Geschasste Arzneistoffe gibs halt nicht mehr…

Ich habe ja schon seit exakt 26 Tagen darauf gewartet. Und ich habe eigentlich nun doch gar nicht mehr damit gerechnet. Aber heute hatte ich es dennoch in den Händen – ein Rezept mit „Musaril Filmtabletten“, also dem Wirkstoff Tetrazepam. Tja, blöder Weise hat das BfArM am 25.07.2013 ein „Ruhen der Zulassung aller Tetrazepam-haltiger Arzneimittel in Deutschland ab dem 01.08.2013“ angeordnet. Und damit ist dieser Wirkstoff raus. Zumindest vorläufig…

Tetrazepam gehört zur Wirkstoffklasse der Benzodiazepine. Tetrazepam wirkt tranquillisierend, schlafanstoßend, antikonvulsiv und muskelrelaxierend. Dabei hat Tetrazepam von allen mir bekannten Benzodiazpinen die stärkste muskel-entspannende Wirkung, und die schlafanstoßende Wirkung ist nicht so stark ausgeprägt wie die anderer Benzodiazepine. Natürlich hat Tetrazepam auch ein Suchtpotential, vor allem dann, wenn eine Abhängigkeit durch die falsche Einnahme anderer Benzodiazepine schon vorhanden ist, inklusive Toleranzentwicklung und Entzugssyndrom. Und Tetrazepam reagiert – wie alle Benzodiazepine – recht empfindlich auf Alkoholzufuhr. Alles keine unbedingt schönen Eigenschaften, aber kein Problem für die Zulassung zur Behandlung von „schmerzreflektorischen Muskelverspannungen, insbesondere als Folge von Erkrankungen der Wirbelsäule und der achsnahen Gelenke“ und von „spastischen Syndromen mit pathologisch gesteigertem Muskeltonus unterschiedlicher Ätiologie„. Um es kurz zu sagen: Tetrazepam ist bzw. war das Mittel der Wahl, wenn man quergestreifte Muskeln entspannen wollte, und nicht so recht wußte, woran das Problem denn nun hing.

Zum 01.08.2013 wurde dem Wirkstoff nun vorläufig [1] die Zulassung entzogen. Aber nicht wegen all der oben genannten Probleme wie Sucht- und Missbrauchspotential, auch nicht wegen dem „Hang-over-Effekt“ mit vermehrter Sturzgefahr bei älteren Patienten – sondern wegen des „erhöhten Risikos für das Auftreten schwerer Hautreaktionen„, ausgehend von der PRAC-Empfehlung und dem finalem Votum des CHDh (Koordinierungsgruppe für das Verfahren der gegenseitigen Anerkennung und das dezentralisierte Verfahren für Humanarzneimittel). Das ganze ist, wie man hier sieht, auch nicht auf dem Mist des BfArM allein gewachsen, sondern wurde durch die übergeordnete EU-Kommission angeordnet. Diese schweren Hautreaktionen laufen übrigens, wenn ich den Angaben der Hersteller trauen darf, unter „sehr seltene unerwünschte Wirkungen“, also mit einer Häufigkeit von kleiner 1:10.000 Patienten. Ich zitiere hier mal aus der Fertig-Arzneimittel-Information (FAM-Text) der ABDA-Datenbank:schwere Hautreaktionen (Erythema multiforme, Stevens-Johnson-Syndrom, toxische epidermale Nekrolyse; dabei bestand fast immer eine gleichzeitige Behandlung mit Wirkstoffen, die schwere Hautreaktionen auslösen können.)“ [Unterstreichung von mir.]

Und was wurde nun mit der Rezeptbelieferung? Nichts. Ich habe das Produkt vom Rezept gestrichen. (Da auf selbigem noch mehr Arzneimittel verordnet waren, gab ich es natürlich nicht mehr her.) Dann habe ich dem Patienten als Dokumentation eine Rezeptkopie erstellt, um nicht in den Verdacht zu geraten, die Verordnungszeile trotzdem als beliefert abgerechnet zu haben. Sodann habe ich dem Patienten eine Kopie des Rückrufs mit Hinweis auf die BfArM-Anweisung mitgegeben. Und dann kam die Monopoly-Karte: Gehe zurück zu LOS zum Arzt! Begib Dich direkt dorthin! Ziehe keine 4.000 DM ein!

Ich weiß, das ist die blöde Alternative. Aber ich kann ohne genaue Diagnose nicht einmal eine Alternative empfehlen. Und leider habe ich bei fraglichem Arzt schon die Erfahrung machen müssen, dass er, wenn er einen schlechten Tag hatte, einen Alternativvorschlag meinerseits als Eingriff in seine Therapie-Hoheit wertete. Und diese Diskussion möchte ich nicht wiederholen.

Aber ich will niemandem etwas falsches unterstellen. Denn nach Patientenangaben wurde das Rezept am Empfang ausgestellt, nachdem der Patient angesagt hatte, was er alles zur Weiterführung seiner „Normaltherapie“ aktuell braucht. Dabei wundert mich allerdings der Hinweis in der AMK-Meldung vom 25.06.2013, die meines Wissens nach auch an die Arztpraxen gegangen sein sollte: „[…] Die Zeit bis dahin [01.08.2013] sollte genutzt werden, um bei Patienten mit bereist länger währender Therapie (> 1 Woche) ein schrittweises Absetzen zu ermöglichen […]“ Zumindest sieht der Patient den Arzt nun doch noch mal. Ist doch auch was gutes, oder?

——————
[1] Das Ruhen der Zulassung ist derzeit befristet auf 2 Jahre ab dem 01.08.2013, endet also am 31.07.2015. Nach Ablauf dieser Zeit soll erneut über eine Verlägerung des Ruhens der Zulassung entschieden werden. Wobei mir unklar ist, woher bis dahin neue Daten generiert werden sollen, um diese (wissenschaftlich) auszuwerten, wenn dieser Wirkstoff so lange nicht mehr verwendet werden darf.

