VISA – die Freiheit lehn ich ab!

NoVisaPrivatrezepte einlösen.
„Doxy CT 100mg Tabl. 20St“ = 12,28€.
„Insuman Rapid 100 I.E./ml Zylinderampullen 10x3ml“ = 89,45€.
„Trenantone Zweikammer Fertigspritze 1 St.“ = 486,39€.
„Erypo FS 40.000 I.E 6St.“ (für den modernen Rennradfahrer) = 1.979,16€
„Humira 40mg s.c. Spritze 6St.“ = 5.231,17€
„Glivec 400mg Filmtabletten 90St.“ = 10.109,03€
In das Gesicht des Privatpatienten schauen, während man das Geschäft ablehnt, weil er Plastikkreditgeld zückt – unbezahlbar!  Wie kommt das?

Um das Problem zu erklären, werde ich jetzt klipp und klar vorrechnen müssen, was eine Apotheke an den obigen Medikamenten „verdient“. Viele Kollegen sind damit unglücklich, weil sie damit nicht hausieren gehen wollen. Ich finde das aber Quatsch, weil alle Informationen sowieso frei zugänglich im Netz zu finden sind, und wirklich jeder, der hier mitliest, innerhalb von 15 Minuten diese Informationen selber zusammentragen könnte. Dem Ganzen zugrunde liegt die Arzneimittelpreisverordnung, die für die Apotheke bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln bindend ist.

Wie ich bereits mehrfach anmerkte, bekommt die Apotheke einen leidlich fixen Anteil am Rezept – zur Zeit 8,35€ pro verschreibungspflichtiger Packung, und einen prozentualen Anteil auf den Einkaufspreis, nämlich 3%. Damit ist klar: Um so teurer der Endpreis, um so geringer ist der Verdienst der Apotheke. Für die obige Liste sähen Rohgewinn und Aufschlag (auch Einkaufsrentabilität) also folgendermaßen aus [1]:
„Doxy CT 100mg Tabl. 20St“ -> 8,69€ -> 455% [2]
„Insuman Rapid 100 I.E./ml Zyli. 10x3ml“ -> 10,58€ -> 16,3%
„Trenantone Zweik. FS 1 St.“ -> 20,29€ -> 5,2%
„Erypo FS 40.000 I.E 6St.“ -> 56,83€ -> 3,5%
„Humira 40mg s.c. Spr. 6St.“ -> 136,42€ -> 3,2%
„Glivec 400mg Filmtab. 90St.“ -> 255,81€ -> 3,1%
Klar, bei Doxy sieht die Sache noch super aus. Aber schon beim Insulin mit 16% Aufschlag ist das eher ein mäßiger Verdienst, und alles darüber – da würde ein Autohändler oder ein Bekleidungsfachverkäufer nur den Kopf drüber schütteln.

Aber warum lehnt der Knick nun Kreditkarten ab? Dazu muss man wissen, wie Kreditkarten funktionieren. Die Bank, die die Karte ausgibt (und den Kredit vergibt) will ja schließlich auch was daran verdienen. Dazu hat die Bank drei Möglichkeiten:
1) Die Kontoführungsgebühren beim Kreditkartenbesitzer.
2) Gebühren bzw. Transaktionskosten, die der Händler zu übernehmen hat.
3) Miete für das Lesegerät und monatliche „Grundgebühren“.

Und der zweite Punkt ist der Knackpunkt. Diese Gebühr wird auf die gesamte Summe erhoben, und beträgt im Schnitt zwischen 3 und 5% der Transaktionssumme. Gehen wir mal von 4% aus, würde der Knick bei der Trenantone-Spritze also 19,46€ Gebühren bezahlen, die er vom Rohgewinn von 20,29€ abziehen muss – es bleiben also 0,83€ Rohgewinn. Bei den Glivec-Tabletten würde ich 404,36€ Transaktionsgebühren leisten müssen, ich würde also 148,55€ dafür bezahlen, das Medikament an den Verbraucher zu bringen. Hört sich für mich nach keinem guten Geschäft an.

