Tüten gibts doch sonst geschenkt…

NixTueteUnd es begab sich zu einer nachmittäglichen Zeit, als die Frühlingssonne kräftiger schien, die Welt sich erwärmte, Blumen ihre in allen Farben erstrahlenden Blüten lasziv wild herumtollenden Insekten entgegenreckten, und die restliche Fauna allenthalben ihren Bewegungsdrang und Lichthunger auslebte, dass eine größere Gruppe jugendlichen Weibsvolks, geschätzt vielleicht 10 oder 12 Pubertärinnen, sich vor der Apotheke versammelte und lachend und kichernd immer wieder einzelne ausgewählte Individuen mittels Einsatzes einer vielzahl kräftiger Arme Richtung Eingangstür ausspie, nur damit diese Einzelpersonen erst kreischend und dann heiter aber mit viel gegacker und gezeter wieder in der Gruppe abtauchen konnten. Eine Weile sah ich dem bunten Treiben zu [1], bis dann doch mein Mitleid mit der Automatiktür, die schon vor lauter auf und zu weder ein noch aus wußte, obsiegte, und ich also gen Volksauflauf schlenderte um zu schauen, ob und wenn ja wie ich diesem ausgelassenem Hort jugendlicher Versammlungsfreiheit meine Unterstützung antragen könne.

Ich postierte mich also hinter der Tür, und als diese sich das nächste mal wie von Zauberhand und ganz von allein öffnete, meinte ich: Moin Mädels, kann ich euch helfen?
Ja, ihr hier!, klang es aus der Menge, und wieder wurde ein – in diesem Augenblick nicht sehr glücklich wirkendes – Individuum aus der wogenden Masse über den Ereignishorizont des Gruppenschutzes hinausgeschoben. Nee, mir doch nicht!, sprach jedoch dieses Einzelwesen, während ihr Kopf plötzlich ein gar nicht zum gesunden rosa des restlichen Körpers passendes, tiefdunkles und sehr knalliges rot annahm [2], und sie erfolglos versuchte, sich meiner Aufmerksamkeit zu entwinden.
Komm doch einfach mit rein, forderte ich lächelnd eben jenes verschüchterte Wesen auf, dann stehen wir hier nicht so nutzlos mitten in der Gegend. Und Du und Du – ich zeigte auf die beiden Gefährtinnen des armen Opfers, welche sich durch besonders kraftvollen Armeinsatz ausgezeichnet hatten, Ihr beide kommt mit, als Begleitschutz für eure Freundin!
Ein kräftiges Jubilieren der Restmeute ließ vermuten, dass der Gang der Ereignisse für die beiden Auserwählten eine nicht ganz vorhergesehene Wendung genommen hatte. Doch – mitgefangen, mitgehangen – fügten sich alle ihrem Schicksal.

Mädels, was soll ich euch denn antun, dass man deswegen so rot anlaufen muss?, versuchte ich das Gespäch ein wenig locker anzugehen, nachdem die Automatiktür geschlossener Weise die Meute aus- und unsere Kommunikation eingesperrt hatte.
Naja, wir wollten was fragen…
Klar, kein Problem, deswegen bin ich ja hier.
Na wir sollen da was besorgen…
Gebt ihr mir einen Hinweis, wofür es sein soll?
Für den Unterricht. Biologie…
Könnt ihr mir das ein klein wenig präzisieren?, versuchte ich dem sich hinziehende Gespräch eine neue Richtung zu geben. Vom Einmalskalpell bis zum Forschungsmikroskop ließe sich ja einiges machen, letzteres vermutete ich aber über den Budget der Hilfesuchenden.
Naja……, versuchte die jetzt nicht mehr ganz krebsrote anzusetzen, als es hinter ihr verlautete: Wir brauchen Kondome. Für den Bio-Unterricht. Ach so, in diese Richtung blähte sich also der Windsack. Kein Wunder, dass sich so viele Freiwillige auf einmal für dieses Pubertäts-Suizid-Kommando gemeldet hatten. Jede eines., wurde hoffnungsvoll hinzugefügt.
Dreht Euch mal um, Mädels. Hinter Euch steht ein Regal, und da haben wir unterscheidliche Sachen. Aber die Latex-freien finde ich ja für Schulunterricht zu teuer, ehrlich gesagt. Verblüffte Blicke folgten erst meiner Richtungsangabe und kamen dann zurück zu meinem Gesicht.
Ja, neee. Wir wollten die so haben.
So?
Na so eben. Geschenkt halt.
Geschenkt? Och Mädels, so teuer sind die wirklich nicht.
Aber wir haben doch gar kein Geld!, sprach die Dritte, die vorher den Gespächsverlauf hauptsächlich mittels ihrer Handy-Tastatur protokolliert hatte – oder vielleicht einfach nur die ganze Zeit SMS schrieb.

