EingeBILDetes Medikamenten-Chaos

bloedwenigerHach. Diesmal hat mich doch tatsächlich Apotheke-Adhoc höchstpersönlich auf eine Bild.de-Seite gelockt, die ich diesmal sogar verlinke, denn so viele Rechergefehler diesmal wieder darin enthalten sind, so perfekt dieser Artikel diesmal ausgefallen ist, hat er dennoch einen grundlegenden Wahrheitsgehalt. Weil aber einiges wieder mal totaler Unsinn ist, bleibt mein Blöd-Logo oben rechts. Was ist nun richtig, und was ist Unsinn?

Vorweg: Auf den medialen Aufschrei – oder zumindest eine allgemeine mediale Erklärung – die Rabattverträge betreffend warte ich ja schon seit dem 01.04.2007. Nun hat sich nach 6 Jahren endlich mal ein Massenmedium des Themas bedient, und wie es Qualitätsjournalismus gebietet, das Problem ausführlich von allen Seiten beleuchtet.

Richtig ist:

  • Es kommen endlich einmal nicht nur Vertreter der kranken Kassen zu Wort, sondern auch Patienten(vertreter) und Apotheken(vertreter) dürfen sich dazu öffentlich äußern.
  • Am 01.04.2013 lassen die TK, die Barmer-GEK und Spektrum-K (ein Verbund verschiedener BKKs) neue  Rabattverträge in Kraft treten, und das reichlich.
  • Die kranken Kassen sind Schuld und Nutznießer dieser Aktion, und wirklich niemand anderes.
  • Viele Versicherte wird es mal wieder überraschen, und sie werden aus allen Wolken fallen – so wie viele Apotheken auch. Denn einige Rabattverträge sind seit wenigen Tagen veröffentlicht, andere werden pünktlich zum Termin des Umsetzens am 01.04.2013 in der Apothekensoftware auftauchen – und keinen Tag früher!
  • Viele gerade ältere und multimorbide Patienten haben Schwierigkeiten, sich auf neue Rabattarzneimittel einzustellen. Das kann zu schlechter oder auch Non-Compliance führen, was reichlich Folgekosten verursacht und die gesamte Therapie gefährdet.
  • Die Apotheker müssen gemäß der Rabattverträge gegebenenfalls Medikamente abgeben, die nicht zuzahlungsbefreit sind, obwohl es solche auf dem Markt geben würde. Dafür bekommen mal wieder nur die Apotheker die Missgunst der Versicherten zu spüren – die die kranken Kassen waschen gewöhnlich ihre Hände in Unschuld und warten, bis die Wut der Versicherten in den Apotheken abgelassen und verraucht ist.
  • Auf Portalen wie z.B. dem Arzneikompass kann man selber nachschauen, was der Apotheker gemäß der Krankenkasse so mit dem eigenen Rezept zu machen hat. Aber auch solche Portale sind nicht allwissend, da die Apothekensoftware wesentlich umfangreichere Zugriffe auf die (kostenpflichtige) ABDATA-Datenbank zulässt, als das in der Portalsoftware umzusetzen ist.

Und das finde ich gut an dem Artikel:

  • Endlich redet mal die Presse über das Problem. Auf einen dramatischen Presseaufschrei (gut, ist dieser Artikel auch nicht) warte ich schon seit 2007.
  • Die Apotheken werden nicht als die Schuldigen hingestellt.
  • Die kranke Kassen-Politik, die Rabattverträge und deren Gewinne daraus geheim zu halten wird, hier mal klar und richtig dargestellt.

Was ist falsch an dem Artikel:

