Nicht ohne Deine Eltern…

nichtgiftigÄhm, kannst Du mal übernehmen? Ich weiß nicht so recht…, sprach mich die PTA-Kollegin an, was mich von meinem Bürokratie-Schwachsinn, den ich – mal wieder – gerade bearbeitete, aufblicken ließ. Mit einem halben Ohr hatte ich schon mitbekommen, dass die zwei Jugendlichen offensichtlich einen Sonderwunsch hatten, aber ich war mit dem Antrag zur Kostenerstattung einer Portnadel im Gesamtwert von 17,98€ so beschäftigt gewesen, dass das Problem selber von meinem Ohr zwar an mein Hirn geschickt sein worden muss, letzteres das ganze wohl aber im Spam-Filter versacken ließ.
Was gibt´s denn dramatisches?, fragte ich zurück.
Naja, die Jungs wollen Kaliumhydroxid. Keine Ahnung…

Also tingelte ich zur Apo-Theke, um mich dieses Kundenwunsches anzunehmen. Und ich rief mir mal so ab, was mir noch zu Kaliumhydroxid in Erinnerung war. KOH ist eine stark ätzende Base, welche mit dem Kohlendioxid der Luft zu Kaliumcarbonat reagiert, weswegen man es unter Luftabschluss lagern sollte. Aus selbigen Grund wird es in Kreislaufatemgeräten verwendet, um das Kohlendioxid der Ausatemluft zu binden. Beim Auflösen in Wasser zur Herstellung von Kalilauge wird sehr viel Wärme frei, was immer wieder zu Unfällen führt. Basen ganz allgemein und Alkalilaugen im speziellen verursachen bei Hautkontakt immer wieder schwere Verätzungen, da sie den Säureschutzmantel der Haut durch die eintretende Neutralisationsreaktion sehr leicht durchbrechen. Aber fällt mir spontan etwas ein, wozu man – gerade als Jugendlicher – Kaliumhydroxid zu Hause benötigt, von einem Chemiebaukasten einmal abgesehen? Nein, eigentlich nicht. 

Da standen sie nun also vor mir. Der eine groß, etwas distanziert, selbstbewusst, um Vordergrund. Und der andere kleiner, zurückhaltender, irgendwie ein wenig nervös, im Hintergrund. Der letztere war offensichtlich der Begleitschutz, vielleicht ja auch der Nerd, der den ersteren braucht, weil er sich allein nicht traut. Fakt war – das sah man sofort, die Jungs waren nicht die erwachsensten.