Nun werden Kreditkarten hauptsächlich für große Summen benutzt, da es dabei einfach mehr Sinn macht. Der Ablauf ist also so, dass der Patient am Monatsanfang Medikamente kauft, diese mit der Kreditkarte bezahlt, und das Geld deswegen erst am Monatsende von seinem Konto abgebucht wird. Zwischenzeitlich kann er die Rezepte bei seiner Krankenversicherung einreichen, und je nach Schnelligkeit der Versicherung ist das Geld eventuell schon auf dem Girokonto, wenn die Kreditkartenabrechnung das Girokonto belastet – oder man hat einen Zeitaufschub bekommen und muss nicht so viel Dispo-Zinsen an die Bank zahlen.

In die Röhre schaut dabei die Apotheke, die ein großteil ihres Rohgewinns an die Bank abgibt. Dabei muss man bedenken, das einige Steuern und Abgaben nach Umsatz abzuführen sind. Also bei einem hohen Umsatz und äußerst geringem Gewinn muss man auch noch hohe Abgaben leisten.

Nun werden einige Mitlesende natürlich Einwände erheben. Der erste Einwand dürfte werden, dass der Knick ja Rabatte von seinem Großhändler bekommt, die er hier nicht einberechnet hat. Und das ist teilweise richtig. Seit dem 01.01.2012 – also seit dem Inkrafttreten des AMNOG II [3] – sind den Apotheken auf verschreibungspflichtige Arzneimittel jegliche Rabatte verboten bis auf das Skonto. Das Skonto darf aber 3,15% des Einkaufspreises ohne MwSt. nicht überschreiten – im Schnitt gewähren die Großhändler ca. 1,75% Skonto. Aber das ganze ist gedeckelt. Kostet ein Arzneimittel mehr als ca. 1200€ im EInkauf, gewährt der Großhandel gar keinen Rabatt mehr – nicht einmal mehr das Skonto.

Der zweite Einwand dürfte werden, dass ich den Verlust als „Service-Leistung“ hinnehmen kann. Auch das klappt nicht, denn einerseits wäre das für das Finanzamt ein „Verkauf unter Einstandspreis“, und der ist verboten. Andererseits müßte ich, um die 148,55€ Verlust der Glivec reinzubekommen, 19 Schachteln Doxy verkaufen (Rohgewinn bei Bezahlung mit Kreditkarte 8,20€/Schachtel), um allein ohne Verlust aus dem Geschäft zu gehen. Das ist einfach unrealistisch.

Also wenn die Apotheke Visa, Mastercard, DinnersClub, American Express oder was auch immer ablehnt, seit ihr nicht böse. Für Umsonst arbeitet niemand gerne.

——————–
[1] Da es sich um Privatrezepte handelt, habe ich den Apothekenabschlag von derzeit vorläufig 1,75€ nicht vom Rohgewinn abgezogen. Bei Rezepten zu Lasten der (gesetlichen) kranken Kassen schrupfen die Zahlen noch etwas.
[2] Wenn ich die 1,75€ Apothekenabschlag berücksichtige, sind es 6,94€ Rohgewinn bzw. 363% Aufschlag. Hört sich gleich ganz anders an.
[3] Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz Ausbaustufe 2 – von vielen Apotheken mit Galgenhumor auch AMOK II genannt

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14 Gedanken zu „VISA – die Freiheit lehn ich ab!

  1. Warum aber sind die Transaktionskosten höher als z.B. wenn ich mit der Kontokarte bezahle? Technische Gründe werden wohl kaum dahinterstecken.

