BigBrother ist watching You(r Hygiene)!

 Auf Heise.de wird über ein Sensorarmband berichtet, welches im Gesundheitssystem beschäftigten Menschen den Umgang mit hygienerelevanten Wasch- und Desinfektionsmitteln erleichtern soll. Dabei werden – soweit ich das verstanden habe – die Kontakte zu Waschmittel- und Desinfektionsmittelspendern via RFID-System vom Armband erfasst, welches dann mittels eines Beschleunigungssensors die Handgelenksbewegungen auswertet, um die korrekte Einwirkzeit zu ermitteln. Eine Rückmeldung erfolgt über Vibrationen – 1x vibrieren beddeutet „alles ok“, 3x vibrieren heißt „zu kurz gearbeitet“.  Soweit, so sinnvoll. Aber ich hab da so meine Probleme mit…

Damit das ganze für mich einen Sinn ergibt, müßten die auf diese Weise gewonnenen Daten nähmlich gespeichert, archiviert und ausgewertet werden. (Die Auslesung des Armbandes per Micro-USB ist vorgesehen. Wie diese Buchse hygienisch zu bewerten ist, weiß ich allerdings nicht.) Ohne diese Vorratsdatenspeicherung und Auswertung ist das System für mich kein schlüssiges Konzept – denn wenn es mich als Arbeitnehmer nicht interessiert, ob ich die Hygienemaßnahmen korrekt durchgeführt habe [1], interessiert mich das Vibrieren am Arm auch nicht. Die Auswertungen würde dann natürlich der Hygienebeauftragte im Namen des Arbeitgebers machen. Aber daraus folgt eine Vorratsdatenspeicherung, die sich sicher sehr positiv und nutzbringend einsetzen läßt, die dem Angestellten aber auch durchaus zum Verhängnis gereichen kann.  Spontan habe ich da folgende Szenarien im Kopf:

  1. Die Auswertung erfolgt stichprobenartig und Mitarbeiter werden einzeln und als ganzes Team mit dem (im Team-Fall anonymisierten) Ergebnis konfrontiert, um den Hygienestatus zu verbessern. Dieser Ansatzpunkt läßt an gezielte und sinnvolle Schulungen denken.
  2. Bei unzureichender Hygiene wird eine Ermittlung und Auswertung der Ursachen angestrebt. Liegt es wirklich an mangelnder Schulung bzw. Durchführungsdisziplin der Mitarbeiter, oder haben einzelne Teile oder gar das gesamte Hygienemanagement einen systematischen Fehler, den es zu eleminieren gilt.
  3. Die Auswertung erfolgt kontinuierlich durch den Arbeitgeber. Die Ergebnisse fließen sowohl in 3a) die Verbesserung des Hygienemanagements als auch in 3b) die Personalakten der einzelnen Mitarbeiter ein.
  4. Der Arbeitgeber benutzt die kontinuierlich gesammelten Daten als Druckmittel auf seine Angestellten. 4a) Sowohl in Bezug auf „Optimierung der Arbeitsabläufe“; als auch 4b) als „Munition“ für Abmahnungen und Kündigungen.

Alle Punkte werfen datenschutzrechtliche Fragen auf, insbesondere in wie weit die Anonymisierung dieser Daten angestrebt wird, wie lange die Daten gespeichert werden, und wie diese Daten gegen unbefugte Zugriffe und Manipulationen gesichert werden können. Und so sinnvoll Punkt 1) und 2) noch erscheinen, so schwierig wird schon bei 3b). Spätestens aber im Punkt 4, wo es dann an die Ökonomie der Arbeitsabläufe geht, werden diese Daten mit hoher Wahrscheinlichkeit eher „gegen den Arbeitnehmer“  als „für die Verbesserung der Hygiene“ verwendet werden.

