2 mal 3 macht 4…

münzen…widdewiddewitt und 3 macht Neune! Ich rechne mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt!

Nein, ich beziehe mich hier nicht auf die Verfilmung des Buchs von Astrid Lindgren, ich beziehe mich auf die Rechenkünste unserer kranken Kassen. Denn diese geben freimütig zu, dass ihre Gewinne Rücklagen immer weiter steigen, aber trotzdem werden die Endsummen kleiner. Erstaunlich. Dafür habe ich, selbst bei längerem Nachdenken, nur zwei mögliche Erklärungen. Entweder: Rekursive Inflation [1]. Oder: Die kranken Kassen lügen dem Verbraucher die Taschen voll!

Vor wenigen Tagen habe ich die Rücklagen der kranken Kassen auf ca. 35 Milliarden € geschätzt. Diese Summe dürfe noch weit zu gering sein, denn sie berücksichtigt nicht die „stillen Reserven„, also in z.B. Sachwerten gebunde Geldmittel einer juristischen Person, welche sich nicht sofort „verflüssigen“ lassen, z.B. Gebäude, welche man aber betreffend ihres aktuellen Wertes nur schätzen kann, so dass sie in der Bilanz als (korrigierter) Schätzwert, im Zweifelsfall gar trotz effektivem Wert mit 0€ (und damit gar nicht) auftauchen.. Das ist in sofern bemerkenswert, als dass „normale“ Wirtschaftsbetriebe diese stillen Reserven  berücksichtigen müssen – wenn sie auch nicht in den öffentlichen Bilanzen auftauchen brauchen, kann das Finanzamt darüber Aufklärung und Rechenschaft verlangen – kranke Kassen aber nicht. Und es ist (bzw. war) gängige Praxis vieler kranker Kassen, sich noch einen kleinen „Palast“ zu bauen, die Ausgaben unter „Ausgaben“ in die Bilanz mit aufzunehmen, die entstandene stille Reserve aber nicht unter „Passiva“ in die Bilanz zu schreiben bzw. sie so falsch zu bewerten, dass diese Position faktisch wegfällt. Zack ist man nicht mehr so reich rücklage-lastig, wie man es gerade eben noch war. Und schon kann man feststellen: Uns geht es so schlecht, wir müsen die Beiträge erhöhen, Leistungserbringer kürzen, Leistungen kürzen usw. usw.

Wie komme ich jetzt darauf? Laut eigener Aussage der kranken Kassen liegen die Rücklagen in diesem Augenblick bei 28 Milliarden €. Aber schon am 01.02.2013 – also vor einem Monat – schätzten halbwegs unabhängige Sachmeinungstragende die Reserven auf 30 Milliarden €. Das lag dann bei 3 Milliarden € mehr, als der Schätzerkreis der kranken Kassen das im September 2012 vorausgesagt im Kaffeesatz gelesen hatte [2]. Nun zeigte eine Berechnung des Kieler Institus für Weltwirtschaft aber schon im September 2012, dass ein Plus von 6,6 Milliarden € erzielt worden. Und wenn die Beiträge nicht gesenkt werden würden, würden Überschüsse pro Jahr von 4 Milliarden € pro Jahr bis 2014 eingefahren werden. Aber erst am 20.06.2012 wurde vermeldet, die Kassen hätten zu diesem Zeitpunkt eine Rücklage von 20 Milliarden €.

Also Leute – mein Taschenrechner scheint kaputt zu sein. Nicht nur, dass ich beim Eigeben von so vielen Nullen vor dem Komma immer durcheinanderkomme [3] , mein Taschenrechner addiert einfach ganz anders. Zum Bleistift sind 20 + 6,6 + 3 bei mir 29,6 (und damit rund 30, wie es die Sachmeinungstragenden überlegt haben) und nicht 28. Aber wen scheren schon 1,6 Milliarden €? Herr Ackermann würde „Peanuts!“ sagen.  Und meine Zeitlinie verläuft auch linear und kausal, und springt nicht durch die Geschichte, wie es ihr passt.

Überhaupt ist die Prognose der Überschüsse bzw. Unterdeckung der kranken Kassen ein Ränkespiel sonder gleichen. Im Jahr 2010 wurde die Entwicklung für die Jahre 2011 und 2012 auf jeweils minus10 Milliarden € unter Einsatz von Daumen, Pi, Fensterkreuz, Glaskugel und Tarot-Karten ermittelt geschätzt. Diese Zahl wurde für die Einführung und dramatisch schnelle Umsetzung des AMNOG I & II benutzt, welche die Apotheken nun an den Rand ihrer wirtschaftlichen Leistungsgrenzen bringen [4]. Um diese Zahlen zu ermitteln, griff man nicht etwa auf die optimistischeren Daten aus dem Jahr 2009 zurück. Man wählte das Jahr 2008 als Datengrundlage – das Jahr mit der  größten Auswirkung der Wirtschaftskrise. Schon 2009 und auch 2010 zeichnete sich eine dramatische Erhohlung ab, und 2011 wurde von den kranken Kassen ein Überschuss Rücklagen von 11 Milliarden € eingefahren „erwirtschaftet“ gebildet, die 2012 letzthin auf fast 30 Milliarden € anwuchsen.

