Neid-Debatte: Arzt-Chef basht Apotheken

Bisher war ich von Herrn Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery, seines Zeichens Präsident der Bundesärztekammer, immer sehr beeindruckt. Vor allem deshalb, weil er immer schaffte, für die Ärzteschaft das rauszuschlagen, was den Apoptheke(r)n seit Jahren verwehrt blieb – eine Honoraranpassung in einer Höhe, die zumindest der Erwähnung Wert erscheint. Aber was er nun in einem Interview mit der „Ärzte-Zeitung“ zum besten gegeben hat, verschlug mir doch nicht nur die Sprache, sondern glatt den Atem. Nachzulesen ist es hier.

 „Es empört uns aber geradezu, dass in vielen anderen Bereichen, angefangen von den Rechtsanwälten, über die Tierärzte bis hin zu den Apothekern immer wieder Vergütungsverbesserungen stattgefunden haben, bei den Ärzten aber seit 1996 nicht mehr.“

Als ich diese Zeilen las, meinte ich kurzfristig, die letzten 13 Jahre nicht in diesem Land gewesen zu sein. Aber ein kurzer Blick in meine Streitschriften mit dem Finanzamt (betreffend abzuführender Einkommenssteuer) zeigten, dass ich doch da gewesen sein muss. Stellt sich mich die Frage, wo Herr Montgomery die letzen 17 Jahre verbracht hat, um zu dieser Einschätzung zu kommen.

Bevor ich mal meine Betrachtungen herleite, will ich sagen, dass ich keine Neid-Debatte führen will. Ich gönne den hart arbeitenden Ärzten ihren Verdienst. Aber dass Herr Montgomery nun die Tatsachen dermaßen verdreht, und dabei auch noch die Berufsgruppe verarschauckelt, die den Ärzten in den letzten Jahren dramatisch die Budget-Probleme lindern half [1], läßt mich tief betroffen zurück.

Aber mal zum wesentlichen. Herr Montgomery stellt fest (alle Hervorhebungen von mir):

„Es empört uns aber geradezu, dass in vielen anderen Bereichen, angefangen von den Rechtsanwälten, über die Tierärzte bis hin zu den Apothekern immer wieder Vergütungsverbesserungen stattgefunden haben, bei den Ärzten aber seit 1996 nicht mehr.“

Das sollte Herr Montgomery aber besser wissen, hat er die meisten Vergütungsverbesserungen doch höchstpersönlich durchgesetzt gegen die bzw. auch mit der Politik – gegen die krankenKassen. [Edit 31.05.2013: Es ist wohl war, das die GOÄ (Gebührenordnung für Ärzte) seit 1996 nicht mehr angepasst wurde. Das ist aber trotzdem besser, als ständig „nach unten“ angepasst zu werden. Unabhängig davon hat sich das Einkommen der Ärzte trotzdem – gerade auf Arbeit von Herrn Dr. Montgomery – positiv entwickelt in dieser Zeit. Das kann man von Apothekern wohl nicht behaupten.]

Aber ich behaupte das nicht bloß so, ich kann das ja auch belegen. Und dabei rate ich eher von dieser Stellungnahme der AOK Bayern ab (die ich für Neugierige und zum Lachen trotzdem mal hier verlinke), und beziehe mich auf etwas seriösere Quellen.

Fangen wir an mit einer Zusammenstellung des DATEV-Verlags Was verdienen Ärzte wirklich. (Alle im PDF von mir genannten Seitenzahlen beziehen sich auf die PDF-Zählung.)

  • Auf Seite 8 findet sich eine Tabelle, in der inflationsbereinigt die Einkommensentwicklung bestimmter Berufsgruppen zwischen 2000 und 2010 dargestellt ist. Bei Ärzten findet sich dort ein Plus von 16,3%. Es sei ihnen gegönnt!  Bei Apothekern finden sich dort 24%. Aber im Minus!
  • Auf Seite 18 findet sich die Honorarentwicklung der Ärzte von 2000 (23,85 Mrd. €) bis 2011 (32,4 Mrd. €). 8,55 Mrd € in 11 Jahren, also eine Erhöhung um ca. 36% gesamt oder 3,1% pro Jahr, dürften keine Steigerung sein, das sehe ich ein.
  • Auf Seite 20 sehen wir bei der Entwicklung des Ertrags je Arzt und Versorgungseinheit auch nur eine unwesentliche Steigerung. Getrennt nach Hausärzten und Fachärzten finden sich Zahlen von ca. 72T€ (1997) zu ca. 97T€ (2009) bzw. ca.85T€ (1997) zu ca. 105T€ (2009). Nicht der Rede wert, sehe ich auch so.

Aber schauen wir mal einfach auf Presseentenmeldungen:

An dieser Stelle bin ich des Suchens müde, aber jeder kann ein wenig recherchieren, und die Liste läßt sich fortsetzen. Und selbst wenn das ganze nur im Durchschnitt stimmt (und nicht für jeden einzelnen Arzt gleichermaßen), kann doch wohl von keiner Vergütungsverbesserung kaum die Rede sein.

Wie gesagt, ich gönne den Ärzten ihre Honorierung, aber Herr Prof. Dr. Montgomery betreibt hier Polemik auf Kosten deren, die in den letzten Jahren die Geschlagensten von allen Dienstleistern im Gesundheitssystem sind!  Wollen wir uns im Gegenzug die Sachlage der Apotheke anschauen?