Das ganze könnte man aber – durchaus sinnvoll – noch viel weiter treiben. RFID-Systeme an besonders relevanten Stellen wie bestimmten Diagnosegeräten sind bereits vorgesehen. Ich halte es für vorstell- und auch sehr leicht umsetzbar, auch bestimmte „Kontrollpunkte“ wie Türen oder Durchgänge mit RFID-Technologie zu versehen. Bei Passieren dieser „Checkpunkte“ wäre dann eine Hygienemaßnahme zwingend erforderlich, das Armband könnte – wie auch immer geartet – darauf hinweisen. Danach ließe sich auswerten, ob diese auch durchgeführt oder (bewußt) unterlassen wurde. Andere Kontrollpunkte wären einfach nur passiv. Auf diese Weise ließe sich ein komplettes Bewegungsprofil einzelner Mitarbeiter erstellen. Die Datenmengen, die dabei auflaufen würden, sind nicht einmal groß. Pro RFID-Punkt wäre es Uhrzeit, RFID-Stelle und ein paar Platzhalter für potentiell zu dokumentierende Ereignisse (Desinfektion erfolgreich/nicht erfolgreich/nein; Tür auf/zu; u.ä.) Ein paar lausige Bit pro Tabellenzeile reichen. Schöne neue Welt.

Bleiben drei Probleme, die sich für mich ergeben:

  1. Sollte das Hygienemissmanagement nicht im Desinteresse des betroffenen Mitarbeiters, sondern in Fehlern z.B. im organisatorischen Ablauf begründet liegen, muss an diesen Abläufen geändert werden. Gerade in deutschen Krankenhäusern, wo in der Zwischenzeit Ökonomie ganz groß geschrieben werden muss (Stichwort Fallpauschale), und wo durchaus am Personal gespart wird, kann es durchaus zu Situationen kommen, wo eine korrekte Hygiene nicht durchzuführen ist. Wenn z.B. eine Krankenschwester auf einer Station einen überwachungspflichtigen Patienten betreut, parallel aber Dinge wie „Essen austeilen und abräumen“ verrichten muss, bleibt bei einem Notfallalarm am Patienten nur, zu diesem hinzustürmen. Krasses Beispiel, gibt es aber.
  2. Sollte das Datenspeicherungssystem nicht manipulationssicher sein, könnte ein bestimmter Mitarbeiter nicht nur gemobbt werden, es könnte einem bestimmten Mitarbeiter durch Manipulation sogar die Schuld an einem Hygieneproblem untergeschoben werden. Das wäre genau das Gegenteil vom ursprünglich verfolgtem Ziel. Dabei sollte man immer bedenken, dass eine einmal eingeführte Technik auch möglichst umfassend be- und genutzt werden will. [2]
  3. Und nicht zuletzt: Es gibt genug Pflegebereiche, wo jegliche Form von „zu tragenden Anbauteilen“ untersagt ist. Seien es Ohrringe, Armbanduhren, Ketten, Haarteile, oder auch sonstiger Schmuck wie Armbänder. Das ganze hat nun tatsächlich einen sinnvollen Hintergrund, denn wenn ein Pflegebedürftiger an solchen Schmuck langt, kann es durchaus Verletzungen bei allen Beteiligten geben [3]. Damit ist das Sensorarmband für diese Bereiche per Definition eigentlich unzulässug, denn in der Kitteltasche getragen nützt es ja nichts.

So prinzipiell finde ich diese Entwicklung ja nicht schlecht, ähnlich dem RFID-Systemen im OP. Aber beim augenblicklichen Entwicklungsstand sehe ich sowohl direkte technische Schwächen als auch datenschutzrechtliche Probleme, deren Lösung noch nicht hinreichend er- bzw. geklärt wurde. Ein weiteres Problem sind natürlich die Erstanschaffungskosten und die Wartung des Systems. Ohne „Zusatzvergütung“ ist es wieder ein Kostenpunkt, der den „Überschuss“ zusammenschmelzen läßt, und für das dann an anderer Stelle gespart wird. Wird dann als Sparmaßnahme Personal abgebaut, wurde genau das Gegenteil vom Ursprungsziel erreicht.

