Dokumentationsschwachsinn – Tierarzneimittel

Heute mal ein Beitrag aus der beliebten Reihe des Bildungsbloggens: Die Lesung mit dem Apotheker Klaus – Tierarzneimittel.

Hallo. Das ist Apotheker Klaus. Und Apotheker Klaus hat ein Problem: Er hat einen Kunden, der etwas kaufen will… 

Macht aber nichts! Apotheker Klaus hat viel Zeit, Mühe und Geld aufgewendet, um mit dieser Situation umgehen zu lernen und seinen Kunden, Herrn Wolf, umfassend zu beraten, und ihm dann gegebenenfalls das richtige zu verkaufen. Also fragt Apotheker Klaus erst einmal, wo Herrn Wolf denn der Schuh drückt.

Herr Wolf möchte ein Mittel gegen Flöhe und Zecken haben, nicht für sich selbst natürlich, sondern für seinen treuen Freund und Begleiter, Herrn Wuff. Das ist nicht schwierig für Apotheker Klaus, denn er hat mehrere Mittel in seinen zahlreichen und langen Schubladen, die dem Wunsch von Herrn Wolf, die parasitären Mitbewohner des Herrn Wuff in die Flucht zu schlagen, entsprechen. Haustieren sollen nun einmal keine Haustiere halten (dürfen), das kann Apotheker Klaus gut verstehen. Aber nach Ansicht mehrerer unterschiedlicher Produkte schüttelt Herr Wolf nur den Kopf, er würde gerne ein anderes Produkt erwerben – nennen wir es ExSpuck®. Nun hat Apotheker Klaus ein Problem. Denn ExSpuck® ist verschreibungspflichtig.

Macht aber nichts! Dafür gibt es ja Tierärzte. Also erklärt Apotheker Klaus Herrn Wolf, dass er ExSpuck® gerne verkauft, wenn ihm denn ein durch einen Tierartzt „ordnungsgemäß ausgestelltes Rezept“ vorgelegt wird. Herr Wolf ist nicht wirklich glücklich. Schließlich wollte er nur schnell seinem Haustier das eigenständige Halten von Haustieren untersagen. Beim Tierarzt selber ginge das ja alles viel problemloser, aber dem wäre gerade die Ware ausgegangen, weswegen Herr Wolf einfach schnell in die Apotheke…

Nachdem sich Herr Wolf also nun ein Rezept vom Tierarzt besogt hat, steht er wieder beim Apotheker Klaus. Der rennt aber nun nicht vor lauter Glückseeligkeit wie angestochen zu den besagten Schubladen, um endlich das lang ersehnte ExSpuck® zu holen – nein er betrachtet das Rezept und sagt, er hätte zusammen mit Herrn Wolf nun ein Problem. Das versteht Herr Wolf nun wiederum nicht, denn er hat ja das geforderte Rezept mitgebracht. Aber Apotheker Klaus hat daran offensichtlich etwas auszusetzen – denn das Rezept lautet:

„1x  ExSpuck® für den Hund von Herrn Wolf.“ Unterschrift

Und Apotheker Klaus beruft sich auf die Änderung der Apothekenbetriebsordnung vom 16.10.2006, und hier insbesonder auf den §19 Absatz 1 Punkt 2, welcher Herrn Wolf – aber scheinbar auch Herrn Wuff und dem Tierarzt Herrn Dr. H. Vetinary – nicht ganz so bekannt sind.

Macht aber nichts! Denn es gibt ja die unterschiedlichsten Nachschlagemöglichkeiten, und Herr Apotheker Klaus, der immer alles kostenlos (und oft auch völlig umsonst) erklärt, zeigt dem verwunderten Herrn Wolf (und dem weniger beeindruckten Herrn Wuff) den fraglichen Absatz und sagt dazu, dass folgende Punkte zu beanstanden wären:

