Notdienstpauschale und Unterstellungen V1.4

noctu2Ja, die Notdienstpauschale in ihrer dramatisch bürokratischen Form scheint jetzt ganz dicht am Gesetzesbeschluss zu sein, wei man bei Apotheke Adhoc nachlesen kann. Die Einsprüche der Länder sind größtenteils zurückgezogen worden, und einige Anmerkungen verklagen ungehört. Nicht nur der Bundesrat ist übrigens mit der Regelung unzufrieden, auch der Nationale Normenkontrollrat bemängelt die überbordende Bürokratie dieses gesetzlichen Konstrukts. Und damit stehen sie nicht alleine da – ich persönlich finde die Regelung höchst kompliziert und echt unsinnig, wie ich in diesen Artikeln bereits darstellte, und das aus unterschiedlichen Gründen. Und mit mir empfinden – denke ich, wie man auch an den Kommentaren zu den einzelnen Artikeln sehen kann – viele Apotheker Deutschlands.

Nur, damit man mich nicht falsch versteht: Ich halte eine Notdienstpauschale nicht nur für wichtig, sondern auch für richtig. Nur die derzeitige Umsetzung ist typisch deutsch! Aber was die kranken Kassen jetzt dazu zu sagen haben, schlägt meinem Fass den Boden aus…

Denn wie man bei Apotheke Adhoc nachlesen kann, haben die kranken Kassen dazu wieder mal eine ganz einfache Meinung. Hier einige der Highlights, die ich gerne kommentiere:

Grundsätzlich bemängeln die Kassen aber, dass sie nicht für die Sicherstellung der Nacht- und Notdienste verantwortlich seien – sondern die Apotheken.

Ja, und die Apotheken machen das natürlich kostenlos. Sicher. Wie immer. Mich wundert ja nur, dass Apotheken überhaupt Notdienst machen – denn die kranken Kassen scheinen den ja sowieso nicht zu wollen. Scheint also der Staat den Notdienst zwangszuverlangen – und für wen? Für die Versicherten? Bei wem sind die wohl versichert? Doch nicht bei den kranken Kassen… oder etwa doch?

Über die Noctu-Gebühr finanzierten die Krankenkassen bereits heute die Dienste der Apotheken.

Das ist nun der allergrößte Unsinn, und das wissen die kranken Kassen selbst ganz genau. Die Noctu-Gebühr ist als Hürde zur Nutzung eines Notdienstes gedacht – wer kein Notfall ist, will keine 2,50€ bezahlen, was die diensthabende Apotheke entlastet. Aber wenn kein Patient kommt im Dienst, habt die Apotheke nicht einmal 2,50€ Entlohnung für viele Stunden Bereitschaft.

„Die vorgesehen Ausgestaltung macht Angaben der Apotheken zu ihren Packungszahlen manipulationsanfällig.“

Und hier wird es jetzt richtig lustig. Die kranken Kassen – immerhin Geschäftspartner der Apotheken – unterstellen allen Apotheken pauschal, nach Strich und Faden zu lügen und zu betrügen. Ich will ja nicht behaupten, bei den Apotheken gäbe es keine schwarzen Schafe, aber so eine Generalunterstellung ist ungezogen und grenzt für mich an „üble Nachrede“ und „Rufschädigung“. Liebe kranke Kassen, so etwas gehört sich nicht! Vor allem nicht gegenüber einem Geschäftspartner, dem man für immer weniger Geld immer mehr Arbeit aufbürdet. Oder seit ihr schon an dem Punkt angekommen, die Apotheken nur noch zu verhöhnen?

Aus Sicht der Kassen wären die zusätzlichen 120 Millionen Euro zudem nicht nötig gewesen. Schließlich sei das Fixhonorar erst zu Jahresbeginn um 25 Cent angepasst worden. […] Und mit der Erhöhung des Fixums sei eine leistungsgerechte Vergütung der Apotheken wiederhergestellt worden

Ich wiederhole es gebetsmühlenartig: Die Anpassung des Fixhonorars nach 8 Jahren um 0,25€ (oder auch um 3%) stellt eine (rein rechnerisch) rückwirkende jährliche Anpassung um 0,44% dar. Das reicht nicht mal, um die Verluste durch die Inflation in dieser Zeit auszugeleichen! Von den Verlusten durch AMNOG I und II und diversen vorhergehenden Einsparungsgesetzen wollen wir gar nich erst reden! Von einer „leistungsgrechten Vergütung“ unter ständiger Mehrarbeit der Apotheken zugunsten der kranken Kassen (Ausweitung der Rabattverträge, Verkomplizierung der Hilfsmittelverträge etc.) kann so schon keine Rede sein. Von einer „Wiederherstellung“ sollte man besser nicht sprechen, wenn man den Sinn des Wortes nicht erfasst hat.

