Fight Night: Runde 3!

Willkommen zurück, werte sportbegeisterte Zuschauer, bei dieser interessanten Auseinandersetzung zweier Kontrahenten um die (schwach)sinnige Belieferung von (schwach)sinnigen und (il)legalen Impfstoffverschreibungen. Die letzte Ringpause wurde von seiten der kranken Kassen und der KVen „geringfügig“ überzogen. Aber unsere Ringrichter haben alle Augen zugekniffen und alle Ohren zugehalten, und damit scheint das in Ordnung, denn die Arztseite des Kampfes hat es auf Weisung ihres krankenKassen-Trainers genauso gehalten, und damit scheint dann ja alles geklärt. Nun wurde noch ein Zusatz-Ringrichter – das Sozialgericht Stuttgart – zu dem Kampf berufen. Da Gerichte in Deutschland ja bekanntlich ständig positiv durch Hochgeschwindigkeitsbearbeitung kritischer Probleme auffallen, wird der Ausgang dieses Kampfes ja nicht mehr lange auf sich warten lassen… 

Wie ich bereits hier und hier berichtete, setzen sich die AOK BW und die KV BW derzeit mit dem LAV BW um sinnige und juristisch korrekte Verschreibungen und Belieferungen von Impfstoffen auseinander. Nun haben seit meinem letzten Bericht die Apotheker mit ihrem Vertreter, dem LAV BW, das Gespräch gesucht, um die Sache gemeinsam aus der Welt zu schaffen, denn schließlich sollten alle drei beteiligten Partner im Gesundheitswesen und bei der Patientenbetreuung und -versorgung sein.

Gemäß der Meldung von Apotheke Adhoc scheinen das aber zwei der drei Beteiligten anders zu sehen – so interpretiere ich das zumindest. Denn wenn die kranken Kassen und die KV einfach alle angebotenen Gesprächstermine verstreichen lassen, scheint man an einer Lösung des Problems nicht wirklich interessiert zu sein. Nun sieht es so aus, als ob diese beiden Seiten die Sache einfach aussitzen wollen, getreu dem Motto: Wir haben beschlossen, dass ein anderer blutet – wenn wir also nichts dazu sagen, wird schon alles so glatt gehen, wie wir uns das ausgedacht haben.

Wobei sich an der Grundidee der kranken Kassen nichts geändert hat. Die Kasse schließt einen Rabattvertrag mit Hersteller X über Impfstoff Y. Die ersten dieser Verträge gelten übrigens schon seit Januar diesen Jahres. Die Arztpraxis verschreibt „Impfstoff gegen Erkrankung Z“ – und dafür bekommt die Arztpraxis eine extra Vergütung. Die Apotheke muss nun aus allen verfügbaren Impfstoffen gegen diese Erkrankung den Impfstoff Y der Herstellerfirma X heraussuchen und liefern – dafür bekommt die Apotheke aber keinerlei extra Vergütung. DIe kranke Kasse bekommt dann vom Hersteller X Geld zurück. So weit, so gut.

Diese Grundidee greift aber zu kurz, denn wie ich bereits zu erklären versucht haben, regen die kranken Kassen die Ärzte an, Rezepte (gemäß Arzneimittelverschreibungsverordnung) falsch – oder wie es die kranken Kassen so gerne ausdrücken „uneindeutig“ – auszustellen, und dafür sollen die Ärzte auch noch belohnt werden. Die Zusatzarbeit (das Herausfinden des Rabatt-Impfstoffes) und das gesamte finanzielle Risiko [1] bleiben dann an der beliefernden Apotheke hängen. Und das ist nicht ohne, denn Impfstoffe untereinander sind definitiv nicht (so ohne weiteres) austauschbar. Und das von den kranken Kassen angestrebte Verfahren widerspricht allen derzeit gültigen rechtlichen Grundlagen. Dass die Apotheken dieses Spiel nicht mitspielen wollen, kann ich gut nachvollziehen.

Aber der (kostenfreien) Zusatzarbeit für die Apotheken nicht genug: Es wurden für unterschiedliche „Losgebiete“ Rabattverträge mit unterscheidlichen Herstellern abgeschlossen. Dabei ist aber (noch) völlig unklar, wie die Apotheke denn den „richtigen“ Hersteller herauszusuchen hat. Richtet sich das Losgebiet dann nach dem Sitz der Arztpraxis, dem Wohnsitz des Patienten oder (eher unwahrscheinlich) dem Standort der Apotheke? Niemand weiß es. Aber jeder kann sich leicht das entstehende Chaos in den ersten beiden Fällen ausmahlen.

Nun soll das Sozialgericht Stuttgart das Problem klären. Zu den meisten Sozialgerichten habe ich eine sehr eigene Meinung [2], aber warten wir ab, was sich das Gericht dazu ausdenkt. Denn eines ist klar: Mit den Urteilsspruch sollte zumindest eine gewisse Form von Rechtssicherheit hergestellt sein.

Die Ärzteschaft vergisst dabei meiner Meinung nach aber einen ganz wichtigen Punkt: Sollte das Gericht wirklich die Durchführung gemäß den kranken Kassen befürworten – und den Apotheken somit zusichern, dass auf diese fehlerhaft ausgestellten Rezepte kein Null-Retax folgen kann – geben die Ärzte bei den Impfstoffen ihre viel gerühmte und immer wieder hervorzitierte Therapie-Hoheit an der Garderobe der kranken Kasse ab. Ich bin mir nicht sicher, ob dieses Problem der KV BW und auch den betroffenen Arztpraxen klar ist – aber wenn das ganze Konstrukt erfolgreich ist, dürfen die kranken Kassen alle 15 Tage den Losgebieten neue Rabatt-Hersteller zuordnen, was von den Apotheken gnadenlos umzusetzen ist. Das ist insofern Spitze, als dass bei einige Impfungen zur vollständigen Erstellung eines Immunschutzes der Hersteller des Impfserums über einen gewissen Zeitraum (für den einzelnen Patienten) nicht gewechselt werden sollte. Und die Erstellung eines Immunstatus zur Überprüfung der Wirksamkeit der Impfserie gibt es vermutlich auch nicht umsonst beim Labor.