  • a) Name und Anschrift des Empfängers: die Anschrift des Herrn Wolf fehlt.
  • b) Name und Anschrift des verschreibenden Tierarztes: steht glücklicherweise alles im Kopf des Rezeptblocks, da Herr Dr. Vetinary, keinen Praxisstempel auf das Rezept gedrückt hat.
  • c) Bezeichnung und Menge des Arzneimittels einschließlich seiner Chargenbezeichnung: Die Chargenbezeichnung schreibt natürlich Apotheker Klaus dazu, aber schon die Verordnung „1x  ExSpuck®„sagt nichts über die Packungsgröße, und hinzu kommt, dass ExSpuck® in zwei Stärken erhältlich ist, die sich aus der Verordnung so nicht ableiten lassen. Nun beziehen sich die unterschiedlichen Packungsgrößen auf das Gewicht von Herrn Wuff, so dass dieses Problem leicht zu klären wäre, aber das Gesetz sieht das ganze halt etwas anders.

Alle diese Angaben müssen – mit einer Kopie oder einem Doppel des Rezepts – und einigen weiteren Angaben durch Apotheker Klaus dokumentiert und viele Jahre aufbewahrt werden. Da ja aber eine Kopie des Rezepts aufbewahrt werden muss, zeigt Apotheker Klaus Herrn Wolf (und auch Herrn Wuff) schnell noch einen Auszug aus der Arzneimittelverschreibungsverordnung, in diesem Fall §2 und die Punkte 1, 2, 4 und 9 (wobei sich 9 ausschließlich auf Verordnungen für Tiere bezieht):

  • 1. Name, Berufsbezeichnung und Anschrift der verschreibenden ärztlichen, tierärztlichen oder zahnärztlichen Person (verschreibende Person): Da steht im Rezeptkopf zwar „Tierärztliche Praxis“ und „Dr. Havelock Vetinary“, da steht aber blöderweise nirgendwo „Tierarzt“. Dumm gelaufen!
  • 2. Datum der Ausfertigung: Fehlt.
  • 4. Bezeichnung des Fertigarzneimittels oder des Wirkstoffes einschließlich der Stärke: Die Stärke fehlt.
  • 9a. die Dosierung pro Tier und Tag: Fehlt. Macht bei ExSpuck®  zwar wenig Sinn, da man es nicht pro Tag sondern alle 4 Wochen anwendet, aber das Gesetz ist unerbittlich und also  müßte da stehen: „Alle 4 Wochen ein mal anwenden.“
  • 9b. die Dauer der Anwendung: Fehlt. Macht bei ExSpuck®  zwar wenig Sinn, aber das Gesetz ist unerbittlich und also  müßte da stehen: „X Wochen / Monate anzuwenden.“
  • 9c. sofern das Arzneimittel zur Anwendung bei Tieren verschrieben wird, die der Gewinnung von Lebensmitteln dienen […]: Ist in unserem Fall glücklicher Weise nicht gegeben. Zumindest versichert Herr Wolf überzeugend, Herrn Wuff keinem asiatischen kulinarischen Exkurs zur Verfügung stellen zu wollen.

Macht also sechs Fehler auf einer einzelnen Verordnung, die Apotheker Klaus bitteschön übersehen und dann für die Nachwelt und die nächste Überprüfung durch den Pharmazierat dokumentieren darf, soll und muss. Nun hat unser Apotheker Klaus also zwei Möglichkeiten. Entweder er schickt den bereits ziemlich entnerften Herrn Wolf nochmal zu Dr. Vetinary, der sicherlich über die Forderungen des Apothekers erstaunt die Augenbraue heben wird – oder (und hier wird es – sozusagen – tierisch illegal) er ergänzt die fehlenden Angaben eben selber.

Aber Herr Wolf hakt nochmals nach: Das ganze muss abgelichtet, dokumentiert und aufbewahrt werden? Mit Chargenbezechnung? Sicher, sagt Apotheker Klaus, so steht es im Gesetz. Aber, meint Herr Wolf, mache Apotheker Klaus das denn auch bei den Rezepten, die er – also Herr Wolf – für sich selber hole? Wieso solle er, fragt Apotheker Klaus zurück. Schließlich sei die Dokumentation von Humanarzneimitteln mit Chargenbezeichnung nirgens im Gesetz vorgesehen, von besonderen Ausnahmen wie TFG-Arzneimitteln und T-Arzneimitteln einmal abgesehen. Und für den ganzen Dokumentationsaufwand bekomme er – also Apotheker Klaus – schließlich keinen Cent extra.

