Fight-Night: Ärzte vs. Apotheker

Guten Abend, liebe Damen und Herren, geschätztes sportbegeistertes Publikum, werte Freunde des gepflegten „Sich-auf-die-Fresse-hauens“! Ich begrüße Sie alle zu einem weiteren spannenden Kampf! Heute in der blauuuuueeeen Ecke, der Titelverteidiger, unbesiegt und  schlagmächtig – die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KV), schwergewichtig als Vertreter aller baden-württembergischen Ärzte mit Kassenzulassung. Und hier in der rooooooten Ecke der Herausforderer, ein Meinungs-Mittelgewicht auf Landesebene – der LandesApothekerVerein Baden-Württemberg (LAV). Es geht im nichts geringeres als den „Siegesgürtel der gesetzlich korrekten Rezeptausstellung gemäß Arzneimittelverschreibungsverordnung“ [AMVV]. Als Ringrichter begrüßen wir Herrn Bahr aus dem Bundesministerium für Gesundheit und Herrn Dr. Rösler aus dem Bundesministerium für Wirtschaft. Oh, ich sehe gerade, dass beide eingenickt sind – der Tag war lang und arbeitsreich – also leise jubeln, liebe Zuschauer! Wir wollen die beiden lieber nicht wecken, ehe sie dieses spannende Duell abbrechen, bevor ein Kontrahent k.o.-geschlagen zu Boden geht! Auch möchte ich den Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen [gKV] im Publikum begrüßen, er lacht sicht schon jetzt schlapp, denn er als Buchmacher dieses Abends kann auf beide Kontrahenten wetten und dabei nur gewinnen. Aber was rede ich lange – Let´s get reeeaaaaady tooooo ruuuummmmbbbbbleeee! *Pling!*

Was will der Knick denn nun schon wieder?
Wie Apotheke-Adhoc berichtet, haben sich die KV und die gesetzlichen Krankenkassen (gKV) auf eine Form der Impfstoff-Verschreibung geeinigt, die (höchstwahrscheinlich) gegen die derzeit gültige AMVV verstößt. Dafür bekommen die Ärzte sogar – wenn auch nur ein klein wenig – extra Geld. Die Apotheken bekommen dann mehr zusätzliche Arbeit – für die sie natürlich mal wieder gar kein extra Geld bekommen – aber dafür gleich auch noch eine rechtliche Unsicherheit dazu, die sie, egal wie sie sich drehen oder wenden, aufs Null-Retax-Glatteis führt. Das wollen nun die Apotheken nicht mitmachen, und der LAV besteht nun auf geltendes Recht und korrekte Verordnungen, was wiederum die KV auf die Palme bringt, weil schließlich der Arzt bestimmen darf, was er wie verordnet, egal wie rechtlich unsicher das ist. Da die KV und der LAV nicht miteinander reden und gegenseitige schriftliche Kommunikation verlegen, ignorieren, schreddern oder was auch immer, spitzt sich die Situation zu.

Und wo liegt genau das Problem?
Die Ärzte sollen (und wollen?) Impfstoffe in Zukunft generisch verschreiben – also z.B. „Impfstoff gegen Tetanus“. Die Apotheke soll dann den Impfstoff suche, für den die Kasse Geld vom Hersteller zurück bekommt („Rabattartikel“). Nun sind Impfstoffe aber nicht (ohne weiteres)  austauschbar [1]. Beliefert der Apotheker nun ein solches Rezept, hat er gute Chancen, gegen die AMVV zu verstoßen, da die Verordnung uneindeutig ist – und uneindeutige Verordnungen schlicht ohne Klärung mit dem verschreibenden Arzt nicht beliefert werden dürfen. Die KV – im Namen der Ärzte – weigert sich aber, eine namentliche Verordnung zuzulassen. Eine Belieferung einer uneindeutigen Verordnung ist aber weit mehr als ein „Formfehler“, welcher verschiedenen kranken Kassen für eine Null-Retaxation locker ausreicht – es könnte ein so schwerer Verstoß gegen die AMVV sein, dass sich die Haftpflichtversicherung der beliefernden Apotheke im Zweifelsfall aufgrund „Mutwilligkeit“ einfach aus dem Versicherungsschutz verabschiedet. Die KV argumentiert nun, dass die Ärzte gar nicht wissen können, welcher Impfstoff gerade bei welcher kranken Kasse rabattiert wäre [2].