Na, wie alt seit Ihr denn?, hob ich das Gespräch an, denn  das wichtigste kann man durchaus zu Anfang klären, dass spart viel Mühe hintendran.
Vierzehn!, sprach sichtlich stolz der erstere. Der zweite nickte dazu.
Ah ja. Sorry, Jungs, aber Kaliumhydroxid ein Gefahrstoff. Die Abgabe muss ich dokumentieren. [1] Und das Gesetz sagt mir, dass ich Gefahrstoffe nur an volljährige Personen abgeben darf. Ich schaute in betroffene Gesichter.
Ist doch aber nur Kaliumhydroxid!, versuchte es der Rädelsführer. Das kursive am „nur“ konnte ich regelrecht raushören.
Ja, und Kaliumhydroxid ist stark ätzend. Ist nun mal so., gab ich meine Bedenken zu bedenken. Denn worauf ich wirklich keine Lust habe, ist ein anschließendes Gespräch mit erzürnten Eltern über diverse verätze Körperteile, wobei insbesondere die Augen sehr gefährdet sind. Schutzbrillen sind schließlich etwas für Weicheier, und in meiner Studienzeit hat sich ein Kommilitone trotz Schutzbrille einmal mit einem Natriumhydroxid-Plätzchen ein halbes Jahr aus dem Lehr- und Lernbetrieb katapultiert. Keine schöne Erinnerung.
Und Sie verkaufen es mir nicht?
Nein. Ich habe im Augenblick sowieso nichts vorrätig. Aber wenn Ihr Eure Eltern mitbringt, ist das kein Problem. Dann schauen wir weiter.
Ach Menno. Na gut, dann komm ich mit meinen Eltern wieder!, kommentierte der Große. Hatte der letzte Satz wie eine Drohung geklungen? Ist ein Elternteil eventuell juristisch vorbelastet und wird mir gerade mit der Klage wegen Nichterfüllung von Kundenwünschen zugewunken? Aber ich muss mich wohl doch verhört haben, und außerdem dürfte das Gesetz in diesem Fall wohl hinter mir stehen. [2]
Eine Frage habe ich noch, meinte ich, als sich beide zum Gehen wendeten. Erstaunte Gesichter drehten sich mir zu. Was habt ihr denn mit dem Kaliumhydroxid vor? Die Frage diente mir einfach nur dazu, herauszubekommen, ob das Kaufansinnen überhaupt Sinn ergibt, oder ob ich den beiden sage, dass es auch mit Eltern keinen Erfolg hat bei mir.
Ich könnte damit Seife herstellen, und ich könnte damit Metalloxide machen.
Zwei mal „könnte“ – also hat er vorsichtshalber nicht gesagt, was er damit machen will. Und die Herstellung von Seife mit Kaliumhydroxid ist nicht ganz so einfach, wie Pharmama hier beschreibt, außerdem kommt dabei nicht etwa Kernseife heraus, welche man mit Natriumhydroxid herstellen würde, sondern Schmierseife. Und das alkalisch-oxidative Aufschließen von Metallen ist auch etwas, was ich nicht unbedingt für die Durchführung im heimischen Kinderzimmer – oder auch Keller – empfehlen würde. Zumal sich Metalle bzw. schwerlösliche Metallsalze meist leichter mit starken (anorganischen) Säuren oder in einer Schmelze (Soda-Pottasche) aufschließen lassen. Nur sind auch diese beiden Verfahren meiner bescheidenen Meinung nach nicht unbedingt kinderzimmergeeignet. Aber immerhin hat er mit beiden Antworten – rein wissenstechnisch – nicht völlig daneben gelegen.  Und das ist durchaus positiv, denn oft sind die Ideen zur Chemikalienverwendung so daneben, dass ich mich sehr zusammenreißen muss, um mir das Kopfschütteln – oder auch das das Kopf-auf-die-Apo-Theke-hauen – zu verkneifen.

Und so gingen die beiden von dannen, sicherlich nicht ganz so glücklich, wie sie gehofft hatten.

Ob die Eltern überhaupt davon wussten?, fragte mich die PTA, nachdem sich die Tür hinter den beiden geschlossen hatte.
Keine Ahnung, antwortete ich. Ich glaube ja nicht. Aber wir werden sehen, ob die beiden mit volljähriger Rückendeckung nochmal aufschlagen… Und damit war für mich der Fall abgeschlossen, und ich wandte mich wieder meinem halbstündigen Antrag auf 1,26€ Rohverdienst zu.

Nur Kaliumhydroxid habe ich bisher weder an Volljährige noch an Minderjährige, und auch nicht Eltern  mit oder ohne Kinder verkauft.

————————-
[1] Das ist formal nicht 100%ig richtig. Der Zwang zur Dokumentation betrifft Gifte der Zuordnung T und T+, explosionsgefährliche Stoffe und Chemikalien, die in der Chemikalienverbotsverordnung aufgeführt sind. Aber an der Forderung zur Vorlage des Ausweises kann ich immer sehr gut erkennen, wie „freigiebig“ der Kunde [3] mit personenbezogenen Daten ist. Hat derjenige damit etwas „gesetzwidriges“ vor, neigt er meist schon zu diesem Zeitpunkt zum Abbruch der Verkaufsverhandlungen. Des weiteren bestätigt der Kunde mit der Unterschrift, die Belehrung verstanden zu haben, die er von mir über sich ergehen lassen muss. Das ist wichtig im Fall von Versicherungsansprüchen, sollte es doch nicht so glimpflich gelaufen sein, wie sich diese Person das vorgestellt hat.
[2] Die Frage ist nur immer, wie weit entfernt steht das Gesetz hinter einem…
[3] Ja, in diesem Fall ist es ein Kunde, und kein Patient. Und ich habe auch keine Verpflichtung zum Verkauf von Chemikalien, im Gegensatz zu Arzneimitteln. Wenn ich  also eine Chemikalie nicht verkaufen will, kann mich niemand dazu zwingen.

