Gut gefälscht ist DOCH schlimm! V4.1

Fälschung2Nachdem sowohl Ratiopharm als auch KSK sowohl 20mg und 40mg Omprazolstärken in ihren Fälschungsstatistiken zu stehen haben, wurde von Hexal jetzt auch eine betroffene 20mg-Charge bei der Durchsuchung der „Geschäftsräume“ der Fälscher entdeckt. Dabei sind 2 Punkte besonders interessant: Einerseits wurde diesmal definitiv gesagt, dass eine Charge betroffen ist, die mit dieser Chargennummer auch so von Hexal (bzw. dessen Lohnhersteller Sandoz) produziert wurde. Andererseits stellt Hexal fest, dass die Fälschung zumindest der Verpackung so perfekt ist, dass es selbst Hexal schwer fällt, das eigene Original von der Fälschung zu unterscheiden.

So kann sich Hexal auch nicht auf die etwas merkwürdig erscheinende Aussage des BMG, dass der „Original-Hersteller“ für die Fälschung eigendlich nicht zuständig sei, berufen, da unklar ist, ob die fragliche (und potentiell patientenschädigende) Packung nun von Hexal selber oder vom Fälscher stammt.

Immerhin haben die Generikahersteller noch nicht entschieden, wie ein großer Pharmahersteller vor einigen Jahren vorexerzierte, eine gefälschte Charge zurückzurufen, diese aber nicht zu „vergüten“, denn sie stamme ja nicht vom Hersteller. [1] Bisher wurden die von den Apotheken eingekauften potentiell gefälschten Packungen von allen betroffenen Herstellern im Einkaufspreis erstattet. Dies könnte aber auch damit zusammenhängen, dass der Hersteller selber erst herausfinden muss, ob die fragliche Packung eine Fälschung ist oder nicht.

Was mich wieder zur Frage bringt: Wie kann so etwas nur passieren? Und meine für mich gefundene Antwort ist wieder einmal sehr einfach: Geld. Wenn genug Geld winkt, werfen manche Menschen ihre moralischen Vorstellungen über Bord. Im Gesundheitswesen ist dieses Problem besonders schwerwiegend, da auf diese Weise jegliches Vertrauen in alle Heilberufe vernichtet wird, aber offensichtlich leider kein Einzelfall. Wenn große Pharmahersteller (manche) Studien manipulieren oder zurückhalten, um ihre Arzneimittel besser verkaufen zu können, wenn (manchmal) in Krankenhäusern gar nicht durchgeführte Behandlungen abgerechtent werden, wenn (manchmal) qualitativ minderwertige und so nicht zugelassene Implantate von Herstellern verkauft werden, warum dann das selbe Prinzip nicht auf Arzneimittel ausweiten? International funktioniert das sehr gut, wie man selbst herausfinden kann, wenn man bei einer Suchmaschine der eigenen Wahl mal „Viagra rezeptfrei Versand“ eingibt. Und es war nur eine Frage der Zeit, bis dieses Problem auch auf den Deutschen Markt durchschlägt, wenn die Herstellungs- und Vertriebskette eben wesentlich komplzierter gestaltet wird als Hersteller -> Großhändler -> Apotheke -> Patient.

Mein Vorwurf an die deutsche Gesundheitspolitik der letzen 15 Jahre ist, diesem Treiben nicht nur tatenlos zugeschaut, nein, es aus „Kostenspargründen“ aktiv vorangetrieben und finanziell unterstützt zu haben. Selbiger Vorwurf weitet sich auch auf die Wirtschaftspolitik der kranken Kassen aus, die mit der (illegalen) Bewerbung von ausländischen Versandapotheken [2] diese ungesunde Geiz-Ist-Geil-Menthalität auch zum Patienten getragen hat, und damit aktiv an der Patientensicherheit sägt! Hauptsache billlig!

Ich finde es zum weinen. Und die Medien halten Augen, Ohren und Mund geschlossen – und deshalb die Füße und die Druckmaschinen still. Dies stimmt mich auch nicht fröhlicher.

