Gleich, gleicher, am….

…schwachsinnigsten! Als der Gedankenknick noch zur Schule ging, führte ihn seine Deutschlehrerin gern mal an der Nase herum. So sollte er z.B. mal einige Adjektive an der Tafel steigern – hell [heller, am hellsten], müde [müder, am müdestens], feucht [feuchter, am feuchtesten] und auch schwanger [schwangerer, am schwangers…. Ne! Wie soll denn eine Schwangere noch schwangerer werden? Auch die Biolehrerin hatte dazu keine passende Antwort]. Die Lacher waren auf Seiten der Lehrerin, und der gedanklich geknickte schlich gedemütigt auf seinen Platz, hatte aber gelernt, dass es in der deutschen Sprache Absolutadjektive gibt, die sich einfach nicht sinnvoll verstärken lassen. Schwanger, fünfeckig und tot lassen sich nicht steigern, und gleich eben auch nicht. Aber zum Glück haben wir eine schlaue Bundesregierung, und die kennt den Hyperlativ, der – wenn auch regelwidrig – ein nicht steigerbares Adjektiv locker steigern kann. Und damit verstößt unsere Regierung nicht nur gegen die Regeln der deutschen Sprache, sondern auch gegen selbst verabschiedete Gesetze. Toll!

Zum 01.07.2012 trat die letzte Änderung der Apothekenbetriebsordnung (ApBetrO) in Kraft. Dieses Gesetz regelt, was eine Apotheke zu machen hat, was sie bleiben zu lassen hat, und vieles um den ganzen Apothekenalltag. Die letzte Änderung brachte einen haufen Ärger für die niedergelassene Apotheke mit sich, der sich in einer wahnsinnigen Menge Brürokratie niederschlägt [1], und damit sind viele Apotheken alles andere als glücklich [2].

Aber eine wirklich bemerkswerte Änderung gab es in er ApBetrO. Es wurde gesetzlich verankert, dass die Apotheken eine Pflicht zur Beratung bei Abgabe von Arzneimitteln haben – also in geeigneter Art und Weise der Beratungsbedarf des Kunden aktiv ermittelt werden muss. Dabei geht es um keine bestimmte Apotheke, sonder um die Apotheke – also jenes Konstrukt, auf welches sich die Erlaubnis zum „Betrieb einer Apotheke“, die der Apothekenleiter vor Eröffnung eben jener beantragen und erhalten muss, bezieht. (Des weiteren wurde schon in die alte ApBetrO hineininterpretiert, dass die Arzneimittelberatung in der Apotheke für den Beratungsbedürftigen kostenlos zu erfolgen hat. Dagegen verstoßen immer noch einige Versandapotheken, die zur Beratung [immer noch] eine kostenpflichtige Telefon-Hotline anbieten.)

Nun erfasst die ApBetrO sowohl die niedergelassenen Apotheken als auch die Versandapotheken gleichermaßen. Und vor dem Gesetz sind alle gleich [3]. Dachte ich zumindest.

DIe Versandapotheken dürften zugegebenermaßen wirklich Schwierigkeiten haben, einen Kunden / Patienten aktiv zur Beratung zu zwingen. Das sollte aber kein Problem sein, steht ja alles im Gesetz, fest, schlüssig und sicher. Das hat auch das BMG erkannt und sofort klargestellt, das Versandapotheken nur dann beraten müssen, wenn der Kunde dies selbst nachfragt. Aber es kommt noch besser, denn die Arzneimittelexperten der Bundesländer kommen in ihren Fragen und Antworten zur ApBetrO zwar nicht zu dem Schluss, dass es im Gesetz unterschiedliche Anforderungen gibt – lassen aber trotzdem bei Versandapotheken die Beratung auf Kundenwunsch zu. Wie geil ist das denn?

Da ich juristisch nicht das schärfste Messer in der Schublade bin, versuche ich das nochmals mit eigenen Worten wiederzugeben.

  1. Versandapotheken und Vor-Ort-Apotheken gelten als sind vor dem Gesetz gleich.
  2. Vor-Ort-Apotheken müssen aktiv den Beratungsbedarf des Kunden hinterfragen, auch wenn der Kunde das gar nicht will.
  3. Versandapotheken müssen zwar auch aktiv den Beratungsbedarf hinterfragen, brauchen das aber dann doch nicht, weil es ja so schwer ist, einen Kunden, der nicht da ist, etwas zu fragen. Es reicht, wenn die Versandapotheke passiv auf den Beratungswunsch den Kunden wartet.

Gleich sein ist was großartiges, oder? Aber es wird noch viel gleicher! [4]

Das BMG hat zusätzlich noch festgestellt, dass an Versandapotheken keine „überzogene und letztlich nicht erfüllbare Anforderungen“ gestellt werden dürften, damit „nicht die grundsätzliche Zulassung des Versandhandels in Frage“ gestell wird.