  • 2004 – Umstellung der AmPV von einem degressiv-prozentualem auf ein Fixzuschlagsystem. Dabei Anpassung der Vergütung nach unten.
  • 2005 – Erlaubnis des Versands von Arzneimitteln innerhalb und nach Deutschland
  • 2006 – Arzneimittelversorgungs-Wirtschaftlichkeitsgesetz (AVWG), dabei Verbot von Naturalrabatten und Einschränkung von Barrabatten an Apotheken betreffend verschreibungspflichtigen Arzneimitteln („Diese Rabatte stehen den krankenKassen zu!“) ohne Ausgleichmöglichkeit für diese Rohertragseinbuße; Apotheker „verkaufen“ 300.000€ „Honoraranpassung“ [Edit] 300Mill. € Anpassung aufgrund der gesunkenen Packungszahlen (insgesamt, nicht „pro Einzelapotheke“ – das wären pro Einzelapotheke durchschnittlich ca. 14.000€ Rohertrag gewesen) auf politischen Druck gegen „10 Jahre Planungssicherheit“. Diese hält bis:
  • 2007 – Einführung der Rabattverträge der krankenKassen mit den Herstellern (GKV-WSG), und damit eine dramatische Erhöhung (unbezahler) Bürokratie in der Apotheke
  • 2008 – Erhöhung des Apotheken-Zwangsrabatts von 2,00€ auf 2,30€
  • 2009 & 2010 – (rückwirkende) Anpassung des Apotheken-Zwangsabschlags im Frühjahr 2010 auf 1,75€ unter Klage der krankenKassen, diese Sachlage wird frühestens zum 20.06.2013 geklärt sein. Eine Rückzahlungen sind 2013 immer noch offen, da fragliche KrankenKassen zwischenzeitlich fusionierten und „weg“ waren.
  • 2011 – AMNOG 1 (Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz) – Zwangserhöhung des Apothekenabschlags unter Ausschluss der Schiedsstelle für 2 Jahre auf 2,05 € („Sonderopfer“, wurde aber dann im Gesetz als „ganz normal“ reingeschrieben); Verbot jeglicher Rabatte an Apotheken (Rx betreffend) außer Skonto. Einführung der „Packungsgrößenverordnung“ und damit Auslösung eines bis heute nicht bewältigten Arzneimittelchaos.
  • 2012 – AMNOG 2 – Umlage des Großhandelsanteils der Arzneimitteleinsparungen an die Apotheken durch Skontokütrzungen des Großhandels entegegen allen politischen Versprechungen; Einführung der neuen ApoBtrO mit einem Wust an bürokrtischen Neuauflagen. Überarbeitung der Packungsgrößenverordnung für noch mehr Chaos
  • 2013 – Einführung des Erstattungsbetrags und des Nutzenbewertungsrabatts unter (bisher versuchter) Anpassung des Apothekenrohertrags nach unten. Anpassung der Fixhonorars um ingesamt 0,25€ (nach 8 Jahren!) als „Inflationsausgleich für 8 Jahre“ (daraus resultierende rückgerechnete Inflation seit 2006: 0,3% pro Jahr); dafür auch Anpassung des Apotheken-Zwangsrabatts von 1,75€ (2009/2010) auf 1,80€ (über eine schöngerechnete Methode).

Eine schönes Plakat zum Apotheken-Monopoly findet sich hier. Unberücksichtigt in meiner Liste sind unter anderem die Energiekostenerhöhungen, die Tarifstiegerungen (ohne Gegenfinanzierung), die gesunkenen Packungszahlen, ständige Investitionen in die EDV, um den gestiegenen gesetzlichen Anforderungen nachkommen zu können usw. usw. Diese Steigerungen wurden bei der Apothekenhonorierung ja auch nie berücksichtig.

Die Liste läßt sich beliebig fortsetzen.

Und jetzt meine Frage – werter Herr Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery – wer hat hier Einkommenseinbußen hinnehmen müssen? Wer wurde durch KrankenKassen und Politik als „Melkvieh“ des Gesundheitssystems ge- und missbraucht? Wem darf man „ständige Einkommenserhöhung“ vorwerfen? Den Apothekern?

Nochmal für alle mitlesenden Ärzte (und für alle anderen Leser/innen auch) – ich habe nichts gegen die Ärzte. Aber haut Eurem Oberguru mal auf den Mund, denn was der da von sich gegeben hat war ein Satz mit X! Die ABDA wird übrigens wahrscheinlich nichts dazu sagen – unsere Standesführung sucht immer noch ihrem Pressesprecher. [2]

Ich persönlich finde, für diesen Fauxpas sollte sich Herr Montgomery bei den Apothekern – immerhin die Partner der Arzte bei der Arzneimittelversorgung der Patienten – entschuldigen. Denn eine „gute Zusammenarbeit“ stelle ich mir anders vor.

Nachtrag (31.05.2013): Aufgrund meiner (zugegebenermaßen vorhandenen) Wut über diese Äußerung habe ich ganz vergessen, eine Frage zu stellen, die mich wirklich interessiert. Wenn hier ein Arzt mitliest – bitte schreibe, was Du zu dieser Äußerung des Herrn Dr. Montgomery denkst. Anonymisiert Euch, aber schreibt mir Eure ehrliche Meinung zur Verdienstlage der deutschen Apotheken und zum Apotheken-Bashing durch den Ärztechef, die krankenKassen und die Politik. Bin ich wirklich so überflüssig? 

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[1] Es gibt (bzw. gab) Verträge der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) mit den krankenKassen, dass abgegebene „Rabattarzneimittel“ nicht in das Arzneimittelbudget hineingerechnet werden. Damit soll(t)en die Ärzte angehalten werden, keine „Non-Aut-Idem“-Kreuze zu setzen. Mit dem Heraussuchen der passenden Rabattarzneimittel schont(e) die Apotheke also das Arzneimittelbudget der verschreibenden Arztpraxis.
[2] Die wurden in letzter Zeit alle verlegt.

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