Notdienst V1.6 – ein durchschnittlicher Sonntags-Dienst

noctu2Immer wieder werde ich nach „validen Zahlen“ gefragt. Runter mit den Hosen, die genauen Zahlen auf den Tisch. Darum habe ich mir mal die Mühe gemacht, einen Sonntags-24h-Dienst aufzudröseln. Dazu habe ich nicht nur meine Erinnerungen alleine bemüht, sondern via des Kassenprotokolls alle Vorgänge nochmals nachvollzogen. (Das hat ne Weile gedauert. Natürlich kann ich diese Zahlen nicht „beweisen“ – denn selbst wenn ich ein Bildschirmfoto des Kassenschnitts hier reinstellen würde – was ich aus unterschiedlichen Gründen nicht machen werde – könnte man mir Manipulation daran vorwerfen. Also entweder werden mir diese Zahlen geglaubt, oder eben nicht.)

Es war ein ganz gewöhnlicher Sonntag, die Sonne schien, ein paar Wolken wurden von einem lauen Lüftchen über das Firmament getrieben, es war nicht eisig kalt und auch nicht brütend heiß. Und ich habe hinter der Apo-Theke (bzw. im Büro) gesessen, wo ich vor Sonnenbrand und daraus resultierenden malignen Melanomen sehr gut geschützt war. Es handelte sich übrigens nicht um diesen Notdienst, den ja mein Chef machte. Die Zahlen sind genau die, die mein Chef dem Finanzamt übergab – aber um einiges aufgedröselter zum besseren Verständnis aller Mitlesender. Aber zuerst mal der Überblick über die Ereignisse…

Es ist Sonntag.
05:45 – Der Wecker klingelt, ich ignoriere das erst einmal.
06.00 – Der Wecker klingelt nochmal, ich fühle mich leicht genervt.
06:15 – Der Wecker wird langsam nervtötend. (Ja, ich brauche immer etwas, bis ich mich aufraffe. Insbesondere Sonntags.) Aufstehen, duschen, frühstücken, Sachen zusammenkramen (Bettzeug, Waschtasche, Wechselklamotten, Literatur, Lebensmittel für 24h, was man so braucht). Alles möglichst ungehetzt.
07:35 – Ich erreiche die Apo-Theke.
07:50 – Die Technik läuft. Ging heute erstaunlich problemlos.
08:00 – Dienstbeginn. Nanu – hat noch keiner an der Tür gerüttelt zwischendurch. (Notiz: Kreuz in der Kalender setzen.)
09:25 – Rezept vom lokalen Kinderdok. Hustensaft, Fiebersaft.
10:10 – Kunde braucht dringenst „Fenistil Tropfen“ und „Tannolact Lotion“ – beides gegen Juckreiz und just gerade alle geworden.
10:15 – Kinderdok-Rezept für 2 Asthma-Vernebler-Lösungen, die irgendwie gerade just (auf den Sonntag) alle geworden sind. Ein Hustensaft ist auch noch drauf.
10:20 – 1x ganz dringend Hustenlöser-Retardkapseln ohne Rezept. Und wie teuer ist „Formoline L112“ (ein fettbindendes Mittel zur Unterstützung des Abnehmens) gleich? Was, so teuer? Nein, so viel Geld habe ich ja gar nicht dabei! Ja, dafür mache ich Notdienst.
10:30 – Die Augentropfen-Nasenspray-Antiallergie-Akut-Kombipackung wurde zu Hause vergessen. Was machen wir da nur? Da es die freiverkäufliche Variante ist, läßt sich das Problem ohne weitere Verzögerung lösen.
10:40 – 1x Säuglings-Nasentropfen. Aber gerne doch.
10:50 – Gefühlte 20 Sekunden nach dem Druck auf die Notdienstklingel presst sich ein Patient schon die Nase an der Eingangstürscheibe platt. Es ist aber auch ein dolles Ding, dass ich nicht mit Betätigung des Klingeltasters in der Notdienst-Klappe materialisiere… Der diensthabende Zahnarzt schickt mir ein Rezept (samt Patienten) mit Antibiotikum zwecks Behandlung einer Zahnwurzelvereiterung. Sowas kenne ich selber, ist nicht lustig das. Der Mensch hat mein Mitleid, aber leider keinen Putzlappen für die Scheibe. Obwohl es eine für mich ungewöhnliche Krankenkasse ist, habe ich tatsächlich das (einzig von der Kasse genehmigte) Rabattarzneimittel vorrätig.
11:05 – 2x Anti-Allergie-Präparate plus Hustenlöser auf des Kinderdoks Rezept.
11:10 – Hustensaft, Nasentropfen und ein Antibiotikum aufs Rezept vom Kinderdok.
11:30 – Was wärmendes für den verlegenen Rücken bitte! Gerne.
11:33 – Ein Schmerzmittel gegen eine potentielle Nervenreizung, und etwas Vitamin-B dazu. Die Erst-Beratung hatte (ausgedruckter Weise) ein Online-Orthopädie-Dok übernommen. Sah auch alles recht schlüssig aus. Insofern ging das in Ordnung. Trotzdem nochmal dazu gesagt, dass ein Arzt draufschauen sollte, wenn es nicht besser wird.
11:37 – Ein heftigerer (verschreibungspflichtiger) Hustensaft, und noch ein (eher exotisches) Antibiotikum vom Kinderdok. Bloß gut, ich hab beides im Vorrat.
11:59 – Meine erste Tüte Gummitiere ist alle. Na, zum Glück habe ich mich ausreichend bewaffnet…
12:00 – Antibiotika-Augentropfen vom Kinderdok, samt Nasentropfen.
12:03 – Gleich nochmal die Kinderdok-Antibiotika-Augentropfen. Blöd, der Rabattartikel der fraglichen Kasse ist einen Vorgang vorher schon raus. Naja, also die böse Konkurrenz rausgesucht, „Nichtverfügbarkeit vom Rabattarzneimittel“ und „Akutversorgung“ auf dem Rezept vermerkt. Dazu zwei handgeschriebene Textzeilen mit Datum und Unterschrift. Ich harre des Retax.
12:15 – Fieberzäpfchen, Nasenspray und Hustensaft auf des Kinderdoks Verordnungsblock.
12:30 – Ich hadere mit mir, ob ich mein Mittagessen in die Mikrowelle stellen soll oder nicht.
12:37 – Ich hab gestern Eichenholz gesägt. Ja, und da hat wohl der Eichenprozessionsspinner dran geklebt. Irgendwann ist der Juckreiz natürlich kaum mehr auszuhalten. Also was freiverkäufliches gegen Allergie und Entzündung für äußerlich und innerlich – und der Hinweis, dass man zum Arzt sollte, wenn es nicht besser oder gar schlimmer wird. Nebst einigen Tipps zum Thema „Arbeitsschutzbekleidung“, die ungehört verebben.
13:40 – 1x was gegen die Sonnenallergie. Ich hoffe, das Dekolleté läßt sich retten…
14:00 – Nun schieb ich doch mein Mittagessen in die Mikrowelle.
14:12 – Der lokal diensthabende Arzt braucht drigend was. Im Sinne der „guten Zusammenarbeit“ verzichte ich auf die Notdienstgebühr, der Arzt hat ja selbst gerade 24h-Notdienst.
16:40 –Aspirin Complex“. Jupps.
16:55 – Kopfschmerztabletten und Nasenspray für den akut erkälteten Erwachsenen.
17:30 – 1x Migräne-Scherztabletten. Ja, das schaffe ich auch grad noch so.
19:10 – Telefonklingeln: Haben Sie auch was gegen Läuse da? Ja. Und wie lange sind sie da? Bis morgen früh um 8 Uhr. Und danach bis morgen abend im 18 Uhr. Na ich komme in einer halben Stunde. Ja, ich warte hier auf Sie.
19:38 – Nach einem Beratungsgespräch zum Thema „Haustiere“: 4x Läusemittel und einen Nissenkamm. Damit ist das Telefongespräch abgearbeitet…
20:50 – 1x Durchfalltabletten. Nur Firma XY. Bitteschön. Sind die jetzt so viel teurer geworden? Nein. Ich deute auf das Schild, Schriftgröße 60 fett, direkt neben der Notdienstklappe mit dem Hinweis auf 2,50€ Notdienstgebühr – die nebenbei bemerkt auch auf dem Kassenzettel ausgewiesen ist. Achso. Das Gesicht deutet eine Wetterlage an, bei der der Wetterdienst eine Unwetterwarnung wegen Starkregens rausgeben würde.
21:00 – Nachdem die M&M´s (die männlichen) meinten, auch aufgegessen sein zu müssen, mache ich mir mein Abendbrot mit der klitzekleinen Welle warm. (Gesegnet sei diese nahrhafte Mikrowellenspeise und der Konzernvorstand des Supermarkts, welcher mir diese so preiswert verkauft hat! Amen.)
Zumindest hat man mit Fertiggerichten wenig Ärger, sollte es während der Zubereitung Notdienst-klingeln – auch wenn ich mir im Schnitt lieber selber was koche.
21:40 – 1x Kopfschmerztabletten XY bitte. Die kleine. Auch das schaffe ich heute noch ohne größere Schwierigkeiten.
01:00 – oder irgendwann drumrum. Ich hoffe, dass es sich nun keiner mehr überlegt, und haue mich in die Federn.

08:00 – Nach Aufstehen, Morgentoilette und der Feststellung, dass erst mal einer Kaffeepulver wegen akuten Mangels besorgen muss (DAS nenne ich einen Natfall! 😉 ), geht der normale Arbeitsalltag weiter. Zum Frühstücken komme ich dann so gegen 9 Uhr.

So, und nun habe ich mir mal die Mühe gemacht, die ganzen Zahlen Cent-genau aufzudröseln:

  • In 24 Stunden hatte ich 24 Patienten (also technisch gesehen Ø 1 pro Stunde). ,
  • Ich hatte 66 Kassenvorgänge. 7 verschreibungspflichtige Packungen, 36 apothekenpflichtige und freiverkäufliche Artikel, und 23x Notdienstgebühr. (Plus die eine Kassenzeile der „Nichtverfügbarkeit von Rabattarzneimitteln betreffend der Akutversorgung“, aber die ist Buchungstechnisch nun nicht so ausschlaggebend.)
  • Ich hatte 8 Kassenrezepte ohne Zuzahlung, 1 Kassenrezept mit Zuzahlung, 1 Privatrezept und 14 Barverkaufsvorgänge.

