Ich breche eine Lanze für Globuli!

 

Da in den verschiedenen Foren und Blogs ja immer auf den armen kleinen Kügelchen (von lat. „Globus“) herumgehackt wird, will ich heute die Verteidigung antreten. Natürlich rede ich nicht von denen aus Zucker, die man mit „Nichts“ beträufelt, damit danach „etwas“ – nämlich der Plazebo-Effekt – ist. Ich rede von den Globuli, die eine Sonderform der Zäpfchen [1] zur vaginalen Anwendung darstellen. Und – das muss ich hier betonen – habe ich bei Pharmama noch nichts darüber gefunden, so dass ich hoffentlich etwas „neues“ präsentiere.

Diese Globuli sind eine – außerhalb der Ausbildung – etwas in Vergessenheit geratene Arzneiform. Hergestellt werden sie zumeist aus „Glycerolgelatine“, einem Gemisch aus 1 Teil Gelatine, 2 Teilen Wasser und 5 Teilen Glycerol, welches sehr verträglich für die Vaginalschleimhaut ist. Eingearbeitet wurden früher hauptsächlich Nystatin und Clotrimazol, zwei Wirkstoffe gegen Pilzinfektionen. Aufgrund der preiswerten großindustriell hergestellten Alternativen sind die Globuli vaginale jedoch aus der Mode gekommen. Wie man sie trotzdem herstellen kann, will ich hier kurz vorstellen:

Ich gebe für alle mitlesenden Lernenden noch ein paar kleine Tipps, die mir in Erinnerung geblieben sind. Vielleicht sind sie hilfreich, vielleicht sind sie auch schon bekannt. Also fangen wir an:

globuli01Hier sieht man eine Globuli-Form, einer Zäpfchenform nicht unähnlich. Wichtig zu wissen ist, dass die ausgefrästen Hohlräume poliert sind und nicht „zerkratzt“ werden dürfen, nicht mit metallenen Spateln, aber möglichst auch nicht mit Plastik-Kartenblättern. Die Form ist innen poliert – kleinste Kratzer sorgen dafür, dass sich später die Globuli schlechter (oder gar nicht mehr) aus der Form lösen. Als Trennmittel verwende ich für Glycerolgelatine eine kleine Menge flüssiges Paraffin, welches ich mittels etwas Zellstoff sehr dünn auftrage.

Die Gelatine – ich habe hier ganz einfache gemahlene Gelatine aus den Supermarkt genommen, für die Erklärung habe ich auf pharmazeutische Qualität verzichtet – wird mit dem Wasser versetzt und im Kühlschrank (abgedeckt) 10 Minuten vorquellen gelassen. Sodann gibt man das Glycerol hinzu. Das sieht dann so aus:

globuli02

Im Wasserbad wird die Fantaschale erwärmt, und mit vorsichtigem Rühren die Gelatine und das Glycerol homogenisiert:

globuli03

Gemäß dem Herstellungsverfahren nach Münzel würde man jetzt in einem kleinen Teil den Wirkstoff suspendieren (und beim Rühren sehr viel Vorsicht walten lassen, um keine bzw. möglichst wenige Luftblasen einzuarbeiten), dann in die Form füllen, mit Glycerolgelatine auffüllen, das ganze aushärten lassen, entnehmen, nochmals aufschmelzen, homogenisieren, und nochmals in die Form gießen. Ich habe mir das erst einmal gespart, da ich ja keinen Wirkstoff benutzen wollte:

globuli04

Hier sieht man jetzt nicht nur einen Größenverkleich zu meiner (Normal-Mittelgroß-)Hand. Der Kenner hat es sofort bemerkt: Ich habe keine Handschuhe an! Dies erschien mir aber bei dieser wirkstofffreien Zubereitung, die nur zum Vorführen und anschließend für den Mülleimer hergestellt wurde, als nicht wesentlich. Es ist übrigens nicht so einfach, mit einer Hand zu gießen (und zu treffen), mit der anderen Hand ein Foto aufzunehmen, und dabei auch noch den Mindestabstand des Objektivs nicht zu unterschreiten. Nach ein paar Minuten im Kühlschrank sieht das ganze nach Öffnen der Form dann so aus:

globuli05globuli06Wie man sieht hat es für die fünfte Kugel nicht mehr ausgereicht, da ich mich auf die 2g Gewichtsangabe auf der Form verlassen habe, eine Kugel aber ungefähr 2,6g schwer ist, wie ich nachträglich ermittelte. Da das Ganze so aber sehr langweilig ist, habe ich einen zweiten Ansatz mit etwas grünen Farbstoff versetzt:

globuli07Nach dem Eingießen. Man sollte mit etwas „Überstand“ arbeiten, da beim Abkühlen noch etwas Glycerolgelatine in die Form nachfließt.

globuli08Der Überstand ist mit einem heißen Messer entfernt.

globuli09Die Form ist geöffnet.

globuli10Die fertigen Globuli. Sind sie nicht schön? Jetzt müssten sie noch einzeln in Alufolie verpackt und in eine Kruke gelegt, und diese nach ApoBtrO beschriftet werden.

