Bild – unreflektiert und gekürzt…

bloedDie Bild-Zeitung ist eine Datenquelle, der ich prinzipiell mit Vorsicht begegne – und auf deren Webseite ich mich gewöhnlich gar nicht blicken lassen. Nun hat mich Google tatsächlich dahin dirigiert, in dem es mir einen Header zu den „Wichtigsten Meldungen aus Medizin und Forschung“ [1] präsentierte:

Psychiatrie-Kongress: Zu viele Medikamente an ADHS-Kinder verschrieben
Kindern und Jugendlichen werden nach Ansicht von Fachärzten viel zu oft Medikamente gegen die Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung ADHS verschrieben. Nur etwa die Hälfte der Rezepte für diese Arzneien stammen von Psychiatern, der Rest von Kinder- und Hausärzten, sagte Jörg Fegert, ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Ulm auf dem viertägigen Jahreskongress der Gesellschaft der Kinder- und Jugendpsychiater in Rostock. Fegert verwies auf Arzneimittelberichte, die eine kontinuierliche Steigerung der Verschreibung von ADHS-Medikamenten zeigen. „Viele dieser Patienten haben das Medikament nur einmalig oder kurzzeitig genommen.“ Eine Interpretation der Untersuchungsergebnisse wäre, dass manche Ärzte nicht richtig diagnostizieren, meinte Fegert. „Sie verschreiben das Medikament, um zu sehen, bringt es etwas oder nicht – und dann wird es auch wieder weggelassen.“

Quelle: Bild.de

Ich habe keine Studien zur deutschlandweiten Verschreibungsmenge von Methylphenidat vorliegen, und kann daher nur aus meinen ganz persönlichen Erfahrungen berichten [2]. Diese sind auch kein reines Bauchgefühl, sondern unter anderem (für mich) via meiner BtM-Kartei oder auch meinen Abverkaufsstatisken verifizierbar. Was sagt nun mein „Bauchgefühl“ zu dieser Meldung?

  • Der verschriebene Menge Methylphenidat (Medikinet®, Ritalin®, etc.) lag Anfang des derzeitigten Jahrtausends wesentlich höher, ist ab ca. 2003 dramatisch eingebrochen und steigt seit ca. 2007 wieder leicht an, wobei noch längst nicht die Menge von Jahr 2000 erreicht wird.
  • Es gibt immer mehr Wirkstärken von Methylphenidat, auch als retardierte Produkte, die eine sinnvolle Dosierung für die Patienten dramatisch erleichtern.
  • Die meisten Verschreibungen erhallte ich von Fachärzten für Kinder- und Jugendpsychiatrie.
  • Kinderärzte „vor Ort“ verordnen verhältnismäßig wenig Methylphenidat, und dann meist als Folgeverordnung (weil die psychiatrische Praxis so weit weg liegt) oder in Urlaubsvertretung für die psychiatrische Praxis.
  • Ich kann mich an kein Rezept über Methylphenidat in den letzen 10 Jahren erinnern, welches von einem (Fach)Arzt für Allgemeinmedizin ausgestellt wurde.
  • Und nicht zuletzt die Überschrift betreffend: Werden ADHS-Patienten einfach nur zu viele Medikamente gegen ADHS verschrieben, oder insgesamt zu viele Medikamente – also Nasensprays, Antibiotika, schmerz- und fiebersenke Arzneimittel und wasweißichnichtalles? (Das klärt sich zwar im ersten Satz des Textes, macht die Headline aber wesentlich dramatischer und reisserischer.)

Dies muss natürlich nicht für das statistische Mittel Deutschland zutreffen, und es können viele lokale Effekte, die so eben nur bei mir zu finden sind, in meine Erfahrung hineinspielen.

