Gut gefälscht ist nicht so schlimm! – V2.0

Fälschung2Wie ich bereits hier und hier berichtete, haben wir in Deutschland bei Omeprazol ein gewisses Sicherheitsrisiko Fälschungsproblem Informationsskandälchen Versorgungsdilemma. Wie Apotheke-Adhoc vermeldet, hat es nun die nächste Firma erwischt – Hexal – der nach eigenen Angaben größte deutsche Generika-Konzern, und ein Tochterunternehmen der schweizer Novartis. [Explizit dreht es sich um das Produkt „Omep 40mg Kapseln 100 St.] Einiges finde ich besser gelaufen als bei Ratiopharm, anderes gibt an diesem Fall um so mehr zu denken…

Was finde ich besser gelaufen?
Definitiv besser gelaufen ist, dass Hexal nicht erst monat(e)lang rumgeeiert hat, wie es Ratiopharm vormachte, und Nebelkerzen gleich 12 Stück aufs Dutzend warf. Immerhin wird das Kind beim Namen genannt. Das ist ein Anfang.

Was finde ich (immer noch und schon wieder) schlecht gelaufen?
Einige Punkte weisen eine erstaunliche Übereinstimmung mit den Ratiopharm-Fällen auf. Da wären für mich:

  • Es wurde (offensichtlich) das Problem nicht sofort gemeldet. Mehr als 2 Wochen Zeit für so eine Untersuchung – können sich Weltkonzerne wie Ratopharm und Hexal ihrer Qualitätssicherung keine Geräte wie einen Gaschromatographen mit Massenspektrometer (qualitative Analyse) und eine HPLC-Anlage mit kombinierter UV-VIS-IR-und-Widerstandsdetektion (quantiitative Analyse) leisten? Beide Systeme lassen sich heutzutage automatisch beschicken und schaffen eine Vielzahl von Proben am Tag; und dank der automatischen Bestückung laufen die Systeme auch ohne Aufsicht die gesamte Nacht durch.
  • Es wurde seit 2 Wochen mit den Behörden über ein Vorgehen kommuniziert. Bitte? Seit 2 Wochen ist das Problem bekannt, und keiner redet drüber?
  • Wieder wird gesagt:Hexal zufolge hat die betroffene Ware einen Wirkstoffgehalt im Bereich der angegebenen Dosierung. Das Profil der Neben- und Abbauprodukte sei unauffällig.“ Es bestehe also „keine Gefahr“ für den Verbraucher durch die Fäschung. Das ist eine Nebelkerze par excellence! Denn ich glaube kaum, dass Hexal alle Kapseln aller Packungen der Fälschung untersucht hat – und es wird nicht verraten, wie groß die Stichprobe ist und ob es in der Stichprobe Ausreißer gab.  Und niemand weiß, ob die gesamte(n) Fälschung(en) eine gleichmäßige Qualiät aufweisen.

Warum hat diese Fälschung eine neue Qualitätsstufe erreicht?
Hexal hat keinen „ausländischen“ Lohnhersteller. Hexal läßt sich selber in Lohn produzieren, und zwar durch seine Sandoz-Untergruppe. Hexal liefert selber an Großhandel und Einzelabnehmer. Damit stellt sich die Frage, wie die Fälschung überhaupt in die Lieferkette eingebracht werden konnte. Die einzige logische Schlußfolgerung ist: Irgendwer in der Lieferkette lügt hier allen anderen die Taschen voll – und zwar so voll, dass es überquillt.

Und wo liegt das ursächliche Problem?
Die Antwort auf diese Frage ist leider sehr einfach. Die Rabattverträge der kranken Kassen mit den Herstellern, und damit der Zwang der Abgabe durch die Apotheken und eine Umsatzgarantie für den Hersteller (und in diesem Fall auch für de Fälscher) ist ein wirklich hervorragendes marktwirtschaftliches Instrument. Es sichert allen, die ganz oben schwimmen, dass ihnen nichts mehr in die Quere kommen kann – denn die Apotheke muss ja den Rabatthersteller liefern – ob sie will oder nicht. [1]. Zu erkennen ist das bei beiden Firmen Fälschungsserien daran, dass nur die absatzstarken Dosierungen (20mg und 40mg) und die am häufigsten verordnete Packungsgröße (100 St.) gefälscht wurde. Umsatzschwächere Packungsgrößen (28St.; 30St.; 50 St.; 56 St.; 60 St.) wurden alle (nach bisherigen Erkenntnissen) außen vor gelassen.  Und so wird es den Fälschern ganz besonders einfach gemacht, eine Schwachstelle in der Lieferkette zu finden, die ein wenig Geld zusätzlich (mit)verdienen will, um ihre Fälschungen in den Markt zu bringen…