„Dies läuft der grundlegenden Intention des Gesetzgebers zuwider, gerade die Landapotheken finanziell zu stärken. Zudem wird die GKV doppelt belastet. Konsequenterweise muss die Noctu-Gebühr von 2,50 Euro gestrichen werden.“

Weder die 2,50€ noch die (potentiell angedachten) 223€ pro Nachtdienst – von denen noch nicht sicher ist, ob diese jemals die Apotheken erreichen werden – decken die realen Kosten eines Nachtdienstes. Die Forderung nach der Streichung der 2,50€ zeugt nur von der Eigenschaft der kranken Kassen, im Zweifelsfall nach 17.30 Uhr den Anrufbeantworter auf „Keiner-Mehr-Da“-Spruch zu stellen und alle Probleme auf dann auf morgen früh zu verschieben. Damit ist aber weder den Versicherten, noch der Kasse selbst geholfen.

Der Verband schlägt daher vor, die Notdienstdichte regional festzulegen. „Das ist eine klassische Aufgabe der Apothekerkammern.“

Ja, genau dieses macht die Apothekerkammer ja auch. Aber deswegen ist der Notdienst leider noch nicht bezahlt! Oder ist mit Festlegung einer Versicherungsnummer auch jede Leistung eines Leistungserbringers durch die kranke Kasse bezahlt?

Ab er auch die Wirtschaft, diesmal in Form des „Bundesverbandes der pharmazeutischen Industrie“, fühlt sich durch das derzeitige Finanzierungskonzept der Notdienstpauschale hintergangen, wie man bei Apotheke Adhoc nachlesen kann:

„Der BPI möchte darauf hinweisen, dass bei der aktuellen Ausgestaltung des Zuschusses indirekt ein Einfluss auch auf die pharmazeutische Industrie entsteht.“

Falsch. Es entsteht maximal ein „Eindruck“ eines Einflusses. Denn weder der Herstellerabgabepreis, noch der Großhandelsabgabepreis, beide in der AMPV geregelt, sind betroffen.

„Eine Erhöhung des AVP wird in der öffentlichen Diskussion in der Regel den pharmazeutischen Unternehmern angelastet.“ Bei der „allgemeinen GKV-Ausgabendiskussion“ sei daher zu befürchten, dass die Pharmaindustrie weiterhin pauschal für alle Ausgabensteigerungen verantwortlich gemacht werde.

Wieder falsch. Gemäß meines Eindrucks der Politik der letzen letzten 10 Jahre läuft das genau umgekehrt. Durch Abgabe weniger (aber dafür höherpreisiger) Packungen wird den Apotheken vorgeworfen, ihr Umsatz sei gestiegen – also müsse man bei den Apotheken sparen. Dass gleichzeitig der Gewinn gesunken ist, da die Apotheken quasie nach Packungsanzahl bezahlt werden, interessiert niemanden bei dieser Milchmädchenrechnung.

„Beispielsweise indem die Krankenkassen je Versicherten direkt eine Nachtdienstpauschale in den Fonds einzahlen, ohne den Umweg über die Einzelpreise zu nehmen.“

Ja, und dieser Vorschlag ist nicht neu. Ich greife ihn gleich nochmals auf.

Übrigens hat der „European Assoiation of Mail Pharmacies“, also die Organisation der europäischen Arzneimittelversender (um es mal so lax zu übersetzen), gerade festgestellt, dass man zwar prinzipiell mitmachen will, aber dass man sich dabei bitteschön nicht in die Karten schauen lassen möchte, und sich gar eine Einmischung in die eigenen Wirtschaftsdaten aufs Ausdrücklichste verbiete. Eine Frage nach der Kontrolle der Versender ob der Richtigkeit ihrer Angaben wurde hier schon diskutiert. Und – das ist jetzt meine ganz private Meinung – wer hätte wohl ein gräßeres Interesse daran, die Zahlen zu manipulieren:

  1. Die deutschen Apotheken, die vom DAV kontrolliert und von dem Finanzämtern geknutet, sich von jedem Idioten Bevollmächtigten in die Zahlen schauen lassen dürfen, und sich bei Nichtabführung der 0,16€ pro Packung selbst die Notdioenstpauschale kürzen?
  2. Die ausländischen Versender, welche ja schon immer durch maximale Einhaltung der deutschen Gesetze auffallen [1], die sich in ihre Zahlen zu schauen verbitten, und die jede nicht abgeführten 0,16€ selbst behalten können, bezahlt direkt von den kranken Kassen?