+ 440,23 € – Warenumsatz gesamt
–  069,60 € – MwSt. 19%
–  000,28 € – MwSt. 7%
–  014,15 € – Abschläge an die KrankenKassen (ohne MwSt.)
–  200,73 € – Einkaufspreise (ohne MwSt.)
————–
+ 155,47 € – Rohertrag (Ø 6,48€ pro Stunde)
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Der Rohertrag hört sich erst einmal dramatisch viel an – nähmlich nach einem Aufschlag von ca. 78%. Stimmt aber nicht, wenn man auch diese Zahl in ihrer Zusammensetzung anschaut. Denn:

Verschreibungspflichtige Arzneimittelpackungen (Preisfindung gemäß AmPV); 7 Packungen:
+ 140,06 € – Warenumsatz (Ø 20,01 € pro Packung)
–  012,25 € – Kassenrabatt (1,75 € pro Packung incl. 19%MwSt.)
–  020,41 € – MwSt. 19%
–  057,53 € – Einkaufspreis (Ø 8,22 € pro Packung)
—————
+ 049,87 € – bereinigter Rohgewinn (Ø 7,12 € pro Packung)

Apothekenpflichtige und nichtapothekenpflichtige Arzneimittelpackungen und Produkte (Preisfindung gemäß AmPV bei Rezeptabgabe); 36 Artikel:
+ 242,67 € – Warenumsatz (Ø 6,74 € pro Packung)
–  004,59 € – Kassenrabatt (incl. 19%MwSt.)
–  037,33 € – MwSt. 19%
–  000,28 € – MwSt. 7%
–  143,20 € – Einkaufspreis (Ø 3,98 € pro Packung)
—————
057,27 € – bereinigter Rohgewinn (Ø 1,59 € pro Packung)

Notdienstgebühr:
+ 057,50 € – Notdienstgebühr (23x 2,50 €)
–  009,18 € – MwSt. 19%
—————
+ 048,23 € – bereinigter Rohgewinn

Mein Rohertrag besteht also aus 31% Notdienstgebühr; 37% apothekenpflichtigen (und nichtapothekenpflichtigen) und 32% verschreibungspflichtiger Produkte. Übrigens täuscht auch hier der „hohe“ Aufschlag, da kaum nichtapothekenpflichtige Produkte gekauft wurden (ein Nissenkamm war ja dabei), bei denen der Preiswettbewerb durchaus tobt. Außerdem waren in diesem Notdienst keine höherpreisigen verschreibungspflichtigen Arzneimittel dabei (durchschnittlicher Verkaufspreis 20,01 €), so dass der Aufschlag dramatisch hoch erscheint. Nur ein einziges höherpreisiges Arzneimittel würde diese Zahlen dramatisch verändern.

Davon abzugrenzen ist übrigens der Rezeptumsatz, da auf den Rezepten sowohl verschreibungspflichtige als apothekenpflichtige Arzneimittel standen – Kinder bis 12 Jahren dürfen die ja (noch) aufs Rezept bekommen:
+ 00        9 – Anzahl Patientenrezepte
+ 241,08 € – Gesamt-Brutto-Rezeptumsatz (Ø 26,78 € pro Rezept)
–  016,84 € – Krankenkassenrabatt
–  005,00 € – Zuzahlungen
—————
+ 219,24 € – Rezepterstattung (hoffentlich)…

Was man weiterhin wunderbar erkennen kann, ist, dass der durchschnittliche Einkaufs- und Verkaufspreispreis der verschreibungspflichtigen Produkte wesentlich höher ist als der der freiverkäuflichen Produkte.  Letzteres liegt in der Arzneimittelpreisverordnung begründet (wenn man Niedrigpreiser betrachtet), ersteres nicht. Außerdem bleibt zu brücksichtigen, dass von diesem Rohertrag noch Dinge abgehen wie Strom (ich hatte 5 Computer die ganze Zeit am laufen, Licht, die Arzneimittel-Kühlschränke, die Mikrowelle, die Kaffeemaschine, die Telefonanlage), Wasserverbrauch, GEZ (ja, ich darf im Dienst fernsehen, aber die GEZ treibt auch hier Gebühren ein) und natürlich mein Lohn. Und der ist mit diesem Rohertrag nicht zu stemmen! (Davon abgesehen habe ich mir natürlich alle meine Lebensmittel selbst mitgebracht…)

Trotzdem bleibt es ein durchschnittlicher Dienst in Kleinstadt, von dem mein Chef eben nicht mal meinen Lohn bezahlen kann. Ich hatte nun pro Patienten einen durchschnittlichen Rohertrag von 6,48€. Nehmen wir nun mal die (völlig illusorische) Zahl von 100 Patientenkontakten, die hier auch schon in die Kommentarfunktion des Blogs geworfen wurde – und wir erhalten einen Gesamtrohertrag von 648,00€ – oder aber 27,00€ die Stunde. Wer jetzt meint, dass mein Chef nach Abzug aller Nebenkosten auf meinen Lohn (nebenst aller Lohnnebenkosten!) kommt, sollte vorsichtshalber ein oder zwei Semester BWL einschieben. (Übrigens gewerkschaftliche Sonn- und Feiertagszuschläge zuzüglich Freizeitausgleich habe ich mal vorsichthalber ganz unter den Tisch fallen lassen.) Nicht umsonst haben Handwerker ganz andere Stundensätze auf ihrer Rechnung. Und wer sich nun überlegt, dass mit dem Apothekennotdienstsicherstellungsgesetz „ANSG“, welches ja ca. 200€ pro Notdienst zur Verfügung stellt, die Sache so viel besser aussieht, dem empfehle ich, nochmals zum Taschenrechner zu greifen.

Wie gesagt – ich empfinde diese Notdienste als wichtig, und deswegen mache ich sie, naja gerne vielleicht nicht, aber ich mache sie ohne murren. Und ich nehme auch hin, dass ich dann z.B. „Formoline L112“ verkaufe, weil es sich um eine ungeplante Sahnetorte handelt, deren Verzehr dringend in Angriff genommen werden muss an einem Sonntag, und deren Folgen vorsorglich behandelt werden müssen. (Das wäre dann wohl „Prävention mit Hilfe der Apotheke“.) Aber eine leistungsgerechte Entlohnung eines Notdienstes geht anders…

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33 Gedanken zu „Notdienst V1.6 – ein durchschnittlicher Sonntags-Dienst

  1. Du solltest auf den Spielwarenhandel umsteigen.

    Dann verkaufst du Chemiekasten Plus, und die Leute können ihre Wirkstoffe selbst synthetisieren. Schont deine Nerven, und wenn dann die Nerven beim Tox-Zentrum blank liegen, ist es auch nicht deine Sache.

    Hauptsache, Spielwaren bringen einen höheren Rohertrag.

      • so lange sie damit nicht vor eurer Apotheke experimentieren, sondern an… sinnvolleren Plätzen, ist das doch ok, oder? 😉

  2. Mir stellen sich ein paar Fragen:
    1.) Ist es eigentlich verpflichtend, dass den Dienst ein Apotheker macht? Weil die beschriebenen Tätigkeiten ja nun irgendwie nicht so wirken, als bräuchte man dafür ein Pharmaziestudium abgeschlossen zu haben. Wahrscheinlich wäre dafür auch eine PTA überqualifiziert, aber zumindest PTA mit (für Notfall-Rückfragen) dem Apotheken-Inhaber in telefonischer Erreichbarkeit sollte für die beschriebenen Tätigkeiten mehr als ausreichend sein. Und dann sähe die Differenz zwischen tatsächlichem Ertrag pro Stunde und als gerecht empfundender Entlohnung schon etwas besser aus…

    2.) Wie groß ist euer Notdienstbezirk? Dass sich ein Dienst, der aus einer Verkaufstätigkeit pro Stunde besteht, nicht so rentiert, ist doch klar. Legt man aber drei benachbarte Bezirke zusammen, dann muss man nur noch ein Drittel der Dienste machen, hat dafür aber durchschnittlich den 3-fachen Verdienst. Etwas weniger bequem für die Bevölkerung, aber in dieser Art von „kleinem Notfall“ (wo ich also zwar ein Medikament brauche, aber auf Rettungsdienst bzw. Krankenhaus gut verzichten kann) macht’s letztlich auch keinen Unterschied, ob ich noch ein bisschen weiter zur diensttuenden Apotheke fahre. Mit dem selben Argument (Verkaufsvorgänge/Stunde) finde ich es auch nicht so schlimm, wenn Patienten mit „eigentlich-nicht-echten-Notfällen“ sonntags tagsüber auftauchen. Wenn du eh‘ vor Ort sein musst, ist es rentabeler, je mehr Leute kommen. Nachts um 3 sieht das natürlich anders aus…

    3.) Und, ein bisschen unabhängig von diesem Eintrag, nur neugierdehalber: wieviele Apotheken gibt es in deiner „Kleinstadt“ und wie sind sie verteilt? Denn in meiner Kleinstadt (etwa 10000 Einwohner) gibt es 3 Stück, zwei am Markt und eine ein paar Meter weiter die Straße runter. Und meiner Erfahrung nach sieht es andernorts ähnlich aus (such mal versuchsweise bei Google maps nach „Apotheke“ und zoom dich wahllos an verschiedene Orte ran…). Zur Sicherstellung der Versorgung sind davon 66% komplett überflüssig! Klar, es ist nett, Auswahl zu haben, aber für die notwendige Versorgung braucht man keine drei vor Ort. Und in Großstädten sieht’s noch dramatischer aus, an den zentralen Plätzen und großen Straßen tummeln sich die Apotheken geradezu. Solange sich das vielerorts so hält, wird sich auch in der Bevölkerung die Ansicht halten, dass Apotheken (und damit Apotheker) zu gut bezahlt sind. Deine Zahlen sind immer interessant zu lesen, aber wirklich was ändern wird sich nur dann, wenn sich auch die einzige Apotheke einer Kleinstadt nicht mehr halten kann…

