KrankenKassenGelder an RTL

Zugegeben, die Schlagzeile ist provokant, reißerisch und an den Haaren herbeigezogen. Aber ich dachte, ich versuch es mal wie die wunderbare und von mir heiß und innig geliebte „Volkszeitung“ und schaue mal, was passiert. Und ich möchte betonen: Es geht mir nicht darum, das gesetzliche krankenKassen mal wieder Werbeblöcke bei den Privaten TV-Anstalten kaufen, was ich persönlich für den schwachsinnigsten Geldrausschmiss im Gesundheitswesen überhaupt halte. [1] Worum geht es mir dann? Die Vivantes-Gruppe hat als Vertragsstrafe für einen geplatzen Doku-Soap-Deal schlappe 1 Millionen €uro an RTL zu überweisen, wie Apotheke-Adhoc berichtet. Und warum regt mich das so auf?

Aber immer schön der Reihe nach:

Als allererstes – was war passiert?
RTL hatte eine wunderbare Idee [2] für eine neue Doku-Soap, welche den Titel „Babyboom“ tragen sollte. Nein, nicht dass man Babies mittels exothermer Reaktion über ausgesuchte Flächen Deutschland großzügig verteilen wollte [3] – die Serie sollte unter anderem Live-Aufnahmen von Geburten zeigen. Ich habe jetzt tatsächlich keine Lust, das Konzept an sich zu bewerten, gab es solche Aufnahme schließlich auch schon im Kinderformat „Willi wills Wissen“ auf KIKA zu sehen. RTL meinte damals: „Wir wollen schlicht die Menschen und ihre Geschichten zeigen, die Mitarbeiter und werdenden Eltern.“ Aber irgendwie werde ich den Verdacht nicht los, dass dabei Blut, Schweiß und Eisen Fluchen ganz extrem im Vordergrund der Regieanweisungen gestanden hätten. [4] Dazu vielleicht noch ein paar nette Gruselaufnahmen von PDA-Legungen, dem Setzen von Venenverweilkanülen usw. Also etwas, was ich mir bestimmt jeden Abend am heimischen Essenstisch ansehen will, passend zur Leber- und Teewurst auf der Stulle, um etwas abzuspannen und herunterzukommen nach des Alltags harten Forderungen.

Und ausgesucht (und offensichtlich schon vertraglich festgenagelt) hatte RTL dafür die Vivantes-Gruppe, speziell das Krankenhaus im Friedrichshein. Ich zitiere mal hier von der Vivantes-Website:

„Vivantes gehört zu Berlin. Vivantes ist Leben in Berlin. Lifestyle oder Lebensrettung, glückliche Geburt oder friedliches Sterben: Wir von Vivantes sind für Sie da – für eine halbe Million Menschen im Jahr. Mit bester Medizin, engagierter Pflege und gesundheitlicher Unterstützung in vielen Lebenslagen. Informieren Sie sich über unsere Krankenhäuser und Kliniken, über unsere ambulante Rehabilitation, unsere Einrichtungen für Senioren und viele weitere Angebote für gute Gesundheit.“ 

Vivantes gehört zu Berlin.“ Genau genommen ist Berlin der alleinige Anteilseigner der Vivantes – Netzwerk für Gesundheit GmbH. „…glückliche Geburt oder friedliches Sterben: Wir von Vivantes sind für Sie da – für eine halbe Million Menschen im Jahr...“ Und offensichtlich wollte da ein Marketing-Manager noch für viel mehr Menschen im Jahr da sein, denn so eine Doku-Soap auf RTL mach Einschaltquoten. Immerhin haben viele Zoo-Dokus den fraglichen Zoologischen Gärten auch einen haufen mehr Eintritt zahlende Besucher beschert. Aber glaubt wirklich irgendwer, dass eine glückliche Geburt und/oder ein friedliches Sterben gewollt ist, wenn sich ein RTL-Doku-Soap-Drehteam im fraglichen Zimmer aufhält? Oder anders gefragt: Bringen glückliche Gesichter mehr Einschaltquote als sich fetzende Mitmenschen? Wer darauf eine Antwort wissen will, schaue bei RTL ins Nachmittagsprogramm…

Nun hat der Staat, und damit auch das Bundesland Berlin, eine Fürsorgepflicht für seine Bürger – oder im deutschen Fall für sein Personal. [5] Effektiv gesehen ist diese Fürsorgepflicht auch der einzige Grund, warum ein demokratischer Staat von seinen Bürgern Steuern verlangen darf. Das sah der Berliner Senat glücklicher Weise genau so, und so stoppte er im Februar 2013 die Dreharbeiten, um die Persönlichkeitsrechte der fraglichen geborenen Kinder zu wahren [6], denen es tatsächlich wohl kaum zuzumuten ist, dass ihnen viele Jahre später, dem demenzresistenten Internet sei dank, alle Nase lang ihre Geburtsbilder und -videos als Bashing untergeschoben und vorgehalten werden. Ich habe das damals sehr begrüßt.