Aber bei Apotheker Klaus sei ExSpuck® ziemlich teuer, merkt Herr Wolf an, da müsse sich doch etwas machen lassen! Aber sicher läßt sich da was machen, wenn man alle Gesetze übertritt, antwortet Apotheker Klaus, aber mit der Zusage der Belieferung und Dokumentation eines fehlerhaft ausgestellten Rezept habe er sich ja für heute wohl schon genug illegales geleistet, oder? Aber gerne würde er sich mit Herrn Wolf (und Herrn Wuff) zusammen auch noch die Arzneimittelpreisverordnung §3 anschauen, wenn Herr Wolf denn unbedingt wolle. Nein? Warum denn nicht?

Na dann will Herr Wolf das gute ExSpuck® unklarer Stärke wenigsten gleich mitnehmen. Gehe nicht, sagt Apotheker Klaus, denn es kommt so selten vor, weil so selten Rezepte von Tierärzten in der Apotheke eingelöst werden, dass es nicht vorrätig sei. Macht aber nichts! Denn er bestelle es gerne zu morgen früh, und dann, ja dann ist es ganz sicher da.

In diesem Augenblick dreht sich Herr Wolf um, zupft an Herrn Wuffs Leine, verläßt den Saftladen des Apothekers Klaus Ort des Gesetzes- und Dokumentationsschwachsinns und ward nie wieder gesehen.

Hier endet die Lach- und Schwachsinn-Geschichte für heute.
Euer Apotheker Klaus Gedankenknick!

——————–
[X] Und heute ohne Fußnoten! 😀

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9 Gedanken zu „Dokumentationsschwachsinn – Tierarzneimittel

  1. ich denke, da hat sich der Gesetzgeber ausnahmsweise was gedacht dabei. Natürlich, der Haustierbesitzer und die normale Apotheke haben darunter zu leiden – aber ist es nicht äußerst wichtig, dass die Verordnung und Verabreichung von Tierarzneimittel an Schlacht- und Nutztiere streng dokumentiert wird?

    Würde der Verordnungsweg für Waldi und Muschi vereinfacht, würden sicher einige hergehen und alles zunächst Waldi und Muschi verordnen lassen – was in Wirklichkeit im Hühner- oder Schweinestall landet.

    • Die Dokumentation bei Schlacht- und Nutztieren ist ja noch viel komplizierter – und extra (!) geregelt. Das findet sich in der ApoBtrO §19 Absatz 2 und der AMVV §3 Absatz 1 Punkt 9c. Ich hatte versucht, dieses im Text anzudeuten, ohne zu sehr darauf einzugehen. Diese Regeln existierten schon vor der Änderung der ApoBtrO vom 16.10.2006. Hinzu kam die komplette Dokumentationspflicht auch für nicht zur Schlachtung/Lebensmittelgewinnung vorgesehenen Tiere.

      Meiner bescheidenen Meinung nach dient(e) diese verschärfte Regelung bei „nicht genießbaren) Haustieren nur dazu, den Versand von Tierarzneimitteln, der sowieso größtenteils verboten ist, weiter zu verkomplizieren – wohingegen der Versand von Humanarzneimitteln möglichst vereinfacht werden soll…

      Und Deine Anmerkung im letzten Absatz – wird doch sowieso gemacht im Zweifelsfall… oder sollte ich mich irren? 😉

    • Nachtrag zu meiner Antwort: Wenn z.B. ein Tierarzneimittel definitiv und NUR für Tiere zugelassen ist, die in Europa wirklich per Volksmoran nicht der Lebensmittelgewinnung dienen, wie z.B. Hunde oder Katzen, sollte man davon ausgehen können, dass es keinem Huhn in den Nacken gekippt wird, oder?