Noch ein kleiner Hinweis an mitlesende Kollegen: Nicht vergessen, das Vorgehen bei der Bearbeitung der potentiell gefälschten Packungen separat zu dokumentieren, dieses Protokoll zu archivieren – und eine Kopie der „zuständigen“ Behörde zukommen zu lassen. Das reine Vorgehen gemäßt AMK-Information in der PZ oder DAZ scheint nicht auszureichen, denn offensichtlich ist auch spannend, wann und bei wem die Packung(en) erworben wurde(n) (sofern noch nachvollziehbar), wann die Packung(en) in Quarantäne genommen wurde(n) und wo sie verblieben ist/sind. Das ganze ist geregelt in der ApoBetrO §21 Nr. 8.

—————————————-
[1] Damals war die „Fälschung“ eine Umverpackung von vom Originalhersteller produzierter Klinikware in Apothekenware. Das Erkennungsmerkmal war ein grauer Kreis auf der Seite der Faltschachtel, welcher einen 0,5mm geringeren Durchmesser als auf dem Originalkarton aufwies. In allen Apotheken stand man mit einem Lineal an den eventuell betroffenen Packungen und fragte sich, ob der graue Punkt nun 11,5mm oder 12mm Durchmesser hatte, wenn ich mich richtig erinnere.
[2] Die Beeinflussung eines Versicherten zur Nutzung eines bestimmten Leistungserbringers bzw. die Zuweisung eines Leistungserbringers durch einen anderen Leistungserbringers, durch die Politik, durch den Leistungsträger oder durch dritte Personen ist in Deutschland verboten [3], insbesondere wenn sie aus finanziellen Gründen erfolgt. Einige kranke Kassen bewerben schon seit 12 Jahren die Vorteile ausländischer Versandapotheken, und das teilweise mit Schreiben an ihre Versicherten, die an Drohung grenzen. Das hat insofern zusätzliche Sprengkraft, als dass einige kranke Kassen das sogar schon vor 2005 gemacht haben, als der Versand von Arzneimitteln nach Deutschland (noch) illegal war. Da keine Versandapotheke Patienten beliefern wird, ohne bezahlt zu werden, haben diese kranken Kassen definitiv Illegalität gefördert unter finanziellen Beweggründen. Aber auch davon habe ich nie in der Presse gelesen, und Ermittlungen wurden nie durchgeführt. Erstaunlich.
[3] Hiervon ausgenommen sind allerdings „Hilfsmittel“, die die kranken Kassen auschreiben „müssen“, und so den Patienten an den einzigen Leistungserbringer aktiv verweisen dürfen und müssen. Auch das empfinde ich als dramatische Fehlentwicklung, aber das ist ein anderes Problem.

Advertisements

6 Gedanken zu „Gut gefälscht ist DOCH schlimm! V4.1

  1. Kluger Kommentar. Allerdings muss ich zwei Einwände geltend machen:
    1.) Seriöse Unternehmen, zu denen ich Ratiopharm, Hexal und Sandoz jetzt wirklich einfach mal zähle, müssen das auch bearbeiten und weitermelden. Da gibts Stufenplanbeauftragte dafür. Glaub mir, da läuft so viel Papierkrieg, da vertuscht bei dieser Sache keiner mehr was. Das ist viel zu heiß.
    2.) Das Blöde ist bei der Sache: Das ist weniger der Gesundheitspolitik zuzuschreiben. Diese Fälschungsgeschichte ist ne Sache, bei der die Apotheker direkt mitbetroffen und mitschuldig sind. Die Großhändler, die diese Ware aus anscheinend nicht ganz so nachvollziehbaren Quellen erworben haben, befinden sich sich teilweise in Apothekerhand, sind teilweise sogar Genossenschaften der Apotheker (Noweda; ich glaube auch: Sanacorp).

