Gut gefälscht ist DOCH NICHT schlimm! V4.0

Fälschung2So, nun ist es raus. Zwei bitterböse vermutliche Drahtzieher sind gestellt, nach 2 Jahren streng geheimer Ermittlungen. Und erstaunlicherweise genau so, wie ich es schon vor 16 Tagen hier beschrieben habe. Wow. Kann ich hellsehen ohne Glaskugel? Habe ich meinen Beruf verfehlt? Nein, natürlich nicht! Ich habe nur die Informationen, die bisher zu mir durchgedrungen sind, zusammen mit meiner Berufserfahrung und meinem Wissen um die Vorgänge in meiner Branche zusammengefügt und das Gesamtbild betrachtet. Das nun Schuldige (hoffentlich) zur Rechenschaft gezogen werden, finde ich gut. Aber der Weg bis zur Festnahme finde ich mehr als bedenklich…

Zwei Jahre scheint das Problem bekannt. Zwei Jahre wurde nichts verkündet. Zwei Jahre waren offensichtlich so gute Fälschungen im Umlauf, dass keine Gefahr für die Bevölkerung zu verzeichnen vermuten war. Zwei Jahre wissen Behörden um ein Arzneimittelproblem, und halten wohlweislich mit den Informationen hinterm Berg. Das ist für mich – persönlich – ein Skandal. Aber wir sind schließlich ein Deutschland – und da kann sich jeder damit rausreden, nicht zuständig zu sein:

  • Der „Original-Hersteller“ ist ja gar nicht der Hersteller – also ist er nicht verantwortlich.
  • Das BMG ist nicht zuständig, es fällt ja in den Bereich des BfArM.
  • Das BfArM weiß gar nichts von dem Problem, schließlich macht es selber keine Arzneimitteltests. Und kontrolliert es die Original-Hersteller, kann es ja nur die Originalprodukte überwachen und nicht die Fälschungen. Und wenn es davon weiß, dann würde die ja die Polizei stören durch Veröffentlichung.
  • Die Polizei, die Staatsanwaltschaft und andere Ermittlungsbehörden schweigen zu Fällen, die in Ermittlung sind. Solcherlei Informationsfluss gefährdet schließlich den Erfolg der Untersuchung.
  • Und der Fälscher? Er wäre ja schön blöd, wenn er das zugeben würde.

Also haben sich Original-Hersteller, die Überwachungsbehörde BfArM und die Legislative darauf geeinigt, einfach mal 2 Jahre den Mund zu halten, da zwei Fälscher „so gute Qualität von Fälschungen“ in den Markt schleusen, dass man dei Bevölerung lieber nicht beunruhigen möchte. Geht das auch bei Flugzeug-Ersatzteilen? Oder bei Auto-Ersatzteilen? Wie wäre es, wenn ich Trinkwasseraufbereitungsanlagen fälsche? Solange die Anlagen die Erstabnahme und zwischenzeitliche Stichprobem bestehen, ist das ganze offensichtlich nicht so schlimm. Und wenn doch ein Flugzeugreifen platzt, eine Bremsscheibe versagt, Keime im Trinkwasser landen? Dann liegt das sicher nicht an (m)einer Fälschung, von der schon seit 2 Jahren gewußt wurde, sondern an den allgemeinen Umständen, am Wetter oder einfach am schlechten Karma des Opfers. Oder so.

Und nebenbei bemerkt: Um ein Arzneimittel so sachgerecht zu fälschen, dass sogar der Hersteller Schwierigkeiten hat, den Unterscheid zu analysieren, gehört einiges an Know-How, Technik und Wissen dazu. Mir braucht niemand zu erzählen, dass die fraglichen Leute vorher nicht irgendwo in der pharmazeutischen Industrie gearbeitet haben. Wer einmal (z.B. im Pharamaziestudium) versucht hat, eine Rundläufer-Tablettenpresse sauber zum laufen zu bringen, oder eine Kapselfüllmaschine am gleichmäßigen Laufen zu halten, wer einmal mehrere Kilogramm Granulatmasse angesetzt hat, die hinterher gleichmäßg beschaffen sein sollte, weiß, dass das Tätigkeiten sind, die man sich nicht beim Videogucken auf Youtube aneignen kann.