    • Die Fragen sind ganz schön umfangreich, aber legen wir mal los.
      Zu 1) Ja, ein Apotheker („Approbierter“) oder gegebenenfalls ein Pharmazie-Ingenieur (eine aussterbende Berufsgruppe) – also Fachpersonal, welches ohne Aufsicht eines (anderen) Apothekers arbeiten darf – ist verpflichtend. Ein(e) PTA darf nun mal nur unter Aufsicht eines Apothekers arbeiten, so will es das Gesetz. „Telefonische Erreichbarkeit“? Naja, halte ich nur begrenzt viel von. Und mit 6,50€ Rohertrag/h bezahlt man auch keine PTA. (Weswegen Dienste meistens durch den Apothekenleiter und –inhaber in Selbstausbeutung gemacht werden. Aber das nur am Rande.)
      Zu 2) ca. 30.000 – 40.000 Einwohner. Das ist ein Einzugsgebietsradius von bis zu 20km! Das ganze kann man nicht genau angeben, da die Einzugskreise der einzelnen Apotheken, wenn sie Dienst haben – auch zweie in Klitzekleinstädte, und eine in Klein-Kälbchendorf- jeweils etwas variieren. Legt man 3 benachbarte Bezirke zusammen, hätte man Anfahrtswege von bis zu 50km. Würdest Du mit einem kranken Kind mal fluffige 100km (hin und zurück) fahren wollen für ein Antibiotikum? Die „flächendeckende Versorgung“, von der Politik propagiert und versprochen, ist nicht mehr gegeben, wenn man 3 Notdienstkreise zusammenlegt. Wie gesagt, wir sind hier in der Fläche, nicht in Großstadt.
      Den Unterschied gibt es eben doch: Wenn ich Kopfschmerzen habe und nächste Apotheke ist 10km weg, fahr ich eben hin. Wenn ich Kopfschmerzen habe und die nächste Apotheke ist 30km weg, rufe ich den Rettungsdienst. Was kommt der Solidargemeinschaft teurer?
      Wenn du eh’ vor Ort sein musst, ist es rentabeler, je mehr Leute kommen. Mache ich die Tür auf und hänge ein Schild raus „Bin da! Kommt alle her!“ Und zack habe ich ein Problem mit dem „Verkaufsoffenen Sonntag“. Außerdem ist es dann wohl kaum mehr ein Notdienst. Dann ist es also auch mit der Notdienstgebühr Essig. (Und mit der Notdienstpauschale eh.) Die Säuglings-Nasentropfen und die Hustenlöser-Retardkapseln waren sicher kein „Notfall“ – zumindest nicht aus meiner Sicht. Trotzdem habe ich mich drum gekümmert. Aber was mache ich, wenn ich grad eine solide Beratung zum Thema Hustenlutschbonbons mache, und das Telefon klingelt mit einem RICHTIGEN Notfall?
      Und die Apotheke in Klein-Kälbchendorf? Da geht so oder so Sonntags kaum wer vorbei, der nicht muss. Die Apotheken in der Fläche zu stärken, damit auch der Notdienst in der Fläche überlebensfähig bleibt, heißt nicht unbedingt, einfach nur die Ladenöffnung freizugeben. In Großstadt würde die Idee wunderbar funktionieren. Aber ein Klein-Kälbchendorf eben nicht.
      Hinzu kommt: Wer schon einmal einen Hustenbonbon-Notfall, einen Taschentuchpackung-Notfall oder morgens um 01:00 Uhr wegen eines 3 Monate alten Hustentropfenrezepts rausgeklingelt wurde, der darf gerne mitreden zum Thema „Was ist ein Notfall“. 😉
      Zu 3) Kleinstadt hat 6 Apotheken, quer über die Innenstadt und ein wenig „Außenbezirke“ verteilt. Dazu kommen halt noch ein paar km weit weg die Apo´s in den Klitzekleinstädten, und die in Klein-Kälbchendorf. Aber die Argumentation, einfach Apotheken dicht zu machen, um die Versorgung „kostengünstiger“ hinzubekommen, zieht schon lange nicht mehr. Woran liegt es? Ganz einfach: Die Bürokratie eines einzelnen Rezeptvorgangs ist so umfangreich geworden (Rabattartikel, Packungsgrößenverordnung, Lieferfähigkeit usw. usw.), dass man für mehr zu versorgende Patienten mehr Mitarbeiter einstellen muss. Diese „fressen“ vom Gehalt aber im Großen und Ganzen ihren erwirtschafteten Rohverdienst wieder auf. Mit anderen Worten: Man schafft größere Strukturen, aber der Rohverdienst des Apothekenleiters bleibt im Zweifelsfall derselbe. Wenn Du 2 der 3 Apotheken abschaffts, macht dann die verbleibende Apotheke auch 66% mehr Notdienste? Wird sie dadurch pro Notdienst rentabler?
      Es ist ungefähr so, als wenn 3 Ärzte am Markt ihre Praxis haben – zur Sicherstellung der Versorgung sind doch dann 66% komplett überflüssig, oder? Kann es sein, dass mit Abschaffung von 2 Ärzten der verbleibende komplett überlastet wäre? Oder anders – brauchen wir wirklich so viele Umspannwerke und Hochspannungsstromtrassen in Deutschland? Da sind doch mindestens 66% komplett überflüssig, oder? Reicht nicht ein Supermarkt statt 3?
      Die KrankenKassen und die Politik rechnen uns diese Milchmädchenrechnung schon seit Jahren vor, und als Verbraucher sollte man schauen, dass die ins Auge geschüttete Milch einen nicht die Sicht trübt. 😉
      Und in Großstädten sieht’s noch dramatischer aus, an den zentralen Plätzen und großen Straßen tummeln sich die Apotheken geradezu. Schon mal darüber nachgedacht, warum das so ist? Liegt es daran, dass an den zentralen Plätzen und großen Straßen mehr Arztpraxen sitzen als in Vorstadt-Plattensiedlungen? Dass mehr (geldausgebefreudige) Laufkundschaft dort unterwegs ist? Dass andere Geschäfte dort in der Nähe sind, was für einen Händler immer von Vorteil ist? (Der Kunde macht 3 Läden auf einem Weg…) Schau mal nach Schweden, was passiert ist nach der Kettenfreigabe (und dem Schonfristende für die Landapotheken)! Unrentable Landapotheken werden geschlossen, die Versorgung stagniert – dafür werden in Innenstädten zusätzliche Apotheken geöffnet. Die schwedische Politik wollte es genau anders herum (was die Ketten auch versprochen hatten *höhö*).
      …aber wirklich was ändern wird sich nur dann, wenn sich auch die einzige Apotheke einer Kleinstadt nicht mehr halten kann… Und was wird dann passieren? Dem Versandt und den Ketten werden Tür und Tor geöffnet. Das Großkapital übernimmt diese Versorgung (mehr schlecht als recht – man schaue nach England, Schweden, Norwegen). Das Beratungsniveau und die Lieferfähigkeit werden sinken, die Preise werden steigen. Das Geld bleibt nicht mehr in der Region bei dem Apothekeninhaber, der es vielleicht in lokale Bereiche investiert (und via Steuern den Staat lokal fördert), sondern wird durch große Kapitalgeber über 3 Steuerparadiese verschoben und ist weg. (Die Deutsche Bank hat über 50 Untergesellschaften und Holdings auf den „Cayman Islands“. Gut, oder?). Wollen wir das? Wollen das die Patienten? Das Großkapital will es auf jeden Fall – und winkt jedem unterstützendem Politiker mit Aufsichtsratsposten und gut bezahlten Vortragsserien. Schöne neue Welt.

      • zu 1.) Naja, auf das Gesetz werden wir wenig Einfluß haben, aber sinnvoll ist die Pflicht zur Approbation m.E. bei den beschriebenen Tätgikeiten nicht… Und nein, natürlich bezahlt man mit 6,50 Euro auch keine PTA (hoffe ich), aber einen (angestellten) Apotheker wohl noch weniger…

        zu 2.) hier im (geografisch eher „länglichen“) Kreis haben immer 3 Apotheken Dienst, wovon normalerweise zwei etwa in der Mitte (Kreisstadt) liegen, und eine eher an einem Ende (Unterzentrum). Würde den Dienst nur eine Apotheke machen, käme als maximale Fahrstrecke (vom dünn besiedelten einen Ende bis zum Unterzentrum am anderen Rand) etwa 40km (statt 20km in die Kreisstadt) zusammen. Würde ich das gerne fahren wollen? Nein, natürlich nicht, aber wenn’s ein Notfall ist, würde ich’s halt tun. Und ob 20 oder 40km würde dann den Braten auch nicht fett machen – und wäre ja nur im seltenen Notfall. Und das wäre auch ein Extrem, die meisten Apotheken sind eh in der Kreisstadt. Rettungsdienst rufen wegen Kopfschmerzen käme mir wohl nur in extremen Ausnahmefällen in den Sinn (und das dann unabhängig von der Entfernung zur Apotheke)…

        Zu 3.) Das Problem ist die Zwitterfunktion der Apotheken als Händler und Akteur im Gesundheitswesen. Als Händler möchte sich der Apotheker natürlich an einem maximal attraktiven Verkaufsstandort präsentieren, Sonderangebote machen, Kundenbindung betreiben, möglichst viel Zeug verkaufen etc. Das betrifft dann insbesondere den nicht-rezeptpflichtigen Bereich (Von Sonnencreme bis hin zu Kosmetik, etc., was manche Apotheken so alles verkaufen…). Und dann ist da auf der anderen Seite der Auftrag, im Rahmen des Gesundheitswesens die flächendeckende Versorgung der Bevölkerung mit Medikamenten – eben auch im Notdienst – sicherzustellen. Und nur dieser letztere Bereich ist der, wofür die Solidargemeinschaft die Finanzierung übernehmen sollte, der Rest muss sich wie bei einer Drogerie selbst tragen. Die beiden Dinge passen aber eben nur leidlich zusammen. Bestimmt gibt es Vorgaben, wieviele Apotheken es pro Fläche bzw. Einwohnerzahl geben sollte. Wenn die ordentlich verteilt sind, um die „Fläche“ abzudecken, dann ist das auch fein, aber alle auf einem Haufen im „attraktiveren“ Zentrum, weil da mehr geldausgebefreudige Laufkundschaft ist? Das sehe ich nicht ein, warum das von der Gemeinschaft bezahlt werden sollte. Dann lieber eine größere Apotheke zentral, statt drei kleine nebeneinander; kostengünstiger ist das auch mit mehr Personal auf jeden Fall. Und ergänzend Drogerien ohne solidarische Finanzierung für die geldausgebefreudige Laufkundschaft.

        Das gleiche gilt natürlich grundsätzlich ganz ähnlich auch für Arztpraxen. Wobei in meiner Erfahrung die drei kleinen Apotheken kaum jemals mehr als 2-3 Kunden gleichzeitig da haben, die jeweils in wenigen Minuten abgehandelt sind, während Arztpraxen tendenziell eher voller sind, und Termine für die ferne Zukunft vergeben. Eine vergleichbare „Überversorgung“ sehe ich da nicht, zumal die Haupttätigkeiten in einer Arztpraxis eben nur der Arzt machen kann, während in der Apotheke die meisten Dinge vom Assistenzpersonal unter Aufsicht gemacht werden können. Aber wenn eine Überversorgung gegeben wäre, dann wäre ich ganz genauso auch hier dafür, dass die Soldargemeinschaft nicht überzählige Ärzte durchfüttert, sondern die „Überschüssigen“ gerne ihre Privatpraxis aufmachen dürfen…

      • Sorry, da WordPress mich im Augenblick nicht leiden kann, bekomme ich keinen „direkten“ Kommentar hin.

        Apotheken werden im Verschreibungspflichtigen Bereich derzeit nach Packungszahlen bezahlt. Ob insgesamt 100 Packungen von einer oder von 50 Apotheken beliefert werden, kostet die Solidargemeinschaft ganz genau dasselbe – keinen Cent mehr und keinen Cent weniger.

        Die Trennung von Freiverkauf, OTC (Apothekenpflichtige Medikamente) und RX (verschreibungspflichtig) ist etwas, was die Kassen seit Jahren NICHT trennen. Es wird immer argumentiert: Ihr habt mehr OTC/Freiverkauf gehabt, also kürzen wir euch bei der RX-Bezahlung! Das ist ein Obermist sondergleichen, protegiert durch die Politik. (Das ist so, als wenn dem Handwerker gesagt wird von der Gemeinde: Du hast ja jetzt mehr Privatkunden beliefert im letzten Jahr, deswegen machst du der Gemeinde jetzt die Arbeit für weniger Lohn!). Mit Apotheken wird es genau so gemacht! (Die Argumentation ist also umgekehrt – die Drogerie stützt die Solidargemeinschaft in diesem Fall!)