Dass die Hexal AG, die ich in diesem Fall tatsächlich eher als Opfer vermute, das ganze  nicht an die große Glocke hängen will, kann ich daher auch nachvollziehen. Das ist aber für die wahren Opfer – die Endverbraucher und Patienten – und auch die „geldgeilen“ Apotheken, die von der Geschichte mal wieder als Vorletze erfahren – leider keinerlei Hilfe noch Trost.

Und was ich um so erstaunlicher finde: Wieder erfahre ich das ganze aus der Fachpresse statt aus einer Information des „Herstellers“ persönlich. Und in der öffentlichen Presse ist natürlich nichts von dem Problem angekommen… [2]

Nachtrag: Wer wissen will, ob seine Schachtel „Omep 40mg“ betroffen ist, darf gerne bei Hexal anrufen, die Telefonnummer findet sich im Impressum, und die freuen sich bestimmt über jeden Patientenkontakt. Und bitte auf Nachfrage verlautbaren, man sei bei Apotheke-Adhoc über das Problem gestolpert…

—————————-
[1] Unter Androhung empfindlicher Strafen durch die kranken Kassen an die Apotheken. Und ja, es gibt Ausnahmen von der Regel – aber ich hatte (vor einigen Jahren) selber mal einen Brief einer sehr großen kranken Kasse erhalten, dass ich diese Ausnahmen ja nicht zu oft geltend machen möge, sonst gäbe es „so richtig Ärger„. Dummer Weise habe ich dieses Schreiben weggeworfen, sonst würde ich es hier im Blog auszugsweise veröffentlichen.
[2] Na gut. Ich habe das auch nicht wirklich erwartet. Wäre ja auch unfair Hexal gegenüber, wenn man Hexal durch die Medienmühle dreht und Ratiopharm nicht. Hier gilt also der Gleichbehandlungsgrundsatz… 😀

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6 Gedanken zu „Gut gefälscht ist nicht so schlimm! – V2.0

    • Die heißen ja auch nicht umsonst so. Früher waren die mal gesunde Krankenkassen, aber dann schlug die Infektion „Ökonomisierung“, gekennzeichnet durch die Symptome „Gewinnorientierung“, „individuelle Leistungseinschränkung“, „Ausschreibungswahnsinn“ und „Bürokratisierung“ zu. Nun sind viele (aber noch nicht alle) Kassen krank. 😦

  1. Wow, davon habe ich wirklich nicht viel mitbekommen. Oder gar nichts? Das sollte eigentlich zu denken geben. Wenn ich als Patient eventuell durch Fälschungen gefährdet sein könnte, dann möchte ich das bitte auch wissen.

    Kranke Kassen finde ich übrigens ein prima Wortspiel und (leider) auch sehr treffend.

    • Gebau deswegen schreibe ich hier im Blog drüber. Ich ärgere mich da ungemein. Ich lese ja auch nicht den Brancheninfodienst der Schwerindustrie, um das Bremsenproblem meines Autos herauszufinden („Ist nix schlimmes, bisher besteht keine Gefahr für den Bremsenhersteller…“)

  2. Frag mich doch bitte mit Beginn der nächsten Woche nochmal. Ich habe, glaub ich, noch das schreiben der deutschen analphabeten kasse, welches wir letztes Jahr zur Sonderkennzeichenquote bekommen haben.

    • Ich hoffe, ich denke daran. Bei mir war es von einer AOK höchstpersönlich. Aber ich will keinem Apothekenangestellten an den Karren fahren und ihn (gegenüber einer kranken Kasse) in Verlegenheit bringen.

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