Quo vadis, Apotheke? Oder wohin fährt der Apothekenbus?

MocDorris hat sich bisher nie an deutsche Gesetze gehalten. Hatte diese nette Firma ja auch nicht nötig. Und nachdem – noch unter dem Eigentümer „Celesio“ – im Jahr 2010 einigen Politikern in Brasilien der Vorteil von Versandapotheken und Apothekenbussen für die Medikamentenhunger leidende Bevölkerung erklärt wurde, fand sich dann erstaunlicher Weise die „mobile Apotheke“ auch im Wahlprogramm der CDU. Dann wurde sie zur großen Freude aller wieder daraus gestrichen, und nun steht sie wieder drin. Ein unbekannter Maulwurf hat sie einfach wieder reingeschrieben, kurz bevor das Wahlprogramm verabschiedet wurde, und nun kann man halt nichts mehr machen. Und weil das alles so wenig absehbar war, hat MocDorris schon mal ein Funktions- und Vorführmodell auf Propaganda-Tour Akut-Erklärungsreise geschickt. Und dabei erkennen die wenigsten Politiker, was da wirklich läuft, nämlich eine ganz perfide Masche..

Aber schauen wir uns erst einmal den „Bus“ an. Es ist ein umgebauter LKW, so wie ihn mobile Hähnchenbratbuden, Fleischerei-Vekaufsstellen und auch rollende Käse- und Brötchentheken verwenden. Nur dass statt Grill und Fleischerhaken eben 4 Flachbildschirme und eine (schallgeschützte?) Videokabine für das „Online-Beratungsgespräch“ verbaut sind. So etwas gab es schon mal. Das nannte sich CoBox, und war neben einem wirtschaftlichen Desaster auch ein gewisses juristisches Risiko für den interessierten Apotheker, denn letzthin wurde das Teil in fast allen halbwegs sinnvollen Einsatz-Szenarien verboten. Aber in einem LKW ist das sicher etwas anderes. Des weiteren soll angeblich ein Stauraum für Arzneimittel, und sogar eine Kühlzelle für wärmeempfindliche Arzneimittel enthalten sein. Toll.

Aber werfen wir mal einen Blick auf die verbaute Technik. Als erstes ist mir aufgefallen, dass auf einem Bild ein externer Stromanschluss (mit Verlängerungskabel-Trommel) hinter dem LKW zu erkennen ist. Was mich auf die Frage bringt, ob das Teil überhaupt autark funktioniert, oder aber ob Oma Inge auf dem arzneimitteltechnisch unterversorgtem Dorf mit einer Kabeltrommel bereit halten muss. Aber viel besser ist noch die Werbung der rosa Telekomiker, und das aus zwei Gründen. 1) braucht ein Videochat, um ihn halbwegs erträglich führen zu können, nun mal LTE und nicht nur UMTS. Das scheint sich aber MocDorris nicht alleine leisten zu können, weswegen man die Telekomiker als Sponsor ins Boot in den LKW holen muss. Wir erinnern uns, MocDorris gehört der schweize „Zur Rose AG“. Die sind bestimmt so arm, dass sie sich kein Ei-Fön V samt Flatrate-Vertrag leisten können. Und 2) sollte der Apothekenbus wofür eingesetzt werden? Ja, für die Versorgung de darbenden Dorfbevölkerung. Und wie jeder weiß, wurden alle bisher aufgestellten LTE-Funkmasten immer nur auf plattem Land aufgebaut, und nicht etwa in den Großstädten, wo viel mehr Ei-Fön-Besitzer rumlaufen und auf schnellstes Netz gieren.