  • Lieferengpässe drohen. Das ist Unsinn. Wenn ein „gewöhnliches“ Rabattarzneimittel nicht lieferbar ist, kann die Apotheke einen gewissen Rahmen ausschöpfen, um (mit viel Dokumentationsaufwand) den Patienten trotzdem zu versorgen. [1]
  • Das beschworene „Medikamenten-Chaos“ halte ich deswegen – zumindest auf Seiten der Apotheken – für eher unwahrscheinlich, auch wenn der Rabattvertragsunsinn natürlich dazu führen wird, dass die Apotheken einiges erst einmal nicht vorrätig haben und das innerhalb von 12 Stunden herbeiorganisieren.
  • „Normale“ Rabattvertragsarzneimittel werden mit Grippeimpfstoff verglichen. Das ist Unsinn. Grippeimpfstoffe sind nicht nur nicht untereinander austauschbar, Grippeimpfstoffe werden auch mit dramatisch langen Vorlaufzeiten produziert – und können deshalb eben nicht mal eben flink nachproduziert werden. Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen. [3]
  • Seit sechs Jahren sind die Rabattverträge per Gesetz vorgeschrieben. Das ist Unsinn. Die kranken Kassen dürfen Rabattverträge bei Arzneimitteln ausschreiben, müssen dieses aber nicht. Bei Hilfsmitteln sieht die Gesetzeslage wieder anders aus.
  • Laut Studie der Uni Marburg nehmen über 33 Prozent der Patienten ihre Medikamente nicht ordnungsgemäß ein… Das mag richtig sein, geht aber nicht explizit auf die Rabattverträge zurück. Zugegeben, die Rabattverträge machen das Compliance-Problem nicht besser. Aber bewußte und unbewußte Falschanwendung von Arzneimitteln gab es auch schon lange vor den Rabattverträgen.
  • Eugen Brysch: „Es grenzt an Volksverdummung, wenn uns Kassen weismachen wollen, dass sich Ersatzmedikamente nur in Farbe, Form und Größe unterscheiden. Es grenz an Volksverdummung, diese Aussage pauschal festzuhalten, daher glaube ich nicht, dass Herr Brysch korrekt zitiert wurde. Es gibt Arzneimittel, wo in 99,9% der Fälle der Austausch unkritisch ist. Es gibt Arzneimittel, bei denen ein Austausch kritischer zu sehen ist. Alle Kassen wissen von den kritisch auszutauschenden Wirkstoffen und schreiben diese trotzdem aus, um die Rabattverträge dann unter Strafandrohung von den Apotheken auf Gedeih und Verderb umsetzen zu lassen. Auf das Problem angesprochene Ärzte wurden teilweise von der KV und den kranken Kassen (Hand in Hand) so unter Druck gesetzt, dass sie den Austausch des kritischen Arzneimittels aktiv befürworten. [4]

Was fehlt bei dem Artikel:

  • Was ist mit dem GBA? Der GBA (Gemeinsamer BundesAusschuss), eine Komission aus Kassenvertretern, Politikern und (so weit ich weiß) 2 Klinik-Ärzten, darf festlegen, was austauschbar ist und was nicht. (Apotheker werden wohlweislich nie in den GBA eingeladen. Solcherlei Ansinnen seitens der Apotheker wird normalerweise unter Lachanfällen abgelehnt. Warum wenigsten einen Fachman bei solchen Entscheidungen dabei haben?) Damit macht er viel Ungemach, wenn teilbare Tabletten mal wieder gegen nicht teilbare Kapseln oder nicht teilbare Tabletten als „austauschbar“ festlegt werden, und das der Patient erst viel später mitbekommt. Die Apotheken sind in diesem Zusammenhang zwingend auf die Dosierungsangabe auf dem Rezept angewiesen, die leider nur selten von den Praxen aufgetragen werden.
  • Was ist mit der latenten Drohung der kranken Kassen, Apotheken bei Nichtumsetzung der Rabattverträge auf 0,00€ zu retaxieren? Gut, ich will fair sein – die TK räumt eine „Friedenspflicht“ von einem Monat ein, in der man den alten Rabattartikel abgeben darf, ohne retaxiert zu werden. Der alte Rabattvertrag findet sich aber nicht mehr in der offiziellen Datenbank! Den aktuellen Rabattartikel rauszusuchen dauert lange genug. Wenn ich jetzt noch den alten Rabattverrag suche, bin ich mehrere Minuten pro Artikelzeile des Rezept beschäftigt. Alle anderen betroffenen kranken Kassen räumen nicht einmal diese Friedenspflicht ein. Tag X ist Umsetzungstag. So einfach ist das!
  • Wo ist das recherchierte Einsparpotential der kranken Kassen? Die Angaben der kranken Kassen schwanken stark, und bewegen sich zwischen 500 Millionen € jährlich (wenn man über die schlechte Umsetzung in den Apotheken meckert) und 2,3 Milliarden € jährlich (wenn man seine eigenen Erfolge betonen möchte). Das wahre Einsparpotential ist meiner Schätzung nach noch viel höher. Aber da es weder in Bilanzen der kranken Kassen angegeben werden muss, noch offengelegt werden braucht – denn es ist ja schließlich streng geheim – versickert dieses eingesparte Geld in unklaren Finanztöpfen der kranken Kassen.
  • Wo ist die Information, das Apotheken für diese Dienstleistung an den kranken Kassen nicht (zusätzlich) vergütet werden? Fehlt einfach.
  • Wo ist die Information, dass bisher keine einzige kranke Kasse es seit 2007 für nötig befand, ihre Versicherten über Rabattverträge und deren Wechsel zu informieren? Braucht die Kasse ja auch nicht – macht die Apotheke für Umsonst gleich mit, und fängt dann auch den Ärger und die Beschwerden der eigenen Versicherten ab.
  • Wo ist die Information, dass die Apotheken wieder einmal dramatische Lagerwertverluste erleiden werden? Schließlich brauche ich die Arzneimittel, die ich bis zum 31.03.2013 abgeben muss, ab dem 01.04.2013 nicht mehr. Zurückgeben an den Großhandel ist aber auch meist schlecht, denn der braucht die ja auch nicht mehr! Also bleibt die Apotheke drauf sitzen, und darf sie auf eigene Kosten irgendwann wegschmeißen. [6]