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8 Gedanken zu „Nicht ohne Deine Eltern…

  1. Es ist teilweise sehr schwer, privat an Chemikalien zu kommen. Ich weiss zwar auch spontan nicht, was man in einem Kinderzimmerlabor mit KOH machen möchte – vielleicht war die Chemikalie in irgendeiner Vorschrift angegeben und NaOH könnte man auch problemlos benutzen – kann aber das Interesse an privaten Kleinversuchen durchaus nachvollziehen. Wohin soll man sich damit wenden?

    Im normalen Handel finden sich meist sehr stark verunreinigte Substanzen und/oder Zubereitungen mit unbekannten Beimischungen (in oft geringer Konzentration des gewünschten Reagenz). In der Schule – wo solche Versuche unter Aufsicht wahrscheinlich besser aufgehoben sind als daheim – darf man anscheinend immer weniger machen.

    Und – nichts für ungut – Apotheken sind bei der Abgabe von Chemikalien oft übervorsichtig (ich rede immer von Kleinmengen). Vermeidung von Selbst- bzw. Fremdgefährdung ist das eigentlich nicht, z.B. sind in vielen Reinigungsmittel und Bauchemikalien (Baumarkt) ausreichend gefährliche Substanzen vorhanden. Nur eben nicht in ausreichenden Qualität für einen Versuch (die Reinigung ist dann wohl aufwendiger und gefährlicher als der Versuch).

    Eine Lösung habe ich nicht anzubieten.

    • Das ist TEILWEISE richtig. Deswegen gehe ich mal darauf ein:
      1) Mit Eltern – und mit einer klipp- und klaren (und ehrlichen) Antwort zum Verwendungszweck wären die beiden sicher nicht leer ausgegangen.
      2) Chemikalien in Fertigprodukten (wie z.b. in Reinigungsmitteln) unterliegen anderen gesetzlichen Bestimmungen als „Reinchemikalien“.
      3) Leider gibt es ein Gesetz, welches mich persönlich haftbar macht für den Unsinn, den sich der Verbraucher im Zweifelsfall trotz Belehrung antut. Dieses Gesetz schlägt für „Produkte“ (siehe 2) nicht zu! Ich hafte aber nicht gerne für die Dummheit eines anderen. (Wenn ich nur EIN NaOH-Plätzchen abgebe, und der Kunde sich damit ein Auge verätzt, bin ich im Zweifelsfall trotzdem in der Haftung!)
      3a) Dies gilt inbesondere für Minderjährige.
      3b) Dies wird verschärft, wenn die Erziehungsberechtigten nichts davon wissen (sollen).
      4) Die Abgabe vom Chemikalien, die der Chemikalienverbotsverordnung (ChemVV) unterliegen, haben Baumärkte wegen des Dokumentationswahnsinns (und der vorrätig zu haltenden qualifizierten Fachperson) komplett eingestellt. (z.B. H2O2 > 10%; Aceton; usw. Gab es alles um 2000 noch in Großgebinden im Baumarkt um die Ecke.).
      5) Chemikalien, die dem Gefahrstoffrecht mit Belehrungszwang unterliegen, haben Baumärkte wegen des Dokumentationswahnsinns (und der vorrätig zu haltenden qualifizierten Fachperson) größtenteils eingestellt. (Salzsäure 33%, Schwefelsäure 96%, Phosphorsäure 85% gabs um 2000 noch in Großgebinden im Baumarkt um die Ecke.)

      Daraus folgt: Ich soll im kleinen, mit mehr Dokuaufwand, mehr Bürokratie und mit dramatischen Haftpflichten (billiger) machen, was der Baumarkt aus Dokumentatiosnwahnsinns-, Haftungs- und Personalkostengründen GAR NICHT MEHR macht? Sorry, geht nicht.