Und nun kommen wir mal zu dem ökonomischen Aspekt dieser Rezeptur. Wer das in 30 Minuten hinbekommt, hat viel Übung und ist sehr schnell. Ich habe für alles – mit Fotografieren und zwischendurch einer kleinen Mittagspause (10min, in denen ich die Gelatine im Kühlschrank vorquellen ließ) – ohne weitere Störungen ca. 1 Stunde gebraucht. Der besseren Übersicht wegen drehe ich die Tabelle einmal um: Zuerst die Kosten, dann die Masse/Menge und dann die Bezeichnung der Position. Schauen wir uns die Berechnung also für 5 Globuli an – das sechste ist ja nicht verordnet und kann daher nicht in Rechnung gestellt werden:

00,32€ – 1,95g – Gelatine, weiß
00,02€ – 3,90g – Wasser, gereinigtes
00,10€ – 9,70g – Glycerol 85% DAB
01,45€ – 0,01x – Kruke weiß, mit Deckel
07,00€ – 0,01x – Rezepturzuschlag für Ovula (5 St. aus Gesamtmasse)
———
08,89€ – 0,00g – Nettopreis
01,69€ – 0,00g – Mehrwertsteuer 19%
———
10,58€ – 0,00g – Endsumme

Na, wer hätte damit gerechnet? Für mindestens 30 Minuten Arbeit nicht mal 11€ inklusive aller Arbeitsmaterialien und Lohnnebenkosten. Da sind hier zeitlich nicht erfasste Vorbereitungsarbeiten (Chemikalienuntersuchung, Plausibilitätsprüfung, Herstellungsanweisung) und Nacharbeiten (Herstellungsprotokoll, Reinigung des Arbeitsplatzes und der Herstellungsgeräte) übrigens bereits mit abgegolten. Und mein Chef hätte von dem resultierenden opulenten Gewinn auch noch gerne etwas abbekommen… Wenn ich jetzt sage, dass ich nicht unglücklich bin, dass diese Rezeptur sehr selten geworden ist – de facto habe ich das für diesen Blogeintrag das erste Mal seit dem Studium gemacht – bitte ich um Verständnis.

Zum Abschluss dieses kleinen Exkurses noch eine Anmerkung. Wenn die Glycerolgelatine-Globuli eine akzeptable Konsistenz haben, kann man sie gegen eine senkrechte glatte Fläche werfen, und sie werden erst kleben bleiben und anschließend langsam diese Fläche hinunter“rollen“. Natürlich bleibt dabei eine „Schneckenschleimspur“ zurück:

globuli11

Hier habe ich die leicht grünliche Spur nochmals markiert. Ein wenig Freude am Beruf darf auch sein. 😉

————————–
[1] Wer ein klein wenig mehr zu Zäpfchen erfahren möchte, schaue z.B. hier und hier.

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24 Gedanken zu „Ich breche eine Lanze für Globuli!

  1. Hah! Mein Lieblingstest. Ersatzweise (weil ich das kaum mehr mache im Geschäft) bringt nur noch der Spaghettitest – schmeissen und kleben? in der Küche die gleiche Befriedigung 🙂
    Bei uns heissen die Dinger Ovula – und ich habe sie glaub mal zusammen mit den Zäpfchen vorgestellt.
    Willst Du mal wissen, wie die Berechnung bei uns ist? Bei Interesse stelle ich das auch einmal zusammen. Eins kann ich jetzt schon sagen: wir bekommen etwas mehr für die Arbeit. (Wie üblich ist ja in der Schweiz alles teurer).

    • Die Sind ja auch kugelförmig – und nicht oval! 😛 Ich hatte übrigens extra nach „Globuli“ auf Deinem Blog gesucht – nach Ovula allerdings nicht.

      Du kannst eure Berechnung gern vorstellen, es soll aber kein Zwang sein. Ich wollet nur mal diese ewige leidvolle Diskussion abwürgen: „Was??? Die Salbe soll 15€ kosten?!? Was ist daran denn so teuer?“ – „Die Arbeitszeit?“ – „Ach was! Das machen Sie doch nebenbei!“ *seufz*

      Das mit den Globuli-Rennen – süße Studienerinnerungen. Übrigens hatte mich ein Assi damals Tannin in die Glycerolgelatine einarbeiten lassen, die Globuli wurden dann komischer Weise sehr matschig… 😀 (Für den Nichtfach-Leser: Das Tannin fällt einen Teil der Gelatine aus, damit stimmt die Rezeptur natürlich nicht mehr.)

