Und die Apotheker sind immer Schuld!

während alle anderen ihre Hände in Unschuld waschen dürfen. Zumindest sollten das die Patienten glauben, die wieder einmal unter den Rabattverträgen zu leiden haben. Das erstaunliche dabei ist, dass öffentliche Behörden wie das Bundeskartellamt sich immer wieder auf die Seite der krankenKassen schlagen, und nach deren Lied singen, immer mit den Blick darauf, dass die (verhaßten) Apotheken noch eins übergebraten bekommen. Wohlgemerkt, wir reden hier nicht über Paracetamol, sondern über Tacrolismus, einen Wirkstoff zur Immununterdrückung und damit zur Unterdrückung von Transplantat-Abstoßungen! Apotheke Adhoc hat hier die passende Meldung…

Welche Drehungen und Biegungen wurden die letzten Jahre von Seiten der Politik nicht unternommen, um die Anzahl der Organspendeausweise und damit der Transplantatspender und -empfänger zu erhöhen. Welche Diskussionen zu einer Zwangsverpflichtung der Bevölkerung zur Organspende öffentlich geführt wurden. Welches Pro und Kontra um ein so wichtiges Thema gemacht wurde – und das zu Recht! Dazu sollte man auch bedenken: Tranplantationen sind teuer. Eine Herztransplantation kostete gemäß TAZ im Jahr 2012 bis zu 124.000€. Dafür zu sorgen, dass das Transplantat nicht abegstoßen wird, ist auch nicht so einfach – aber im Endeffekt viel billiger. 2011 erhielten 25.000 Pantienten den Wirkstoff, es kostete 130 Mill. € (also durchschnittlich 5.200€ pro Person pro Jahr). Also von den Kosten einer Transplantation kann man die Abstoßung des Transplantats ungefähr 23 Jahre lang bezahlen. Und dann wird den Kassen erlaubt, via Rabattverträtgen den Therapieerfolg mit Gewalt zu sabotieren in Frage zu stellen.

Aber mal zum Artikel:

Die Rabattverträge haben die Apotheker ihrer letzten Handlungsspielräume beraubt.

Tja, dieser Aussage kann man wohl unumwunden zustimmen.

Viele Pharmazeuten fühlen sich zu Erfüllungsgehilfen der Kassen degradiert.

Auch hier gibt es meine volle Zustimmung, nur fühle ich mich nicht degradiert – ich bin es. Unseren Politikern und Kassenfürsten sei es gedankt.

Ganz anders sieht es die Vergabekammer des Bundes: Ausschreibungen zu kritischen Wirkstoffen sind demnach deshalb kein Problem, weil die „Letztverantwortung“ für die Versorgung bei Ärzten und Apothekern liege.

Aha. Die Vergabekammer scheint etwas zu wissen, was ich nicht weiß – und die Grundidee ist einfach: Die „Letztverantwortung für eine ordnungsgemäße Versorgung der Versicherten“ liegt ja „kraft Sozial- und Standesrechts“ „bei Ärzten und Apothekern„.  Schauen wir zuerste einmal, was das „Standesrecht“ dazu sagt: Zumindest bei den Apothekern sagt es erst einmal herzlich wenig, wenn ich davon abesehe, dass prinzipiell von einer „wissentlichen Schädigung des Patienten“ abzusehen ist. Aber einen „Austausch“ oder „Nicht-Austausch“ oder wie auch immer ist nicht erwähnt, soweit ich mich da auskenne. Was das Standesrecht der Ärzte dazu sagt, weiß ich nicht [1]. Aber was das „Sozialrecht“ dazu sagt, ist ziemlich klar und recht deutlich: Die Apotheke hat das Rabatt-Produkt (im Sinne der krankenKasse) auszutauschen. Und davon gibt es nur eibe verdammt begrenzte Auswahl an Ausnahmetatbeständen. Das ist den Ärzten prinzipiell auch klar, wie dieses Schreiben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zeigt, in dem genau die Aut-Idem-Richtlinie erklärt wird. Nur machen viele einige Ärzt prinzipiell kein (Anti)-Aut-Idem-Kreuz auf das Rezept, da ihnen 1 bis 2 Jahre später schweres Ungemach der Kassen droht. Ja, es wurde sogar schon von Schreiben einzelner KVen berichtet [2], die die (angeschlossenen) Ärzte aufforderten, nie ein (Anti)-Aut-Idem-Kreuz zu setzen, und statt dessen dem Patienten zu sagen, bei der Rezepteinlösung in der Apotheke zu erklären, dass man (als Patient) nur die verordente Firma akzeptiere der Rest sei dann das Problem der Apotheke.