        Welchen Vorteil hat eine große Apotheke gegen 3 kleine? Bitte erkläre ihn mir, ich sehe ihn nicht. Die Bezahlung (bei den gleichen Packungen) ist genau die selbe.

        Arztpraxen sind voll, weil man nicht weglaufen kann als Patient. Als Apotheke läuft mir die Kundschaft weg, wenn sie nicht innerhalb von 3min bedient wird. Lohnt sich nachzudenken darüber.

        Übrigens gibt es eine teilweise Überversorgung mit Ärzten in strukturstarken Großstadtregionen. Dafür fehlen die Ärzte dann in der Fläche. Kräht aber kaum ein Hahn nach. Davon abgesehen liegt Deutschland im Mittelfeld Europas mit den Patientenzahlen pro Apotheke. Einfach mal hier im PDF: http://www.abda.de/fileadmin/assets/ZDF/ZDF_2012/ABDA_ZDF_2012_Brosch.pdf schauen. Notdienst und Rezepturen S. 5; Entwicklung der Apothekenzahlen S. 6; Apothekendichte im europäischen Vergleich S. 12; Anteil der Apotheken an den GKV-Gesamtausgaben S. 16 (Und hier mal staunen!)

      • Joe,
        noch ein einfaches Argument gegen größere Notdienstbezirke:
        Nicht jeder hat ein Auto oder Führerschein (oder mir geht es so schlecht, dass ich nicht mehr als nur eine kurze Strecke im Ort fahren will/kann), und gerade auf dem „platten Land“ ist das mit dem ÖPNV auch nicht so toll. 10km kann ich – je nach Gegend – locker mit dem Rad fahren oder wage ich auch, einen Bekannten oder Nachbarn um Fahrdienste zu bitten, um die Medis fürs Kind zu holen. 20km Taxi sind teuer, aber im Notfall möglich, eventuell fährt mich sogar noch jemand. 50km einfach mit dem Taxi oder jemanden darum bitten, mich insgesamt 100km zu fahren? Da überleg ich mir, ob ich die eigentlich dringend notwendigen Antibiotika nicht doch erst nach dem Wochenende hole und hoffe, dass des dem Kind nicht noch viel schlechter geht.

  3. Zum Vorteil 1 große vs. 3 kleine Apotheken: Ausgehend von Einzelapotheken müssen bei 3 kleinen Apotheken nebeneinander davon 3 Apotheker (als Inhaber), sowie deren angestelltes Personal leben, weiterhin fallen Verwaltungs-, Lager-, etc. Kosten dreimal an. Ist dort stattdessen eine größere Apotheke, muss von demselben Geld plötzlich nur noch ein Apotheker und dessen Personal leben. Klar, dann braucht der mehr Personal, aber in der Summe sicher weniger, als die 3 zusammen. Dazu muss die ganze Lagerwirtschaft, etc. nur einmal gemacht werden (wenn auch in etwas größerer Dimension, aber relativ betrachtet ist das natürlich preiswerter). Selbst wenn dann die Kosten für die Solidargemeinschaft zunächst mal identisch sind, gibts dann (bei gleicher Versorgung der Bevölkerung) einen Apotheker mit dem dreifachen Ertrag, während die Ausgaben für Personal etc. zwar gestiegen, aber nicht verdreifacht sind. Statt dreien, die ständig mehr Geld fordern, hat man jetzt einen zufriedenen Apotheker – oder, wenn man boshaft sein will, Einsparungspotential… Bei gleicher Versorgung der Bevölkerung. Eine klare Verbesserung. Wie gesagt, es geht mir nicht um die Apotheke, die alleine ein Dorf oder eine Kleinstadt versorgt. Aber oft sind da eben mehrere nebeneinander auf wenigen hundert Metern.

    Ich bin vorhin zwischen meinen Posts einkaufen gefahren, und einfach mal auf dem Weg an allen drei Apotheken vorbei, um mal so zu schauen, wie ausgelastet die so sind. Ergebnis: Hinweg: Apotheke A: 1 Kunde beim Rezepteinlösen, Apotheke B: 1 Kundin im Gespräch, Apotheke C: leer.
    Rückweg 20 min später: Apotheke A: leer, Apotheke B: dieselbe Kundin immer noch im Gespräch (man mag es ausführliches Beratungsgespräch nennen, mein Eindruck war, dass da zwei Freundinnen am Quatschen waren), Apotheke C: 1 Kunde.
    Klar, nur eine Momentaufnahme im Vorbeifahren, und vielleicht auch nicht die Stoßzeit (wobei der Supermarkt nicht besonders leer war). Aber ich kam mir sehr bestätigt vor; da laufen Kosten für 3 Apotheken auf, die nicht sein müssten…

    Wenn das bei Ärzten auch nur annähernd so wäre, ich wär‘ der erste, der Praxenschließung befürworten würde. Aber der Grund, warum die Patienten nicht weglaufen können, ist ja der, dass sie kaum eine Praxis finden, wo sie am selben Tag (oder bei Fachärzten im selben Monat) dran kommen. Nix mit leeren Wartezimmern, wo nur auf Laufkundschaft gewartet wird. Jedenfalls mit der Situation bei Apotheken nicht im geringsten vergleichbar.

    • Deine „Vorteile“ stimmen so nicht. Denn es gibt in der Zwischenzeit genug Apotheken, in denen der Apothekenleiter weniger verdient als ein angestellter Apotheker. Statt dreien, die mehr Geld fordern, und im Wettbewerb zueinander stehen, hast Du dann einen Monopolisten. Auch gut. (So funktioniert Sozialismus, aber das nur am Rande.) Blöd nur, dass Du denjenigen auch gleich wieder beschneiden willst ob seines „massiv gestiegenen Einkommens“ – obwohl Du derzeit noch nicht mal weißt, ob sein Einkommen tatsächlich steigt. (So etwas nennt sich Planwirtschaft. Hatten wir auch schon.) Na, jedem das seine. Dann bitte aber genau das Selbe für Supermärkte und Kassenvorstände! Nur noch eine Krankenkasse. Nur noch ein Kassenvorstand (und nicht 130 Reservevorstände). Hast Du Dir mal meinen Link angeschaut? Hast Du mal die Ausgaben für Apotheken (das ganz kleine reche rote Kästchen) im Vergleich zu den Selbstverwaltungsausgaben der Kassen angeschaut? Wo da wohl noch Einsparpotential liegt… Ach, ich lamentiere. So ein armer Herr Baas muss ja mindestens 200.000€/Jahr bekommen, sonst geht er so unmotiviert an die Arbeit…

      [ironie] Und zu den leeren Apotheken. Heute ist Mittwoch. Es war Nachmittag. Warst Du bei Eurem Amt vorbei? Wie viele Bürger wurden heute von Beamten sachbearbeitet? Keiner? Warst Du bei den 3 Arztpraxen? Hat da auch nur EIN Patient gesessen? Nein? War leer? Na dann nix wie rein in die Praxis! Wie, abgeschlossen? Blöd. Mittwochs Nachmittags sind KEINE Ärzte da. Also keine Rezepte. Also nix los in der Apotheke. Erstaunlich, dass die ApoTheken nicht einfach zu machen Mittwochs nachmittags. (Gibt es auch schon in D!). Na egal. [/Ironie]

      Wann warst Du das letzte mal beim Arzt und hast ein Rezept bekommen? Geh mal morgen Vormittag gegen 10Uhr an den 3 Apotheken vorbei. Oder Freitag vormittag. Hast Du Dich schon mal mit der Bürokratie in einer Apotheke auseinandergesetzt? Mach mal. Und freu Dich dann. Und schau Dir mal meinen Link an. In aller Ruhe. Insbesondere Seite 16.

      • Dass heute nachmittag vielleicht nicht der repräsentativste Zeitpunkt für meine spontane Datenerhebung war, stimmt natürlich. Habe zur Zeit Urlaub, da war mir der heutige Wochentag und sein Zusammenhang mit dem Rezepteaufkommen nicht so akut bewusst. Werde das also bei günstigerer Gelegenheit wiederholen…
        Aber du willst doch nicht ernsthaft bestreiten, dass 3 kleine Apotheken letztlich mehr Ausgaben/Kosten verursachen, als eine große? Das wär ja mal was betriebswirtschaftlich echt neues…
        Abschaffung der völlig überzogenen Vielfalt an Krankenkassen und deren wohlbezahlter Vorstände? Klar, bin ich sofort dafür, m.E. sinnlos verschwendetes Geld.
        Sozialismus und Planwirtschaft liegen mir eigentlich ziemlich fern, sind aber unserem Gesundheitssystem ohnehin immanent. Wo gibt’s denn bei dir in der Apotheke soetwas wie freie Marktwirtschaft? Höchstens im Drogerieteil. Aber in dem Bereich, wo du Teil des Gesundheitssystems bist, und Kassenpatienten mit den notwendigen Medikamenten versorgst? Du darfst dein Angebot nicht selber bestimmen, deine Preise nicht frei festlegen, es darf nur eine bestimmte Anzahl von Apotheken pro Gebiet geben, Mindestöffnungszeiten, etc, etc. Solche intensive staatliche Regulierung hat halt nicht immer nur Nachteile; als Patient würde ich nicht wollen, dass ich erstmal mit dem Notarzt oder dem Apotheker in Preisverhandlungen treten muss…
        Und nochmal: wenn man damit argumentiert, dass man so viele Apotheken pro Gebiet braucht (die dann natürlich entsprechend finanziert werden müssen), um die Versorgung in der Fläche abzusichern, dann steht das offenbar im Widerspruch dazu, wenn die sich dann eben nicht auf die Fläche verteilen, sondern auf wenige Orte konzentrieren. Wäre das Argument, dass die wenigen die ganzen Kunden nicht schaffen können, wäre das was anderes, nur ist das trotz meiner vielleicht mangelhaften Stichprobe nicht wirklich glaubhaft…

      • Ich habe immer noch nicht ganz verstanden, wie eine Abschaffung von Apotheken bei gleich bleibender Vergütung zu der immer wieder propagierten Senkung der Kosten im Gesundheitssystem führen soll. Das geht nur über zwei Wege: 1) Weiter Absenkung der Vergütung. Und/oder 2) Senkung der verordneten Packungszahlen. Das ist völlig unabhängig von der Apothekenzahl.

        Den Sozialismus haben wir zur Zeit ja nicht bei den Apotheken, sondern bei den allmächtigen KrankenKassen. Diese dürfen despotisch bestimmen, was ich wie und für welches Geld zu machen habe. Diese dürfen Einseitig Lieferverträge ändern! (Ist das ein Rechtsstaat?) Diese dürfen Einseitig und illegal Rechnungen kürzen! (Rechtsstaat?) Diese dürfen mich zwingen, Hilfsmittel für einen Betrag unter Einkaufspreis + MwSt. regulär zu liefern (was mir vom BMF definitiv verboten ist.) (Rechtsstaat?)