      Das ganze geht so weit, dass Sigma-Aldrich (der Chemikaliengroßhändler) mir als Apotheke/Apotheker auch kleinste Mengen Laborchemikalien nur zur Verfügung stellt (sprich verkauft), wenn ich (beglaubigte) Nutzungserklärungen abgebe, wozu ich das ganze brauche. Und das auch bei so einfachen Sachen wie NaOH-Plätzchen! Und da soll ich einem minderjährigen (!) Endverbraucher gegenüber anders reagieren?

      Die Lösung habe ich schon 2x gesagt:
      1) Erziehungsberechtigten dabei haben.
      2) Ehrlich mit mir sein. (Versuchsaufbau-Erläuterung dabei haben.)
      Ich bin auch ein Mensch. Aber ich bin halt in der Haftung. Und für „mir die Tasche vollhauen und was vom Pferd(chen) erzählen“ gehe ich ungern in selbige. Pferdchen habe ich nämlich bei mir hier auf dem Blog! (siehe oben rechts) 😉

  2. Hm gute Frage was die Kids damit vor hatten. Bomben bauen kann es schon mal nicht sein, das haben wir auf Klassenausflug in Dänemark mal gemacht mit unseren Chemie Lehrern, denn da dürfen die Schulen noch viel mehr als hier. Da haben wir aber, wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, irgendeine Aluminium Verbindung genommen. Was deinen Vorschlag mit experimentieren in der Schule an geht, das wird schwierig, denn die dürfen fast nichts mehr. Als ich vor ein paar Jahren mein Abi nach geholt habe, hat uns das mal unserer Lehrer im Chemie Leistungskurs erklärt, als wir mit chemischer Vor Ausbildung ( durch verschiedene Berufe) uns wunderten das wir nicht mal den Versuch mit Thermit anzünden durften, sondern er das machen musste.

    • Also für die Bombe habt ihr wahrscheinlich eine Form von „Thermit“ verwendet – eine ähnliche Mischung wie man zum aluminiumthermischen Schweißen benützt – was man nicht mit Thermit-Experiementen verwechseln sollte. [Mit dem einen verbindet man Schienen, mit dem anderen trennt man die Schienen wieder auf. 😉 ]. Ich könnte mir aber schon vorstellen, dass die Jungs „Kaliumhydroxid“ und „Kaliumnitrit“ leicht durcheinandergewürfelt haben. Nur so als Beispiel… 😉

      • Ne, war ja nicht das gleiche Experiment. Das Alu-thermische-Schweißen (oder wie auch immer man das schreibt) war mal direkt im Unterricht und wir haben uns ja vor allem deshalb gewundert, weil mit so kleinen Mengen arbeitet ja jeder Bahnarbeiter der man Schienen verbindet und einige von uns in der Ausbildung mit viel gefährlicherem Zeug zu tun hatten. Nur mal so als Beispiel hatte ich sowohl im Labor als auch in der Firma mit hoch konzentrierter Flusssäure zu tun und auch mit anderem nicht netten Zeug. Bei der Bombe bin ich mir erstens wirklich nicht mehr sicher was wir verwendet haben und zweitens bin ich extra nicht genauer darauf eingegangen, denn wer weiß wer alles mit liest. Außerdem sagte unsere Lehrer damals, dass dieses Experiment in deutschen Schulen gar nicht gemacht werden dürften. Auch andere Experimente dürfen kaum noch in den Schulen von den Schülern durch geführt werden, was ich bei einigen Altersklassen durch aus nach vollziehen kann, aber nicht mehr in einem Chemieleistungskurs im Abitur, wo die Leute auch unter normalen Umständen 18 sein dürften. (Okay kommt auf das Alter bei der Einschulung an) Aber selbst wenn sie erst 17 sind sollte dann doch schon so viel Verantwortungsgefühl vorhanden sein, das sie nicht mehr zu großen Mist bauen.

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