Dosenfleisch-Direktvertrieb

Spam zeichnet sich ja meistens dadurch aus, dass sie wie mit der Gießkanne geschüttet, über alle Menschen, die nicht schnell genug einen Regenschirm aufspannen konnten, verteilt wird. Und gewöhnlicher Weise fragt man sich als Empfänger dann Dinge wie: Was soll ich wohl mit einem „Viagra auf pflanzlicher Basis“, einem auf einen halben Meter Länge und 30cm Durchmesser vergrößertem Glied oder den Super-Staubsauger mit Druckluft-Zusatzfunktion [1]. Aber es gibt auch sehr gezielte und gut durchdachte Spam. Infoschreiben, die einem als Betriebsbesitzer einerseits gehörig die Angst schüren, andererseits aber gleich mit einer klaren, einfachen, schnellen und vermeintlich billigen Lösung daher kommen. Und offensichtlich alle 5 Jahre bekomme ich den Unsinn auch. Als Fax. (Was mir das Abtippen des Schwachsinnstextes zwecks Analyse nicht einfacher macht.) Na dann, seit eingeladen mit mir zu lachen:

Letzhin kommt dieses Schreiben von einem „Verbandstoffhändler“ mit angeblichem Firmensitz in Deutschland. Spannend ist, dass eine genaue Straße und Hausnummer fehlt – es ist nur ein Gewerbegebiet in einer Stadt angegeben – und dass die Telefon- und auch die Faxnummer mit 0044 beginnen, der Vorwahl von Großbritannien. Wenn man nun diese Telefonnummer mal bei Google eingibt, findet man recht schnell diese Seite, und diese Firma scheint mehr Sitze und Firmenadressen zu haben (und diese auch schneller zu wechseln) als ihr Geschäftsführer Unterhosen. Apropos Geschäftsführer – der fehlt als Angabe genau so wie alle anderen Angaben zu einem „Impressum“, wie z.B. die Steuernummer oder die Umsatzsteuer-Identifikationsnummer, der Sitz des zuständigen Amtsgerichts, eine Handelsregistereintragung usw. So viel zur Seriosität dieses Unternehmens.

Aber wenden wir uns jetzt mal dem Schreiben an sich zu. (Alle Interpunktionsfehler sind direkt aus dem Text übernommen.) Das Fax ist übrigens direkt an unsere Apotheke (mit korrekter Firmenanschrift und der Zusatzbezeichnung „Apotheken“) gerichtet. Der Versender muss also zumindest grob wissen, wem er da etwas schickt. Es beginnt mit dem Betreff:

„Ihr Erste Hilfe Material geliefert 2008.“

Hö? Ich würde mich daran erinnern, wenn ich mir von so einem „Unternehmen“ hätte etwas liefern lassen. Aber weiter:

„[…] wir beziehen uns auf die Wiedervorlage aus unserem letzten Kontakt. Sie hatten uns mitgeteilt, dass Sie noch ausreichend versorgt sind und das wir uns noch einmal Anfang 2013 melden dürfen und dafür sagen wir Danke.“

Also a) wir hatten keinen Kontakt, aber selbst wenn habe ich b) sicher nicht darum gebeten, dass diejenigen sich nochmals bei uns melden sollen, c) bin ich als Apotheke tatsächlich mit Verbandmaterial ausrechend versorgt [2] , d) ist der Anfang 2013 wohl auch schon ein paar Tage vorbei, und e) sage ich dafür mal „Bitteschön!“

„Wie Sie wissen sind alle unsere Produkte mit einem Haltbarkeitsdatum von 5 Jahren ausgelegt und diese laufen nun ab.“

Das ist aber nun Künstlerpech, weil a) ist ein Haltbarkeitsdatum nicht mit einer Zeitspanne zu bemessen, und b) weiß ich davon wirklich nichts, weil ich die Lagerhaltung dieser Firma ja nicht innehabe, und c) wenn das abgelaufene Zeug bisher nicht verkauft wurde, soll ich da nun in die Lücke springen? Nö, sucht nen anderen Trottel, der abgelaufenes Verbandmaterial kauft!

„Alle Verbandstoffe die noch kein Haltbarkeitsdatum haben sind auch abgelaufen.“

Na dann viel Spaß bei der Entsorgung – aber bitte nicht auf meine Kosten und für mein Geld bei mir abladen!

