Eine geknickte Antwort auf eine Leserfrage

Gerade eben habe ich folgende Frage auf meiner Statistik-Seite gefunden:

nebilet ist im ausland nicht mehr erhaeltlich was nun

Gerne antworte ich darauf: Armes Ausland! Pech gehabt! Ich weiß, ich bin fies, aber ich differenziere  meine Antwort auch gerne. Da brauche ich aber mehr als vier Worte…
Zu allererst: Nebilet
® kostet nicht die Welt. Eine 100-St.-Packung liegt derzeit glaube ich bei knapp 35€. Es ist Sonntag und ich bin nicht auf Arbeit, genauer bekomme ich es derzeit nicht hin. Wie viel günstiger war sie denn wohl im Ausland? Mehr als 34€ preiswerter (exclusive Versandkosten) kann so eine Schachtel ja wohl nicht sein. Und wenn man die Generika nicht verträgt oder nicht vertragen will, die schon ab ca. 15€ für eine 100-Stück-Packung zu haben sind, sollte einem die eigene Gesundheit bzw. der eigene Spleen die 20€ Differenz schon wert sein

Als zweites: Wenn es den Wirkstoff „Nebivolol“ im fraglichen Ausland gar nicht mehr gibt – vielleicht weil das ganze in der Zwischenzeit auch dort so billig ist, dass nicht einmal mehr Generika-Hersteller mit Plus aus dem Geschäft herauskommen, wird es sicherlich eine legale Möglichkeit geben, Nebilet® in das fragliche Land zu importieren. Dazu bieten sich Importe durch eine befugte Stelle (in Deutschland wäre es eine Apotheke, die nach AMG §73.3 Arzneimittel unter vorliegender gültiger Verordnung eines deutschen Arztes importiert) oder aber „Eigenbedarf für maximal 3 Monate“ (den man selber in Deutschland – mit einer gültigen Verordnung – kauft und dann im Handgepäck deklariert mit sich führt) an. 

Eine andere Möglichkeit wäre, sich Arzneimittel postalisch von Bekannten/Verwandten zusenden zu lassen. Dazu sind aber unterschiedliche Hürden zu überwinden. Hürde A wäre die Verschreibungspflicht in Deutschland, denn deutsche Apotheken werden Nebivolol wohl kaum ohne Rezept rausrücken – und Ärzte müssen gewöhnlicher Weise für eine Behandlung (und das ist eine Verschreibung nun auch einmal) den Patienten sehen. Und das ist jetzt rein physikalisch gemeint. Eventuell würde sich hier eine deutsche Versandapotheke breitschlagen lassen, dazu müsste man diese mal anfragen – am besten mit genauen Angaben zu Lieferadresse und verchreibendem Arzt, denn ansonsten kommt Hürde B, und diese besteht in der überbringenden Person, die das Päckchen schnürt. Ein gewisses Vertrauensverhältnis sollte da schon existieren. Hürde C stellt gewöhnlicher Weise der Zoll des Landes, in der fragliche Adressat sitzt, da. Viele Länder mögen es nämlich ganz und gar nicht, wenn irgendwer sich irgendwelche Medikamente (oder etwas, was so aussieht) von irgendwem aus irgendwo schicken lässt. Viele Staaten – immer um das Wohl ihrer Bürger und die Einnahmen durch die Mehrwertsteuer besorgt – unterstellen nämlich jedem unlizenzierten Import von Arzneimitteln böse Absichten und gehen dementsprechend hart gegen die Durchführenden vor. In diesem Fall lohnt es, sich mit den gesetzlichen Regelungen des fraglichen Landes vertraut zu machen, bevor man sich Päckchen schicken lässt. Ärzte, Apotheker, Gesundheitsämter und Gesundheitsministerien sind die passenden Ansprechpartner – und von staatlichen Behörden sollte man schriftliche Antworten einfordern, damit man sein Vorgehen hinterher auch belegen kann.

Schließlich als drittes – warum war meine erste Antwort so zynisch? Ganz einfach, weil es uns in Deutschland immer öfter genau so geht wie das Problem, welches hier angefragt wurde. Immer mehr Arzneimittel werden gar nicht erst in Deutschland auf dem Markt gebracht – oder wieder zurückgezogen, da die krankenKassen die fraglichen Preise nicht tragen wollen und via unterschiedlicher gesetzlicher Instrumente (z.B. Festbetrag) die Abgabepreise deckeln, was unterschiedliche ungünstige Auswirkungen auf die Hersteller hat. Für Nebivolol gilt z.B. der selbe Festbetrag wie für Metoprolol – ein Wirkstoff, der nicht nur erheblich älter ist, sondern auch schlappe 10 Syntheseschritte weniger bei der Herstellung erfordert. Die Argumentation der krankenKassen, dass Nebivolol als „MeToo-Präparat“ eine „Schein-Innovation“ ist, und keinerlei Zusatznutzen für den Patienten birgt, lasse ich in diesem Zusammenhang nicht gelten, da eine nicht unerhebliche Zahl von Patienten, welche wegen Nebenwirkungen Metoprolol nicht einnehmen können, eine sehr gute Behandlung mit Nebivolol erhalten. Dass dabei eine wesentlich verminderte Nebenwirkungsrate (für diese, wohlgemerkt nicht für alle Patienten) keine Innovation darstellen soll, ist mir völlig unverständlich. Andererseits haben verschiedene Generika-Hersteller die Produktion von Nebivolol als Generikum nach der letzten Festbetragsanpassung (nach unten) aufgegeben und eingestellt. (Was bei einigen meiner Patienten für reichlich Verwirrung gesorgt hat – denn 20€ für 100 Tabletten – da kauft sich doch so ein Hersteller eine Yacht vom Rohertrag… und der Apotheker noch eine!) Das sagt wohl alles über die Gewinnspanne bei dem vorhandenen Absatzmarkt.