      • Da ich heute Notfalldienst schiebe und noch nichts läuft, bin ich mal so frei:

        Preis Glycerin-Ovula ohne Wirkstoff nach ALT (Arzneimittelliste mit Tarif)

        Fr. 0.20 2g Gelatina (Ph.Eur.)
        Fr. 0.10 aktuell ca. 21.92 €

        Der Minimalpreis für eine Substanz ist Fr. 0.10 (siehe gereinigtes Wasser); bei uns wird üblicherweise auch nicht auf den Cent genau gerechnet…
        *1) Rektalzäpfchen/Ovula: Zubereitung der Masse und Herstellung bis zu 12 Stück; jeder Arbeit wird eine gewisse Anzahl Punkte zugeteilt; 1 Punkt ist Fr. 1.05 plus 2.5% Mwst. (seit 2001; wie so üblich keine Anpassung an die Inflation).

        Ist etwas mehr als in Deutschland, aber rechnen tut sich das auch hier für die Apotheke nicht. Es ist mehr ein Service für den Kunden; wie Hauslieferdienst oder so…
        Noch einen schönen Sonntag!

      • Danke für die Info. Aber man sieht sieht schon den Unterscheid zwischen 2,5%MwSt. auf 20€ und 19% MwSt. auf 10€.
        Ich wünsche einen ruhigen und „ereignislosen“ Dienst.

      • „Fr. 0.10 aktuell ca. 21.92 €“ ??????????

        Also – sooo tief ist der Teuro (noch) nicht. 😉

      • 2. Versuch:

        Fr. 0.20 2g Gelatina (Ph.Eur.)
        Fr . 0.10 10g Aqua purificata (Ph.)
        Fr. 0.40 10g Glycerolum 85% (Ph.Eur.)
        Fr. 25.80 Bearbeitungstarif 24 Taxpunkte *1)
        Fr. 0.75 Suppositorienschachtel (bis 12 Stück)
        ———–
        Fr. 27.25 Total –> aktuell ca. 21.92 €

      • Nun ist es zu sehen. Aber die Endsumme war oben auch schon korrekt (in €) angezeigt. Darauf bezog sich auch meine Antwort.
        Aber du hat ein wenig viel Material in Rechnung gestellt. Es sollten 4g Aqua purificata sein, sonst werden die Stücke eventuell ein wenig „matschig“… 😉

      • … und dann wird einem noch die freiwillige Arbeit abgenommen 🙂 Merci an nicoretta – ich hoffe, du hast den Notfalldienst gut überstanden!

  2. Meine Erinnerung an Globuli ist, daß sie auch klasse an der Decke kleben bleiben……IRGENDWANN kamen sein dann auch wieder runter 🙂
    Ich habe sie aber auch im Studium das erste und bisher letzte Mal hergestellt. Nenne, das muß ECHT nicht sein! Und schon gar nicht für läppische sieben Euro Arbeitspreis.
    Gruß aponette

      • …werde dem Gynäkologen meiner besseren Hälfte mal vorschlagen, so was mal jeder Patientin zu verschreiben – damit Euer Studiumswissen nicht einrostet! 😉 Sehe ich das richtig? Jede Apo soll/muss diese Gerätschaft in der Schublade haben.

      • Eigentlich muss (nach der alten ApoBetrO) jede (deutsche) Apo so eine Form in der Schublade haben. Nach der neuen bin ich mir da gar nicht mehr so sicher.

        Trotzdem wird sich jede Apo bedanken für die Rezeptur, zumal die industriellen sogar billiger (betreffend des Arztbudgets) für den Verordner sind…

    • Für rosa würde ich „Lebensmittelfarbe rot“ verwenden. Macht aber nicht wirklich Sinn… 😉
      Ansonsten würde mir als rosa Farbstoff noch „Eosin Y“ einfallen, der macht aber im vaginalen Zusammenhang noch weniger Sinn. Kirsch-, Himbeer- und ähnliche Säfte sollte man zum Einfärben lieber nicht verwenden – der Zuckergehalt würde wohl einer Mykose erst recht Vorschub leisten.

      • Wollte die eh nur fürs Regal so als Deko, dann geht das schon wieder.

      • *kicher* Die trocknen aber relativ schnell aus und schrumpeln zusammen – weswegen sie einzeln in Alufolie verpackt werden sollten. Und ausgetrocknet sind sie kein schöner Anblick…

      • Hihi hmm alufolie ist aber recht unschoen anzusehen. Aber schrumpelkugeln will ich auch nicht. Hmmm wenn man sie in frischhaltefolie verpackt, sollte das problem doch geloest sein. Andererseits bekommen die dann auch so ne schrumpelige oberflaeche davon.

      • Das mit der Frischhaltefolie wird vermutlich nicht klappen, da immer ein wenig Wasser (und auch Luft – hier Sauerstoff) durch die Plastikmembran diffundiert. Tut mir leid.

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