Was hat denn nun die KV (im Namen der Ärzte) davon?
Der Zusatzaufwand der generische Verschreibung der Impfstoffe wird mit 6% Zusatzvergütung der Arztleistung durch die gKV belohnt. Also: Der Arzt hat weniger Mühe, eine Verordnung zu tätigen – denn er muss nicht erst mühevoll ein Produkt aus der Datenbank suchen, sondern schreibt einfach Textbaustein A und Indikation B hintereinander – und bekommt für diese „zusätzliche“ Arbeit eine bessere Vergütung. Prima. Ich gönne es den Ärzten. Und ich möchte so etwas auch mal haben…

Was hat denn nun die gKV (also die kranken Kassen) davon?
Mehreres. Zuerst bekommt die kranke Kasse bei Abgabe des Rabatt-Impfstoffes von dessen Hersteller Geld zurück. Die genauen Beträge waren, sind und bleiben auch in Zukuft geheim – aber es wird wohl mehr sein als die 6% Zusatzvergütung für die Ärzte, denn sonst würde die gKV diesen Aufwand gar nicht betreiben. Aber wenn man das Ganze genauer betrachtet, kann die gKV im Zweifelsfall jeden durch die Apotheke belieferten Impfstoff wegen „Formfehlers“ – oder halt wegen groben Verstoßes gegen die AMVV – auf 0,00€ retaxieren, denn die Apotheke hat eindeutig ein Rezept beliefert, welches gegen die AMVV verstoßend ausgestellt wurde.

Damit ergäbe sich folgenden finanziellen Ablauf:

  • Apotheke bezahlt Impfstoff im Einkauf.
  • Apotheke gibt Impfstoff ab, bezahlt MwSt. an den Staat, stellt der kranken Kasse eine Rechnung über Impfstoff aus. (Auch dazu dient das ärztliche Rezept.)
  • Kranke Kasse bezahlt Apotheke (abzüglich Apothekenrabatt und Herstellerrabatt) und bezahlt Arztpraxis für erbrachte Leistung (zuzüglich 6% „generische-Verschreibungs“-Bonus).
  • Kranke Kasse bekommt Rabatt-Impfstoff-Vergütung vom Hersteller.
  • Kranke Kasse retaxiert Apotheke um den gesamten Rechnungsbetrag (abzüglich bereits einbehaltenen Apotheken- und Herstellerrabatts) aufgrund „Formfehler“ oder „Verstoß gegen AMVV“. Apotheke bleibt auf Einkaufspreis und bereits abgeführter MwSt. sitzen.

Somit hat die kranke Kasse ihren Versicherten nicht nur umsonst versorgt, sie hat dabei sogar noch „Gewinn“ eingefahren. Was kann man sich als kapitalistisches Wirtschaftsunternehmen Körperschaft des öffentlichen Rechts mehr wünschen? Zumal man bei dem ausstehenden Kampf um die rechtskonforme Belieferung einfach daneben sitzen, zuschauen und Popcorn essen kann.

Gäbe es nicht eine ganz einfache Lösung?
Klar gibt es die – die Zusammenarbeit zwischen Arztpraxis und Apotheke – mit (z.B. telefonischer) Absprache. Der Arzt ruft mal in der Apotheke an, welcher Impfstoffe für welche Kasse (verschlüsselt über die Kassen-Identifikationsnummer auf dem Rezept) geade rabattiert ist. Die Apotheke sagt das durch. Der Arzt verschreibt den Impfstoff und verdonnert den Patienten, das Rezept bis zum nächsten Monats-14. bzw Monatsletzen in der Apotheke einzulösen. Alles wäre geritzt. [3]

Und warum wird das nicht so umgesetzt?
Weil ganz wichtige Entscheidungsträger und Bürokraten, die von der Basis, der Patientenversorgung und den rechtlichen Verwicklungen keine Ahnung haben nichts wissen wollen, dann in ihren Bürokratie-Elfenbeintürmen nicht mehr so intensiv gebraucht werden würden.

Müsste denn da der Staat nicht eingreifen? Der hat doch eine  Verpflichtung gegenüber der Gesundheit seiner Bürger!
Klar müsste der Staat einschreiten. Er könnte es auch ganz einfach, denn die gKV steht sowohl unter der Aufsicht des BMWi als auch des BMG. Herr Dr. Rösler oder Herr Bahr bräuchten also nur ein einziges Mal mit der Faust auf den Tisch hauen, und gut wärs. Dann müsste die gKV sowohl der KV als auch dem LAV gegenüber rechtssicher (schriftlich) erklären, was nun genau los ist, wie es umgesetzt wird, und warum es so und nicht anders rechtssicher für alle Beteiligten ist. Also jeder Beteiligte wüßte, was Phase ist, und könnte sich auch darauf verlassen. Machen unsere Politiker aber dummer Weise nicht – zu groß ist die Gefahr, die mächtigen kranken Kassen zu verärgern. [4]

Ich hoffe, dass sich das Problem rechtlich noch sicher klären lässt, und zwar so bald, dass die Versicherten und Patienten wegen der Fehler irgendwelcher Bürokraten nicht mangelversorgt werden. Leider zeichnet es sich – mal wieder – anders ab…