  2. Hmm… ja… nein… naja:
    Zu 1) Ich habe mehrfach versucht zu betonen, dass Ratiopharm, Hexal und KSK auch zu den Opfern gerechnet werden dürften. Mich ärgert aber die Vorlaufzeit des BMG, so etwas, und man verzeihe mir bitte, über Monate (und Jahre?) zu verschleppen, totzuschweigen, und hinterher auch nch zu behaupten, das „geschah zum Schutz der Bevölkerung (vor einer Massenpanik)“. Da komme ich nicht mit.
    Zu 2) Noweda, Sanacorp, und alle anderen „großen“ Großhändler haben ja bei einer „seriösen Quelle“ – einem bekannten Zwischenhändler – gekauft. Und dass seit AMNOG I & II die Großhändler bei jedem fraglich günstigen Angebot auch nur noch die $-Zeichen in den Augen haben… Die Gesundheitspolitik (auf Bestreben der kranken Kassen mit dauernd gefälschten Ausgabenzahlen und -prognosen) hat mit den letzten Spargesetzen die Lieferkette – von Herstellern und kranken Kassen abgesehen – bis zum Anschlag ausgequetscht. Naja, den GH vielleicht nicht, weil der seine Einsparungen einfach auf die Apotheken umgelegt hat – entgegen allen politischen Forderungen und Versprechen – aber die Apotheken bis zum Anschlag. Und das ohne Grund, denn die Zahlen haben NIE gestimmt. Aber wer macht den die Politik, die Leistungserbringer so schlecht zu vergüten, dass diese anfangen, über jedes unmoralische Angebot nachzudenken? Und ist es einem einzelnen Apotheker vorzuwerfen, wenn ein Betrieb, an dem er Anteile hält, Mist baut? (Wurden alle Siemens-Aktionäre wegen Bestechung belangt?) Ich weiß nicht so genau – die Argumentation hat Lücken…

    • Bin zwar gerne provokativ, wollte aber nicht den Apotheken den „schwarzen Peter“ zuschieben. Ich nehme an, es kam auch so rüber.
      zu 1.) Ner Firma nehme ich das wenig übel, dass sie das unter dem Deckel halten will und da nicht unbedingt damit hausiert. Ist ja rufschädigend.
      Was das BMG angeht, kann ich deren Gründe nicht beurteilen.
      Was mich aber baff erstaunt: Die Tatsache, dass die seriöse Laienpresse (Spiegel, FAZ, Sueddeutsche, etc.) nichts, wirklich gar nichts, darüber bringt. Das sollte doch eigentlich für die Leute ein gefundenes Fressen sein. Gerade Markus Grill vom SPIEGEL, der doch sonst immer draufdrischt, wenn was mit Arzneimitteln los ist, hält sich komplett bedeckt (das ist der Typ, der diese ganzen apothekenkritischen, arztkritischen, industriekritischen Artikel im Spiegel schreibt). So ganz kann ich das echt nicht verstehen.

      zu 2.) Wie geschrieben: Die Apotheken sind auch Opfer. So ganz kann sich aber keiner der beteiligten Akteure herausreden: weder Industrie, noch Großhändler, noch Apotheke. Da sitzen alle im Boot, da ist richtig was schief gelaufen.
      Die Idee mit SecurPharm finde ich als Außenstehender da nicht mal ganz so verkehrt. Und eigentlich sollte man das auch als Apothekenmitarbeiter vom Fachlichen genauso sehen.
      Das Hauptproblem ist ja wohl eher, dass jeder den Spaß fordert, ihn dann aber keiner den Apotheken bezahlen will, sondern da ne Nullnummer haben möchte.

      Das Problem der Apotheken liegt in dieser Tatsache der Nichtbezahlung begraben. Und da sind ABDA, ADEXA und Co. gefordert, mal auf den Tisch zu hauen. Oder konkret: Die Kollegen aus der Offizin müssen sich mal wehren! (aber die Diskussion hatten wir beide beim Monsterdoc schon mal… lassen wir mal besser… :-)).