Was soll dann denn der ganze Apotheken-Bus-Unsinn? Meiner Meinung nach will man 3 Sachen erreichen:
A) Die Politik soll unter Druck gesetzt werden, Sonderregelungen für das Großkapital zu schaffen. Erinnern wir uns: Max Müller, der Lobbyist von Celesio und jetzt MocDorris, ist Busenfreund von Jens Spahn. Zufall? Eher unwahrscheinlich, war Herr M. Müller doch auch in Braslien dabei und hat die Vorzüge des Versand- und Zukunftskonzepts des Großkapitals erörtert. Schließlich wird ja genug erörtert, dass man noch keine Arzneimittel vom LKW verhökern dem Patienten anberaten darf.
B) Kleine Landapotheken sollen in die Knie gezwungen werden. Also noch schneller als bisher. Das kann man durch solche nicht zugelassenen rollenden Rezeptsammelstellen locker erreichen, in dem man die „Blockbuster“ im LKW zum Verkauf hat, und die Rezepte, die einem gut passen, „abfischt“. Denn es wird kein Hehl daraus gemacht, dass man sowieso nicht alle Rabattartikel dabei haben kann, und dass der Patient dann das Rezept dem Busfahrer mitgibt, welches dann aus der Versand-Zentrale aus dem Land der flachen Wiesen und hohen Deiche per Post beliefert werden kann und soll.
C) Es geht immer noch und immer wieder darum, Apothekenketten zuzulassen. Die Ketten stellen schließlich solche schwachsinnigen tollen Lösungen zur Verfügung und finanzieren diese. Und zwar so lange, bis es sich nicht mehr lohnt, weil man keine kleine Konkurrenz mehr ausschalten kann oder muss. Dann kann man so ein wirtschaftliches Minus-Projekt einfach einstellen, und dann hat man wirklich Versorgungslücken geschaffen.

Wie verlogen das ganze Konzept ist, sieht man an unterschiedlichen Stellen. So war der erste Stopp dieses Verarschemobils großartigen Belieferungssystems erstaunlicher Weise eben nicht in einem 100-Seelen-Dorf, sondern in einer Stadt mit 4 Apotheken, und zwar auf dem Marktplatz direkt gegenüber einer existierenden Apotheke. Ja, direkt vor einer Apotheke ist sicher ein Arzneimittel-Versorgungsmangel. Wo auch sonst? Auf Facebook hat das „Apothekenbus“-Team (angeblich) geäußert, dass ein „unterversorgtes Gebiet“ mindestens 3km von einer existierenden Apotheke entfernt beginnt, aber es sind Stopps auf der Route geplant, die weit unter 3km Entfernung zu einer (noch) existierenden Apotheke liegen.

Auch dass dieser Bus eine rollende Rezeptsammelstelle sein soll, wurde nicht nur nicht dementiert, sondern sogar offen zugegeben. Das spannende daran ist, dass eine deutsche Apotheke eine Rezeptsammelstelle nur beantragen (und dann auch betreiben) darf, wenn diese mindestens 6km von der nächsten Apotheke entfernt ist, und wenn diese Sammelstelle 2x täglich angefahren wird. Ich glaube nicht daran, dass dieser LKW 2x täglich in allen Dörfern auftaucht, vielleicht eher 1x die Woche, oder auch alle 2 Wochen. Aber die Politik wird sicher eine Ausnahmeregelung dafür finden. Genau wie für die Annahmeverweigerung von BtM-, T- und Individualrezeptur-Rezepten, an denen man per Definition derzeit nichts verdient, sondern ganz automatisch Geld zusetzt. Herr Spahn wird seinem Freund Herrn Müller sicher einen kleinen Gefallen tun. Kein Problem.

Um so schlimmer, dass ein Bürgermeister schon die Stellplatzerlaubnis für dieses Schmuckstück moderner Technik verweigert hat. Das war nach Aussage von MocDorris nur auf die bitterbösen Aussagen und Anfeindungen der Vor-Ort-Apotheker zurück zu führen. Was selbige Apotheker aber gar nicht bestätigen konnten, denn nach deren Aussage haben sie den Bürgermeister gar nicht kontaktiert gehabt. Könnte es eventuell sein, dass so ein Bürgermeister erkannt hat, dass eine Vor-Ort-Apotheke nicht nur einen 6-Tage-Service bietet, sondern auch Arbeitsplätze vor Ort schafft und Gewerbesteuer vor Ort abführt, im Gegensatz zu einem Bus, dessen Betreiber im Ausland Gewerbesteuer bezahlen und Arbeitsplätze ganz woanders schaffen? So eine Überlegung ist nun natürlich sehr weit hergeholt von mir.

Der aktuelle Stopp des Werbemobils ist übrigens der „Timmendorfer Strand“. GoogleMaps zeigt mir spontan zwei Apotheke vor Ort, zwei Apotheken im Nachbarort Scharbeutz und eine Apotheke im Nachbarort Niendorf. Ja, so sieht Unterversorgung aus.