Ja, viele Jahre vorher hatten wir tatsächlich einmal zu einem Einkauf bei einem namhaften Latex verarbeitenden Betrieb einen Satz Warenproben, hübsch einzeln verpackt in Alu und Faltpappe, dazu bekommen. Und die wurden im Einzelfall genau für solche Probleme rausgegeben. Aber dann waren alle wegverschenkt, und neue kamen von Herstellerseite nicht nach, also wurde die Aktion eingestellt. Und seit dem war es auch ruhig geblieben an dieser Front.
Tut mir leid. Ich kann Euch nur schenken, was ich vom Hersteller zum Verschenken bekomme. Und so teuer sind die doch nicht. Überlegt doch mal – eine 10er Packung kostet 6,50€, das sind 65 Cent für jede. Eine Kugel Eis ist auch kaum billiger. Legt zusammen, und schon seit ihr alle glücklich.
Können wir die nicht doch einfach so bekommen?, fragte die Zweite, und versuchte,  mittels aufreizendem Wimpernaufschlag meine Hormone über mein Ökonomieempfinden siegen zu lassen.
Nein. Mädels, tut mir leid. Erklärt das Problem euren Eltern. Legt zusammen. Oder fragt mal beim Gesundheitsamt. Die haben ein Budget für Unterricht über Verhütung und Geschlechtskrankheiten  [3]. Beim letzten Wort wurde Bittstellerin Nr. 1 erneut rot bis an die Haarwurzeln. Irgendwie tat sie mir ja leid, so hatte ich das ja gar nicht rüberbringen wollen. Und ich fühlte mich an mich selbst erinnert, denn mit spontanem, ungewolltem und völlig übertriebenem Erröten hatte ich in jenem Alter auch so meine Schwierigkeiten gehabt.
Wirklich gar nichts zu machen?, versuchte es Miss Augenaufschlag nochmal. In mir reifte der Verdacht, dass sie das zu Hause sehr erfolgreich immer wieder an Papa trainierte.
Nein. Nichts zu machen.
Und was sagen wir nun der Biolehrerin?, versuchte die nun wieder etwas Entrötete, das Problem doch noch auf mich auszulagern.
Hmmm… wie wärs, wenn ihr erklärt, dass ihr des Gesuntheitsamt nicht gefunden habt. Wisst ihr, das liegt hier die Straße runter, vor der Tanke links und dann wieder rechts. Und schon seit ihr da. Ist wirklich nicht schwer zu finden.
Aber Tüten gibs hier doch sonst auch immer geschenkt!, mischte sich die Handy-Akrobatin nochmals überraschend schlagfertig ins verebbende Gespräch.
Klar. Meistens für denjenigen, der vorher was kaufte, was ich dann am Ende eintüten kann…
Ach menno!, war der einhellige, wenig Begeisterung ausdrückende Kommentar.
Genießt das Wetter, Mädels. Und viel Spaß bei Bio.
Die drei schlenderten durch die Tür nach draußen, wo sie zwar erst mit großen Hallo begrüßt wurden – immerhin der Höhle des Löwen unverletzt entronnen – sich aber nach erstem Lagebericht die Betroffenheit über mein hartes Herz in weiteren Gesichtern und Brustkörben Platz verschaffte. Blicke wurden mir zugeworfen, und dann zog die Meute weiter.