      • Das Problem vom Securpharm liegt ganz woanders.
        – Als allererstes hat man eine „Superdatenbank“, die wohl eher schlecht als recht vor Zugriffen von außen geschützt sein dürfte. Das wird richtig spannend, wenn einerseits solche Daten „ausgeborgt“ werden, umd Werbe- oder ander Profile zu erstellen. Was sich da an Data.Mining ergibt, ist z.B. für die Versicherungswirtschaft nicht mehr in Gold, sondern eher in Helium-3 aufzuwiegen. Und wer glaubt, dass da alle Mitarbeiter so moralisch sind, da nicht einen kleinen Zusatzverdienst zu generieren, ist aber sehr ethisch überzeugt.
        – Als zweites darf sich die Apotheke keinen Fehler mehr erlauben und muss mit einer 0%-Fehlerquote arbeiten. Dem Kunden die Packung in der Apotheke nochmal umtauschen, weil man sich vergriffen hat? Verboten. Oder wegschmeißen. Ab „Erstabgabe“ ist die Packung eine Fälschung, da aus der Datenbank ausgetragen.
        – Und drittens glaubt doch wohl keiner, dass diese Datenbank nicht gehackt werden kann, und alle „Fälschungspackungen“ da reingemogelt werden – und schon sind die Fälschungen noch originaler als die Originale. Selbst beim CIA und PENTAGON wurden schon Daten gehackt. Aber die deutschen kranken Kassen basteln ein System, was sicher ist? Ich hab dies Jahr auch den Weihnachtsmann die Ostereier verstecken sehen… 😉

        Ich bleibe dabei: Securpharm dient dazu, Probleme (politisch) zu lösen, die die Politik erst durch Misswirtschaft und – ja leider – Korruption entstehen ließ. Und bezahlt wird zum Schluss alles vom Verbraucher – und von den Apotheken, diejenigen, di alles wieder kostenlos (und umsonst!) machen werden.

      • Hey Knick,
        Du nagelst mich mit Deiner Antwort jetzt allein auf mein Statement zu SecurPharm fest. Meine Antwort war etwas vielschichtiger, daher finde ich das etwas unfair.

        Ich habe nicht gesagt, dass SecurPharm das einzig wahre Mittel ist. Um es korrekt zu sagen, kann ich das als in der Industrie tätiger Apotheker auch nicht beurteilen. Dazu kenne ich das System nicht gut genug.
        Aber ich halte die Grundidee dahinter für nicht unbedingt verkehrt.

        Die Hauptproblematik vieler Dinge, die Du in Deinem Blog und anderswo beschreibst, sehe ich darin, dass die Offizinapotheker sich nicht wehren. Man nimmt alles so hin, wie es kommt und wenn sich einer mal wehren möchte, schreibt er nen Leserbrief an die DAZ. Und das war es dann – leider – auch. (Gut: Der Transparenz halber haben die Apotheken vor 3 Wochen das Revoluzzertum eingeführt und eine Stunde in der Mittagszeit von 12 bis 13 Uhr durch die Notdienstklappe bedient! Da kann man in 20 Jahren noch stolz darauf zurückblicken!)

        Lust auf nen fachlichen Austausch via Mail? Pseudomynierte Mailadresse hast Du ja. Würde mich freuen.

        Grüße

        McCloud

      • Ich bin hauptsächlich auf das Securpharm eingegangen, weil ich fand, dass zum Hersteller- und BMG-Aspekt eigendlich reichlich gesagt wurde und wir uns da recht einig zu sein scheinen. Und mit den Medien habe ich mich schon mehrfach grün und blau geärgert. Securpharm ist etwas, was ich gerne kommentiere, da es außerhalb der Apotheke noch völlig unklar ist – so wie auch die 6- und 8-stelligen PINs der elektronisches Gesundheitskarte (das wird noch lustig!). Die Grundidee hinter Securpharm ist die selbe wie die Grundidee hinter den Sertifikat-Servern im WEB. Und wie viele hauen da denn schon nicht mehr hin, wurden gehackt oder meistbietend verkauft?

        Das mit dem Protest ist leider richtig. Aber da sind Offizin-Apotheker leider auch leicht gebrannte Kinder. Ich erinnere an den völligen politischen Ausschluss der Apotheker nach der Frage an Frau Ulla Schmidt auf einem Apothekertag, ob sie ihre Vorschläge wirklich ernst meine. Seit dem ist es kaum besser geworden…

        Unfair wollte ich nicht sein.

        Meine Mail-Addys behandel ich so sträflich, das will ich keinem antun.. 😉

Knick hier Deine Gedanken (Mit Nutzung der Kommentarfunktion erklären Sie sich damit einverstanden, dass alle eingegebenen Daten und Ihre IP-Adresse nur zum Zweck der Spam-Vermeidung durch das Programm Akismet in den USA überprüft und gespeichert werden.):

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s