Von einer Party nur für Politiker – und einer kranken Kasse

Ich habe wirklich gewartet, bis ich anfing, diesen Artikel zu schreiben. Ich hatte gehofft, dass auch nur irgend eine andere Pressestelle darüber berichten würde, außer der, bei der ich die Meldung gefunden habe. Aber – nichts. Nicht mal eine schnelle Googel-Suche fand einen Treffer unter den ersten 20 Suchergebnissen. Schweigen im Blätterwald. Also 99,9999% Zustimmung der deutschen Bevölkerung (odre zumindest der Presse) zum Vorgehen einer der größten gesetzlichen Krankenkassen dieses Landes. Um was geht es? Die AOK BW hat, wie man bei Apotheke-Adhoc hier nachlesen kann, ein Sommer(loch)fest für Politiker gesponsert. Aber nicht bloß so ein bisschen. Nicht bloß ein Angestellter mit Fähnchen, der stur lächelt und winkt. Nein, die AOK BW war der zweit-dickste Sponsor der gesamten Veranstaltung mit insgesamt 20.500 € (zwanzigtausendfünfhunder €uro). Und das, wo die armen Krankenkassen doch immer so knapp bei Kasse sind. Ich fasse es einfach nicht.

Um es auseinander zu nehmen, 10.000 € waren Bar auf die Kralle, und 10.500 € waren „Sachspenden“. Und damit waren ca. 6,9% der Gesamtkosten gestemmt. Die AOK BW hat diese Meldung weder kommentiert noch dementiert, also gehe ich davon aus, dass diese Meldung zumindest keine komplette Ente ist. Und was hat die AOK gemacht? Alkoholfreie Cocktails ausgeschenkt. Das ist ja alles noch nicht schlimm – von der Gesamtsumme mal abgesehen – aber den Oberhammer finde ich die Rechtfertigung der AOK BW. Sie beruft sich nämlich auf die „Beratungspflicht“, die im SGB V definiert ist. Und beraten wurde offensichtlich, das Getränke mit Fruchtsaft im Sommer auch ohne Alkohol drinnrin lecker sein können. Und wohl wahrscheinlich auch gesund sein könnten. Wow. Nur habe ich den dramatischen Verdacht, dass nicht mal 1% der anwesenden Politiker bei der AOK BW versichert sind. Mal davon abgesehen, dass ich schwer vermute, dass sich die wenigsten Politiker für das medizinische Risiko, welches von alkoholhaltigen Cocktails ausgeht, kaum mehr als 1% der anwesenden Politiker interessiert hat. Kostenlose, kalte und leckere Getränke waren vielleicht schon interessant. Aber ist es wirklich Aufgabe der immer klammen Krankenkassen – wir erinnern uns, derzeit liegen die Rücklagen der GKV bei ca. 28 – 40 Milliarden € – einen der einkommensstärksten Bevölkerungsteile für wahnsinnig viel Geld mit kostenlosen Getränken zu versorgen?

Da ist es schon erstaunlich, wenn gleichzeitig die Rabattverträge ausgeweitet werden. Wenn der Spitzenverband der GKV die verbindliche – und vom Gesetzgeber gewollte – Non-Aut-Idem-Liste blockiert. Wenn sich nicht an Gerichtsurteile zum Verbot produktneutraler Impfstoffverordnungen gehalten wird. Wenn jeder Versicherte eine Fallpauschale ist. Wenn Einzelfall-Entscheidungen letzthin per Abarbeitungs-Entscheidungsbaum mit einem „abgelehnt“ beschieden werden, weil alle Pfeile dieses Entscheidungsbaums zum Schluss beim „Abgelehnt“-Feld zusammenlaufen.

Das schlimmste daran ist aber meiner Meinung nach, dass hier Zwangsabgaben zweckentfremdet werden. Wenn eine Krankenkasse ein Stadtfest (in kleinem Ausmaß) unterstützt, und dabei wirklich die Teile der Bevölkerung zu erreichen versucht, die sich sonst jedes Zugangs entziehen, dass kann ich das sicher noch einsehen. Aber hier wurden Mittel zweckentfremdet, die anderen und hauptsächlich wesentlich einkommensschwächeren Teilen der Bevölkerung entzogen wurden, um deren Gesundheit zu erhalten bzw. wieder herzustellen. Und davon kann ich bei diesem Fest nichts erkennen.

Ich persönlich finde, die bei diesem Fest anwesend gewesenen Politiker – und auch die AOK BW – sollten sich schämen. Der Vorstandvorsitzende der AOK BW – meines Wissens nach der Arzneimittellrabattvertragsguru Dr. Hermann – bekam im Jahr 2012 eine (öffentlich zugegebene) Vergütung von 212.000 € von der AOK BW. Ich fände es hoch anständig von ihm, wenn er das Sponsoring des Sommerfestes selbst übernehmen würde. Und auch sein Einkommen, ich will es nochmals betonen, generiert sich allein aus Beitragsgeldern der Versicherten.

Im Zeitalter der Ablehnung von Inkontinenzhilfsmittelbelieferungen in ausreichend hoher Qualität aufgrund der Kostenfrage sollte man sich wirklich einmal fragen, wo die staatlich festgelegten Vesicherungsgelder so hinfließen. In welche Taschen – und durch welche Kehlen. Ich bin stolz traurig, in diesem Land zu leben.  .

Advertisements

8 Gedanken zu „Von einer Party nur für Politiker – und einer kranken Kasse

  1. Wie viele Tena oder Molinea hätte man Omas Schmidt, Mayer und Schulz dafür bezahlen können. Nur, daß diese Omas dement im Pflegeheim sind und nicht mehr zur Wahl gehen können…. Also stopft man das Geld lieber denen in den Rachen, die sich da noch dran erinnern können.
    Traurig traurig
    Gruß aponette

    • Ja, aber Inkontinenzprodukte müssen ja die „Mindestanforderungen“ erfüllen, und dürfen dann auch gerne aus Polen, Rumänien oder Yukatan geliefert werden. Das macht doch viel mehr Sinn als ein qualitativ hochwertiges Produkt, wo man nicht die Hälfte verbraucht, und welches dann auch noch einen Dekubitus verhindert. Aber dann hat ja der Pflegedienst weniger zu tun oder so… Ich gebe offen zu: So etwas verstehe ich einfach nicht.

  2. Erinnert mich grad daran, dass bei uns vor 2 Jahren den Krankenkassen gesetzlich vorgeschrieben wurde ihre Marketingaktivitäten zur Neuaquirierung von Kunden (speziell: Telefonanrufe und Anwerben von Maklern dafür) einzuschränken und die jährlichen Einsparungen dafür von 60 bis 100 Millionen Franken (!) den Versicherten zugute kommen lassen ….
    Nicht dass ich *davon* viel bemerkt hätte …

Knick hier Deine Gedanken (Mit Nutzung der Kommentarfunktion erklären Sie sich damit einverstanden, dass alle eingegebenen Daten und Ihre IP-Adresse nur zum Zweck der Spam-Vermeidung durch das Programm Akismet in den USA überprüft und gespeichert werden.):

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s