Maskuline Reißverschluss-Unfälle

ReissverschlussDie Pharmazeutische Zeitung hat einen Artikel veröffentlicht, der die Unfallhäufigkeit von stumpfen Traumata des männlichen Glieds im Zusammenspiel mit dem gängigsten „Hosenstall-Zuhalteequipment“ Reißverschluss beleuchtet. Die Headline spricht von 2.000 in den Notaufnahmen der USA zu behandelnden Fällen pro Jahr. Ich kam natürlich nicht umhin, meinen Taschenrechner und Google zu zücken, um die Zahlen mal auseinanderzunehmen und anschließend neu zusammenzusetzen. Das auf Deutschland bezogene Ergebnis ist erstaunlich zu nennen, aber meine Assoziation zu diesem Artikel steht noch auf einem anderen Blatt.

Aus der Datenlage 100 repräsentativer Kliniken zwischen 2002 bis 2010 wurden also die Werte auf die gesamte USA hochgerechnet, und das Team der University of Calofornia in San Fransico schätze die tatsächliche Fallzahl in 9 Jahren auf 17.600 Personen mit Reißverschlussverletzung am Genital. Die USA hatten 2010 ca. 309 Millionen Einwohner. Legt man ein Verhältnis von Männern zu Frauen von 0,9 zu 1,0 (in Industriestaaten) zugrunde, kommt man also auf ca. 146 Millionen Männer (vom Säugling bis zum Greis), und damit auf ca. 1 Fall pro 73.000 Männer im Jahr. Mehr als die Häfte der Unfälle betrifft Kinder und Jugendliche.

Legt man diese Zahl nun unreflektiert auf Deutschland um, mit einer Gesamteinwohnerzahl vom knapp 82 Millionen Personen, somit also knapp 39 Millionen Männern, wären das ca. 540 Fälle pro Jahr.

Die Zahl kommt mir reichlich hoch vor. Dabei ist aber zu berücksichtigen, dass in den USA die „Notaufnahme“ einer Klinik durchaus als normale Behandlungspraxis für die nicht hinreichend versicherte Bevölkerung angesehen werden kann, der der Besuch eines niedergelassenen Arztes schlicht zu teuer ist. Und in den Notaufnahmen der Kliniken können unterversicherte Patienten eine (teilweise) kostenreduzierte Behandlung bekommen. In den meisten Fällen reichte offensichtlich auch eine ambulante Befreiung der eingeklemmten Haut und anschließende Desinfektion der oberflächlichen Verletzung als Behandlung aus. In Deutschland dürften die Notaufnahmen mit solchen Fleischwunden her weniger belastet werden, da Wochentags auch niedergelassene Arztpraxen zur Behandlung bereit stehen.

Etwas verwunderlich empfinde ich dann die Angabe, dass als häufigster Grund von Genitalverletzungen bei männlichen Kindern und Jugendlichen Quetschungen durch „herunterknallende Toilettendeckel beim Urinieren“ angegeben sind. Für dieses Problem hatte schon meine Mutter eine ganz einfache Lösung – wenn auch aus anderem Hintergrund: Beim Pullern wird sich hingesetzt! Gefahr gebannt.

Aber ich wäre nicht der Gedankenknick, wenn mir beim Lesen dieses Artikels nicht eine ganz andere Assoziation durch den Kopf gegangen wäre. In meiner olivgrünen Phase [1] habe ich mich kurzfristig gefragt, warum alle möglichen Ausrüstungsgegenstände mit Knöpfen und nicht mit Reißverschlüssen versehen waren. Ich erklärte mir das damals so, dass sich abgefallene Knöpfe im Feld sehr einfach mit dem zur Grundausstattung gehörendem „Nähset, BW, einfach“ instandsetzen ließen – was ich sehr zur Verwunderung meiner Vorgesetzten dann auch öfter durchführte, als sich verschiedene Ösenschließer aufgrund mangelhafter produktionsseitiger Befestigung in „unguided Missles“ zu wandeln drohten.

Dieser PZ-Artikel wirft für mich allerdings ein ganz neues Licht auf die Beweggründe zur Knopfschließleiste an Militärhosen.

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[1] Ja, ich habe meine Wehrpflicht tatsächlich bei Väterchen Staat und nicht bei Mütterchen Sozialausrede abgerissen. (Damit will ich auf keinen Fall alle damaligen Zivis verunglimpfen. Es gab genug Zivis, die in der Krankenbetreuung eine mehr als schwere Arbeit hatten – mein Respekt gilt euch. Aber ich kenne auch ein paar, deren „Job“ ich für mehr als fragwürdig hielt…)

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11 Gedanken zu „Maskuline Reißverschluss-Unfälle

  1. “herunterknallende Toilettendeckel beim Urinieren”
    Die Unfallmechanik kann ich mir nicht direkt vorstellen.
    Entweder hängt das Klo bei denen sehr hoch, die sind alle sehr klein, oder alle sehr lang.

    Dumm anstellen muss man sich dafür alle mal.

    • Das Problem kannte ich schon (den Darwin-Awards sei dank), die Dissertation selber hatte ich noch nicht gelesen. Das Problem war „typsch deutsch“ und hauptsächlich der Staubsaugerkonstruktion geschuldet (welche fast nur in D verkauft wurde); die fragliche Herstellerfirma will heutzutage davon auch nichts mehr wissen … 😉

      Oder um es mit Loriot zu sagen: „Es saugt und bläst der Heinzelmann, wo ein anderer nur saugen kann!“

  2. Die 540 können schon stimmen, passiert häufiger als man denkt. In D verdrücken sich im Schnitt 80-90 Menschen bei autoerotischen Würgespielchen aus der Existenz, 2-3 verunfallen mit der Geschirrspülmaschine in der Küche tödlich…
    Zur Notaufnahme: sowas passiert eben gerne außerhalb der Dienstzeit des Hausarztes.
    Bei irgendwelchen Verletzungen fährt man allerdings auch in D traditionell in die Notaufnahme.
    Ja, und breitbeinig mit rotem Kopf reinstolzieren sorgt durchaus für Heiterkeit dort.

    • Wie verunglückt man denn tötlich mit der Geschirrspülmaschine – mal von elektrischen Schlägen bei der Manipulation des Stromanschlusses abgesehen? Man setzt sich rein und zieht die Klappe von innen mit einem Saugnapf zu? Ich gebe ja offen zu, für solche Ideen reicht meine Fantasie nicht aus….

      • Ganz einfach: man zieht sie auf, räumt das Besteck (Messer/Gabeln) mit der Spitze nach oben in den Geschirrkorb, stolpert und stürzt drauf. So einfach geht das.
        Bei Haushaltsunfällen sterben mehr Menschen als im Straßenverkehr. Teppichkanten können tödlich sein! In der Dusche ertrinken so einige.
        Und an Fischgräten sterben in D mehr Menschen als in D ermordet werden.

    • Also bei mir schon. Wie das bei anderen Leuten aussieht, kann ich auch nur mutmaßen.

      Aber wenn Du bei Jörg Niessen „Schauen Sie sich mal diese Sauerei an – 20 wahre Geschichten vom Lebenretten“ liest, wird eine Situation beschrieben, wo beim hochreißen der Hose beim Rettungsalarm ein solcher Reißverschlussunfall auftritt.. 😉

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