Ein langer Weg für kalte Spritzen

Vor langer langer Zeit [1] begab es sich im Lande des Gedankenknicks, dass an einem Donnerstag Nachmittag der Tod in Latschen an die Apo-Theke trat und ein Rezept zur Belieferung vorlegte.

Nun muss ich mich allerdings korrigieren, denn es waren keine Latschen sondern modische Halbschuhe an den Füßen, die natürlich auch nicht zum Tod, sondern zu Frau Stase gehörten, die dem Tod an diesem Tag aber wie aus dem Gesicht geschnitten ähnelte. Meine Güte, Frau Stase, Sie sehen ja wirklich nicht gut aus. War es diesmal so schlimm?
Fragen Sie lieber nicht. Sie räusperte sich. Ich brauche schnell das hier, und dann will ich nur noch nach Hause., reichte sie mir das bereits erwähnte Rezept.

Frau Meta Stase, noch gar nicht so alt an Jahren, war nicht nur schon lange eine treue Kundin in unserer Apotheke. Sie war seit einiger Zeit auch in onkologischer Behandlung, und die letzte hatte sie gar nicht gut vertragen. Dazu passte auch die Verordnung, denn auf dem Rezept stand eine Packung Erythropoetin-Fertigspritzen – ein Mittel, welches hormonell die Produktion der roten Blutkörperchen anregt.

Nun muss man wissen, dass zu dieser Zeit teure Medikamente von den Herstellerfirmen gerne direkt an die Apotheken geliefert wurden, da sie auf diese Weise die Handelsspanne der Großhändler mit abschöpfen konnten, was vor Einführung des AMNOG durchaus nicht wenig war. [2] Andererseits handelt es sich bei den EPO-Spritzen um eine sogenannte kühlkettenplichtige Ware. [3] Die meisten nicht medizinisch arbeitenden Personen kennen dieses Produkt vermutlich aus dem Radrennsport, wo es bei der Tour de France eine steile Karriere hinlegte. Frau Stase brauchte die Spritzen aber offensichtlich nicht aus Dopinggründen. Langer Rede kurzer Sinn – das Arzneimittel war relativ neu, relativ teuer, und deswegen relativ schwer zu beschaffen.

Ach Frau Stase, dass muss ich direkt beim Hersteller besorgen. Ich rufe mal an, wie flink die sind. Es wird einen Augenblick brauchen, Sie dürfen gerne so lange auf der Bank Platz nehmen.
Nein lassen sie mal. Rumgesessen habe ich heute schon genug.
Frau Stase ob dieser Aussage bewundernd, ging ich zum Telefon und schloss mich mit dem Hersteller kurz. Die Lieferung werde bereitgestelt, hieß es, und am Montag gehe sie per Kurier raus, damit sie mich am Dienstag erreicht, da Samstags ja nicht ausgeliefert werde, weil die Kühlung über das Wochenende nicht garantiert sei.
Frau Stase, reicht Dienstag?, fragte ich, mit einer Hand das Mikrofon bedeckend.
Ich soll aber schon am Samstag anfangen.
Nein, eine Expresslieferung sei nicht möglich, Kühlkette und so, meinte der Hersteller dazu. Mist.
Frau Stase, ich versuche eine Lösung zu finden, und ich rufe Sie heute abend an. So lange will ich Sie nicht warten lassen. Ruhen Sie sich zu Hause aus.

Eine kurze Rücksprache mit meinem Chef brachte auch keine zündende Idee. Solange der Hersteller auf dem Arzneimittel säße wie der Drache auf dem Schatz, ließe sich ja kaum was machen. Und woher nehmen wenn nicht stehlen?
Stehlen… stehlen…
Chef, großartig. Ich hab ´ne Idee. Wenn es geht, brauche ich zwei mal ca. 4 Stunden den Betriebswagen, und diese Zeit natürlich dienstfrei.
Mein Chef schaute mich leicht verblüfft an und nickte. Und was ich vor hätte?
Sag ich, wenn es klappt.

Mir war in den Sinn gekommen, dass Großstadt über eine Uni-Klinik von international gutem Ruf verfügt, und diese hat natürlich eine onkologische und eine endokrinologische Fachabteilung. So schwang ich mich ans Telefon, ließ mich von hier nach dort und anschließend wieder zurück – gefühlt mit mindestens der Hälfte der in der Klinik vorhandenen Telefone – verbinden, und fragte immer, ob so eine von mir gesuchte Packung auf der Station herumläge.
Ja, haben wir da., war die für mich erleichternde Antwort auf der fünften weiter verbundenen Station.
Mir ist klar, sagte ich, das sich das jetzt ziemlich merkwürdig anhört. Könnten Sie mir die ausborgen?
Ausborgen?
Und so umriss ich flink mein Problem mit Frau Stase. Ich würde die Ihnen am Mittwoch auch wiederbringen. Also die frische. Und ich lasse Ihnen auch meinen Ausweis als Pfand da.
Eine Erklärung der Apotheke und eine Unterschrift reichen uns.
Prima, dann stehe ich morgen Nachmittag bei Ihnen auf der Matte. Danke.

