Apotheken-Einsparungen 2011 – Amtliche Statistik für die Tonne

münzenWie Apotheke Adhoc vermeldet, hat das Statistische Bundesamt (Destatis) jetzt endlich mal seine Daten von 2011 (!) europäisch abgeglichen und eine Statistik zum Gesundheitswesen veröffentlicht, die zum Schluss kommt, dass sich die kranken Kassen an den deutschen Apotheken gesund sparen. Das ist nicht wirklich neu, und die Apotheken sagen das – unter wüsten „Lügen, Lügen!“- Rufen der kranken Kassen und der Politik – schon seit mehreren Jahren. Aber was da an Zahlen präsentiert wird – ich komme da nicht ganz mit. Deswegen möchte ich das mal etwas beleuchten und die offiziellen Zahlen der ABDA gegenüberstellen…

Zur Vereinfachung färbe ich die DESTATIS-Zahlen einfach grün und die ABDA-Zahlen rot {Seitenzahl der Broschüre}. Dann fällt die Gegenüberstellung leichter. Vorweg: 1 Milliarde [Mrd] = 1.000 Millionen [Mil].

Schon bei den Arzneimittelausgaben geht es los:  39,8 Mrd. € nur für die GKV zu 33,5 Mrd. € {28} alle Verordnungen (auch Privatrezepte und andere Leistungserbringer wie Beufsgenossenschaften sind berücksichtig). Also sagt das DESTATIS den Krankenkassen schon mal schlappe 6,3 Mrd. € Mehrausgaben nach. Wie kann so etwas passieren? Wahrscheinlich hat das DESTATIS eine Auswertung der kranken Kassen übernommen, wo nicht nur  „Arzneimittel“, sondern gegebenenfalls auch „Geltungsarzneimittel“ wie Blutzuckerteststreifen, Verbandstoffe, Hilfsmittel und/oder Krankenhaus-Arzneimittel mit berücksichtig wurden.  Viel besser noch: Laut DESTATIS ist der Gesamtumsatz aller deutschen Apotheken [40 Mrd. € {28}]allein zu Lasten der GKV aufgebracht worden. Wohl gemerkt, in der ABDA-Statistik sind „privat“ verschriebene Arzneimittel und alle anderen Apothekenverkäufe sonst, wie z.B. auch Bonbons und ähnliches, berücksichtig.

Laut DESTATIS ist diese Summe um 2,7% seit 2010, also um 1,11 Mrd. € (bei einer Basis von 40,91 Mrd. € im Jahr 2010 – rückgerechnet) gesunken, was hauptsächlich auf die (gesetzlich festgelegte) Erhöhung des Apothekenabschlags von 1,75€ (vorläufig [1]) auf 2,05€, also um 0,30€ pro (verschreibungspflichtiger) Arzneimittelpackung zurückzuführen wäre. Also wären 3,7 Mrd. (verschreibungspflichtige) Arzneimittelpackungen 2011 abgegeben worden. Laut ABDA wurden im gesamten Jahr 2011 aber nur 0,761 Mrd. verschreibungspflichtige Arzneimittelpackungen abgeben. Hier irrt sich die DESTATIS offensichtlich um den Faktor 4,9! Wie kommt das vermutlich zustande? Gemäß AMNOG I wurde der Herstellerrabatt verschreibungspflichtiger Generika von 6% auf 16% angepasst, hier wurden die Hersteller mit zum Anderlass gebeten. Berücksichtigt man solche Veränderungen nicht, kommen so wahnsinnig unsinnige Zahlen zustande.

Aber auch die anderen Zahlen sind vom DESTATIS grandios recherchiert (Angaben in % an den Gesamtausgaben der GKV):
– Krankenhausausgaben: stationär 37% zu stationär & ambulant 33,5% {16}.
– Ausgaben für Ärzte: 44,4 Mrd. € (also 24% an den Gesamtausgaben von 179,61 Mrd. € ) zu 15,1% (bzw. 19,8% Ärzte & Zahnärzte). Alles {16}.
Die Gesamtausgaben der GKV hat das DESTATIS erst einmal gar nicht beziffert. Und wie die „Gesamtausgaben“ von 294 Mrd. € zustande kommen, wird vorsichtshalber auch offen gelassen. Zynischisch wie ich bin behaupte ich mal, da wurde auch jeder esoterische Klimbimm wie Klagschalen, Heilsteine und Erdstrahlenschutzmatten sind auch die Ausgaben der Privaten KVen und andere private Ausgaben der Verbraucher berücksichtig, die dann mit den Ausgabenzahlen der GKV munter durcheinandergewürfelt werden. Auch gut.

Eine Erklärung für so dramatische Abweichungen bei den GKV-Ausgaben finde ich allerdings nur, wenn ich unterstelle, das DESTATIS hat die „Sonstigen Ausgaben“ irgendwie auf alle anderen Ausgabenpositionen verteilt. Und das kann ich mir nur vorstellen, wenn das DESTATIS die Statistiken und Bilanzen der kranken Kassen schönen will. Denn unter „Sonstige Ausgaben“ fallen z.B. auch Werbung (Fernseh- und Printwerbung, Infopost usw.) und Ausgaben für Versicherte wie Kochkurse, Bauchtanzkurse, Beteiligungen an Lebensmittelgutscheinen von FastFood-Ketten [2] usw.

