäufer) und [gesetzlichen] kranker Kasse (Käufer) zustande. [Nachtrag: bei privat versicherten Patienten ist das was anderes.] Die kranke Kasse überlässt nun großzügiger Weise dem Versicherten das Arzneimittel zum Verbrauch. Wird nun die Apotheke retaxiert, ist der Versicherte außen vor. Und dass die Apotheke den Versicherten nicht informieren darf, ergibt sich aus dem Arzneimittelliefervertrag, in dem eine Klausel existiert, die von „gegenseitiger Achtung“ spricht, so dass die Apotheke den „Vertragspartner“ nicht „verunglimpfen“ darf, sonst kann es Vertragsstrafen bis zur Kündigung des Liefervertrags für die Einzelapotheke geben.

      Es gibt exakt eine Ausnahme von dieser Regelung. Wenn die Apotheke retaxiert wird, weil sie zu wenig oder keine Zuzahlung kassiert hat, darf sie diese nachträglich vom Versicherten einfordern (da das gesetzlich verpflichtend für den Versicherten ist). Aber wer geht schon hin – nach über einem Jahr – und sagt: „Ey, Du schuldest mir noch 5 € aus dem Januar 2012!“ Das macht mehr Ärger als es Geld und Punkte bringt, und Verständnis hätte ich als Versicherten dafür auch kaum ohne Wissen um die Hintergründe…

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