Freitag Mittag, das Tagesgeschäft war so ziemlich rum, denn ab 12.00 Uhr schließt auch die letzte Arztpraxis ihre Pforten, klemmte ich mich also hinter das Steuer des Dienstwagens – also eher des Dienstwägelchens, einem 3er Golf – und machte mich auf den Weg gen Großstadt. Ich kam gut durch, auch der meiste Verkehr wollte ja aus der Stadt heraus Richtung Wochenende, und von den üblichen Baustellen abgesehen kam ich ziemlich gut durch die Straßen unseres Landes. Ein Parkplatz war recht schnell gefunden, die Station zu finden war schon schwerer. Ich irrte also die Gänge entlang, fragte hier und schaute mir dort Hinweisschilder und Wegweiser an, denn die Auskunft am Eingang hatte mich nicht wirklich auf die richtige Fährte gesetzt – oder ich war nicht schlau genug, dieser Spur zu folgen. Schließlich fand ich aber fragliche Station. Dort angekommen wartete man tatsächlich schon auf mich, und erkannte mich sofort an der unter den Arm geklemmten bis auf den Kälteakku jedoch leeren Kühlbox.
Hallo! Ich bin der Gedankenknick aus selbiger Apotheke und wollte…, setzte ich an, um die mich zumindest erst einmal vorzustellen, bevor ich eigendlich undenkbare Forderung umsetzen wollte.
Jaja, alles klar. Unterschreiben Sie einfach hier, legte man mir ein Blatt vor, auf dem kaum mehr Stand als „Empfangsbestätigung für Präparat XY“, und bringen Sie uns die Packung zurück, wenn die bei Ihnen eintrifft.
Ich lasse Ihnen aber gerne einen Pfand… Die Packung kostet ja so einiges…
Nein, lassen Sie mal!
So ließ ich zumindest noch meine vorbereitete Empfangsbestätigung da.
Na dann danke! Und bis bald!, verabschiedete ich mich glücklich mit einer jetzt volleren Kühlbox unter meinem Arm.

Wie versprochen 4 Stunden später war ich wieder in Kleinstadt, und brachte Frau Stase gleich die Fertigspritzen vorbei. Der Dank hier war nicht überschwänglich, aber herzlich – ich hatte bewusst nicht verraten, was ich da so unternommen hatte und noch unternehmen wollte, um das Problem in den Griff zu bekommen. Die obligatorischen Tipps zur korrekten kühlen Lagerung, gute Besserungswünsche, und weg war ich wieder – ab an die Apo-Theke.
Schon wieder zurück? Warst ja schnell! , meinte mein Chef zu mir. Soweit alles klar? Wurdest Du geblitzt, musst ja gerast sein!
Nein! Ja! Lief bisher alles wie geplant. Kann nicht klagen.
Und dann war der Freitag auch schon fast vorbei.

Dienstag traf wie versprochen die Packung vom Hersteller ein. Mittwoch Mittag schwang ich mich nochmals in das Dienstwägelchen und sauste Richtung Großstadt, um meine Schulden zu tilgen und eine kleine Aufmerksamkeit für das Krankenhauspersonal als Zinsen dazuzugeben. Auch diese Fahrt verlief ereignislos, aber ich fand die Station diesmal viel schneller.

Und das soll das Ende dieser kleinen Märchenstunde sein, denn es ist ein schönes Ende, mit dem ich mich gut fühlte, und welches mir ab und an eine warme Erinnerung ist.

Und wer Happy-Endings mag, sollte unter [4] und [5] nicht weiterlesen.

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[1] Es ist so lange her, dass damals noch die „alte“ Arzneimittelpreisverordnung galt, bei dre die Apotheke einen prozentualen Aufschlag auf den Einkaufspreis bekam. Und das hat für den Verlauf der Geschichte durchaus entscheidende Bedeutung, wie ich unter [5] erkläre.
[2] Mit Inkrafttreten des AMNOG wurden einerseits die Hersteller verpflichtet, (fast) alle Arzneimittel über den Großhandel auszuliefern. Andererseits wurde die Gewinnspanne des Großhandels auf ca. 37 € gedeckelt, so dass sich der Direktvertrieb für den Hersteller kaum noch lohnt. Aber auch für den Großhandel lohnt sich der Aufwand mit sehr teuren Arzneimitteln nicht mehr wirklich, was die Dinge auch nicht vereinfacht.
[3] Kühlkettenpflicht bedeutet, dass das Arzneimittel ständig bis zum Verbrauch, auch beim Transport und beim Patienten, bei Kühlschranktemperaturen von 2°C bis 8°C gelagert werden muss.