Jeder darf sich selbst seine Meinung zu diesen beiden Antwortmöglichkeiten bilden. Ich warte ja immer noch darauf, dass die kranken Kassen gerade die ausländischen Versandapotheken mit dem selben pauschalisierten Betrugsvorwürfen belegen, die sie immer wieder gegen die deutschen niedergelassenen Apotheken aufbieten – aber darauf warte ich wohl auch in Zukunft vergeblich.

Daher nochmals (m)ein Lösung für die Finanzierung der Apotheken-Notdienstpauschale in 4 Punkten, wie sie einfacher kaum umzusetzen ist, und wie sie (auch gerecht für die GKV – PKV – Streitereien) kaum noch geht:

  1. Alle Kassen, sowohl gesetzlich wie privat, zahlen eine Versichertenpauschale (also eine Pauschale pro Anzahl der bei ihnen versicherten Menschen) in einen Fonds, der von der Bundesapothekerkammer verwaltet wird. Die Abrechnungsmodalitäten dürfen die Selbstverwaltungen klären. (Alternativ stammt das Geld für den Fonds direkt aus der Tasche des Finanzministers und damit des Steuerzahlers.)
  2. Die BAK zahlt die die Ausschüttungen direkt an die betroffenen Apotheken. Die Anzahl der Dienste pro Apotheke liegt der BAK sowieso vor.
  3. Die Verwaltung des Fonds ist mit den Apothekenkammerbeiträgen aller Apotheker bereits erbracht. Das Geld darf nicht angelegt werden, weder spekulativ noch sonstwie.
  4. Die Pauschale (und damit die „Kopfpauschale bei den Krankenkassen / beim Finanzminister) ist gemäß der demografischen Entwicklung und der Inflation jährlich anzupassen.

So einfach kann das Leben sein, zumindest, wenn man noch träumen darf.

Zum Abschluss schauen wir uns doch mal an, was wohl passieren würde, wenn es keinen Apothekennotdienst mehr gibt.
Nehmen wir an, der diensthabende Arzt erkennt einen dringenden Bedarf an Antibiotika / Asthmamittel / Blutdrucksenker (Akutbehandlung), hat aber nicht die passende Menge oder das passende Produkt vorrätig. Der Patient wird also ins nächste Krankenhaus eingewiesen, aufgrund mangelndem eigenen Fahrzeugs mit dem Rettungsdienst als Krankentransportfahrt verlegt, und wird für (mindestens) 1 Tag stationär aufgenommen. Und nun darf selber jeder für sich nachdenken (und an 5 Fingern abzählen), was den kranken Kassen günstiger kommen dürfte – einmalig 223€ Notdienstpauschale (für die ganze Region) & 2,50€ (pro Notdienstpatient); oder eine Einweisung ins KKH. Wobei – wen die Notdienstapotheke abgeschafft wird, kann der diensthabende Arzt ja auch gleich abgeschafft werden. Und dann kann jeder Patient gleich in die Notaufnahme des KKH, für jede Packung Paracetamol, für jeden Amoxicillin-Kindersaft am Samstag abend. Und jeder immobile Patient, der bisher den diensthabenden Arzt zu sich gerufen hat, kann nun gleich den Notarzt rufen. Viel Freude an den Rechnungen, liebe Krankenkassen.

Und, soviel der Worte sei mir zum Ende dieses Artikels noch gesattet, von einem Verdienst als Apothekenleiter, wie er in der BRD in den 1970er Jahren zu generieren war, können heutige und zukünftige Apothekenleiter (der kleinen niedergelassenen Vor-Ort-Apotheke) wahrlich nur noch träumen. Dieses zu erkennen scheint jedoch weder der Politik noch den kranken Kassen möglich – denn diese träumen von eine Arzneimittelbelieferung für „kostenlos und umsonst“. Das ist aber leider nicht möglich. Ich bitte dafür um Entschuldigung.

—————————
[1] Versand verschreibungspflichtiger Arzneimittel vor 2005 nach Deutschland, als dieses in D noch verboten war. Seit 2000 Gewährung von in Deutschland illegalen Rabatten auf verschreibungspflichtige Arzneimittel. Anbieten von kostenpflichtigen Telefonhotlines zur Beratung. Verweigerung von verordneten Individualrezepturen entgegen dem deutschen Kontrahierungszwang. Die Liste läßt sich fortsetzen.