Ein Kommentator bei Apotheke-Adhoc sagte dazu: Wenn das Schule macht, steht dann auf anderen Rezepten auch bloss noch „Etwas gegen Durchfall“. Spannend wird es, wenn auf dem Rezept dann verordnet wird: „Etwas gegen Hypertonie“. Wer dann glaubt, dass die Kasse etwas anderes als eine (kleine) Packung des allerpreiswertesten Rabatt-Medikaments mit Zulassung „Hypertonie“ zahlen würde [3], glaubt auch daran, dass die Ostereier von Osterhasen gelegt werden. Schöne neue Welt.

Dass die reine herstellerbefreite Wirkstoff- und Wirkstärkeverordnung mit Angabe der verschriebenen Packungsgröße und eines klaren Dosierschemas einfach nicht umgesetzt wird, zeigt sich seit 2007. Dieses Verschreibungsverhalten hätte die Umsetzung der ohnehin schon existierenden Arzneimittel-Rabattverträge dramatisch vereinfacht, wurde damals von der Ärzteschaft unter Berufung auf die „Therapie-Hoheit“ [4] aber flächendeckend abgelehnt.

Natürlich habe ich auch eine eigene Meinung zu dem Problem – in diesem Fall sogar einen eigenen – recht simpel umzusetzenden – Lösungsvorschlag. Der hat einige Vorteile, aber auch einige Nachteile für verschiedene Beteiligte – und geht so: Die kranken Kassen melden der KV, welches Losgebiet welchen Impfstoff-Rabattpartner hat. Die KV sortiert das durch und meldet den einzelnen Arztpraxen, welchen Impfstoff sie gemäß Rabattvertrag verordnen müssten.  Nun können die Ärzte den Rabatthersteller bewußt verordnen, oder sich auch bewußt dagegen entscheiden und einen anderen Hersteller aufs Rezept schreiben. Die Apotheke beliefert den verordneten Impfstoff (und kann gegebenenfalls in der Arztpraxis nachfragen, ob der Nichtrabatt-Impfstoff wirklich gewollt ist) – und alle Beteiligten wissen, was die anderen gerade wollen. Die finanziellen Vorteile für die Arztpraxis bei Verschreibung eines aktuellen Rabattimpfstoffes lasse ich hierbei unangetastet. Vorteile für alle Beteiligten wäre, dass es einerseits eine nach AMVV korrekt ausgestellte Verordnung wäre, und dass damit von vornherein keine Unklarheiten auftreten. Andererseits würden die Ärzte ihre Therapie-Hoheit unangefochten behalten. Nachteil für die Arztpraxen wäre, dass diese einen Teil der Bürokratie der Apotheke und auch einen Anteil der finanziellen Rechenschaft gegenüber der kranken Kasse aufgebürdet bekommen würden, welche derzeit einzig und allein den Apotheken vorbehalten bleiben sollen. Aber dieser Lösungsvorschlag ist wahrscheinlich zu einfach in der Umsetzung. 

Liebe Fangemeinde des gepflegten Hau-drauf-wie-nix – warten wir also gespannt, welches Ergebnis uns der allerneuste Zusatz-Ringrichter präsentieren wird, und schauen wir derweil den beiden Kontrahenten beim Verteidigungs-Stellungskampf zu..!

———————-
[1] Belieferungen von „uneindeutig verordneten Rezepten“ durch Apotheken werden des öfteren mit einem Null-Retax seitens der kranken Kassen bestraft. Dabei geht die (falsch) ausstellenden Arztpraxis ohne Strafandrohung aus – die (finanzelle) Bestrafung bekommt allein die beliefernde Apotheke zu spüren.
[2] Wenn ich diese meine Meinung hier undifferenziert wiedergebe, droht mir eventuell eine Klage wegen „übler Nachrede“. Also lasse ich das lieber. Ich finde es aber trotzdem auffällig, wie oft deutsche Sozialgerichte schon zu Gunsten von Leistungsträgern entscheiden haben, obwohl sich vorher so ziemlich alle Beteiligten sicher waren, dass der Leistungserbringer im Recht gewesen sein sollte.
[3] Meiner Meinung nach dürfte damit dann zur Zeit „Amlodipin 1A 5mg Tabletten 100St.“ für 11,01€ abzugeben sein. Es sei denn, die kranke Kasse sagt mir einen noch preiswerteren Rabattartikel.
[4] Falls es nicht klar rüberkommt: Ich habe nichts gegen die ärztliche Therapie-Hoheit! Ganz im Gegenteil – ich finde die prima. Ich habe nur etwas dagegen, dass die immer gerade so ausgelegt wird, wie es das Fähnlein im (politischen) Wind erfordert. Eine klare Linie – und schon ist (bei) mir auch alles klar.

Advertisements

Knick hier Deine Gedanken (Mit Nutzung der Kommentarfunktion erklären Sie sich damit einverstanden, dass alle eingegebenen Daten und Ihre IP-Adresse nur zum Zweck der Spam-Vermeidung durch das Programm Akismet in den USA überprüft und gespeichert werden.):

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s