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[4] Frau Stase erlag ihrem erneut ausgebrochenem Krebs etwa ein halbes Jahr später. Ich hoffe allerdings, sie bis zu diesem Zeitpunkt so weit unterstützt zu haben, wie ich konnte.
[5] Würde ich den selben Aufwand heute nochmals betreiben? Es käme sehr auf den Patienten an. Ich kann nicht pauschal ja oder nein sagen, denn 8 Stunden Arbeitszeit und für knapp 50 € Benzin zu verfahren bei einen Rohertrag von ca. 70 € – da darf sich jeder selbst ausrechnen, was zum Schluss hängen bleibt. Und leider muss ich auch wirtschaftlich denken…

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7 Gedanken zu „Ein langer Weg für kalte Spritzen

  1. Wow, das war echt ein Service der besonderen Art. Chapeau!
    Würde ich das auch machen, heute noch? SEHR fraglich. Sicherlich nicht für Frau von Nimm aus Raffstadt, die der Meinung ist, daß sie jedesmal eine Vichy Körpermilch als Geschenk bekommt, wenn sie alle drei Monate mit ihrem Privatrezept über Sortis, Nexium und Beloc hereinrauscht und das dann selbstverständlich mit der Lufthansa Kreditkarte bezahlt, weil sie ja Meilen sammelt….
    Also ich bin schon nach Geschäftsschluss zum Großhandel gefahren um ein BTM persönlich abzuholen, was noch am selben Abend benötigt wurde, aber das war innerhalb von Stuttgart und dauerte keine Stunde. Länger bleiben um auf Kunden zu warten, nach Hause bringen, weil Schnee und glatt o.ä. Ist ja wohl nichts erwähnenswertes, das passiert ja wohl so oder anders in fast jeder Apotheke irgendwann mal.

    • Das mit den Kreditkarten hatte ich ja schon am Wickel… Und BtM „abholen“ ist in Kleinstadt schlecht – es wäre genau dieselbe Reise wie zur Klinik. Ich warte dann jedesmal die ganze Nacht auf den Fahrer – und wenn der es vertrödelt (was auch schon vorgekommen ist) herrscht bei mir „Bombenstimmung“…

    • Ich hatte es damals der Neugier halber durchgerechnet und bin mit knapp +-0 DM aus der Geschichte rausgegangen. Außerdem hat die „Mischkalkulation noch gestimmt.

      Heutzutage würde ich (siehe [5]) dramatisch Minus daran schieben, und das liegt nicht nur am Benzinpreis…

  2. Toll von Ihnen, aber auch vom Krankenhaus!
    Aber manchmal muss es nicht gleich das ganz große Rad sein:
    Ich habe eine absolute Lieblingsapotheke seitdem ich mal schwanger + mit Grippe „gesegnet“ (ganz blöde Kombination) kaum noch stehen konnte. Weg zum HNO und zurück nur via Taxi möglich, wobei die Fahrt an keiner Apotheke vorbei führte und ich mit Fieber nur noch heim wollte, weil ich Angst bekam, dem Taxifahrer im Auto „umzukippen“. Dann der Anruf von Männe „komme später, mit Apotheke klappt wohl nicht“. Ich also bei der einzigen Apotheke angerufen, die meines Wissens in unserer Stadt noch liefert. Die nette Dame am Telefon erklärte mir freundlich, dass ihr Fahrer leider auch von der Grippewelle dahin gerafft wurde, worum es denn gehe. Kurzer Abriss meinerseits, schwanger, Grippe, die nächste Apotheke gefühlte Weltumrundungen weit weg. Plötzlich fragte sie einfach nur nach der Adresse und meinte, es käme am Abend noch jemand vorbei. Wie sich beim Vorbeibringen einer Pralinenschachtel durch meinen Mann am nächsten Samstag herausstellte, hatte die Angestellte spontan beschlossen, das Antibiotikum nach Dienstschluss auf dem Heimweg bei mir vorbei zu fahren und dabei einfach gleich Rezept samt Gebühr einzusammeln. Nein, das war wahrlich keine Selbstverständlichkeit in meinen Augen. Weder Weg noch Krankheit mit Ihrem Beispiel vergleichbar, aber toll fand ich es trotzdem!

    • Eine klasse Geschichte – für die Patientin und auch für die Apotheke.
      Leider werden Lieferungen zum Teil nicht nur als „selbstverständlich“, sondern als Verpflichtung der Apotheke wahrgenommen. Dazu könnte ich auch so ein oder zwei Geschichten erzählen… Und vielleicht werde ich das auch noch. 🙂

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