Die Untersuchungsbehörden sprechen von einem „groß angelegten Fälscherring„, der „aufgedeckt“ ist. Und sie haben zwei (!) Leute im Verdach. Zwei Leute sind in „großer Ring“? [1] Auch die Vorwürfe sind spannend. Einerseits „Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz„, aber andererseits „gewerbs- und bandenmäßiger Betrug und Verstöße gegen das Markengesetz„. Wiegt hier wirklich der Verstoß gegen das Markengesetz viel schwerer? Ich kann es kaum glauben!

Auch das „aufdecken“ finde ich mehr als bedeutsam. Aufdecken ist nicht ausheben. Der „schwunghafte Handel“ mit Omeprazol ist also eingedämmt, und damit sind die Probleme vom Tisch. Na großartig.

Denn „bereits Ende 2012 waren den Behörden zufolge erstmals gefälschte Packungen aufgefallen„. Aha. Aber gewußt hat man von dem Problem ja angeblich schon seit Anfang 2011. Solange hat die Suche nach den gefälschten Packungen gedauert? Und wieso dürfte Ratiopharm dann im Januar solche Falschinformationen bei ihrer ersten Rückrufaktion streuen? Bloß keinen Staub aufwirbeln – ist ja alles gut – die Qualität stimmt ja?

Anfang März wurden 40 Geschäftsräume durchsucht […und] tausende [gefälschte] Packungen sichergestellt.“ Wieviele Packungen landeten beim Endverbraucher?

Und wann werden endlich die Medien aufmerksam – nun, wo ein weiteres In-Verkehr-Bringen ja ausgeschlossen sein sollte? Ich kann dieses behördliche Vorgehen einfach nicht fassen, denn das BMG, das BfArM und der Staat an sich sollten die Bevölkerung schützen und nicht die (Original-)Hersteller!

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[1] Nach diesen Maßstäben ist die sizilianische Mafia eine Verbrechensgalaxie.

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2 Gedanken zu „Gut gefälscht ist DOCH NICHT schlimm! V4.0

  1. Was machen die 2 Fälscher mit den restlichen 38 Büroräumen?

    Bei Fahrzeug-Ersatzteilen und Co kümmert sich der Hersteller selbst am meisten um die Bekämpfung, entweder ist die Konkurrenz hart und die würde einen Imageverlust zu ihrem vorteil nutzen, oder das ganze ist patentiert und die Gewinnmarge so groß das der Hersteller ungerne ein Stück vom Kuchen abgibt.

    Man kann auch jede Packung individuell bedrücken und wenn die Apotheke den Code scannt, wird beim Hersteller hinterlegt „Packung in Knicks Apotheke verkauft“ Ich bin überzeugt das der Aufwand des Fälschers dieses System zu knacken so groß ist, das von dem Gewinn nichts mehr übrig bleibt.
    Klar dafür muss die Apotheke auch wieder etwas investieren….

    • Die 40 Büroräume bezogen sich wahrscheinlich auch auf die durchsuchten Großhändler – war ja mehr als einer.

      Das mit der „Induviduellen Bedruckung“ ist ein 2D-Code, nennt sich „Securpharm“, und hatte ich schon verschiedentlich beschrieben. Securpharm dient dazu, politisch Probleme zu lösen, die man vor den politisch gewollten und unterstützten Änderungen und Supersparmaßnahmen im Gesundheitsweisen gar nicht kannte. Das ganze hat aber dramatische Nachteile in unterscheidliche Richtungen, unter anderem zum Thema Datenschutz. Aber letzthin ist das nicht das Problem der Apotheke, sondern aller anderen Mitspieler im Gesundheitssystem davor. Mit Securpharm wird das Problem an die Apotheke abgeschoben, damit alle davor ihre Hände in Unschuld waschen können. Und bezahlt wird der Mist auch durch die Apotheken, die nichts extra dafür bekommen.

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