Und wo wir die ABDA-Statisik-Broschüre grade am Wickel haben, lohnt sich auch, ein paar weitere Blicke hineinzuwerfen. Am Gesamt-Etat der GKV  2011 der Anteil betrug der Arzneimittelausgaben 15,2%, also in etwa genau so viel wie die Ausgaben für (niedergelassene) Ärzte, und ungefähr 3x soviel wie für die Selbstverwaltung der Kassen. {16}

Der 2011er Anteil der Wertschöpfung der gesamten Apotheken Deutschlands betrug 2,3% der Gesamtausgaben der GKV, und damit nicht einmal die Hälfte der Selbstverwaltungskosten! {16} Diese Zahl wird besonders interessant, wenn man sich überlegt, dass in allen Apotheken und in allen kranken Kassen Deutschlands ungefähr die selbe Anzahl Menschen arbeitet.

Die Einsparungen der kranken Kassen durch die Zwangserhöhung des Apothekenabschlags von 2010 zu 2011 betrug übrigens ziemlich exakt 175 Mil. € (nicht etwa 1,11 Mrd. €), wenn man leidlich gleiche Packungszahlen voraussetzt. Da die Zahl abgegebener Packungen leicht gesunken sein dürfte, könnte die Einsparung auch ein paar € höher ausgefallen sein – aber die 200 Mil. € dürften wohl nicht erreicht werden.

Auch spannend ist die durchschnittliche Einwohnerzahl pro Apotheke {12}. Hier zeigt sich, dass Deutschland gar nicht die so oft beschworene dramatisch hohe Apothekendichte aufweist. Mit durchschittlich 3.800 Einwohner / Apotheke liegt Deutschland nicht nur weit hinter Frankreich (2.800 E/A) sondern auch deutlich hinter den EU-Durchschnitt (3.300 E/A). „Aber Deutschland hat zu viele Apotheken!“, dieser Satz sagt sich immer so leicht in der Politik und in der Polemik…

Ebenfalls informativ ist die Apothekenhonorierung {13} im Vergleich zu anderen Entwicklungen, vor allem im Vergleich zu den Einnahmen der GKV und zur Inflationsentwicklung, aber auch im Vergleich zu den Tariflöhnen. Während alle anderen Linien klettern, kräpelt die Vergütung der Apotheken immer schön auf einem Nievau dahin. Diese Linie zu betrachten sollte wirklich dem Leser die Augen öffnen, wie es um die wirtschaftliche Situation der deutschen Apotheken bestellt ist.

Gar nicht beziffert werden in beiden Betrachtungen die Einsparungen der kranken Kasssen durch die Rabattverträge mit den Arzneimittelherstellern. Diese Zahlen werden bewußt in den Aufstellungen durch die kranken Kassen nicht angegeben, da sie „geheim“ sind. Die Arzneimittelausgabenstatistik wird (vermutlich) nicht um diese Summe bereinigt dargstellt. Je nach Lust und Laune werden diese von denkranken kassen zwischen 0,5 Mrd. €und 1,5 Mrd. € pro Jahr angegeben, ich unterstelle aber eine wesentlich höhere Summe. Und ich vermute, dass dieser Geldbetrag benutzt wird, um die „Selbstverwaltungskosten“ und die „Sonstigen Ausgaben“ zu schönen.

Und was bringen solche schwachsinnigen Statistiken nun?
Ganz einfach, die kranken Kassen rechnen sich ihre Ausgaben schön (und teuer), unterstützt vom Statistische Bundesamt, um mittels der Politik noch mehr Druck auf die Leistungserbringer – insbesondere auf die gehassten Apotheken – ausüben zu können. Die Politik betrügt die Bürger gaukelt den Bürgern falsche Sachverhalte vor – im Sinne des eigenen politischen Konstrukts, den kranken Kassen, welche im Gegenzug mit netten Aufsichtsratsposten winken – um Bürger und Steuerzahler weiter in die Mangel zu nehmen. Ja, so stelle ich mir eine funktionierende Demokratie vor – Transparenz bis in den letzten Winkel. Vielleicht hätte das Statistische Bundesamt mal vorher jemanden fragen sollen, der sich damit auch auskennt – also sowohl mit den deutschen Apotheken, als auch mit Statistik.

Nachtrag: Die Zahlen in der ABDA-Bröschüre sind übrigens ziemlich Deckungsgleich mit denen des VFA von 2011, auch wenn die auf der verlinkten Seite Hochrechnungszahlen darfstellen.

———————–
[1] Die die Verhandlungen zum Apothekenabschlag 2009 und 2010 immer noch eines Gerichtsurteils warten, wissen die Apotheken Deutschlands auch 3 Jahre nach Abschluss des Wirtschaftsjahres 2009 immer noch nicht, was sie wirklich in diesen beiden Jahren verdient haben. Das kommt besonders spannend, wenn man dem Finanzamt Rede und Antwort zum Einkommen stehen muss.
[2] Ja, die gab es wirklich mal, wie sich dieser Artikel erinnert. Eine AOK hat sich da mit einer Art „Bonuspunkte“-Programm hervorgetan. Auf vielfachen Protest seitens der Apotheker, Ärzte und auch des Verbraucherschutzes wurde diese Aktion aber relativ schnell wieder eingestellt.

Advertisements

2 Gedanken zu „Apotheken-Einsparungen 2011 – Amtliche Statistik für die Tonne

Knick hier Deine Gedanken (Mit Nutzung der Kommentarfunktion erklären Sie sich damit einverstanden, dass alle eingegebenen Daten und Ihre IP-Adresse nur zum Zweck der Spam-Vermeidung durch das Programm Akismet in den USA überprüft und gespeichert werden.):

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s