„Sie sind aus der Zeit wo es noch keine Kennzeichnungspflicht für diese Artikel gab.“

Na, da muss diese Firma aber ziemlich altes Zeugs haben. Vielleicht könnten es Armee-Restbestände sein, denn die letzen Mullbinden ohne aufgedruckte Chargenbezeichnung hatte ich bei der Bundeswehr in der Hand, und die stammten wohl aus dem Produktions-Jahr 1970, soweit ich das nachvollziehen konnte. Unabhängig von der Verwendbarkitsfrist (bei sterilen Produkten, die auch schon – meines Wissens nach – vor 1990 eingeführt wurde) sind Verbandstoffe nähmlich auf jeden Fall Medizinprodukte, und die müssen schon seit einer halben Ewigkeit eine Chargenbezeichnung tragen. Davon abgesehen habe ich einen Haufen nagelneu eingekaufter unsteriler Mullbinden und Mullkompressen in meinen Schubfächern, die keine Verwendbarkeitsfrist und kein Haltbarkeitsdatum tragen. Was bitte soll denn an denen schlecht werden bei sachgerechter Lagerung?

„Wie Sie wissen sind auch in Ihrer Branche Erste Hilfe Notfallkoffer und Schränke vorhanden, …“

Also Schränke gibt es in meiner Branche wohl eine ganze Menge, meistens mit Schubladen, und Erste-Hilfe-Material wohl auch, aber Notfallkoffer habe ich hier jetzt keinen. Muss ich das? Steht das irgendwo? Naja, ich weiß es wohl offensichtlich einfach nicht.

„… diese müssen ständig auf Vollständigkeit geprüft werden.“

Hö? Also muss ich jetzt einen 3-Schicht-8-Stunden-Betrieb einführen, damit ständig – gemäß 24/7 – die Vollständigkeit vom Erste-Hilfe-Material überprüft wird? Also zumindest der Pharmazierat hat dieses „Vergehen“ noch nie bei den Überprüfungen angekreidet.

„Diese Artikel sind auch von der Berufsgenossenschaft vorgeschrieben, Betriebe oder EInrichtungen ab einem Mitarbeiter müssen mindestens die DIN 13 157 erfüllen, für größere Betriebe oder Einrichtungen gilt die DIN 13 169.“

Das ist zumindest teilweise richtig. Aber die Zahl der „Mitarbeiter“ interessiert nicht, sondern die Zahl der Beschäftigten. Naja, seien wir nicht kleinlich.

„Aus diesem Grund bieten wir Ihnen heute noch mal diese Produkte zu einem Sonderpreis an, dieser Preis gilt nur für die kommenden vier Wochen.“

Ja, ich vermute, ich habe schon öfter Faxe dieser ominösen Firma bekommen, die ich bisher nach einem Lachen und Lachfalten-aus-dem-Gesicht-Wischen geknifft, gelocht und im Aktenordner „Recycling“ abgeheftet habe. Aber da das Schreiben sowieso kein Datum trägt, sind die nächsten vier Wochen wohl immer die gerade jetzt kommenden, und zu den „Sonderpreisen“ komme ich gleich.

„Wir freuen uns schon jetzt auf eine weitere Zusammenarbeit mit Ihnen.“

Diesen Satz glaube ich tatsächlich. Ich freue mich aber nicht, und ich werde auch nicht zusammenarbeiten, weder früher, noch jetzt, noch in Zukunft. Nun greife ich etwas vor, denn die Produkte nach DIN 13157 tragen einen „*“, und die nach DIN 13169 tragen ein „**“:

„* 1-20 Mitarbeiter; ** 20-50 Mitarbeiter“

Das stimmt natürlich nur (auch nur teilweise) bei „Herstellungs-, Verarbeitungs- und vergleichbaren Betrieben“, aber es gilt: 1x DIN 13157 für 1-20 Beschäftigte und 1x DIN 13169 für 21-100 Beschäftigte – und für jede nächste angerissen 100 Beschäftigte ist ein weiterer DIN 13169 vorrätig zu halten. Für „Verwaltungs- und Handelsbetriebe“ – wo man sich z.B. immer wieder an hochgefährlichen Papierkanten schneidet statt in CNC-Maschinen mit stumpfen Fräswerkzeugen zu stürzen – gilt 1x DIN 13157 für 1 – 50 Beschäftigte, 1x DIN 13169 für 51-300 Beschäftige; und für jede weitere angerissene 300 ein zusätzlicher DIN 13169. Für Baustellen, Schulen, Kindergärten, Rettungsfahrzeuge und Feuerwehr [3] gelten noch ganz andere Regelungen. Eine kleine Übersicht findet sich übrigens hier. Es handelt sich also um eine definierte Falschaussage, nur dazu gemacht, im Betriebseigentümer zum (unüberlegten und schnellen) Kauf zu bewegen. Aber dann kommt auch noch „im Kleingedruckten“:

„Ware die Original verpackt ist kann inerhalb von acht Tagen Umgetauscht werden. Unfreie Rücksendungen werden nicht angenommen.“

Das widerspricht gleich in mehrerer Hinsicht dem Fernabsatz-Gesetz. Dummer Weise könnte es sein, dass man sich als Unternehmen nicht auf dieses Gesetz berufen kann. Schön auch, dass eine Warenrücknahme gar nicht vorgesehen ist, denn Ware kann nur umgetauscht werden! Nepper, Schlepper, Flüchtigkeitsleser-Fänger…