Und was ist nun los?
Das Vorgehen des Berliner Senats fand RTL samt seiner Produktionsfirma Shine weniger lustig, schließlich hatte man schon viel Gehirnschmalz, Blut und digitale Speicherkarten in das Projekt investiert, und nun sollte alles den Menstruationsfluss Bach runtergehen? Also verklagte RTL netter Weise Vivantes auf einen nicht näher spezifizierten Millionenbetrag, und siehe, nach kaum 5 Monaten hatte man sich außergerichtlich geeinigt, und eine Klinik zahlt einem Fernsehsender schlappe 1 Millionen €uro Entschädigung.

So weit, so gut. Aber warum regt mich das so auf?
Vivantes hat 2012 ca. 6,7 Millionen €uro „Gewinn“ gemacht, bei ca. 900 Millionen €uro Umsatz. Man könnte auch sagen, die Rendite betrug 0,7%. Mal davon abgesehen, dass ein Teil dieses Gewinns an das Pleite-Klamm-und-Dauerarm dastehenden Bundesland Berlin abgeführt wird, wird der operative Gewinn gebraucht, um Investitionen in die Infrastruktur zu tätigen. So ist es halt Essig mit einem neuen CT oder MNR, und Neueinstellungen von Mitarbeitern braucht man dieses Jahr wohl auch kaum besprechen bei Vivantes. Das besonders Ärgerliche ist aber, dass dieser Gewinn aus der Betreuung von Patienten, und damit letzthin aus dem Fundus der krankenKassen generiert wurde.

Klar könnte man jetzt feststellen: Der Gewinn hat dich nicht zu interessieren, Knick, er gehört weder Dir noch dem Volk, er ist Privateigentum der Vivantes-GmbH. FALSCH. Da die Vivantes-GmbH zu 100% Berlin als Bundesland gehört, gehört auch der Gewinn zu 100% den Berliner Bürgern! Das hört sich jetzt verdammt sozialistisch an, ist aber so. Genau dafür gibt es nämlich einen Rechnungshof, der die Ausgaben von Bundesländern (und auch anderen staatseigenen Einrichtungen) überwachen und kommentieren darf, soll und muss.

Und da den Apothekern immer wieder von Seiten der krankenKassen gesagt wird, dass sie ja mit anderen Geschäftsbereichen so viel Gewinn machen, dass sie an (verschreibungspflichtigen) Arzneimitteln bitteschön nicht mehr so viel verdienen dürfen, kotzt es mich doch echt an, dass hier Gelder aus dem und für das Gesundheitssystem an einen privaten Fernsehsender abfließen. Dabei darf man nicht vergessen, dass in den vergangenen Jahren die Krankenhäuser mehr Geld genau dafür bekommen haben, mehr Pflegepersonal zu beschäftigen, wie man hier nachlesen kann. Und dieses Geld wird nun (anteilsweise) für einen Privaten Fernsehsender rausgeschmissen, der nichts weiter im Nachmittags- und Abendprogramm zeigen will als das Elend einiger Anteile unserer Gesellschaft, damit sich andere Anteile unserer Gesellschaft (oder vielleicht auch genau dieselben) darüber amüsieren und die wenigen Opfer dieses Formats anschließend mobben können? Ich fasse es einfach nicht.

Wahrscheinlich ist den juristischen Beratern der Vivantes-GmbH mit der „Begrenzung“ der Vertragsstrafe auf 1 Millionen €uro sogar noch ein guter Deal gelungen. Wer weiß schon, welche Strafen wirklich gemäß den Verträgen mit der Shine vorgesehen waren – und wie wasserdicht diese Verträge ausgearbeitet wurden, um jegliche Einstufung als „sittenwidrig“ von vornherein auszuschließen?

Aber ganz ehrlich – ich schäme mich. Ich schäme mich für die Manager der Vivantes-GmbH, die dieses Vertrag unterschrieben haben. Für die Rechtsberater der Vivantes-GmbH, die keine juristischen Probleme in den Dreharbeiten sahen. Für die moralisch völlig abgehärteten Mitarbeiter der TV-Anstalten, die sich solche Formate ausdenken (und dann möglichst reißerisch umsetzen). Und ich schäme mich für einen Staat mitsamt allen seinen Politikern, der nicht mit aller gesetzlichen Macht dazwischenhaut, um zu verhindern, dass auf solche Weise Volksvermögen privatisiert wird – ohne Gegenleistung für das Gemeinwohl.

Und deswegen verlasse ich normaler Weise den Raum, wenn bei mir zu Hause Formate wie „Dieter sucht den Superdepp“, „Deutschlands neuestes Topf-Model“, „Bayer sucht Frau“, „Frauenmischen ohne Körperflüssigkeitentausch“ und wie sie nicht alle heißen über den Bildschirm flimmert. Oder ich schalte aus. Oder um. Oder, wenn ich gar nicht anders kann, schlafe ich einfach ein. Aus Langeweile ob des Geschehens. Und aus Protest. Und aus Überzeugung. Und ich will mir gar nicht ausmalen, was man so aus meinem alltäglichen Verhalten – würde man mich 24/7 aufzeichnen – zusammenschneiden könnte, um mich als den saublödesten Obertrottel Deutschlands darzustellen. Da ginge sicher was. Bei jedem von uns. Das sollten wir nie vergessen….