Warum ärgern mich solche Artikel nun?
Selbst wenn ich davon ausgehe, dass alle Aussagen in dem (Kurz-)Artikel fachlich korrekt wiedergegeben sind, so dürfte der Artikel doch durch ein Weglassen unzähliger Fakten bestechen. Da ich selber bei dem Vortrag nicht dabei war, und Bild erstaunlicher Weise keinen ausführlicheren Bericht verlinkt hat, kann ich nur mutmaßen, was noch so alles zur Sprache gekommen ist, aber folgende Punkte wurden sicher nicht komplett unterschlagen:

  • Methylphenidat ist nicht die einzige Behandlungsstrategie bei ADHS. Nicht nur, dass es auch ein „nicht-BtM-pflichtiges“ zugelassenes verschreibungspflichtges Arzneimittel [3] gibt, es gibt auch eine Nahrungsergänzung(sstrategie) zur Unterstützung der Behandlung.
  • Mindestens eine Studie [4], die auch von der EU nicht so ohne weiteres entkräftet werden konnten,  weist auf einen Zusammenhang zwischen ADHS und Ernährung hin. So stehen bestimmte Lebensmittelzusatzstoffe (insbesondere Lebensmittelfarben) im Verdacht, die Sympthomatik zu verschlimmern.
  • Es existieren Projekte und Ansätze, ADHS-Patienten mittels eines sehr streng geregelten Lebens- und Tagesablauf zu unterstützen [5]. Auch wenn diese Ansätze sich im Alltag einer durchschnittlichen Familie sicher kaum umsetzen lassen werden, finde ich das Konzept interessant und untersuchenswert.
  • Selbst bei korrekter Diagnosestellung wird ein (einzelnes) Medikament nicht von allen Patienten gleich gut vertragen. Ein Wechsel unterscheidlicher Präparate zu Beginn der Therapie ist durchaus üblich, um das Optimum an Wirkung und Verträglichkeit zu erreichen.
  • Aus dem Zitat geht nicht hervor, ob intitiale Umstellungen der Dosierung und/oder der Arzneiform (retardiert vs. unretardiert) als „einmalige Verschreibung, die nichts bringt“ gewertet wird.
  • Und nicht zuletzt: Gibt es denn genug Kinder- und Jugendpsychater (mit Kassenzulassung)? Meines Wissens nach ist es nicht gar so einfach, einen Termin zu bekommen, wenn man in Kuhdorf oder Kleinstadt lebt. Die nächste Praxis ist dann oft in Mittelgroßstadt, und da muss man als werktätiges Elternteil erst mal hin kommen (können). Und Kinder- u. Jugendpsychiater klagen auch unter chronischer Überbelastung…

Aber Knick! Jedes Rezept bringt Dir viel Geld!
Ob viel oder wenig sei mal dahin gestellt, aber jedes BtM-Rezept kostet mich Geld. Das liegt nicht nur am zusätzlichen Arbeitsaufwand mit der Ein- und Austragungszeile der BtM-Kartei, das liegt auch daran, dass mich der Kauf des Medikaments zusätzliches Geld kostet, weil alle Großhändler sich den Lieferschein so vergüten lassen, dass ich selbst dann mit minus arbeite, wenn der Lieferschein voll ausgelastet (4 Positionen á jeweils 1 Packung) ist. Ökognomisch [6] macht das für mich keinen Sinn.


Ich will das Problem nicht klein reden,
aber mit solchen unreflektierten Berichten – wie sie leider für den „Qualitätsjournalismus“ der Bild typisch sind – erreicht man vor allem eines. Man verunsichert Eltern, die ihr Kind dann nicht angemessen diagnostizieren und behandeln lassen, was zum zusätzlichen Leiden der Betroffenen und aller Menschen in deren Umfeld führt. Und das ist weder ethisch, noch maralisch oder gar juristisch sinnvoll.