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 [1] Die Gründe für dieses Desinteresse können unterschiedlich sein und werden später im Text noch angeschnitten.
[2] Als dummes Beispiel fällt mir z.B. die Auswertung der Verkehrsströme via der Mautbrücken deutscher Autobahnen ein. Dieses Konzept war bereits politisch im Gespräch, und würde zu einem Bewegungsprofil jedes auf der Autobahn fahrenden Fahrzeugs führen. Ähnlich ließe sich dann z.B. die Toilettenaufenthaltszeit eines Angestellten oder die Versorgungszeit einzelner Patienten erfassen und auswerten.
[3] Da wären z.B. Kinderstationen zu nennen, aber auch Bereiche, in denen ganz allgemein Patienten betreut werden, die die Folgen ihres Handels aktuell nicht korrekt einschätzen können.

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5 Gedanken zu „BigBrother ist watching You(r Hygiene)!

  1. Krankenpfleger im Stationsdienst müssten etwa ein Drittel ihrer Arbeitszeit mit Händedesinfektion verbringen. Solange man ihnen diese Zeit nicht zugesteht, nützt das tollste blinkende, klingelnde, vibrierende Superarmband nix.

    • Das Armband nützt dann leider dem Arbeitgeber für Abmahnungen und fristlose Kündigungen (aufgrund der nicht ausreichend durchgeführten da zeitlich nicht zu schaffenden Hygienemaßnahmen). Deswegen die (traurige) Überschrift des Artikels.

  2. Es geht einfacher: An den entsprechenden Bereichen wird ein Drehkreuz installiert. Daneben steht eine Apparatur, in die man seine Hände stecken muss und in der die Hände mit Desinfektionslösung besprüht werden. Anschließend wird durch die Apparatur das Drehkreuz freigeschaltet.
    Das habe ich mir nicht ausgedacht, sondern selbst so mal live auf einer Toilette gesehen. Ich fand das schick.

    • Das ist für Bereiche wie öffentlich zugängliche Toiletten oder auch Kreuzfahrtschiffe sicherlich praktikabel. Aber für Krankenhäuser ist das System meiner Meinung nach nicht geeignet, denn an Türen zu Patientenzimmern kann man schlecht Drehkreuze installieren, wenn man z.B. Betten oder Rollstühle durchschieben will. Auch vollbestückte Infusionsständer, Essenwagen, der „Wagen mit dem Reanimationsset´“ und ähnliches werden dann zum Problem. Außerdem – dass das „sträflich“ ist, ist mir bewußt – geht es manchmal um Sekunden (Reanimation…), und da ist so ein Drehkreuz dann echt im Weg.

      Als drittes Problem kommt hinzu, dass die Drehkreuzmechanik die Abgabe des Desinfektionsmittels überwacht, aber nicht die korrekte Anwendung. Wenn ich den Desinfektionsmittelsprühstoß bewußt ins Leere gehen lasse, würde das Drehkreuz mich trotzdem durchlassen. Das oben beschriebene Armband kontrolliert über den Beschleunigungssensor, ob ich die Desinfektionsbewegungen zumindest korrekt fake. Das Drehkreuz erscheint also für den Klinikalltag (oder in der Apotheke, im Pflegeheim oder in anderen hygienisch sensitiven EInrichtungen) eher als ungeeignet.

      • War keine öffentliche Toilette, sondern eine Toilette in einem GMP-kontrollierten Herstellbereich der Pharmaindustrie.
        Sowas lässt sich sicher nicht übertragen auf den Besuch eines Krankenzimmers – aus den von Dir genannten Gründen.

        Aber es lässt sich übertragen auf die Personaltoilette eines Krankenhauses. Laut Statistik wäscht sich jede fünfte Person nicht die Hände nach dem Toilettenbesuch. Mit dem Ding kann man zumindest sicherstellen, dass die Hände nach dem Stuhlgang zumindest Desinfektionsmittel mal gesehen haben. Selbst wenn das Desinfektionsmittel dann nicht ordnungsgemäß eingerieben wurde.
        Ist wirklich besser, als diese Orwellversion, die Du beschreibst.

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