        Die von der Politik immer wieder propagierte und angekündigte „Überprüfung und Anpassung der Stellschrauben“ ist seit 2004 bis heute nicht einmal durchgeführt worden. (Anpassung/Auswertung der Reimportquote, Anpassung der Rabatt-Lieferquote). Dafür wurde für das selbe (oder weniger) Honorar immer mehr Leistung seitens der Apotheke mit einer immer höheren Bürokratie eingefordert.

        Und was macht der Patient? Folgt brav den Medien. „Weniger Apotheken = weniger Kosten = höhere Qualität = billigere Belieferung“. Hö? Verdammt! Bevor Ihr das nachplappert, schaut zum Teufel nach Skandinavien! Schaut nach Schweden und Norwegen! Wenn die Arzneimittelpreise für OTC freigegeben sind, müssen die nicht nur sinken – Apotheke darf die auch anheben! Haben die deutschen Apotheken bisher noch nicht. Schaut nach Israel! (Da sind die Preise nach Freigabe von OTC in den Supermarkt in eben jenem Supermarkt um bis zu 300% gestiegen!)

        Wo es bei den Apotheken Marktwirtschaft gibt? Keiner kommt mehr, z.B. weil mein Service nicht mehr stimmt -> ich gehe pleite! Marktwirtschaftlicher geht’s nicht mehr. DocM schert sich nicht um deutsche Gesetze, ich habe mich an deutsche Gesetze zu halten. Noch mehr Marktwirtschaft gefällig? Ich muss Anträge für Hilfsmittel an die KrankenKassen schreiben, obwohl für das Produkt ein Vertragspreis existiert -> dieser Preis wird von der Kasse um 50% gekürzt in der Genehmigung. Oder verstehe ich da was falsch?

        Fragt doch mal die Politik, warum 19% MwSt. auf deutsche Arzneimittel liegen! Warum es 130 Krankenkassenvorstände gibt! Warum nach Fusion zweier Krankenkassen diese neue Doppelkasse plötzlich einen Vorstand und einen „Ersatzvorstand“ hat! Wie es sein kann, dass ein Apotheker für 4 Rezepte für einen Krebspatienten wegen einem blöden Kreuz um 30.000€ retaxiert wird!

        Aber nein – weniger Apotheken und alles wird gut. Einfacher Plan, einfache Lösung. Ungefähr so einfach wie: Die Privatisierung der Bahn ist macht die Züge schneller, pünktlicher und billiger. Die Privatisierung der Post senkt die Brief-Preise und beschleunigt die Beförderung. Die Privatisierung der Wasserwerke senkt die Wasserkosten (schau mal z.B. nach Berlin). Welche zweite Meinung holst Du Dir ein, wenn nur noch eine Apotheke im Umkreis von 50km übrig ist? Ach, es gibt ja Internet. DocE (GB) und DocM (NL) werden es richten. Ich habe heute erst 30min beraten zu Bluthochdruck und zur der falschen Anwendung von Insulin. Ich habe dabei die richtigen Antworten im Gesicht des Patienten gelesen – die mir gar nicht gesagt werden wollten. Und ich habe dem Patienten die Augen geöffnet, dass er bald mit Tatütata ins KH kommt, wenn er so weitermacht – und warum. Geht sowas per eMail und Telefon? Viel Spaß dabei. Ich habe dem selben Patenten die Homöopathie-Tropfen zur Blutdrucksteigerung ausgeredet (die ich mit guten Gewinn einfach verkaufen hätte können), und die der Patient (unwissentlich) gegen seine ständige selbstverschuldete und unerkannte Unterzuckerung einsetzen wollte. Ich habe 0€ (NULL€) Umsatz gemacht nach 30min Beratung. Macht das der Versandhandel auch? Hat mir der Patient für diese Beratungsleistung Geld gegeben? Rate mal! Oder was würde dazu die große Kette sagen, wo jeden Monat die Umsatzzahlen des einzelnen Mitarbeiters geprüft werden?

        Joe, sag an, was Du von berufswegen machst! Ich möchte Dir gerne erzählen, wie es in Deiner Branche alles viel besser (für den Endverbraucher) wird – denn davon habe ich bestimmt Ahnung. Ich nehme einfach ein paar unbewiesene Vorurteile und überlese dafür die meisten Deiner Argumente. Und schon klappt es. Hast Du in der Zwischenzeit ENDLICH meinen Link Seite 12 und Seite 16 angeschaut? Nein? Dann mach es! Ja? Warum sagst Du dazu nichts? Warum sagst Du nichts zu Schweden und Norwegen und GB? Was meinst Du, wem ein Großkonzern verpflichtet ist – dem Patienten? Oder doch den Aktionären? DAZU gib mir eine Antwort. Bitte!

        Immer nur „Macht 66% der Apotheken zu!“ kann ich einfach nicht mehr hören!

  4. Ich arbeite auch in Kleinstadt und ich habe es desöfteren im Notdienst, das die Leute insgesamt 40 Kilometer unterwegs sind.
    Diese teilen sich wie folgt auf. 10 km von zu hause zur notfallpraxis. 10 km von notfallpraxis zu mir in die apotheke und anschliessend 20 km nach hause.
    Das ist Stand „Heute“!
    Legen wir hier 3 Kreise zusammen haben wir im ungünstigen Fall eine Rundreise mit 80km.

    • Jupps. Und bei den hauptsächlich anfallenden Rezepten von Kinderärzten im Notdienst ist das besonders schön. Krankes Kind mit Fieber mach Rundreise durch Deutschland. Reisen bildet schließlich, und das nennt sich dann „Bildungsinitiative“… *seufz*

      • Ich kopiere einfach noch mal meine (Patienten-)Meinung hier herein, die ich schon weiter oben geschrieben habe:
        _____________
        Joe,
        noch ein einfaches Argument gegen größere Notdienstbezirke:
        Nicht jeder hat ein Auto oder Führerschein (oder mir geht es selbst so schlecht, dass ich nicht mehr als nur eine kurze Strecke im Ort fahren will/kann), und gerade auf dem “platten Land” ist das mit dem ÖPNV auch nicht so toll. 10km kann ich – je nach Gegend – locker mit dem Rad fahren oder wage ich auch, einen Bekannten oder Nachbarn um Fahrdienste zu bitten, um die Medis fürs Kind zu holen. 20km Taxi sind teuer, aber im Notfall möglich, eventuell fährt mich sogar noch jemand. 50km einfach mit dem Taxi oder jemanden darum bitten, mich insgesamt 100km zu fahren? Da überleg ich mir, ob ich die eigentlich dringend notwendigen Antibiotika nicht doch erst nach dem Wochenende hole und hoffe, dass des dem Kind nicht noch viel schlechter geht.

      • Simop – das Problem ist: Joe hat seine Meinung. Die steht felsenfest und sagt „Apotheker verdienen zu viel.“ Das ganze wird sich durch die besten Argumente nicht ändern, vielleicht dann, wenn Joe mal wirklich arm dran ist, und zwei angefahrene Notdienstapotheken das fragliche DRINGEND benötige Antiepileptikum der 4. Wahl nicht vorrätig hat. Aber solange im das nicht SELBER einmal passiert, solange brauchen das alle anderen auch nicht. Sorum funktioniert ein „Sazialsystem“ leider aus…

  5. Ich kann nicht oben direkt antworten, also hier:
    Ich glaube, du hast dich da etwas arg reingesteigert. Ob du es glaubst, oder nicht, wir sind wahrscheinlich in vielen Dingen gar nicht sooo weit auseinander. Ich sehe sehr wohl, dass da vieles im Argen ist im Gesundheitssystem. Und ich glaube keinesfalls, dass die Probleme nur durch die Senkung der Apothekenzahlen zu lösen sind. Wenn es nach mir ginge, gäbe es nicht hunderte Krankenkassen mit teurem Verwaltungsapparat, keinen Medikamentenversandhandel und keine Apothekenketten. Keine Null-Retaxierung für Lappalien. Und ja, auch unabhängig von den Apotheken hakts im Gesundheitswesen, bei Ärzten, Krankenhäusern, Krankenkassen, Arzneimittelherstellern…
    Alles, was ich zum Ausdruck bringen will, ist folgendes:
    Wenn in einer Kleinstadt mehrere Apotheken quasi direkt nebeneinander liegen, dann ist das offenbar redundant und ineffizient. Und insbesondere, wenn die Apotheker gleichzeitig über ihr zu niedriges Einkommen klagen, und ausserdem die Anzahl der Apotheken mit der Notwendigkeit der Flächenabdeckung begründet wird, stößt mir als Finanzierer des Systems das übel auf.
    Als Beitragszahler will ich ein System finanzieren, welches meine Versorgung mit notwendigen Medikamenten sicherstellt. Ich habe nichts dagegen, wenn das bedeutet, dass der Apotheker seiner Ausbildung und Verantwortung entsprechend verdient und auch seine Angestellten adäquat bezahlen kann. Aber für diese Versorgung reicht eine Apotheke in einem gewissen Umkreis. Mehr als das ist eine Überversorgung, und wenn es sich trotzdem noch für einen Apotheker lohnt, eine Apotheke mit entsprechenden Kosten dort zu betrieben, wo schon zwei andere um die Ecke sind, dann ist die Bezahlung offenbar wesentlich großzügiger, als dies notwendig wäre. Denn eine größere Apotheke könnte dank besserer Kosteneffizienz aus dem gleichen Umsatz und Einnahmen mehr Gewinn generieren, als mehrere kleine.
    Solange diese ineffiziente Überversorgung vielerorts besteht, habe ich als Beitragszahler auch nichts dagegen, dass mittels Kostendruck für mehr Effizienz gesorgt wird, auch wenn das letztlich bedeutet, dass zwei der drei Apotheken pleite gehen. Wenn die eine übriggebliebene dann die Versorgung ihrer Umgebung (mit dem Umsatz der vorher drei Apotheken) gut sicherstellen kann, ist das okay, und je nachdem kann man dann abschätzen, ob und wenn ja wieviel Luft für Kürzungen da ist, oder ob wirklich Steigerungen erforderlich sind.
    Ich verstehe, dass dir als Apotheker es lieber wäre, dass mehr gezahlt würde, wenn es sich für die einzelne Apotheke nicht mehr gut rechnet. Aber mir als Beitragszahler geht es anders: ich möchte nicht für überflüssige Kosten zahlen, die durch Ineffizienz entstehen, sondern nur für die tatsächlich notwendigen Kosten. Wenn die wirklich höher sind, als dass was aktuell bezahlt wird, dann bin ich dafür, die Apotheken besser zu bezahlen. Aber eben nur die notwendigen Apotheken.
    Wenn die drei Apotheken wirklich über die Fläche verteilt sind, bin ich übrigens durchaus bereit, in der verbesserten wohnortnahen Versorgung einen Vorteil zu erkennen, der unter Umständen auch mehr Kosten rechtfertigen kann. Dieser Vorteil liegt aber nicht vor, wenn alle zentral nebeneinander liegen.
    Und zum Abschluß: klar, Ineffizienz und übersteigerte Kosten gibt es überall im Gesundheitssystem, aber bei Apotheken liegt sie jedem Bürger, der über einen Marktplatz geht, täglich vor Augen, während gleichzeitig die Apotheker (neben den Ärzten) zu den am lautesten klagenden gehören.