—————-
[1] Sogar noch schwachsinniger als Esotherik-Gedöns. Denn da gibt es wenigstens noch einen Placebo-Effekt zum Kaufpreis dazu.
[2] De facto hatten sie die Idee nicht selber, sondern haben sie aus England geklaut kopiert abgeschaut ausgeborgt. Vorbild war das englische Format „One Born Every Minute“.
[3] Wäre aber sicher ein spannendes Konzept für RTL2. Und Tine Wütschler von KNOX dekoriert dann anschließend passend rote Kissen in die Landschaft.
[4] Eisen vielleicht auch. In Form von Intim-Piercings niederkommender Frauen…
[5] Wer es nicht glaubt, schaue mal auf seinen Personalausweis.
[6] Vivantis damals dazu: „Wir sind nach wie vor von der Seriösität des geplanten Formats einer Entbindungsdokumentation im Vivantes Klinikum im Friedrichshain überzeugt.“ [7] Alle juristischen Fallstricke wurden brücksichtigt, alles war klar, nur der böse Senat funkte dazwischen.
[7] Sicher gibt es auch seriöse „“Entbindungs-Dokus“, ich habe selbst schon 1 oder 2 gesehen. Die waren aber nicht von RTL. Und nicht von Shine. Und da wurde das Objektiv der Kamera nicht zwischen den großen Schamlippen der Entbindenden geparkt. Das macht schon einen Unterschied…

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6 Gedanken zu „KrankenKassenGelder an RTL

  1. Das ist ja echt mal übel…
    Und RTL schmeißt dann das Geld wieder für irgendwelche Deppensendungen raus, wie jetzt diese Wüstentussisendung, wo alles so künstlich ist und die Brüste mehr Intelligenz haben, als die dazugehörigen Trägerinnen, oder nein Träger, da ist ja noch ne Dragqueen mit Bart dabei. Oder heute das Promiturmspringen. Oder für die Nachmittagssendungen „Hartz4-TV“ wie ich es gerne nenne. *aufreg* Gelder, wo man so schön hätte mehr Pflegepersonal anstellen können, damit ne bessere Versorgung gewährleistet wäre. *grml* Dafür arbeitet man sich also den Arsch wund.
    Zu Punkt [7]: Ja da gab es mal die Sendung „Schnulleralarm“, die war wohl von RTL2 und da war recht angenehm zu gucken.

    • Es gab auch schon andere Sendungen. Wo es dann z.B. um die aufopfernde Betreuung von Frühchen ging und so. Aber ich denke mal, so etwas hatte RTL nicht im Sinn, und daher finde ich es immer noch richtig, dass der Berliner Senat da mit den Stop-Schild gewunken hat. Das Wüstending – ich weiß nicht mal, wie es heißt, fällt unter die Sendungen, die ich mir aus Prinzip nicht anschaue. Dummer werde ich auch von alleine, da brauche ich keine Unterstützung bei…

      • Ich schaue solche sendungen auch schon aus prinzip nicht. Ich merk da naemlich immer, das mein gehirn sich auf ne kernschmelze vorbereitet. Das muss jetzt nicht so unbedingt sein 🙂

  2. „Dieter sucht den Superdepp“, danke, damit hast Du mein Bild von einem gewissen Mark Medlock gut umrissen. Der Name sagt Dir nix? Macht auch nix. 🙂

    In Bezug aufs Fremdschämen schließe ich mich an.

    • Diese Sendung würde doch keine Sau schauen, wenn ein gewisser Altstar da nicht die Kandidaten nach Strich und Faden durch den Kakao gezogen ziehen würde. Und schon durch das sang- und klanglose (hihi)Aussieben aller komplett chancenlosen Kandidaten würde sich die Einschaltquote vermutlich dramatisch reduzieren lassen.
      Ich weiß, wie ich bei so einem Wettbewerb abschneiden würde – und ich würde da vielleicht antreten, wenn man für meine bloße Anwesenheit eine in meinen Augen schon astronomisch anmutende Summe vertraglich zusichert. Ich leide zumindest unter einer halbwegs realistischen Selbsteinschätzung, was mich statt zu Mikrofon oder Zeichenstift eben doch zur Kamera greifen läßt, mit der ich laienhaft genug umgehe…

      Leider gibt es „halbwegs realistische Selbsteinschätzung“ nicht in Tabletten- oder Tropfenform zum Einnehmen zu kaufen, vielen wäre damit sicher ein Dienst erwiesen…

      • Die Selbsteinschätzung als Tablette oder Tropfen wäre doch die Idee, auch wenns nur im Glaubuli Bereich wäre. Obwohl da einige Honks bei den Sendungen es auch nicht anders wollen.

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