Insgesamt halte ich diesen Bild-Artikel für durchaus informativ. Sehr positiv finde ich, dass das seit 10 Jahren übliche mediale Apotheken-Bashing diesmal unterblieben ist. Auch ist dieser Artikel bei weitem nicht so reißerisch wie viele Bild-Berichte, was ich im Zusammenhang mit dem Gesundheitswesen als durchaus positiv empfinde, auch wenn die kranken Kassen meiner bescheidenen Meinung nach mal wieder nicht ihr verdientes Fett abbekommen haben. Vielmehr wurde die Zwangslage der Apotheken zumindest angerissen. Trotzdem hätte sich mit ein wenig rein journalistischen Rechergeaufwand noch einiges an Informationen in diesen Artikel hineinbringen lassen, was für den Durchschnittsleser durchaus eine Horizonterweiterung und Augenöffnung hätte werden können.

————————-
[1] So gab es 3 Monate lang deutschlandweit kein „Metoprololsuccinat“ der Firma Betapharm, da der Hersteller erst mit der Produktion (in Indien) begann, als der Rabattvertrag der AOK bereits Kraft trat! [2] Ich wüßte keinen einzigen Fall, dass ein Patient nicht mit einem passenden Produkt beliefert versorgt.
[2] Das ganze wurde den Apotheken erst mitgeteilt, als einige aus Angst vor Regeressen seitens der kranken Kassen die Angabe dieses Rabattmedikaments „simulierten“, was Betapharm sehr böse aufnahm, da die Herstellerfirma plötzlich Herstellerrabatt an die kranke Kasse zahlen sollte, obwohl sie ja noch gar keine Schachtel auf den deutschen Markt gebracht hatte. Der wahre Skandal – das die Kasse einen Rabattvertrag unter Strafandrohung an die Apotheken festlegt, wissentlich, dass dieser gar nicht umgesetzt werden kann, und darüber die Strafangedrohten auch noch im Unklaren läßt – wurde nie in der breiten Presse diskutiert. Stattdessen wurde der „Betrug“ der bösen Apothekengesamtheit (also einiger Apotheken) an den lieben kranken Kassen – denen gar kein Schaden entstand – thematisiert.
[3] Unabhängig davon wurden schon wieder (gerade erst vorgestern) Exclusivrabattverträge über Grippeimpfstoffe für die Saison 2013/14 abgeschlossen. Das Drama in der Saison 2012/13 war wohl nicht groß genug für die kranken Kassen. Und nur der Impfstoff, der nicht verimpft wird (weil er nicht da ist), spart wirklich Impfkosten!
[4] Und ich als Apotheke(r) soll dann dem Arzt in dessen vielbeschworene Therapie-Hoheit – mit der er mir sagt, ich soll auf den Rabattvertrag austauschen – eingreifen, und regelmäßig den Austausch unter leidlich freier Auslegung eines Ausnahmetatbestands verweigern? [5] Da ist es einfacher und unbrürokratischer, mein Geld gleich aus dem Apothekenfenster zu werfen.
[5] Hier beziehen sich die betroffenen Ärzte dann gewöhnlich auf genau die selbe Therapie-Hoheit, die sie mir vorhalten, wenn ich Arzneimittel auf Rabattvertrag austausche, was sie (in diesem speziellen Fall) im Nachhinein wohl doch nicht wollten. Liebe Ärzte, einfach ein „Non-Aut-Idem-Kreuz“ setzen – am besten gleich mit der Praxissoftware – und schon ist (fast) alles klar. Dann aber nicht weinen, wenn es für zu viele Kreuze Haue von der KV und den kranken Kassen gibt.
[6] Könnte man auch als „Enteignung durch Gesetz zugunsten Dritter“ auslegen, denn viele Herstellerfirmen vergüten mir diese Packungen auch nicht mehr. Aber das wäre ja ganz böse von mir, denn ich habe ja noch die Hoffnung, die fraglichen Packungen doch noch irgendwie abzusetzen. Und die Hoffnung stirbt schließlich erst mit Erreichen des Verfalldatums.