Aber unsere Politik plant ja keine Apothekenbusse! Zyniker könnten meinen, sie braucht die Teile nicht mehr zu planen, weil die Planungen schon längst abgeschossen sind. Aber nein, sie plant nur, um Herrn Spahn zu zitieren, „mobile Apotheken“. Ja, was stellt sich Herr Spahn denn vor? Apotheken-Tretroller? Apotheken-U-Boote? Apotheken-Zeppeline? (Hier würde sich der „Cargo-Lifter“ ja anbieten. Man müsste nur das „Tropical Ei-Land“ aus der Fertigungshalle wieder rausschmeißen.) Vielleicht plant die CDU ja auch ein Apotheken-Raumschiff? Das stelle ich mir dann so vor:

Sternzeit ist die schönste Zeit. Automatische Aufzeichnung der Brückengespräche der MocDorris1, dem Apotheken-Schiff, welches die deutsche Apothekenbetriebsordnung auf eine Weise interpretiert wie nie ein Gericht und eine Krankenkasse zuvor…

Medizinisch-holografisches Notfallprogramm (MHNP): Captain, ich habe ein ganz ungutes Gefühl!
Capitain Jane Way: Mein Gott, wer hat den denn aktiviert?
Wissenschaftlicher Offizier Leutnant Tavor: Captain, ich scanne ein unbeliefertes Metoprolol-Rezept in Kleinkleckersdorf!
MHNP: Ich habs doch gesagt…
Cpt. Jane Way: Klappe, MHNP, Du hast hier gar nix zu sagen! Tavor, wo liegt denn Kleinkleckersdorf und gibt es zusätzliche Informationen?
Lt. Tavor: Cpt., Kleinkleckersdorf liegt 2 Bushaltestellen von der nächsten Apotheke. Und das Rezept ist offensichtlich einer 79-jährigen Versicherten zuzuordnen.
Cpt. Jane Way: Wir sollten ein Außenteam runterschicken, und das Rezept dringend beliefern…
Sicherheitsoffizier Lt. Wuff: Cpt., ich empfehle dringend ein bewaffnetes Team mit 5 Personen. Die Patientin scheint Oma Koschminder zu sein, und die ist dafür bekannt, schon mal einem kleinen Jungen in ihrem Garten mit der Unterarmgehstütze gedroht zu haben. Außerdem hat Oma Koschminder einen Enkel, der sogar ein Telefon besitzt, mir dem er die Apotheke anrufen könnte…
Lt. Tavor: Cpt., wir haben ein Problem. Wir haben gar nicht die rabattierte Herstellerfirma, die Oma Koschminders Krankenkasse gerade haben will, dabei. Was sollen wir machen?
MHNP: Wir geben einfach eine andere Firma…
Cpt. Jane Way: MHNP, bist Du Apotheker?
MHNP: Nein, Cpt., ich bin Arzt, das wissen Sie doch!
Cpt. Jane Way: Seit wann haben Ärzte Dispensier-Recht in Deutschland? KLAPPE! Wegen so einem idiotischen Hologramm lasse ich mich doch nicht auf 0,00€ retaxieren! Lt. Tavor, Shuttle klar machen!
Lt. Tavor: Cpt., das Shuttle haben Sie beim letzten Krankenkassen-Einzelbelieferungs-Vertragspoker an die AOK-BW verloren. Damit fliegt Dr. Hoffmann – der Rabattvertragsguru – jetzt immer zur Arbeit und wieder nach Hause…
Cpt. Jane Way: Dann landen wir eben!
MHNP: Cpt., wenn ich anmerken dürfte…
Cpt. Jane Way: MHNP, darfst Du nicht! Du hast nicht mal eine Kassenzulassung.
Lt. Tavor: Aber allein der Start kostet uns 3Millionen € an Dilizium-Kristallen. Und das Rezept können wir nicht mal beliefern. Und selbst wenn, verdienen wir nur 8,35€ daran, seit der letzten Anpassung vor 30 Jahren.
Cpt. Jane Way: Ist mir schnurz, Tavor, das kann unser Mutterkonzern von der Steuer absetzen. Wozu schreibe ich denn ein Fahrtenbuch? Wir holen uns nur schnell das Rezept, und beliefert wird’s dann in einer Woche vom Housten aus mit der Post. Wuff, ein bewaffnetes Außenteam zusammenstellen, falls die Oma das Rezept nicht rausrücken will. Und Wuff, schusssichere Westen für alle, falls die Oma mit der Krücke schlägt. Aber die Taser nur auf Betäubung, Oma hat einen Herzschrittmacher. Nicht dass die uns vor der Rezeptbelieferung oder bei der Beratung via Online-Terminal an Herzversagen wegstirbt. So, und nun los!
JaneWay 

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10 Gedanken zu „Quo vadis, Apotheke? Oder wohin fährt der Apothekenbus?