Dass aber der Wirkstoff Tacrolismus eine „enge therapeutische Breite“ besitzt, und nicht ohne weiteres ausgetauscht werden darf, hat sich in der Zwischenzeit sogar bis zu den krankenKassen (siehe „Barmer-GEK“ im Link) herumgesprochen. Die Firma Hexal sieht das naturgemäß anders. In der Zwischenzeit sind wir aber bei schlappen 7 Generika-Herstellern, 8 Reimportören und dem Original, welche man als Apotheker munter kreuz und quer austauschen soll. Aber ein generelles Austauschverbot bei Tacrolismus wie auch überhaupt  ein Austauschverbot für einzelne Wirkstoffe lehnen die krankenKassen prinzipiell ab, und lassen damit alle anderen Beteiligten im Gesundheitswesen bewußt ins offene Retax-Messer laufen.

Nun bleiben ja immer noch die „Pharmazeutischen Bedenken“, die ich als Apotheker anmelden soll / kann / muss, um den Austausch zu  unterbinden. Dummer Weise fordert das Gesetz – zumindest so, wie es die krankenKassen auslegen – einen Beleg für diese „Pharmazeutischen Bedenken“. Da aber offensichtlich festgelegt ist, dass einfach die Angabe einer „engen therapeutischen Breite“ nicht ausreichend scheint – auch unter Angabe von wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht – kann ich diesen Beleg nicht beibringen, zumal ja richterlich und juristisch entscheiden wurde, dass der Austausch (trotz und entegen meines Fachwissens) unkritisch sei. Also wird juristisch passend gemacht, was pharmakologisch nicht passt. Erstaunlich, wurde doch weiter oben bereits festgestellt, dass die Endkompetenz ja die Apotheke hätte – aber die Richter sehen das wohl anders. Wurde doch auch in der Gesetzgebung schon festgelegt, dass – entgegen jedes sinnvollen wissenschaftlichen Fachwissens – unterschiedliche Salze und Ester eines Wirkstoffes als gleich und gleichwertig zu betrachten sind. Außerdem haben die krankenKassen ja schon mehrfach festgestellt, dass der Nichtaustausch bestimmter einzelnen Wirkstoffe aus prinzipiellen Erwägungen nicht akzeptiert wird. Mit anderen Worten bleiben dem Apotheker vor Ort in Zukunft zwei Möglichkeiten:

  • Entweder man meldet „pharmazeutiusche Bedenken“ wegen der „engen therapeutischen Breite des Wirkstoffes“ an. Dann hat man gute Chancen, von der krankenKasse wegen „Nichtbeweisbarkeit der Bedenken“ und „Nichtabgabe des Rabattarzneimittels“ auf 0,00€ retaxiert zu werden. [Solche Prozesse werden gewöhnlicher Weise vor einem Sozialgericht verhandelt, bei dem der Ausgang (von mir „gefühlt“) zu ca. 99% zu Gunsten der krankenKassen entscheiden wird.] Oder um es sarkastisch auszudrücken: Für die krankenKasse kostenlose Versorgung des Patienten. Was wünscht sich die kranke Kasse mehr?
  • Oder man gibt das Rabattarzneimitel ab – und weist natürlich den Patienten auf die „Neueinstellung und dringende Überwachung“ hin. Dann hat man gute Chancen, im Falle eines „medizinischen Problems“ und Schadens des Patienten auf Schadenersatz (und schlimmeres) verklagt zu werden. [Diese Prozesse dürften dann einerseits vor einem bürgerlichen und andererseits vor einem Berufsgericht stattfinden, und hier dürfte der Ausgang unklar sein – aber dass sich diese Gerichte der Rechtssrechung der Sozialgerichte anschließen ist zumindest fraglich.] Oder um es sarkastisch auszudrücken: Sozialverträgliches Ableben eines teuren Transplantat-Patienten. Was wünscht sich die kranke Kasse mehr?
  • (Die dritte Alternative wäre, die Belieferung solch teurer und retaxanfälliger Verordnungen einfach zu verweigern. Aber das ist auch keine Lösung!)

In beiden Fällen ist man als Apotheker der Vera…lberte, denn die „Letztverantwortung“ liegt eben nicht bei den Ärzten [die selbige aus Regressangst via nichtsetzen / vergessen / verweigern des (Anti-)Aut-Idem-Kreuzes an die Apotheker abschieben, sich aber jede Einmischung in ihre „Therapiehoheit“ bei jeder sonstigen Gelegenheit verbitten] [3], und auch nicht bei den Apothekern [die sich an das SGB V und die Lieferverträge, welche letzhin beide aus den Federn der krankenKassen fließen, halten müssen], sondern bei den (nicht) bezahlenden krankenKassen. Diese waschen aber ihre Hände in Unschuld, immer mit Verweis auf den „Berufsethos“ und die „moralische Verantwortung“ sowohl der Ärzte als auch der Apotheker, und dass im vollen Bewußtsein, die  Apotheker mit den Nullretaxationen wirtschaftlich hinrichten zu können! Denn, dass muss ich jetzt aus dieser Aussage schließen, die kranke Kassen haben weder eine Verpflichtung ihren Versicherten gegenüber, noch müssen oder gar wollen sie irgendeine Art von „Ethos“ oder „Moral“ beachten – von der moralischen Konzequenz Sparen um jeden Preis auf Kosten anderer einmal abgesehen.