    Und kann ich die Adresse des Kunden haben? *hüpf*

    • Es ist das Prinzip der Kreditkarte. Die Bank gibt den Karteninhaber einen Kredit – denn die Bank bezahlt jetzt, das Konto wird aber erst zum Monatsende belastet. Kredite wollen verzinst werden. Die Zinsen bezahlt der Händler in Form der Transaktionsgebühr von normal 3-5%, durchaus aber auch 10%. Dem Händler wird das nicht wiedergegeben. Autohändler preisen das vorher mit ein – und geben Dir bei Barzahlung dann 3% Nachlass. Das sind genau die 3%, die mindestens an das Kreditkartenunternhemen fließen. Die Apotheke darf aber nicht einfach 3% auf die verschreibungspflichtigen Arzneimittel draufschlagen – auch nicht vorher.

  2. Ich stell mir grad vor, wie der kunde mit dieser medikamentenkonstellation einkauft: Erstmal den Koffer Geld wie bei der „100.000 Mark Show“ abholen und dann gemütlich in die Apotheke spazieren.

  3. Gibt es da so viele Kunden, die sich beschweren? Okay, ich bin kein Privatpatient (daher ist die „Verschiebung“ der Kosten vom Monatsanfang aufs Monatsende nicht relevant für mich), aber es gibt doch einen Haufen Geschäfte, in denen ich eben einfach nicht mit Kreditkarte bezahlen kann. Himmel, wenn man sich da bei jedem drüber aufregen wollte, dann bräuchte man dringend zu den übrigen Medikamenten noch den ein oder anderen Blutdrucksenker.

    • Eigentlich ist es für den Nutzer eher schwer verständlich, warum gerade größere Beträge von Geschäften ungern per Kreditkarte abgewickelt werden – so akzeptieren auch viele Autowerkstätten (so wie meine) keine Kreditkarten – eben mit dem Hinweis auf die Kosten.
      wie hoch die jetzt aber tatsächlich sind, habe ich nicht gewusst… und verstehe es damit umso besser!
      Danke für die ausführliche Darstellung.

      • Ja, dem Kunden als Endverbraucher wird das System von der Bank nicht korrekt erklärt. Deswegen habe ich das mal versucht, übersichtlich darzustellen. Schön, wen es verständlich gelungen ist und gefallen hat.

    • So viele gibt es nicht. Aber ich habe so 2x im Jahr Unverständnis, dass ich Visa, Masterkard, AE usw. ablehne. Der Rest siehe meinen Kommentar zu Turtle – der „normale Händler“ kann die Kalkulation so auslegen, dass die Karte berücksichtigt ist, und dem Barzahler „Rabatt“ einräumen. Dieses „Steuerungsinstrument“ fehlt mir bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln – ich bin an die Arzneimittelpreisverordnung gebunden, auch wenn ich dabei (tatsächlich allein von Gesetz wegen) minus machen werde. Dazu schreibe ich ein andermal einen Text.

      • Was mich auf eine Idee bringt. Früher gabs Euroschecks, und in deren letzten Jahren hing beispielsweise an allen Tankstellen, daß deren Bearbeitung eine Gebühr kostet.
        Wenn ein Sonderwunsch wie Kreditkartenzahlung geäußert wird, kann man dafür nicht auch 3% Gebühr nehmen? Genau die Gebühr, die die Transaktion kostet?

      • Kann ich leider nicht. Ich bin auf Gedeih und Verderb an die Arzneimittelpreisverordnung gebunden. Daran darf ich weder nach oben noch nach unten drehen… Und die Gebühren weichen zwischen den Kartenanbietern und den einzelnen Verträgen eines Kartenanbieters ab…

  4. Beschweren tun sich diejenigen Kunden, die mit der Idee reinkommen, dass teure Medikamente = guter Verdienst des Apothekers = Lieblingskunde und damit = Unmengen an Geschenken
    Ich versuche inzwischen auch den Kunden zu erklären, weshalb ich nicht gerne Kreditkarten nehme und der Großteil findet es okay und zückt die EC-Karte.

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