Ich will jetzt mal kurz auf das Angebot eingehen. Die Preise sind übrigens ohne 19%MwSt. angegeben, und verstehen sich zuzüglich 5,50€ Versandkosten. Zusätzlich ist in Klammern ein „alter“ Preis angegeben. Das dürfte wettbewerbsrechtlich unzulässig sein, aber egal. Der einfacheren Vergleichbarkeit halber habe ich schon mal die MwSt. draufgelegt, so dass hier die „realistischen“ Preise abgebildet sind, die sich besser mit „meinen“ Abgabe- und Verkaufspreisen vergleichen lassen. Ein umsatzsteuerpflichtiger Unternehmer kann sich die MwSt. natürlich teilweise vom Finanzamt zurückholen.

Artikel; [Alter Preis]; Neuer Preis; {mein Preis}
DIN13164 KFZ-Verbandkasten; [15,41€]; 11,78€ {<10€}
DIN13157 Nachfüllsortiment; [57,06€]; 47,54€ {<25€}
DIN13169 Nachfüllsortiment; [83,24€]; 71,34€ {<65€}

Hinzu kommen noch ein paar dieser Sets in orangen Koffern oder weißen Metallschränken. Da mache ich mir jetzt nicht die Mühe, Vergleichspreise rauszusuchen und zu kalkulieren. Trotzdem lohnt es sich für jeden Unternehmer, in der Apotheke vor Ort nach den aktuellen Preisen zu fragen. Vergleichen schadet nie, und solche Firmen wollen nur das Beste – nähmlich das Geld des (uninformierten) Käufers. Und 5,50€ Versandkosten verlange ich bei Vor-Ort-Abholung natürlich auch nicht. 

Einmal davon agesehen, dass wir als Apotheke so viele Verbandstoffe vorrätig haben, dass ich einen durchschnittlichen Menschen – wenn ich mich denn wirklich austoben darf – anschließend unauffällig als Mumienkopie in einem ägyptischem Museum unterbringen könnte, würde ich diesem „Verbandstoffvertrieb“ auf meine Preise glatt noch einen Mengenrabatt anbieten, wenn er größere Mengen bei mir ordert.

Also bleibt alle unfallfrei, auf dass das Erste-Hilfe-Material bis zum Verfalldatum ungenutzt bleiben kann!

—————-
[1] Es saugt und bläst der Heinzelmann, wo Mutti sonst nur saugen kann! Weihnachten bei Hoppenstedts, Loriot
[2] Wenn ich nur alle 5-6 Jahre Verbandstoffe einkaufen würde, hätte ich wohl ein ernstes Problem mit meinem Versorgungsauftrag und der daraus resultierenden Lieferfähigkeit.
[3] Und ich habe schon Erste-Hilfe-Kästen für Feuerwehrfahrzeuge „aufgefüllt“, da waren noch (von der Erstbefüllung) 2 Mullbinden 8cm x 4m drin, und sonst nicht mal ein Spinnweben. Dafür ist dann aber auch die DIN 14142 ausschlaggebend.

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6 Gedanken zu „Dosenfleisch-Direktvertrieb

      • „kotzbar“? Ist das eine neue Form von Vergnügungs-Etablisement, wo Lebensmittel für sehr spezielle und raffinierte Kundenwünsche „ausgeschenkt“ und „an den kunden gebracht“ wird? Wow… eher nicht mein Fall. Ich bevorzuge die gewöhnliche Eck-Kneipe. 😀

  1. Auch ein köstlicher Spam in den letzten Wochen.

    Das wissenschaftliche Verlagshaus „WYNO“ sucht Autoren, die Beiträge schreiben. Es gäbe von Sozialwissenschaften bis zu Genetik alles Mögliche an Journals, die sie rausgeben.

    Dummerweise sind 95% aller Redaktoren Inder, und der Firmensitz befindet sich im Mekka des wissenschaftlichen publishings, nämlich in Lagos (Nigeria).

    Nur, nach kurzem Goggeln wurde ich davor gewarnt, mit ihnen eine Zusammenarbeit anzustreben. Denn damit meine Publikation überhaupt gelesen wird, müsse ich eine Bearbeitungsgebühr von 400 $ vorstrecken.

    Ob das noch etwas wird mit meiner wissenschaftlichen Karriere?

    • Klar, in Nigeria sitzen haufenweise ehemalige Generäle, die solche Zeitungen aus wissenschaftlicher Neugier lesen, weil sie sonst den ganzen Tag nichts zu tun haben, weil ihnen niemand 4.000€ schickt, damit sie nach Europa kommen können, um demjenigen dann 21Mrd. € als Dank auszuhändigen…
      …nur Mut, Turtle! 😀

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