Wer jetzt meint, dies sei (in einem anderen Zusammenhang) noch nicht ausprobiert worden, der irrt, wie man hier nachlesen kann. Die Auflösung dieses kassenseitigen Geld-Generierungs-Spiels und die Rückerstattung der Schadenssumme an die Apotheken dauerte über 9 Monate. Und 20.000€ sind für einen Apothekenleiter eine Menge Holz heutzutage, die direkt vom Rohgewinn der Apotheke abgerechnet werden, da das Finanzamt durchaus auf Abführung der MwSt. besteht (schließlich wurde das Arzneimittel verkauft!) und der Großhändler auch bereits korrekter Weise bezahlt wurde.

Dass sich aber gerade das Bundeskartellamt in die Diskussion mit einmischt, finde ich Oberklasse. Denn damit stellt es sich nicht nur hinter die Krankenkassen mit ihren Rabattverträgen – wo es sowohl gegen die einen als auch gegen das andere schon gewettert hat, aber bisher irgendwie immer schweiterte, wenn es Einfluss (zu Ungusten der krankenKassen) nehmen wollte – es nutzt auch das Urteil Oberlandesgerichts Düsseldorf als Schild, hinter dem es in Deckung geht. Dass das Bundeskartellamt den (niedergelassenen) Apotheken sowieso nicht freundlich gesinnt ist, ist keine besondern frische Erkenntis. Was das Bundeskartellamt in diesem speziellen Fall überhaupt zu sagen hat, ist sowieso fraglich. Aber irgendetwas muss man wohl sagen, auch wenn es gar nicht zum Thema passt, sonst gerät man ganz in Vergessenheit.

Sehr geehrte Politiker, sehr geehrter Gesundheitsminister,

dieses Possenspiel zu Lasten der Leistungserbringer (sowohl der Apotheker als auch der Ärzte), ausgetragen auf dem Rücken der Patienten, und zu Gunsten der armen krankenKassen (Überschuss Rücklagen der Jahre 2011 und 2012 geschätzt zwischen 28 bis 35 Milliarden €!) muss ein Ende haben! Es muss Klarheit für die Leistungserbringer hergestellt werden! Wischi-Waschi-Aussagen, die im Zweifelsfall durch 3 Richter auf 4 Weisen ausgelegt werden können, wie es gerade in den Kram passt, müssen endlich vom Tisch! Wozu wurden denn Millionen € in die Organspendeprogramme und in Aufklärung investiert, wenn anschließend mittels des Sparwahns der krankenKassen die Transplantate wieder abgestoßen werden? Das macht keinen Sinn! Weist die krankenKassen in ihre Schranken! Unterstützt die Ärzte und Apotheker bei ihrer Arbeit, in dem Ihr klare Rahmenbediungungen schafft, die sich nicht von den krakenKassen mal so und mal so auslegen lassen! Denn das ist Eure  Aufgabe – den Erhalt der Gesundheit der Euch Schutzbefohlenen, und das ist nun einmal die deutsche Bevölkerung!

Hochachtungsvoll, Gedankenknick

————————-
[1] Und darüber mutzumaßen bin ich weder qualifiziert, noch verspüre ich Lust dazu.
[2] Auch wenn ich selber von solchen Schreiben schon gehört habe, kann ich keines belegen, daher der Konjunktiv.
[3] Leider ist diese Aussage komplett verallgemeintert – und ich will das ganze jetzt nicht auf den einzelnen Arzt runterbrechen, denn ich weiß, die „Guten“ sind auch da draußen und arbeiten so wie ich, und versuchen (mit mir zusammen) die auflaufenden Probleme zu lösen. Aber leider es so ein kleines wenig meine Lebenserfahrung, dass man mit den „Totalverweigerern“ mehr Stress hat – und der bleibt leider immer mehr im Gedächtnis hängen. 

Advertisements

Knick hier Deine Gedanken (Mit Nutzung der Kommentarfunktion erklären Sie sich damit einverstanden, dass alle eingegebenen Daten und Ihre IP-Adresse nur zum Zweck der Spam-Vermeidung durch das Programm Akismet in den USA überprüft und gespeichert werden.):

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s