    • Wenn in einer Kleinstadt mehrere Apotheken quasi direkt nebeneinander liegen, dann ist das offenbar redundant und ineffizient. Wenn die Apotheken mit unterschiedlichen Großhändlern zusammenarbeiten, ist es eben sehr redundant. Denn eine einzelne Apotheke kann nicht bei 5 Großhändlern einkaufen – und immer wieder hat der eine was, was der andere nicht liefern kann. Und davon abgesehen – wenn im Gewerbegebet Lidl und Aldi nebeneinander liegen, ist das doch ineffizient und redundant, oder? Welchen der beiden wirst Du von Gesetzeswegen schließen, in dem Du per Gesetz das Einkommen beider auf 50% reduzierst? (Indem Du eine Zusatz-Steuer nur für eine der beiden Ketten ins Gesetz schreibst?) Ist Redundanz eigentlich etwas schlimmes oder gar schlechtes? Wenn es um Leben und Gesundheit geht, ist Redundanz natürlich völlig unsinnig. Deshalb haben Passagierflugzeuge bis zu 3 redundante Steuersysteme. Wenn man da nur ein einziges einbaut, ist das viel effizienter und wird die Flugpreiskosten dramatisch senken… Wird nicht immer propagier „Holen Sie sich eine zweite Meinung von einem zweiten Arzt ein!“? Das ist mehr als ineffizient und redundant. Die Meinung eines einzigen Arztes reicht! IMMER!
      Und insbesondere, wenn die Apotheker gleichzeitig über ihr zu niedriges Einkommen klagen, und außerdem die Anzahl der Apotheken mit der Notwendigkeit der Flächenabdeckung begründet wird, stößt mir als Finanzierer des Systems das übel auf. Hm. Es ist völlig wurscht, ob ich angestellt bin oder selbstständig. Wenn meine Arbeit von Auftraggeber (per Gesetz) unterfinanziert bezahlt wird, dann mache ich Miese. Ich habe es schon mal gesagt: Wenn ich für 100 Packungen 100E bekomme, ist es für das System völlig egal, auf wie viele Leute sich die 100€ aufteilen. Wenn die 100€ aber für Arbeit bezahlt werden, die 200€ kosten würde, ist es unterbezahlt – egal wie viele Leute damit unterbezahlt sind.
      Denn eine größere Apotheke könnte dank besserer Kosteneffizienz aus dem gleichen Umsatz und Einnahmen mehr Gewinn generieren, als mehrere kleine. Leider Unsinn. Da kommt es verdammt auf die Gesamtsituation an. So einfache Wahr- und Weisheiten gibt es leider nicht. Sorry. Eine größere Apotheke hat ganz andere Probleme als eine kleine. Personalstruktur z.B., Urlaubsplanung. Betriebsräte. Hast Du schon mal in einer Apotheke gestanden, in der 12 Stunden lang das Computersystem ausgefallen ist? Ich schon. Viele Kunden wahren da sehr zufrieden, dass ich sie zur bösen Konkurrenz schicken musste. Redundanz kann auch ihre Vorteile haben, oder? Außerdem stellten Großkonzerne alle 5 Jahre ihre Bestellsysteme (z.B. für Büromaterial) immer wieder von zentral auf dezentral um und zurück, und jedes mal ist es billiger als vorher. (Je nachdem, welcher Manager gerade am Ruder ist).
      Solange diese ineffiziente Überversorgung vielerorts besteht, habe ich als Beitragszahler auch nichts dagegen, dass mittels Kostendruck für mehr Effizienz gesorgt wird, auch wenn das letztlich bedeutet, dass zwei der drei Apotheken pleite gehen. Erstmal: Woher nimmst Du Dir das Recht, jegliche Apotheken „ineffizient“ zu nennen? Beispiele Bitte, sonst ist das einfach eine miese böse Unterstellung allen Apotheken gegenüber. Und ich sage es nochmal: Bitte verrate mir Deine Branche, dann setzte ich den Satz genau so auf Dich an, und dann werden wir sehen, was Du mir erzählst. Oder sage einfach ehrlich: „Ich will einen Lagerort für Arzneimittel mit Automatenausgabe und ohne jegliche Beratung.“ Das wäre dann konsequent und ehrlich. Denn dass nebeneinander liegene Apotheken sich durchaus unterschiedlich ausrichten, je nach Vorlieben ihres Apothekenleiters, sei auch mal dahin gestellt, aber zumindest erwähnt. Und schau in andere Länder – wenn es zu dramatischen Schließungen kommt, werden tatsächlich sogar eher die „größeren“ Apotheken auf dem Land schließen als die weniger großen in der Stadt. Ja, so wird dann alles effizienter, weil dann alle Menschen in die Stadt ziehen.
      …während gleichzeitig die Apotheker (neben den Ärzten) zu den am lautesten klagenden gehören. Schon mal verglichen, wie sich das Einkommen der Apotheken und der Arztpraxen in den letzten 10 Jahren entwickelt hat? Erst selbst schlau machen, dann schwachsinniges Politgesülze nacherzählen. (Hier sei nochmal Seite 16 empfohlen. Und auch Seite 13. Sehr spannend ist der Vergleich der Honorierung der Apotheke im Vergleich zu Tariflöhnen, Inflation und GKV-Einkommen.) Apotheken wurden von jeder wirtschaftlichen Entwicklung komplett abgekoppelt. Seit 9 Jahren! Hinzu wurden Apotheken zugunsten der GKV jeglicher Einkaufsvorteile beraubt! Selbst das Skonto will Herr Lauterbach den Apothekern verbieten. Alles schon angekündigt. Einfach mal darüber nachdenken! Im Jahr 2012 haben 600 Apotheker aufgegeben. Reicht die Quote nicht? Da werden Arbeitsplätze VERNICHTET, da fallen Beitragszahlungen (der Angestellten) und Steuerzahlungen an den Staat (Angestellte UND Gewerbe) weg. Dein Betrag steigt, weil es mehr Arbeitslose gibt. Schon mal darüber nachgedacht? Nochmals – es gibt in öffentlichen Apotheken in Deutschland ungefähr genauso viel beschäftigte Menschen wie in den Gesetzlichen Krankenversicherungen angestellt sind. Öhm – wo sollte da konsolidiert werden?

      Aber ich denke, ich argumentiere gegen die Wand. Ich werde Dich nicht zum Nachdenken bewegen. Ich werde Dir nicht erklären können, dass dezentrale redundante Strukturen kaum teurer (oder gar billiger) sind als zentrale, und dazu noch Vorteile mitbringen. So ist ein Atomkraftwerk viel besser als viele kleine dezentrale Brennwert-Heizsysteme. Insbesondere dann, wenn irgendwo ein Hochwasser das Leitungsnetz zusammenbrechen lässt. Aber die Bevölkerung jammert immer erst hinterher – und der gesamtvolkswirtschaftliche Nutzen wird selten betrachtet. (Was z.B. ist mit dem Tante-Emma-Laden, der Lebensmittel in Kuhdorf verkauft hat? Der war in Hinblick auf den Benzinverbrauch, wo jeder aus Kuhdorf jetzt 10km bis zum Supermarkt mit dem Auto fährt, sicher sehr nachteilhaft. Und dass Selbstständige mehr Abgaben an den Staat bezahlen als Angestellte sei mal dahin gestellt. Was solls.)

      • Erstmal das Ergebnis meiner Wiederholung der Stichprobe vom gestrigen Mittwoch nachmittag (vom heutigen Nachmittag, morgens hatte ich anderes zu tun): Apotheke A: Hinweg 2, Rückweg 1; Apotheke B: Hinweg 1, Rückweg: 1, Apotheke C: Hinweg 0, Rückweg 0. Bislang hätte das noch immer eine alleine ganz ohne mehr Personal bewältigen können…

        Nochmal zur Ineffizienz. Ich will gar nicht sagen, dass jede Apotheke für sich in ihrem Rahmen ineffizient arbeitet. Aber man braucht halt ein gewisses Mindestpersonal, Räume, Computersysteme, Lager, etc. Natürlich wäre eine äquivalente Versorgung der Bevölkerung mit Medikamenten statt mit drei kleinen nebeneinander auch durch eine einzelne größere Apotheke leistbar. Die Einnahmen wären zunächst mal in der Summe die gleichen, aber Kosten würden relativ schrumpfen: Nur noch ein Lagersystem, nur noch eine Bestellung die gemacht werden muss, nur noch eine Apothekenbesatzung, die Mittwoch nachmittags arbeitslos herumsteht, der Laden muss auch nicht die dreifache Fläche haben, also weniger Miete, etc. An zahlreichen Stellen fallen die Kosten durch die Zusammenfassung. Und nur, weil du das oben als Kostenfaktor im Bereitschaftsdienst anführst: sogar die GEZ musst du nur noch einmal bezahlen… Wenn also gleichzeitig die Kosten fallen, und die Einnahmen gleichbleiben, steigt der Gewinn. Und plötzlich lässt sich die Apotheke vielleicht sogar wieder wirtschaftlich betreiben… Das meine ich mit effizienter.

        Wenn jede der Apotheken eine bestimmte Menge Rezepte bearbeitet, und davon letztlich für jede 200€ übrigbleiben, dann mag das zu wenig sein, wenn die Kosten (einschließlich Löhne) für dieselbe Zeit 300€ betragen. Bearbeitet eine Apotheke aber die Rezepte aller drei bleibt dann 600€ übrig. Die Kosten steigen aber eben nicht im gleichen Maße, so dass sie dann mit den 600€ vielleicht besser hinkomme. Ja, ich weiß, die Zahlen sind nicht realistisch, sie dienen nur der Verdeutlichung… Du argumentierst jetzt, dass dann eben die Finanzierung so sein soll, dass jeder Apotheke für dieselbe Arbeit eben 100€ mehr gezahlt werden soll, damit kostendeckende 300€ in jeder Apotheke hängen bleiben, während ich als derjenige, der zuschießen soll, doch lieber die Kosten durch Zusammenlegung senken würde.