Wow. Ich erlaube mir mal, den Umkehrschluss zu wagen und diesen Satz invertiert niederzuschreiben:

Das BMG hat festgestellt, dass an Vor-Ort-Apotheken überzogene und letztlich nicht erfüllbare Anforderungen gestellt werden dürfen, damit die gründsätzliche Zulassung der Vor-Ort-Apotheke in Frage gestellt werden kann.

Liest sich plötzlich ganz anders, oder? Ist aber an sich genau dieselbe Aussage, nur eben umgedreht [5]. Erstaunlicher Weise passt diese Aussage ganz hervorragend zur „Agenda 15.000“ (15.000 Apotheken für Deutschland haben zu reichen – dazumaliger O-Ton von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt), und der ständigen Protegierung von Versandapotheken in Hinblick auf Gesetzesübertretungen und Bezahlungsmodalitäten durch die Bundesregierung und die kranken Kassen überhaupt.

Auch die Bundesregierung hat bei dieser Aussage erkannt, dass die Uminterpretation eines einfachen Hauptsatzes reichlich rechtliches Konflicktpotenzial birgt. Deswegen wurde gleich noch hinzugefügt, dass man halt per Dekret ändern wird, was einem gerade im Gesetz nicht passt – und gut ist es. Doppeltoll.

Wird da nicht immer gesagt, irgenteine Partei mache „Klientelpolitik für die niedergelassene Apotheke“? Diese Partei suche ich seit 10 Jahren. Wer sie kennt möge sie mir bitte in den Kommentaren mitteilen!

Bin ich eigentlich der Einzige, der findet, dass diese Auslegung der ApoBetrO am allergleichesten für alle Betroffenen ist?

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[1] Und alles, was an Zeit für die Bürokratiebewältigung verschwendet wird, fehlt an Beratungszeit für den und am Patienten.
[2] Übrigens – und wie nicht anders zu erwarten – resultiert aus mehr Arbeit (für mehr Bürokratie) natürlich keinesfalls ein mehr an Vergütung. Nein, das ist alles schon mitbezahlt.
[3] Es sei denn, in dem Gesetz sind bereits Ausnahmen definiert.
[4] Hey, der Hyperlativ ist ganz einfach zu lernen. Warum hat mir das meine Deutschlehrerin damals nicht beigebracht?
[5] Mein Mathelehrer hingegen hat mir beigebracht, dass „die Umkehrung eines (mathematischen) Satzes immer erst neu bewiesen werden müsse“. Aber es handelt sich ja hierbei nicht um Mathematik, sondern um die Auslegung von Gesetzen durch ein Ministerium, welches juristisch so gebildet sein dürfte wie meine Katze Pharmakologie beherrscht.

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8 Gedanken zu „Gleich, gleicher, am….

  1. Bei den Versandapotheken liegt glaube ich oft ein Infozettel bei – vielleicht solltet ihr mal fragen, ob ihr als niedergelassene Apotheke dem Kunden auch einfach einen Zettel in die Hand drücken dürft…? 😉

  2. Aaaahhh, jetzt ist mir auch plötzlich klar, warum seit einiger Zeit in meiner Stammapotheke vor Ort sämtliche Angestellte zum dem gleichen Vortrag ansetzen, wenn ich mir meine Triptane (=Migränemedikament für die Nichtgeplagten bzw. Nichtausgebildeten) abhole. Den ersten Satz kann ich schon mitsprechen, dann breche ich den Vortrag immer mit einem freundlichen „Danke, bin Langzeitpatient“ ab. Hatte mich schon gewundert, vorher hat da nie jemand was zu gesagt. Okay, früher gab es die ja auch nur auf Rezept.
    Wie sieht es denn mit Medikamenten auf Rezept aus, muss da nicht eher der Arzt beraten? Oder beide? Oder mittlerweile „nur“ noch der Apotheker?

    • Eigentlich müssen Arzt und Apotheker beraten. Beide sind dazu verpflichtet. Der Arzt kann sich (theorethisch) darauf zurückziehen, dass er die Beratung ja schon einmal (dokumentiert in der Patientenakte) durchgeführt hat. Das darf die Apotheke nicht mehr, weil sie gefälligst bei jeder Arzneimittelabgabe aktiv den Beratungsbedarf zu hinterfragen hat. Naja, auch das ist leidlich relativ. Aber auch da gibs Geschichten, wo z.B. ein seit 10 Jahren auf Levothyroxin eingestellter Patient sich beschwert, dass er Abends nie zur Ruhe kommt, und auf die Feststellung, dass man die Tablette bitte 30 Minuten VOR den Frühstück nehmen solle, meint: „Also DAS hat mir ja NOCH NIE jemand gesagt!“ (Also DIESE Aussage glaube ich einfach nicht – ich denke einfach, er hat seit 10 Jahren nicht richtig zugehört..)

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