Und schon wieder ist mein Taschenrecher kaputt. Für das Jahr 2011 minus10 geschätzt, plus11 rausgekommen, mach bei mir eine Differenz von 21. Für die Jahre 2011 & 2012 minus20 geschätzt, plus30 rausgekommen, macht bei mir eine Differenz von 50. Die kranken Kassen haben sich bei der Prognose von 2 Jahre um 50 Milliarden € verschätzt! Und nur mal so zum Vergleich – der Verteidgungs-Etat Deutschland betrug 2011 44,2 Millarden US$.

Kommt jetzt die Politik daher und sagt: Entschuldigt, liebe Apotheker, Eure Arbeit ist gut, wichtig und total unterbezahlt. Lasst uns das zurückrechnen, denn wir haben Mist gebaut.? Nö. Werden die kranken Kassen politisch zurecht gewiesen? Nö. Wird auf Missstände bei den kranken Kassen politisch hingewiesen? Nö. Werden die kranken Kassen finanziell endlich mal überprüft, wie es Aufgabe des Staates und damit des BMF wäre? Nö. Wird gar die Bevölkerung durch unsere Politiker aufgeklärt, die genau dafür im Amt sind? Nö, warum? Ist doch nur Beitragsgeld der Versicherten…

Einige kranke Kassen zahlen Prämien an ihre Versicherten, und gleichzeitig wird sich künstlich darüber muckiert, wie geldgeil die Apotheken beim Notdienst sind [5].

Der Staatshaushalt der BRD betrug 2011 übrigens 305,8 Millarden € – die kranken Kassen haben also eine Rücklage in Höhe von ca. 1/10 des Bundeshaushalts.

Ich bin dafür, dass sich die kranken Kassen von ihren Rücklagen mal einen vernünftigen Taschenrechner für ihren jeweiligen Vorstandsvorsitzenden kaufen, denn die Vorstände sind so schlecht bezahlt, dass sie sich offensichtlich selber keinen leisten können, sonst würden sie solche Zahlenspiele verhindern oder zumindest korrigieren und sich anschließend bei ihren Versicherten, der Regierung und allen Beitragszahlern entschuldigen müssen.

—————————–
[1] Das wäre eigendlich eine Deflation. Das jetzt bitte nicht verwechseln mit einer Defloration.
[2] Da, wie oben dargelegt, zu diesem Zeitpunkt die Rücklage bereits knapp 27 Millarden € betrug, der Schätzerkreis aber offensichtlich 27 Milliarden € in der Zukunft sah, schätzte er den Zuwachs für diesen Zeitraum also mit 0 € ein.
[3] 1 Millarde € = 1.000.000.000,00 €. Probleme gibt es immer bei Übersetzung ins Englische, denn da wäre es dann One Billion Euro.
[4] Und einige Apotheken auch darüber hinaus, wie man an der rückläufigen Gesamtanzahl der deutschen Apotheken ablesen kann.
[5] Eine einzelne Krankenkasse hat angekündigt,  jedem bei ihr Beitragszahler (6 Millionen der 8,3 Millionen Versicherten) 80€ für das Jahr 2013 zurückzuzahlen. Das sind dann also 480 Millionen € allein bei dieser einen kranken Kasse. Aber den Notdienst der Apotheken (mit)zufinanzieren, für den insgesamt 220 120 Millionen € [Edit: Zahl korrikiert] eingeplant waren, stellt eine unzumutbare Belastung des kranken Kassensystems dar.

Advertisements

2 Gedanken zu „2 mal 3 macht 4…

  1. Hiermit der offizielle: Ich lese mit Kommentar ^^

    Ich fürchte aber mit einem Taschenrechner für die Herren in den chicken Anzügen ist es nicht getan. Zurück in die Grundschule und nochmal in den Matheunterricht und vielleicht noch einen Computerkurs dazu (oder den Hinweis, dass ein handelsüblicher, mit Microschrott Windoof ausgestatteter Rechner standartmäßig über einen Taschenrechner verfügt, den man sogar auf wissenschaftliches Rechnen umstellen kann, falls einfaches Plus und Minus für das Hübschrechnen der Umlagen nicht ausreicht.;) )

    Dazu wäre es dann vielleicht mal zu überlegen, ob man den guten alten Albert nicht nochmal zum Leben erweckt, oder klont, oder was auch immer, um nochmal die Zeittheorie zu überprüfen. Vielleicht haben wir seit Jahrhunderten falsch gedacht und die Zeit verläuft gar nicht linear oO Vielleicht langt da auch ein Anruf bei Prof. Hawking.

    Ich bin gespannt, wie da noch Ver… eh ich meine gerechnet wird. Bis dahin fange ich mal lieber an, meinen Doctores in der Umgebung klar zu machen, dass ich ab jetzt bitte bei ein paar Kassen einen Verbrauchszeitraum für Pennadeln und Okklusionpflaster auf den Rezepten brauch *g*

Knick hier Deine Gedanken (Mit Nutzung der Kommentarfunktion erklären Sie sich damit einverstanden, dass alle eingegebenen Daten und Ihre IP-Adresse nur zum Zweck der Spam-Vermeidung durch das Programm Akismet in den USA überprüft und gespeichert werden.):

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s