        Anders ausgedrückt: Wenn die Versorgung der Bevölkerung mit Medikamenten an dem Marktplatz sich durch eine Apotheke für 600€ organisieren lässt, warum sollte die Gemeinschaft drei Apotheken je 300€ dafür zahlen?
        Welche Vorteile von 3 Apotheken gegenüber einer wurden erwähnt:
        – unterschiedliche Großhändler mit Lieferengpässen, die einander ausgleichen. Mag sein, ich weiss nicht, ob man mit einem Großhändler einen Exklusivvertrag abschließen muss. Allerdings würde ich ja, wie oben schon mehrfach gesagt, auch die Unmenge an Krankenkassen und das damit verbundenene Chaos mit den unterschiedlichsten Rabattmedikamenten abschaffen wollen, damit dürfte das weitgehend entschärft sein.
        – unterschiedliche „Spezialisierung“. Hmm, in Bezug auf das Sortiment der rezeptpflichtigen Medikamente kann ich das nicht erkennen, da sollte abgesehen von Lieferengpässen die Versorgung identisch sein. In Bezug auf OTC/Kosmetik/etc. mag das sein, ist m.E. aber kein Argument für mehr Geld aus dem Topf der Gemeinschaft.
        – Es werden sonst Arbeitsplätze vernichtet! Das Totschlagargument schlechthin. Aber eigentlich geht es nur darum, aus den begrenzten Mitteln der Sozialgemeinschaft die notwendige Anzahl der Arbeitsplätze adäquat zu finanzieren. Aber eben nicht mehr als diese notwendigen.
        – Nur einer der drei ist der „Apotheker meines Vertrauens“. Tja, das ist natürlich hart, wenn der dann zu macht (ob nun wegen Kostendruck oder Rente sei dahingestellt). Tatsächlich würde ja am ehesten derjenige mit den meisten Kunden am Ende übrig bleiben, also wäre das nur ein Problem für diejenigen Kunden, die mit dem insgesamt populärsten nicht zurecht kämen. Ob das eine relevant große Menge wäre, und wieviel das an Extrakosten wert wäre, ist sicherlich nicht einfach zu beantworten.

        Lidl und Aldi sind nicht durch ein staatliches Kassensystem finanziert zur Aufrechterhaltung der Versorgung. Wenn sie das wären, dann wäre das genauso hirnlos davon zwei nebeneinander zu bauen, wie zwei Apotheken. Die machen sich Konkurrenz, um jeweils der anderen Firma möglichst wenig Marktanteil und letztlich Gewinn zu lassen, freie Marktwirtschaft halt. Und wenn einer von beiden sich das nicht leisten kann, dann macht er zu (und fordert nicht stattdessen lautstark eine Steigerung seines Einkommens auf Kosten der Allgemeinheit). Stell‘ dir mal einen Marktplatz oder eine große Ausfallstraße vor, wo quasi unmittelbar nebeneinander 3 McDonalds stehen. Würde doch auch keiner für sinnvoll halten (und darum verbietet McD auch seinen Franchisenehmern, einen bestimmten Abstand zum nächsten zu unterschreiten).

        Die dreifache Redundanz bei manchen Flugzeugsystemen mit der von drei benachbarten Apotheken zu vergleichen, ist auch nicht wirklich hilfreich. Bei Versagen des Flugzeugs droht eine Katastrophe mit Verlust potentiell vieler Menschenleben. Bei Ausfall des Computersystems der einzig verbliebenen Apotheke am Markt droht … irgendwie nix schlimmes. Manche müssten ihren Medikamentennachschub am nächsten Tag holen, manche müssten zur nächsten Apotheke gehen (der einzige Unterschied wäre ja, dass die jetzt nicht mehr direkt nebenan ist), schlimmstenfalls müssten sie sogar mit dem Auto fahren oder ein Taxi nehmen! Das ist unbequem, aber daran stirbt doch keiner… Und wir reden ja hier vom seltenen Ausnahmefall. Willst du auch ein zweites Krankenhaus neben das erste stellen, nur falls mal bei dem einen der Strom ausfällt?

        Dezentral ist manchmal besser, als zentralisiert. Ich habe nichts gegen dezentrale Versorgung, also von mir aus auch eine Apotheke in jedem Dorf mit vernünftiger Größe. Aber das passiert ja nicht. Und drei Apotheken in unmittelbarer Nachbarschaft am Markt sind das genaue Gegenteil von dezentraler Versorgung. Sie sind nicht nur zentralisiert, sondern gleichzeitig auch noch von den Kosten her ineffektiver als eine einzelne größere dort. Die eine Apotheke am Markt jedoch mit einem Atomkraftwerk zu vergleichen, erscheint mir irgendwie inadäquat.

        Genauso der Tante-Emma-Laden. Es geht mir nicht darum, dass ich dem einzelnen Dorf seinen Tante-Emma-Laden nicht gönne. Aber ob in dem einen zentralen Gewerbegebiet nun ein Supermarkt steht, oder drei Tante-Emma-Läden macht die Versorgung auf dem Dorf auch nicht besser. Und ja, wenn ich (stellvertretend für den Rest der Einzahler in die Sozialgemeinschaft) das finanzieren soll, dann hätte ich lieber einen effektiven Supermarkt als drei kleine Tante-Emma-Läden im Gewerbegebiet. Auch wenn’s mir für Tante Emma leid tut.

      • Die machen sich Konkurrenz, um jeweils der anderen Firma möglichst wenig Marktanteil und letztlich Gewinn zu lassen, freie Marktwirtschaft halt. Und wenn einer von beiden sich das nicht leisten kann, dann macht er zu. Komisch, das gilt auch für Apotheken, wenn man mal vom RX-Bereich absieht.

        Und letzthin ist die Frage – was will die Bevölkerung. Und wenn selbige meint, dass es keine Apotheken vor Ort mehr braucht, dann werde ich eben verhungern oder auswandern müssen. Dann mögen sich aber bitte die, die das jetzt so laut rufen, in ein paar Jahren nicht drüber beschweren (sie wie jetzt bei den Tante-Emma-Läden).

        Denn ich wiederhole: Für die Sozialgemeinschafts-Finanzierung ist die Apothekenanzahl völlig wurscht. (Und das Apotheken hauptsächlich Frauen, hochqualifiziert, wohnortnah, flexibel, kinderfreundlich) beschäftigen… Sowas brauchen wir in D ja auch sowieso nicht. (So wenig wie Auswahl…)

        Und dass Du von Deinem Beispiel auf ganz Deutschland schließt… na egal. Und dass Do. nachmittags auch IMMER leidlich wenig los ist in Arztpraxen – sei es geschenkt. Aber wir befinden uns auf dem richtigen weg – schließlich gibt es so wenig Apotheken wie seit 1995 nicht mehr ( http://www.apotheke-adhoc.de/mediathek/gallerie-apothekenzahlen-weniger-als-21000-apotheken/?L=0&cHash=2e14f3d079d14f93dc29e50f2eb524ff ), wir sind also auf dem richtigen Weg. 😉

    • Eine Verbesserung durch Konsolidierung der Apothekenzahl dort, wo viele Apotheken auf engem Raum vorhanden sind, dürfte meiner Meinung nach nur dann eintreten, wenn sich in den einzelnen Apotheken das Mindestpersonal langweilt. Wenn der Umsatz nicht zu den Personalkosten passt, ist die Apotheke so oder so gefährdet.

      Und, natürlich, ich möchte die Offizin erstmal sehen, die all die Pflegeprodukte vorhält, die drei verschiedene Apotheken (sich mit Marken bzw. Produktlinien voneinander abgrenzend) anbieten.

      Und als Patient gehe ich auch gern zum Apotheker meines Vertrauens. Nicht alle Themen sind Themen, die ich mit dem Umsympath von der Ecke besprechen möchte.

      • Genau das ist das schöne an der Konsolidierung: Das Angebot wird eingeschränkt, und der letzte Verbleibende wird automatisch zur Vertrauensperson, ob man will oder nicht. Keine Auswahl zu haben kann das Leben eben auch einfacher machen… 😉

  6. So, jetzt nochmal abgetrennt davon zu deinem letzten Paragraf:
    ich habe durchaus deinen Link schon beim ersten posten gelesen. Das bei den Apotheken nur ein geringer Teil der Arzneimittelkosten wie auch der Gesamtausgaben im Gesundheitssystem hängen bleibt, überrascht mich nicht, ich hatte sogar eher gefühlsmäßig noch mit etwas weniger gerechnet.
    Beim Ländervergleich auf Seite 12 sind mir ehrlich gesagt als erstes die „bestversorgtesten“ Länder Griechenland, Bulgarien, Zypern und Malta aufgefallen, so dass sich schon ein Zusammenhang mit hoher Apothekenanzahl und drohender Staatspleite aufdrängte :-). Aber ich denke, die Gesundheitssysteme sind schwierig zu vergleichen.
    Norwegen habe ich auch als erstes gesucht, als Nicht-EU-Land steht es aber gar nicht auf der Liste. Ich bin mir nicht sicher, ob ich wegen der ölbedingt guten Finanzlage des dortigen Gesundheitssystems eine relativ hohe Apothekendichte erwarten soll, oder wegen der in den skandinavischen Ländern generell eher geringen Arztkontakthäufigkeit (und der damit von mir erwarteten niedrigeren Verschreibungshäufigkeit) eher weniger Apotheken.
    Aber ich bin mir auch nicht sicher, was diese Liste für eine Aussagekraft haben soll. Sind denn die Menschen in Ländern mit weniger Apotheken pro Einwohner generell schlechter mit Medikamenten versorgt? Kommen die Dänen wirklich schlechter an ihre benötigten Medikamente, als die Griechen? Würden alle Apotheken in Deutschland, die näher als 400m an einer anderen Apotheke liegen, einfach dicht machen (naja, jeweils nur eine in dem Umkreis übrig bleiben), wäre die Apothekenzahl pro Einwohner in Deutschland deutlich niedriger, aber der tatsächliche Zugang zu Medikamenten – etwas Vorwarnung zum ausreichenden Bevorraten vorausgesetzt – wohl kaum eingeschränkt.
    Wie oben schonmal erwähnt, bin ich gegen Großkonzerne in Form von Apothekenketten oder Versandapotheken, eben weil ich glaube, dass die (mehr als ein Einzelapotheker) in erster Linie an ihren eigenen Profit denken, davon brauchst du mich nicht zu überzeugen. Großkonzerne und rein profitorientierter Kapitalismus haben ihren Platz auf der Welt, aber m.E. nicht im Gesundheitssystem.
    Meinen Beruf verrate ich nicht, aber ich bin sicher, du würdest was zum verbessern finden, sogar ich finde da jede Menge :-).

    • Bei Norwegen und Schweden geht es nicht um die Apothekendichte, beide haben Kettenapotheken vor einigen Jahren freigegeben. „Große Strukturen -> Alles wird besser!“ Beide Länder würden nun gerne wieder zurück, können aber nicht. Blöder Weise machen die Ketten nämlich nicht, was die Politik will, sondern was gut für ihren eigenen Geldbeutel ist. (Und die Ketten jetzt wieder zu verbieten währe wohl „Enteignung“, und da hätten die Konzerne vorm EGH aber verdammt gute Karten gegen.) Und gerade im Flächenbereich von Schweden werden zur Zeit „unrentable“ Apotheken (nach Ablauf der Zweijährigen Protektionsfrist) jetzt gnadenlos geschlossen – äh nein, konsolidiert. Übrigens hat eine der 2 verbliebenen Ketten in Schweden auch klipp und klar der Regierung gesagt: „Entweder, ihr zahlt für Landapotheken ein höheres Honorar, oder wir machen die dicht!“ Man könnte von Wirtschaftlichkeit sprechen, man könnte aber auch eine Art Erpressung darin finden.

