Kommunikationsproblem V1.03

Und da stand nun die Patientin vor mir, mit einem 2 Tage alten Rezept über ein Antibiotikum. Und die Verordnungszeile, computergedruckt, lautete:

Antibiotikum XYmg Granulat N2 30St.

Blöder Weise gibt es dieses Antibiotikum in XYmg nicht in 30 St.-Packungen, sondern nur mit 12 St. N1 oder 20 St. N2. [1] Und so zeichnete sich ab, dass die Lösung dieses Problems mal wieder nicht ganz so simpel wird…

Was macht so ein Gedankenknick also erst einmal, bevor er am ganz großen Rad – also an der Wählscheibe des Telefons – dreht? Richtig, er nimmt sich – im Zeitalter der elektronischen Datenbanken – alte Bücher zur Hand, um zu blättern. In diesem Fall mal die Rote Liste, erst die von 2010 und dann die von 2002. Denn letzthin lehrt mich die Erfahrung, dass die Praxissoftware-Datenbanken der Ärzte nicht immer auf dem neuesten Stand sind, und dass des öfteren mal etwas rezeptiert wird, was es schon seit einigen Jahren nicht mehr gibt, und was deswegen aus den elektronischen Datenbanken (der Apotheken) schon lange verschunden ist. In diesem Fall aber ergab sich auch im Jahr 2002: 12St. N1 und 20 St. N2.

Eine längere Suche in (meiner) der Datenbank ergab nun eine Firma, die mal 10 St. N1 herstellte, die gesamte Produktlinie aber schon seit 1¼ Jahr komplett eingestampft hatte. Eine kleine Recherge in der aktuellen Packungsgrößenverordnung gemäß AMNOG-Packungsgrößenaustausch ergab nun, dass bei diesem Wirkstoff die „N3“ mit „29-30 St.“ definiert ist. Das machte die Sache nicht einfacher, denn ein „Hineinstückeln“ in einen aktuellen N-Bereich ist – zumindest meines Wissens nach – nicht gestattet. Aber eine Abgabe von 1x 20 St. + 1x 12 St. würde mit gesamt 32 St. sogar über den definierten N3-Bereich hinausgehen, das darf man aber nur, wenn es sich ein genaues Vielfaches der definierten Obergrenze ergibt. Geht also auch nicht, da 32 ≠ 60. Das Leben ist hart…

Es blieb also nichts anderes, als dem verschreibenden Arzt das ganze Problem zurückzuturfen. So griff der Knick also zur Wählscheibe, um den locker 50km weit entfernt sitzenden Arzt zu kontaktieren, was dieser sich denn dann so wünscht. Die Vorgeplänkel bis zum Durchdringen zum Arzt selber erspare ich dem geneigten Leser einmal…

Ja, bitte?
Hallo! Hier spricht der Gedankenknick aus Knicks-Apotheke. Ich habe hier so ein kleines Problem mit Frau Infektiösus. Leider existiert keine Packung á 30 St. von Antiniotikum XY. Es gibt nur 20St – N2 und 12 St – N1. Wie hätten Sie es denn gerne?
Na dann nehmen Se einfach ne Zwangiger und ne Zehner d´zu!
Schnell versuchte ich zu referieren, was ich gerade am Telefon gesagt hatte, überlegte kurz, ob ich Frau Dr. Chaos Kopf-an-Tischkante-Verdrängungstrauma ausprobieren sollte, und versuche es statt dessen nochmals:  Würde ich ja gerne, aber es gibt nur eine 20 St – N2 und eine 12 St. – N1. Es gibt keine Zehner.
Naaa…. Ich bin mir verdammt sicher, dass das Knirschen, was ich nun zu vernehmen schien, von der Telekom stammte, und nicht von sich in Gang setzenden Zahnrädern…
Also eine 20 St.-Packung kann ich erstmal ohne Schwierigkeiten auf das Rezept abgeben…, schlug ich vor, und hoffte auf eine Weiterführung des Satzes mit z.B. …und für eine Zwölfer schicke ich Ihnen ein neues Rezept zu. War aber nicht.
…öhm… vernahm ich statt dessen durch die Leitung und hatte immer noch so merkwürdige Knirschgeräusche im Ohr.
…und wenn die Packung aufgebracht ist, soll ich Frau Infektiosus wieder bei Ihnen in der Praxis einfinden?, soufflierte ich mal ins himmelblaue.
Genau!
strahlte es nun aus der Hörmuschel meines betagten Telefons.
Na dann ist ja jetzt alles klar. Dankeschön und einen schönen Tag noch!

Leute, ganz ehrlich, ich habe wohl echt ein Kommunikationsproblem.

————
[1] Zugegeben: Eine Packung des Antibiotikums mit ½ XYmg Wirkstoff gibt es zu 30 St. Das half mir in diesem Fall aber nicht wirklich.