Kleiner Erfahrungs-Schwank [7]:
Mir wurde einmal folgende Aussage zugetragen (Zitat bearbeitet): „Ich kann so nicht mehr in der Schule arbeiten. Ab 11 Uhr geht es gar nicht mehr. Mutti, wir müssen dringend etwas an der Dosierung ändern!“ Was war passiert? Aufgrund des Wachstums hat die einmalige unretardierte Gabe einer (kleinen) Dosis Methylphenidat nicht mehr den gewünschten therapeutischen Effekt gezeigt. Der Leidensdruck des Patienten war so groß, dass er die Eltern ansprach. Eine zusammen mit dem behandelnden Arzt beschlossene Dosisanpassung auf eine retardierte und eine unretardierte Gabe über den Tag verteilt ermöglichte dem Patienten den weiteren erfolgreichen Schulbesuch. Für mich hörte sich dieser Bericht nicht wie ein „zur Ruhigstellung des Kindes mittels bewußtseinsverändernder Drogen“ an, wie es die „militanten Methylphenidat-Gegner“ immer propagieren. Aber das ist natürlich nur meine persönliche, unbedeutende und nicht aussagekräftige Meinung.

Fazit:
Ich betone ausdrücklich, vor Therapie einer Erkrankung (wie ADHS) steht immer eine fachlich sinnvolle Diagnose. Aber unreflektierte Panikmache vor „der chemischen Keule“, mit der „Kinder ruhig gestellt werden“, damit sie „keine Störung des Lebensumfelds“ sind, ist einfach nur traurig und zynisch gegenüber den wirklichen Betroffenen. Und genau dies erreicht Bild mit ihrem Artikel, der ihr wahrscheinlich viele Klicks generieren wird [8].

Dieser Artikel kann und will kein fundiertes Beratungsgespräch Mit Fachpersonal und keine sorgfältige Diagnose erstetzen.

———————————-
[1] Nein, ich werde Bild nicht verlinken. Ich will Bild keine zusätzlichen Klicks bescheren! Ich gebe das hier als Zitat wieder. Und ich weise ausdrücklich darauf hin, dass ich das Zitat in seiner Gesamtheit abbilden muss, um es sinnvoll reflektieren und diskutieren zu können.
[2] Eigene Erfahrungen sind immer eine schlechte wissenschaftliche Quelle. Aber Erfahrungsberichte sind der Punkt, an dem Wissenschaft ansetzt, um diese Erfahrungen zu betrachten, zu zerlegen, auszuwerten, und daraus Erkenntnis zu gewinnen.
[3] Mir ist bewußt, dass auch dieser Wirkstoff Risiken und Nebenwirkungen hat.
[4] Die Studie von McCann et al. (2007), die von der britischen Lebensmittelbehörde FSA (Food Standards Agency) in Auftrag gegeben wurde, umfasste 153 Kinder im Alter von 3 Jahren und 144 Kinder im Alter von 8-9 Jahren aus der allgemeinen Bevölkerung. Darunter befanden sich normal aktive und hyperaktive Kinder, jedoch keine Kinder, die wegen Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) medikamentös behandelt wurden. Die Studie ist in The Lancet veröffentlicht. Das Committee on Toxicology (Ausschuss für Toxikologie) des Vereinigten Königreichs beurteilte die Studie und gab eine umfangreiche Stellungnahme dazu ab.
[5] Ich vermeide bewußt das Wort „Therapie“.
[6] Ich habe mich nicht verschrieben. Die meisten Apotheken sind einfach nicht so groß.
[7] Ein „Fallbericht“ würde ganz anders aussehen, und den Rahmen dieses Artikels bei weitem sprengen. Außerdem bräuchte ich für eine so differenzierte Betrachtung Einblick in die Krankenakte – den ich natürlich nicht habe. (Hätte ich ihn ohne Wissen und Zustimmung des Patienten und diesem Fall auch der Erziehungsberechtigten, würde sich die behandelnde Arztpraxis des Verstoßes gegen das Datenschutzgesetz strafbar machen.)
[8] Insofern überdenke ich gerade meine (ablehnde) Haltung zum Leistungsschutzrechht. Wenn das LSR uns hilft, solche Artikel von der Bevölkerung fern zu halten, ist es vielleicht doch nicht so schlecht wie immer angenommen…

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8 Gedanken zu „Bild – unreflektiert und gekürzt…

  1. Es gibt seit einiger Zeit (2012?) die Vorgabe, dass der Haus-/Kinderarzt Methylphenidat nur noch verschreiben darf, wenn der Patient regelmässig (halbjährlich) einem Kinder- und Jugendpsychologen vorgestellt wird und dieser die weitere Verordnung befürwortet.