      Dänemark ist wohl kaum zu vergleichen mit Deutschland. Man sollte sich da auch Fragen: Wie viel Fläche hat Dänemark (Grönland mal ausgenommen), und wie viele Leute wohnen in der Stadt und auf dem Land? Hier mal ein paar Infos zu dänischen Apotheken: http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=pharm4_30_1999 Ganz besonders spannend dabei sind zwei Punkte:
      1) Dänische Apotheken müssen einen Strukturausgleich einzahlen, der schwachen Apotheken zugute kommt. (Aha. Versorgung auf dem Land? Hat der Staat etwa ein Interesse daran, dass da nicht die letzte Apotheke dicht macht?)
      2) Dänische Apotheken haben Zweigstellen und Ausgabestellen (die in der Statistik wohl nicht auftauchen, so wie in Deutschland „Kampps“ immer als „Eine Bäckerei“ gezählt wird.)
      Aber spannend auch z.B.: „Seit dem Besitzerwechsel vor einem Jahr wurden die Rezeptur und das Labor abgeschafft.[…] Verordnungen mit individuellen Rezepturen an eine spezialisierte Apotheke in Jütland gesandt. Je nach Art des herzustellenden Arzneimittels beträgt die Lieferzeit dann drei Tage bis zwei Wochen.“. Das ist natürlich eine echte Versorgungsverbesserung zu Deutschland. Hast Du schon mal 400 Pulver gegen Epilepsieanfälle für ein Neugeborenes hergestellt? Ey, Apotheker, ich brauch die GESTERN! Mein Kind ist KRANK! ICH STEIG DIR AUFS DACH! So hören sich schon mal besorgte Eltern an, wenn man sagt, man bräuchte 24 Stunden. (Und für so eine ca. 4-Stunden-Rezepturarbeit bekommt man dann etwa 12€ Honorar. Aber das nur am Rande.) 3 Tage bis 2 Wochen. Ja, so sieht Versorgungsverbesserung aus.

      Wirklich spannend ist Deine letzte Bemerkung: Meine Branche verrate ich nicht! Herrlich. Eigentlich könntest Du Unternehmensberater sein – wie es bei mir alles besser geht kannst Du mir gut erklären (im Zweifelsfall auch ohne Hintergrundwissen und völlig an de Realität vorbei), aber bei Dir selber hältst Du Dich lieber bedeckt. So etwas gibt mir immer zu denken, denn irgendwie sind die „Spieße mal wieder nicht gleich lang“ in unsrer Diskussion, wie es Frau Ulla Schmidt ausdrücken würde…

    • Hallöle,

      Nur eines zur Korrektur: in Deutschland haben wir seit den Sechzigern bei den Apotheken die sog. Niederlassungsfreiheit, d.h. jeder kann wo er/sie will eine Apotheke auf machen, selbst wenn es dort schon „genug“ gibt.
      Tatsache ist z.z. aber ohne jeden Zweifel, daß genau die Apotheken zu machen, die Joes Meinung nach für die Versorgung in der Fläche gebraucht werden, nämlich in den Stadtrandgebieten bzw. auf der Fläche. Warum? Weil die Leute da nicht mehr hingehen! Nicht weil die Apotheke schlecht wäre, oder nicht gut berät oder schlecht sortiert ist. Sondern aus dem selben Grund, warum alle kleineren Lebensmittelläden in den Randbezirken dicht gemacht haben. Die Leute gehen lieber (?) in den großen Supermarkt und dann da auch gleich in die Apotheke, Blumenladen, Zeitschriftenkiosk …
      In der Stadt häufen sich die Apos, weil da die Ärzte sind und weil DA! Die Menschen einkaufen. Wer beschwert sich, daß es in der Innenstadt sechs Schuhgeschäfte, ca. siebzehn Kleiderläden, dazu noch fünf große Ketten a la C&A, H&M etc. Gibt. Von Bäckern und Eisdielen mal ganz zu schweigen!
      Leider muß ich jetzt selber mal zum Arzt, sonst tät ich mal einen netten Artikel raussuchen, der Genau die Argument mit „zu viel Apotheken“ sehr gut widerlegt.
      Gruß aponette

  7. Vielen Dank für die Aufschlüsselung. Als jemand, der Zahlen gefordert hat, weiss ich sehr zu schätzen, wenn diese dann erhoben werden – das ist bisweilen überaus aufwändig. Spontan sehe ich einen Punkt etwas anders:

    „Außerdem bleibt zu berücksichtigen, dass von diesem Rohertrag noch Dinge abgehen wie Strom (ich hatte 5 Computer die ganze Zeit am laufen, Licht, die Arzneimittel-Kühlschränke, die Mikrowelle, die Kaffeemaschine, die Telefonanlage), Wasserverbrauch, GEZ (ja, ich darf im Dienst fernsehen, aber die GEZ treibt auch hier Gebühren ein) und natürlich mein Lohn.“

    Der tatsächlich signifikante Teil dieser offenen Aufzählung ist Dein Lohn und würde den Rest der Aufzählung entsprechend zusammenfassen.

    Strom: Die fünf PCs sind hier vermutlich der Löwenanteil. Die Biester laufen durch und dürften irgendwas zwischen 250 und 350 Watt haben wollen (Annahme: Ältere Büro-PCs, d.h. weder auf Sparsamkeit gebaut noch als Zockerkiste konzipiert), in der Summe also etwa 36kWh. Licht ist, dank LED-Technik, zumindest aber dank Energiesparlampen, zunehmend vernachlässigbar: Lass es 200 Watt sein, die brennen, damit kann man inzwischen ganze Wohnhäuser erhellen, also ~ 5kWh, das ist quasi schon innerhalb meiner Schätzwertfehlertoleranz für die fünf PCs. Die Arzneimittelkühlschränke laufen bitte notdienstunabhängig durch, die würde ich nicht zählen. Mikrowelle… 10 Minuten genutzt bei 650W wären 0.1kWh und damit vernachlässigbar, für die Kaffeemaschine gilt dasselbe, für die Telefonanlage vermutlich auch (wenn die nicht ohnehin durchläuft). Für den Notdienst also insgesamt Strom für schätzungsweise 8 Euro – jeder PC, den Du auslassen kannst, senkt das um knapp eineinhalb Euro. (Was hier fehlen könnte, ist der Server, der evtl irgendwo herumsteht. Aber der läuft evtl auch so oder so.)

    Wasserverbrauch. Wenn Du nicht gerade den Pool Deines Nachbarn füllst…. ein Kubikmeter kostet durchschnittlich 2 Euro, durchschnittlicher Pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland 122 liter. Verdoppeln wir das, um auf der sicheren Seite zu sein. Also etwa 50 ct für den Notdienst?

    GEZ. Wenn der Fernseher auch außerhalb des Notdienstes ab und zu läuft: 0, keine Kostenersparnis, wenn der Notdienst wegfällt. Falls nicht – wo liegt die Gebühr für Kleinunternehmen für einen Standort? Müßte dann auf die Anzahl der Notdienststunden je Monat umgelegt werden.

    Insgesamt schätzungsweise etwa 10 Euro für den Betrieb der Infrastruktur. Das ist an sich nicht unbedingt wenig, aber, wie Du schriebst, die Personalkosten gehören mit in die Rechnung. Und dann sind 10 Euro plötzlich nicht mehr so wirklich viel.

    Also, ich behaupte nicht, dass die Situation nicht so hanebüchen sei wie von Dir geschildert. Ich halte nur den Infrastrukturbetrieb für überbetont, darunter leidet meiner Meinung nach die ansonsten wertvolle Aufschlüsselung.

    • Ist schon richtig, dass es „nicht viel“ ist, aber wenn man Minus macht, zählt nun mal jeder Cent. Und viele vergessen nun mal, dass die Infrastruktur betrieben werden muss, um die Arbeit zu leisten. Auch die Gewerbesteuerabgaben sind – auf den einzelnen Tag berechnet, minimal. Der Beitrag der IHK und der LAK ist abzuführen. Ja, alles sicher auch „so“ abzuführen, aber in einer korrekten Kostenaufstellung zu berücksichtigen. (Und zum Wasserverbrauch – wenn Du einen leitungswassergekühlten Thermostaten betreibst, kommt da schnell einiges zusammen…)

  8. Nachtrag meinerseits: Heute (Freitag Vormittag) in einer deutschen Kleinstadt. Fußgängerzone mit insg. 4 Apotheken. Alle fußläufig zueinander zu erreichen, auch für Menschen, die nicht all zu gut zu Fuß sind. Der Einfachheit halber zusammen gefasst: keine leer, in einer „nur“ 2 Kunden/Patienten, wobei Omi nach der Menge der auf dem Ladentisch stehenden Medikamente gerade ihren Monatseinkauf erledigt hat. In den anderen Dreien standen jeweils >3 Personen (Kinder im Kinderwagen nicht eingerechnet), über jeweilige Paar-Verbindungen (= zusammen unterwegs, aber nur einer ist Kunde) kann ich aber keine Aussage treffen.
    Und was sagt diese Stichprobe aus? Genau, nix! Eine solche Statistik bekäme jeder Student von seinem Prof um die Ohren gehauen.
    Dankenswerterweise gibt es bei uns in der Stadt auch noch so etwas wie Stadtteil-Apotheken, was das Leben für Mütter mit Kleinkindern, Leute ohne Auto oder ältere Menschen ungemein erleichtert.
    Mir ist egal, wieviel mehr Apotheken noch aufmachen, unser Gesundheitssystem krankt an wahrlich anderen Stellen als daran, wie viel Gewinn nun der einzelne Apotheker macht.
    Und zum Thema Notdienst sind gerade die Innenstadt-Apotheken auch noch äußerst unbeliebt, weil man nämlich nicht mit dem Auto bis direkt davor fahren kann, da sie ja in einer (auch Sonntags und nachts geltenden) Fußgängerzone liegen! Was zugegebenermaßen die hiesigen Taxifahrer nicht stört.
    Manchmal kann der Notfall übrigens auch sein, dass Papa/Mama vergessen haben, rechtzeitig für Nachschub zu sorgen, wie z.B. bei den Säuglingsnasentropfen. Mag aus Sicht eines Apothekers kein Notfall-Medikament sein, aus Sicht des schlaflosen Säuglings inkl. Eltern/Geschwister kann das spontan anders aussehen! 😉

    • Ja, was ein Notfall ist, und was nicht, darüber läßt sich trefflich streiten. Ein gerade in den Gulli entfleuchter Nuckel kann zum echten Notfall werden – aber wenn mir nachts um 2 Uhr einfällt, dass ich ja noch die Pille für die Freundin holen wollte, auf einem 3 Wochen alten Rezept – dann ist für mich als Dienstschiebenden die Notfall-Grenze deutlich zu weit gesetzt…

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