  1. lol!
    Und so passend zu JAneway! Blümchenpflücken im Deltaquadranten….. Kirk hätte als erstes gefragt, ob die Oma eine kurzberockte Enkelin aufweisen kann und sich dann im Kampf mit dem ortlichen Apotheker das Hemd zerrissen. Der Apotheker hätte dann am Ende das Rezept beliefern dürfen und Kirk die enkelin geküßt. Picard hätte die oberste Direktive zitiert und Riker vorgeschickt, der dann (in den ersten Seasons jedenfalls) auch die Enkelin geküßt hätte und das MEtformin von Data und Geordie im Holodeck synthetisieren lassen.
    Sisko …. da fällt mir nix ein, ich denke Dr. Bashir hätte einfach den Diabetes der Oma geheilt und sich dann in die Enkelin verliebt aber ohne Happy end.
    Diese Busgeschichte ist einfach nur lachhaft! Die Gegenaktionen der Apotheken vor Ort sollten den ganzen Schwachsinn entlarven, hoffe ich jedenfalls.
    Gruß aponette

    • Im Holodeck synthetisiertes Metformin bringt nur was, wenn man im Holodeck bleibt, solange es wirkt. Aber vielleicht hätte man es mit einem Matrie-Kompiler synthetisiert (also das Ding, was immer so schönen heißen Tee für John Lücke Piccard macht). Sisko wäre erst mal durchs Wurmloch geflogen und hätte sich gefragt, ob Oma Koschminder nicht vielleicht nen Formwandler ist, und die Krücke eine getarnte Waffe der Jemhadar. Und bei Kirk hätte man aufpassen müssen, wer den roten Kittel an hat… 😉

      • Zwei in den Nachbarorten – ich hab dir drei im Ort selbst gegeben. 😉 Timmendorferstrand ist während der Saison ein ziemlich großes Dorf, da braucht man viele Apotheken, anders als im Winter, wenn nur die Einheimischen dort sind – aber es ist eben im Sommer auch die Werbebühne vor vielen, vielen Touristen.

      • Ja, darum geht es letzthin: Werbung für ein derzeit in Deutschland komplett verbotenes Gescäftsmodell, welches aber via Lobbyarbeit bei und von den Politikern protegiert wird. Und mit ordentlich „Bevölkerungsrückhalt“ wird das ja schon durchzudrücken sein – gegen besseres Wissen und Gewissen…

  2. naja, was erwartest du. „zur rose“ umgeht ja auch elegant schweizer recht, wobei man dem gründer zugestehen muss, dass er tatsächlich nichts illegales tut, sondern einfach eine lücke im gesetz gefunden hat.
    ausserdem: vor etlichen jahren hat ein gewisser herr töpfer mal gesagt, es sei nicht seine aufgabe als umweltminister, „innovatives verpackungsmaterial“ (gemeint waren pet flaschen) zu verbieten. da kann herr bahr (oder wie der zuständige bundesgesundheitskasper grade heissen mag) durchaus für sich in anspruch nehmen, dass er innovative geldvermehrungspraktiken, upps, ich meine natürlich innovative arzeimitteldistributionen nicht behindern darf. und bei unklarheiten hat docmorris sicher ein budget für parteispenden.

    • In diesem Fall umgeht MocDorris das (deutsche) Gesetz aber nicht nur, es bricht selbiges nach ALLEN Regeln der Kunst. Was ich erwarten WÜRDE, ist, dass unsere Aufsichtsbehörden samt Poltik im Dreieck springen und zwecks Bluthochdruckbehandlung den LKW samt Inhalt und Personal beschlagnahmt.

      Was ich wirklich erwarte ist Beifall aus dem Parlament. *seufz* Es ist zum heulen.

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