Hier gehts zur Runde 2…

————————–
[1] Z.B. ist die Verträglichkeit verschiedener Impfstoffe aufgrund unterscheidlicher Herstellungsverfahren nicht gleich. Die Impfstoffe sind zum Teil für unterschiedliche Altersgruppen zugelassen. Und die Impfstoffhersteller verwenden unterschiedliche Konservierungsmittel. Der Probleme gibt es aber noch mehr…
[2] Nicht nur, dass ich das schon seit 2007 erzähle – eigentlich sind die Ärtze seit Juli 2012 verpflichtet, die Rabattarzneimittel für die jeweilige Kasse passend auf das Rezept zu nieten. Das können die Ärzte aber gar nicht, weil sie dann dramatisch viel Geld in ihre Praxis-Software investieren und diese alle 15 Tage updaten müssten – genau wie die Apotheken. Dies ist vielen Arztpraxen aber finanziell und organisatorisch derzeit kaum möglich. (De facto hängen selbst die aktuellsten Updates der Praxissoftware der Lauer-Taxe-Datenbank meist um mehrere Monate im Datenstand hinterher.)
[3] Fair wäre natürlich, wenn die Apotheke für diesen Arbeitsaufwand auch eine klitzewinzige Zusatzvergütung bekommen würde – aber das sind wohl meine Träumereien…
[4] Und da könnte dann ein Aufsichtsratsposten, in dem Abwesenheit und Eier schaukeln höchstbezahlt schwerste Aufsichtsratsarbeit zu einem Hungerlohn geleistet werden muss, gar an einen anderen (Ex-)Vertreter der politischen Zunft vergeben werden, welcher vorher nicht so unangenehm aufgefallen ist viel härter für die gerechte und allumfassende Versorgung der Patienten im Sinne der kranken Kassen gekämpft hat.

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15 Gedanken zu „Fight-Night: Ärzte vs. Apotheker

  1. Ich lese da wieder heraus: Die Krankenkasse bestimmt, welches Medikament der Kunde bekommt – das sind (Verzeihung) Bürohengste und Laien, was Medizin angeht – trotzdem dürfen die das?!? Finde ich immer noch unglaublich.
    Ausserdem: es gäbe noch eine Variante: Der Arzt besorgt sich ein Programm, das ihm auch (wie die in der Apotheke) die nach Rabattvertrag der Versicherung „richtigen“ Medikamente anzeigt. … warum sollte nur die Apotheke das haben und dafür zahlen?

    • Ja, die dürfen das. Ist im SGB V (sprich „Sozialgesetzbuch 5) geregelt. Traurig, aber wahr.

      Und zu dem anderen Punkt siehe Fußnote [2]. Da ist das schon ge- und erklärt. Hinzu kommt, dass sowieso nur die Apotheken für die Nichtbeachtung der Rabattverträge (und anderer Rezeptausstellungsfehler) in Haftung genommen werden. Letzthin kann es der Arztpraxis also („bestrafungs“technisch) ganz egal sein, was und wie sie verordnet – den Schaden hat nur die Apotheke…

      • Also wenn Du zwischenzeitlich Nachhilfe bei Basadai hattest, betrachte ich das als regelwidrige Weiterbildungsmaßnahme. Es wären natürlich nur die Waffen der jeweiligen Berufsgattung gestattet – z.B. auf Seiten des Arztes chirurgisches Werkzeug – und auf Seiten des Apothekers Wirkstoffe mit interessanten pharmakologischen Nebeneffekten… 😀

  2. Das schreit nach einer Verfassungsklage.
    Und irgendwie auch… aber hab ich das richtig gelesen: Krankenkassen sind Körperschaften öffentlichen Rechts???!!!??? (scnr für den Zeichenhaufen)

    • Aber klar sind kranke Kassen das. (Einfach mal ins Impressung von ein paar BKKs und IKKs schauen, da stehts bunt auf bunt… De facto habe ich da selbst nochmal nachgeschaut, damit ich das richtig schreibe 😀 )
      …weswegen die kranken Kassen ja per Definition Recht haben, und dieses auch (fast) immer vom Bundessozialgericht bestätigt bekommen… (siehe z.B. auch den MwSt.-Skandal in Zusammenhang mit dem BMF, der offensichtlich keiner ist).

  3. Witzig ist ja auch die Tatsache, dass die KV an einem Tag eine Umfrage unter den Apotheken gestartet hat, ob die generische Verordung für die Apotheke in Ordnung wären, und am nächsten Tag gleich ein Mail des LAV kam mit der Bitte sich nicht zur Umfrage zu äußern. Oh wie ich das liebe.
    Glückwunsch übrigens zum Start des Blogs. Finde ich sehr lesenswert! Trotz Schreibfehler…

    • Darauf bin ich mit Absicht noch nicht eingegangen, da ja die „Kampfhandlungen“ – und damit auch diese ominöse Liste – erst einmal ausgesetzt wurden.

      Jaja, meine Schreibfehler. Die sind mein Markenzeichen, wenn ich nicht freiwillig…

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