  2. Ich glaube, Du hast vergessen weiter zu erzählen, daß ca. 30 min. später freundliche Herren in Weiß beim Herrn Apotheker standen und ihn mit beruhigenden Worten hinausbegleiteten und ihm, weil es ja so kalt ist so eine hübsche Jacke anzogen, die ihm die Arme ganz fest um den Bauch hielt, damit ihm warm bleibt. Die Herren waren von Herrn Wolf gerufen worden, da der arme Apotheker ja wirklich komplett durchgedreht sein mußte…..
    Es ist schon ein echter Schildbürgerstreich, daß ich mir in der Apotheke zum eignen Gebrauch ohne jede Dokumentation alles bis auf BTMs einpfeifen kann, aber für die Wurmkur meiner Katze ein Rezept brauche, welches ich dann auch noch x Jahre aufheben muß, selbst wenn die Katze längst tot ist.
    Kopf hoch, in 36 Stunden ist Wochenende!
    Gruß aponette

    • Man muss vieles nicht verstehen. Aber gerade die verschreibungspflichtigen Katzen-Wurmkuren würde ich nie ohne Rezept rausrücken… Nachher geht die Katze ein, und ich muss Schadenersatz für ein Sucht-Rasse-Ich-Weiß-Nicht-Was bezahlen…

      Aber es gibt in der Zwischenzeit eine freiverkäufliche Katzen- und Hundewurmkur in Tablettenform, wenn mich nicht alles täuscht…

      • Hallöle,

        Für andere rausrückten – nein, dito hier, aber ad Usus proprium meinte ich. Da finde ich es absurd, daß ich mir als Apothekerin aus meiner Apotheke eben alles bis auf BTM für mich mit nehmen kann, aber meiner eigene Katze keine Wurmkur. Und zu den frei verkäuflichen Tabletten: Du bist herzlich eingeladen mal herzukommen und zu versuchen meiner Katze die selbigen in den Rachen zu stopfen – ich stelle dann Verbandszeug, Desinfektionsmittel und ca. Drei Liter Beruhigungstee für Dich hinterher…… :-)))

        Gruß aponette

      • Du kannst natürlich alles für Dich verwenden – Du darfst es aber eigentlich nicht. Auch die Abgabe verschreibungspflichtiger Medikamente an Dich selber ohne Verordnung wäre (im eigentlichen Sinne des Gesetzes) ein Verstoß gegen die ApoBtrO und die AMVV – und es könnte passieren, dass die Versicherung sich drückt, wenn Du Dir selbst auf diese Weise ein Leid zufügst. (Ob das nun sinnvoll oder eher -frei ist, lasse ich mal unkommentiert.)

        Und gerade bei Tierarzneimitteln ist es ja besonders überwachungsbedürftig – schließlich schließen die Chinesen sehr stark auf! Die EU hat das erkannt, und schon mal vorsorglich die nicht lebensmittelproduzierenden Tiere denen zur Lebensmittelproduktion (fast) gleich gestellt…

        …und wer will denn sonst verhindert, dass Du Deiner Katze 300 Wurmkuren in Jahr kaufst, die Du dann an die umliegenden Schweine- und Hühnerzüchter unter der Hand (und an der Steuer vorbei) weiterreichst! 😉

        Alle Apotheken sind BÖSE! Das sagen die krankenKassen und die Politik doch schon seit fast zwei Jahrzehnten… Nach dieser Logik müßten auch alle Apotheken sofort geschlossen werden, da ja eine Grundvoraussetzung für die Apothekenleitung die „Vertrauenswürdigkeit“ des Leiters ist. Und gemäß unserer politischen und krankenkassenvorständigen Entscheidungsträger ist ja sowieso kein Apotheker vertrauenswürdig…

  3. Habe letzten Samstag Detektiv gespielt und für einen Kunden eine Wurmkur als Spot on gefunden- von Droncit. Also für die Katze des netten Herrn…

    • Droncit in Tabletten- oder SpotOn-Form hilft aber nur gegen Bandwürmer.

      Verschreibungspflichtige Wurmkuren wie z.B. „Banmint Katze Paste oral“ wirken aber (auch) gegen Rundwürmer (Nematoden)… Das ist halt nicht das selbe…

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