    • Das ist mir tatsächlich neu. Damit wäre aber sowohl dieser Anteil des Vortrags (war ja eine „Weiterbildungsveranstaltung“) als auch der gesamte Bild-Artikel hinfällig. Um so wichtiger, dass der Bevölkerung zu erklären, in dem solcherlei Berichterstattung erklärt und kommentiert wird.

  2. Ist da nicht wieder eine typische Bild-Ente im Gestrüpp versteckt?
    Im Artikel steht lediglich, dass die Verschreibungszahlen gestiegen sind.
    In diesen Zeitraum fällt aber unter Anderem auch die Zulassung für die Anwendung an Erwachsenen!
    Hier ist natürlich zu erwarten, dass mehr Rezepte via Kasse abgerechnet werden und zahlreiche Privatzettel (die ja nicht in Statistiken auftauchen) nicht mehr nötig waren.
    Auch das ‚Ausprobieren‘ wird durch so eine Zulassung wahrscheinlicher.

      • Ups, mea culpa.
        Klar, die BOpSt wird das erfassen können, auch wenn die KK davon nichts mitbekommen.

        Und hinsichtlich ‚explizit von Kindern reden‘: Klar, aber von Kindern reden und sich dann auf die Gesamtzahlen beziehen würde ich der Bild schon zutrauen.

        gruß

  3. Pingback: ADHS und die Bild-Zeitung – Kommentar eines Apothekers | Gesundheit 2.0

  4. Hallo Gedankenknicks,
    danke! Freue mich immer unglaublich über differenzierte Betrachtungen, die zudem die Realität der Betroffenen und ihrer Angehörigen nicht aus den Augen verlieren.
    Vielfältiges, eindimensionales Scheinwissen und Vorurteile der Umwelt gegenüber ADHS tragen meiner Ansicht nach ganz entscheidend dazu bei, dass sich bei Betroffenen die Symptomatik verschlechtert oder sich sogar komorbide (=begleitende) Störungen entwickeln können.
    Natürlich ist es auch persönlich schwierig für Eltern zu akzeptieren, dass ihr Kind möglicherweise anders ist und Hilfe benötigt. Ich habe jedoch immer wieder mit Eltern zu tun, die sich einfach nicht trauen ihr Kind einem Arzt, Psychologen oder Kinder und Jugendpsychiater vorzustellen, weil sie die Reaktionen der Umwelt für sich und ihr Kind fürchten. Das sind zum Teil existenzielle Ängste. So aber geht viel wertvolle Zeit verloren, denn unterbleibt eine frühzeitige Behandlung, verschlechtert sich die Lage in aller Regel.
    Die BILD ist mit Sicherheit eine Speerspitze der Informationsdeformation, aber leider nicht die einzige. Da hilft nur dranbleiben und immer, immer wieder kritisieren und richtigstellen.
    Freut mich hierbei nicht allein zu sein.
    Grüße

    • Willkommen auf meinem Blog! Genau wegen dieser „Informationsverwurstung“ habe ich ja den Artikel filetiert und durchgebraten. Es ist sehr schade, dass Betroffene und auch deren Angehörige immer wieder missverstanden in die „zu dumm sich ums Kind zu kümmern“-Ecke gestellt werden — und eine gewisse „alternative Szene“ Universallösungen verbreitet, und dabei von dem Problem so viel Ahnung hat wie der Papst von Kondomen. Ich hoffe, den Betroffenenumkreis auf diese meine Weise zumindest geringfügig zu unterstützen.

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