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12 Gedanken zu „Kommunikationsproblem V1.03

  1. Oh ja, so eine Verordnung ist garnicht so selten.
    Glücklich ist derjenige, der tatsächlich in der Praxis jemanden erreicht… 😉
    Denn Sprechzeiten von 9-11.30h und Dauerbesetzt-Zeichen machen es einem nicht einfacher.
    Währenddessen wartet der Kunde und die Offizin läuft voll…

  2. Ich glaube, du hast kein Kommunikationsproblem. Seine Mühlen drehten sich halt etwas langsamer, was man auch deutlich am „Knirschen“ derer merkte. 😉

  3. Zeigt doch (wieder mal) ganz klar ein systemimmanentes Problem auf.
    Wenn der Doc der fachlichen Meinung ist, ein AB müsste 15 Tage (morgens+abends) eingenommen werden, um eine sichere Heilung zu erzielen, dann schreibt er 30 Stück auf Rezept.
    Der Apotheker müsste dann idealerweise noch einmal die Plausibilität und KI/WW mit dem Patienten abklären und 30 Stück mit Einnahmehinweisen etc. abgeben.

    Der ganze andere Scheiß – von Packungsgrößen angefangen und mit ‚ich schick Ihnen den kranken Patienten nochmal vorbei‘ noch lange nicht beendet – ist weder Aufgabe von Arzt/Apotheker noch einer rationalen, heilungsorientierten Behandlung zuträglich.
    Dieser Mehraufwand mag bei Krankenkassen-Griffelspitzern für eine zusätzliche Lage verkrusteten Eiweißes im Höschen sorgen. Geld spart man damit aber nicht, bzw nur einseitig bei den Kassen mit erheblichen Zusatzkosten aller anderen Beteiligten (unterm Strich: Miese!).
    Dass dieses Vorgehen von ganz oben abgesegnet und gebilligt wird, zeigt das Fehlen einer unabhängigen Prüfungsstelle, die die Gesundheitskosten mal ‚ganzheitlich‘ betrachtet. Gibts Hochrechnungen für die Zahl zusätzlicher Einweisungen wegen Rabattverträgen oder KK-technisch verkürzten AB-Therapien (15 auf 12 Stück oder solche Späße?)

    • Aber nein! Die Rabattverträge bewirken NUR gutes – und sorgen (laut Herrn Dr. Hermann, AOK BW) für eine VERBESSERTE Compliance der Patienten. *kopfschüttel*

      Das wahre Problem ist, dass eine Einsparung im Gesundheitswesen nur dann eine Einsparung ist, wenn die krankenKassen dabei etwas gespart haben. Wenn den Kassen 1€ Mehrkosten entstanden sind, dafür der Patient aber 2 Jahre statt 1 Jahr nicht mehr rückfällig wird, wurde NICHTS gespart sondern eben 1€(!) mehr ausgegeben. Aus dieser Sicht ist es der Kasse auch egal, wie oft der Patient zum Arzt muss, weil das der Kasse ja kein Geld kostet… Der 1€ würde dem Apotheker dann aber nicht als 1€ retaxiert werden, sondern also Gesamt-Retax auf das Rezept. Und, so dumm es sich anhört – das Spiel spiele ich nicht mit zu meinen Lasen. Traurig aber wahr.

  4. Ohne die Kommentare bisher gelesen zu haben, aber … ehrlich, das ist doch reine Schikane. Ich verstehe den Arzt (respektive die Praxisassistentin), wenn die das nicht begreift.
    Und als Vergleich: ich dürfte hier eine 20er und eine 12er abgeben. Zwei 20er – da könnte die Kasse motzen, wenn der Preis dann höher liegt als bei den gemischten Packungen, aber sonst? Wenn der Arzt will, dass das AB so lange genommen wird, dann sollte das wirklich okay sein.

    • Hach, Dein Wort in des GKV-Spitzenorganisations-Chefs Gehörgang. Aber das das mal den krankenKassen… Mit so viel Entscheidungsfreiheit für den Schubladenziehtrottel ähhhh Apothker entziehst Du ja ganzen Abteilungen (Abteilung Arzneimittelkompetenz Unterabteilung Retaxation) die gesamte Arbeitsgrundlage. Das geht nun wirklich nicht!

      Davon abgesehen ist es ja politisch gewollt. Sonnst würden die Politiker ein Einsehen haben, und einfach mal das Gesetz ändern. Den Quark gibt es bei uns ja nicht erst seit gestern. Spätestens mit Einführung der Arzneimittelpackungsgrößenverordnung wurde doch das Kind nicht bloß in den Brunnen geschmissen, sondern auch noch runtergedrückt und ein Deckel auf den Brunnen gelegt… *seufz*

  5. Gerüchten zufolge gibt es seit dem 01.Juli dieses Jahres eine Verordnung, die die Ärzte verpflichtet ihre Software auf dem aktuellen Stand zu haben?!?!?! lol
    Das glaube ich erst, wenn die neben uns liegende Praxis nicht mehr Sachen verordnet, die seit 3 Jahren AV sind…

    • Die Gerüchte sind falsch. Die Verordnung ist gültig seit dem 01.07.2012 – also seit ca. 1 Jahr. Ich mache den Ärzten in dieser Hinsicht nicht mal einen Vorwurf, denn die Software-Buden, die hinter den Praxisdatenbanken stecken, sind „Hauptsache billig“. Ich finde es nur immer begrenzt nett, wenn die Arztpraxis mir dann so Sätze sagt wie „Das steht so in meinem Computer, deswegen ist das auch so!“ *seufz*

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