Das schlimme daran ist aber, dass dieses Verhalten auch von den Herstellern für wirklich neue und wichtige Arzneimittel existiert, und so Deutschland – Anfang des letzten Jahrhunderts noch die Apotheke der Welt – sich selber nicht nur vom Arzneimittelmarkt und der Arzneimittelversorgung, sondern auch vom Exportvolumen freiwillig abkoppelt. Die Auswirkungen spürt man übrigens schon jetzt bei den immer wieder nicht lieferbaren Arzneimitteln, von denen in der Zwischenzeit auch so „unspektakuläre“ Wirkstoffe wie Metoprololsuccinat, Digitoxin, MTX oder Verapamil betroffen sind. Mein Dank gilt sowohl den krankenKassen als auch der Politik, die offensichtlich (fast) immer genau das macht, was die krankenKassen gerne hätten.

Für weitere Fragen zu diesem Problem stehe ich in der  Diskussions- und Kommentarfunktion gerne zur Verfügung.

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4 Gedanken zu „Eine geknickte Antwort auf eine Leserfrage

  1. Auf die Gefahr hin, dass das hier nicht reinpasst, frage ich mich trotzdem wie Berlin-Chemie es schafft, das Origianlpräparat in einem direkt benachbarten EU-Land für umgerechnet 4,50 Euro (28 Tabletten) im Gegensatz zu Deutschland 29,11 Euro (30 Tabletten) AVP zu verkaufen?

    • Könnte sein, dass da sowohl die deutsche Arzneimittelspreisverordnung eine Rolle spielt (der „wahnsinnige“ Apothekenfixaufschlag von 8,35 abzüglich Kassenabschlag); dann 19% MwSt, und hinzukommt , und letztendlich die „Deutsche Preisrefenz“ hinzu, die ja „hoch“ gehalten werden muss, damit die ausländischen Preise, die sich auf den deutschen Preis beziehen, nicht ins bodenlose (und negative) wegbrechen. Von den 29,11€ ausgehend (ich kann es im Augenblick nicht überprüfen) liegt der Apotheken-EK in Deutschland bei 15,64€ ohne MwSt.

      Aber vielleicht sind die 4,50€ ja genau der Grund, warum es im Ausland bald keine Nebilet mehr gibt? Was man nur mit Verlust verlauft, stellt man besser gar nicht mehr her, oder?

  2. Ich bilde mir ein, dass die kanadisch-deutsche Gastfamilie, bei der ich während eines Ferienaufenthaltes in Irland gewohnt habe, durchaus einige Medikamente für die ins Land geholte Oma aus Österreich, die kein Englisch sprach, zugeschickt bekam.

    Wie stehst Du eigentlich zu Internetapotheken? Ich hatte mal eine Kollegin, die es als ganz natürlich hinstellte, dass sie ihre Arzneimittel alle bei DocMorris beziehe. Mir standen die Haare zu Berge. Wir sprechen von jemandem, der in einer deutschen Großstadt wohnt.

    • Wie soll ich zu Internetapotheken stehen? Auf die „gleich langen Spieße“ für den „Konkurrenzkampf“ warte ich seit dem Tag der Erlaubnis und Freigabe. Die sind bis heute aber nicht geschaffen. Wenn ich eine BeratungsPFLICHT habe, Versender aber von dieser befreit sind… wenn krankenKassen ihre Versicherten aktiv (und zum Teil unter Strafandrohung) an Versender verweisen, weil „es dann ja für alle so viel billiger wird“ (was absolut illegal ist), wenn der Staat einerseits die MwSt. in Deutschland auf Arzneimittel nicht senkt (weil „das Geld so dringend gebraucht wird“), aber die krankenKassen ihre Versicherten zum Medikamentenbezug ans Ausland verweist, damit die da geringere MwSt. den krankenKassen Geld „spart“, welches der deutschen Volkswirtschaft verloren geht – ja was soll ich dann von denen denken? Zumindest die ausländischen und „fremdgesteuerten“ Versandapotheken sind Rendite-Schaffungs-Institute, nichts weiter. Und es wird mit harten Bandagen gekämpft, denn sie sind das Eintrittstor und die Brechstange der Weltkonzerne zum Fremdbesitzverbot in Deutschland. Und unsere Politiker rennen wie die Schweine zum Trog, in den der Bauer das Spülwasser vom Tellerwaschen kippt…

      Medikamente darf jeder schicken, wie er/sie/es will. Aber wenn der Zoll über diese Post stolpert, könnte es ernstlich Ärger geben. Darauf wollte ich einfach hinweisen. Vorher fragen ist immer eine gute Idee… 😉

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