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2 Gedanken zu „EingeBILDetes Medikamenten-Chaos

  1. Nur mal eine Nachfrage zum aut/nec idem-Kreuz:
    ist es dem Arzt eigentlich erlaubt, ein „aut idem“-Kreuz mit Bedingungen zu verknüpfen (bzw. ist die Apotheke dann daran gebunden), z.B.:
    – aut idem nur, sofern das Austausch-/Rabattmedikament auch viertelbar ist;
    – aut idem nur, sofern die „neuen“ Insulinpatronen mit dem bereits vorhandenen Pen kompatibel sind;
    – aut idem nur, sofern das Austauch-/Rabattmedikament auch für die Indikation XYZ zugelassen ist;
    – aut idem nur, sofern durch die Apotheke eine Mitteilung über den Austausch an den verschreibenden Arzt erfolgt.
    – etc.

    Alles das zu überprüfen (bzw. zu tun) dürfte ja in der Apotheke Mehrarbeit verursachen, und daher eher unbeliebt sein, macht aber doch m.E. Sinn; insbesondere bei den ersten beiden Beispielen wäre es ja für den Patienten schädlich, wenn der Insulinpen nicht mehr funktioniert, oder er nur noch eine ganze z.B. Gelkapsel statt wie bisher eine Vierteltablette nehmen kann. Oder erfolgt ohnehin in solchen Fällen kein Austausch?
    Und nebenbei dürften damit die meisten Beschwerden über „Eingriffe in die Therapiehoheit“ sich erledigt haben, ohne das der Arzt quasi jedes Medikament „sicherheitshalber“ als nicht austauschbar rezeptieren muss…

    • Kurze Antwort: Nein.

      Mittellange Antwort: Der Arzt kann das Kreuz setzen – dann gilt es. Oder er setzt es nicht, dann muss nach Austausch gesucht werden. Das Kreuz an Bedingungen zu knüpfen ist nicht vorgesehen.

      Lange Antwort:
      – Wenn denn die Arztpraxis z.B. die korrekte Dosierung auf das Rezept aufträgt, kann die Apotheke durchaus sehen, ob das Rabattarzneimittel ungeeignet ist, und mit Romanaufsätzen auf das Rezept schreiben, warum die Weichgelantine-Kapseln eben nicht 3x 1/2 genommen werden können.
      – Insulinpatronen auszutauschen ist m.E. ein „apothekerlicher Kunstfehler“, da die Herstellerfirmen mit ihren Pens untereinander nicht kompatibel sind.
      – Die Indikationsübereinstimmung ist gesetzlich (im SGB V) geregelt: Wenn EINE Indikation (und das muss nicht die verordnete sein) übereinstimmt, sind die Arzneimittel austauschbar, wenn KEINE Indikation übereinstimmt, sind die Medikamente nicht austauschbar. Daran ist die Apotheke gebunden.

      Die Rabattverträge machen insgesamt viel Arbeit (die nicht extra vergütet wird) und viel Ärger (der immer in der Apotheke abgeladen wird, und kaum beim Arzt und nicht bei der kranken Kasse). Dabei bemühen sich die Apotheken inständig darum, die Patienten sinnvoll zu versorgen – immer unter der Androhung der Null-Retax-Bestrafung. Würden Arztpraxen und Apotheken immer friedvoll und patientenorientiert zusammenarbeiten, würde vieles einfacher sein. (Die Apotheken wünschen sich übrigens schon lange, dass für Medikamente mit „einfachem und konstantem “ Dosierschema die Dosierung IMMER mit auf das Rezept kommt.) Da aber Arztpraxen leider immer häufiger Rückfragen der Apotheken als lästigen Murks ansehen, wird das auf den Rücken der Patienten ausgetragen. Die Apotheken müssen sich halt auch an die Gesetze und Lieferverträge halten (,welche genauso für die Arztpraxen beim Rezeptausfüllen gelten, was die Arztpraxen aber leider manchmal irgendwie nicht wahr haben wollen – denn die Bestrafung trifft [fast] immer NUR die Apotheke…)

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