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8 Gedanken zu „Notdienstpauschale und Unterstellungen V1.4

  1. Ach Knick, es macht keinen Spaß mehr. Deine Beiträge sollten in der DAZ stehen und darüberhinaus nochmal für Oma und Opa erklärt in der Rentnerbravo (Umschau).
    Ansonsten bleibt nach all den tiefen und informativen Einblicken immer ein fader ‚außer uns juckt das keinen sonst‘-Geschmack und die Verantwortlichen tanzen im Vollrausch um ganz andere Kälber, weil sie nicht im informierten Fokus der Bevölkerung stehen.

    Vielen Dank übrigens für den schwärzeren Text! Lässt sich gleich besser lesen.

    • Ich hab nichts dagegen, dass die Rentnerbravo die abdruckt. Aber die DAZ, die ja dem DAV nahe stehe steht, soweit ich weiß, dürfte gerade in diesem Zusammenhang wenig Interesse an meinen Artikeln zeigen – freut sich der DAV doch wie Bolle auf Millionen Mehreinnahmen durch die Verwaltung von Millionen – und auf die hoheitlichen Polizei-Stasi-Aufgabe, deren er ermächtigt werden soll…

  2. DANKE!!!!

    PS: Mein Vorschlag zur Umsetzung der Pauschale, wie auch schon bei Apotheke adhoc gepostet lautet:
    Die Notdienstpauschale wird aus dem Gesundheitsfond an die Apotheken bezahlt.
    Die Abrechung erfolgt über unsere Abrechnungszentren, basierend auf den Daten der Apothekerkammern,die verteilen/organisieren ja auch die Notdienste und wissen wer wann wieviele Dienste geleistet hat.
    Die PKV bezahlt Ihren Anteil an den Fonds. Die werden jawohl selber am besten wissen, wann deren Versicherte den Dienst in Anspruch genommen haben bzw wie hoch der Anteil ist, den Sie zu zahlen haben.
    Warum soll ich als kleines Apothekerlein denn deren Arbeit übernehmen?
    Mirt dieser Umsetzung muss ich auch kein neues kostenintensives Bürokratiemonster schaffen.

    LG
    Boreal

    • Die Antwort ist ganz einfach: Weil es für alle billiger ist, und weil Apotheker immer jeden Schwachsinn kostenlos und mit Freuden machen – deshalb machen es auch diesmal die Apotheker…

      Es macht keinen Spaß mehr…

  3. Finde den Fehler: „ein[em] GeschäftsPARTNER, dem man für immer weniger Geld immer mehr Arbeit aufbürdet“

    Vermenschlicht ausgedrückt: Wäre die Apotheke meine Freundin, würde ich ihr raten, die Beziehung mit ihrem manipulativen, ausbeuterischen Mann dringend zu beenden.

    • Du hast völlig recht mit Deiner Verallgemeinerung – aber dummerweise haben Apotheker das selbe Problem wie Krankenpfleger (bzw. -schwestern): Wir fühlen uns unseren Patienten zu sehr verpflichtet, um diesen Schritt zu wagen (und alle Rezepte spontan zu Privatrezepten zu erklären). Allein die Omi, die man eben 500€ für ihre BtM-Pflaster zahlen müsste, würde mit ihrer Rente daran scheitern…

      Den Fehler im Satzbau konnte ich trotz dreimaligem Lesens nicht finden…

      • Ich meinte den semantischen Fehler (den ich holzhammermässig grossgeschrieben habe): Partner verhalten sich anders. Und diesen Fehler kannst du leider nicht mal einfach korrigieren.

        Wie eine Verbesserung der Situation möglich wäre, weiss ich auch nicht. Sicher ist nur, dass euer Verantwortungsgefühl gegenüber den Armen und Kranken gnadenlos ausgenutzt wird.

      • Ja, den semantischen Fehler habe ich via Fettschreibung auch im Text versucht, kenntlich zu machen.
        Ansonsten geht es uns wie Dir: Wir haben keinen Plan, wie wir uns sinnvoll und ohne Kollateralschäden der Macht der kranken Kassen entziehen können – so die (untätige) Politik uns nicht unterstützt… Aber ich will da nicht zu viel erwarten – setzt ein Politiker durch Eigeninitiative doch einen potentiellen Vorstandsposten aufs Spiel…

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