Eine ältere Damen trat zu mir und reichte mir ein Rezept. Nachdem ich alle Produkte zusammengefunden und alle notwenigen Informationen hinzugereicht hatte, fragte ich: Möchten Sie eine Tüte dazu?
Gerne. Und was wollten die netten jungen Damen eigentlich von Ihnen?
Die wollten auch Tüten. Aber ohne was drin…
Na ein wenig merkwürdig sind die jungen Leute heutzutage schon, nicht wahr?
Wem sagen Sie das, wem sagen sie das. Einen schönen Tag wünsche ich noch.

—————————————
[1] Bunt waren vor allem die Bekleidungsgegenstände zwischen Hals und unterem Brustansatz sowie zwischen Hüfte und Knie. Die restlichen sichtbaren Flächen waren wegen noch mangelnder UV-Stärke der Frühlingssonne größtenteils in ein zart blasses aber gesundes rosa getaucht.
[2] Es ist bemerkenswert, wie viele Farben ein durchschnittlicher Mitteleuropäer so annehmen kann, und was diese Farben dann aussagen. Auch wenn krebs-rot meist kein allzu dramatisches Gefahrensignal – von akuten Verbrennungen abgesehen – darstellt, lassen Schattierungen wie gift-grün, kalk-weiß oder auch ersatzflüssigkeits-blau meist auf ungesundere Körperzustände schließen.
[3] Das Gesundheitsamt hat (bzw. hatte damals) tatsächlich ein Budget dafür. Ich selbst hatte kurz vor der hier wiedergegebenen Szene  ein Femidom ganz dringend innerhalb von 4 Stunden besorgt – und da keiner meiner Großhändler eines vorrätig hatte, habe ich ratz fatz eines in der örtlichen, nach dem winterlichen Himmelsjägersternbild benannten Einkaufskette organisiert – um es dann mit kostendeckendem Aufpreis an das Amt weiterzuverkaufen und zu liefern. Die Endsumme war vorher von mir angekündigt und für ökonomisch hinreichend bewertet worden.

Advertisements

9 Gedanken zu „Tüten gibts doch sonst geschenkt…

  1. Sag mal: gibt’s bei Euch noch Femidom?
    Ich durfte letztens feststellen, dass die bei uns nicht mehr im Handel sind.
    Und – um beim Thema zu bleiben – *das* waren auch Plastiktüten. Die raschelten sogar.

    • Ich kann grad nicht nachschauen, aber ich vermute mal „ja“. Amazon hat noch mehrere Sorten lieferfähig. Ich selber verkauuf die eigentlich nie wegen mangelnder Nachfrage. Und in dr Hand habe ich selbst ausgepackt auch noch keines gehabt…

  2. Normalerweise macht doch die BZGA jährliche Touren durch die Schulen und verteilt dabei auch Lümmeltüten (und das reichlich)? Das mit Bio zu kombinieren bzw den Auftritt der BZGA entsprechend einzutakten (oder einfach mal paar für den Unterricht sicherzustellen) sollte nicht das Problem sein.
    Ansonsten kann man auch zur richtigen Partei gehen (CxU ist da aber eher schlecht) und nach Werbegeschenken betteln (ja, die haben welche mit Parteilogo, teilweise sogar in Parteifarben;-) ).
    Ansonsten: in der Apotheke würde ich auch keine kaufen, im Baumarkt um die Ecke sind sie billiger.

Knick hier Deine Gedanken (Mit Nutzung der Kommentarfunktion erklären Sie sich damit einverstanden, dass alle eingegebenen Daten und Ihre IP-Adresse nur zum Zweck der Spam-Vermeidung durch das Programm Akismet in den USA überprüft und gespeichert werden.):

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s