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19 Gedanken zu „Geschasste Arzneistoffe gibs halt nicht mehr…

  1. Interessant, ich hatte den Einduck gewonnen, beim Lesen der Ankündigung, daß diese schweren Hautreaktionen häufiger als 1:10.000 aufgetreten sind, und daß Tetrazepam deswegen vorläufig „stillgelegt“ wurde.
    Gruß apoenette

    • Ich habe nie irgendwo eine Info gefunden, dass die Häufigkeitsangabe falsch gewesen sei. Es wurde immer nur als Grund die angegebenen „seltenen schwerwiegenden Hautreaktionen“ genannt, niemals eine genaue Zahl. Diese „Informations-Zensur“ hat mich von Anfang an geärgert. Und ärgert mich immer, wenn wieder für mich unverständliche „Arzneimittel-Stilllegungen“ durchgeführt werden. Dazu ist doch Wissenschaft wohl da, dass man die Daten veröffentlicht, und dass so jeder Mensch verstehen kann, auf welcher Datenbasis solche Entscheidungen getroffen werden. Dachte ich zumindest bisher immer…

  2. und wieder ein Medikament weg, das in der Schmerztherapie seine feste Berechtigung hatte.
    Und wieder ein Stück mehr Beschneidung der Arzt Patienten Verhältnis Autonomie. Der Patient darf nicht mehr selbst entscheiden, ob er bereit ist, dieses Risiko einzugehen.
    Ganz grosses Kino. So wie ich das verstehe, gibt es keinen adäquaten Ersatz.
    Gruss Landkrauter

    • @krauter: Ohne mich selbst näher mit der Thematik bzgl. Tetrazepam beschäftigt zu haben: Normalerweise machen die Entscheidungen des BfArM oder der EMA schon Sinn. Letztlich muss die Behörde ein Medikament zulassen oder es bei einer nicht mehr vertretbaren Gefährdung, welche den therapeutischen Nutzen überwiegt, wieder vom Markt nehmen. Die Apotheker, die das dort entscheiden, hängen dort auch mit ihrer Approbation bei solchen Entscheidungen. Soweit ich die EMA einschätze, haben die sicherlich bei der Entscheidungsfindung berücksichtigt, dass es nur wenige Alternativen gibt. Man hat sicher abgewägt, ob ein Rote-Hand-Brief ausreichend ist.

      Irgendwann kommt halt der Punkt, an dem ein Rückruf oder ein Ruhen der Zulassung erforderlich ist. Der Grund ist, dass es Ärzte ja ansonsten trotzdem verschreiben würden (und das ist ja genau das, was Du bemängelst).

      @knick: Du schreibst, dass Dir unklar ist, wie neue Daten gewonnen werden können. Eine Spekulation ins Blaue: Ich vermute, dass sich die EMA einen industriellen Partner suchen wird oder gefunden hat, der diese Studien übernimmt und das finanziell stemmt. Normalerweise wird dem Partner als Ausgleich anschließend das alleinige Vermarktungsrecht zugesichert, zu einem höheren Preis. Sprich: Tetrazepam wird anschließend kein Generikum mehr sein. Dafür hat man dann aber eine bessere Datenlage.

      @knick und krauter: Korrigiert mich, wenn ich mich täusche: Gibts denn bei der ganzen Bandbreite an Benzodiazepinen wirklich keinen Arzneistoff, der eine vergleichbare muskelrelaxierende Wirkung hat? Kann ich mir irgendwie kaum vorstellen. Eine Off-Label-Verschreibung eines anderen Benzos mit vergleichbarerer Halbwertszeit und Plasmaeiweisbindung sollte doch den vergleichbaren Effekt erfüllen – ohne die allergischen Nebenwirkungen.

      • Nein, gibt es nicht. Ist tatsächlich so. Und die Datenlage zu Tetrazepam dürfte mehr als gut sein, denn es war m.E. in den letzten Jahren eher ein Blockbuster. Und wenn die Zulassung zumindest europaweit entzogen ist, kann man ja wohl kaum neue Daten generieren. Oder verstehe ich da etwas falsch?

      • Wenn die Zulassung entzogen wurde, kann eine Firma trotzdem klinische Studien beantragen. Das sind dann keine Phase IV-Studien nach der Marktzulassung, sondern wieder Phase III-Studien, wie sie auch vor der Zulassung eines Medikaments durchgeführt werden.

      • Die Frage ist für mich einfach, ob sich das für einen Arzneistoff wie Tetrazepam lohnt, wenn man nicht eine total neue Indikation (wie z.B. bei Thalidomid) findet. Ich bin mir gerade nicht sicher, ob auf Tetrazepam ein Festbetrag liegt, könnte mir das aber vorstellen. Und wenn ja, werden die KrankenKassen nach einer „Wiederzulassung“ garantiert an diesem Festbetrag festhalten, wenn nicht eine total andere Indikation dazugekommen ist – und vermutlich auch dann. Und dann hat sie die Investition wohl kaum gelohnt. Ich lass mich überraschen, was in zwei Jahren passiert, denn ich habe keine Glaskugel – aber ich vermute, mit Tetrazepam hat es sich erledigt. Ich bin bereit, darauf 1€ zu wetten…

      • Ich halte mit 1 € dagegen. Das Ding kommt wieder. Die Zulassung wurde ja nicht entzogen, sondern sie ruht gegenwärtig.
        Wolfram hat unten noch erwähnt, dass man vielleicht auch Ergebnisse aus den USA abwartet. Die Idee halte ich gar nicht mal für so abwegig. Ich ergänze das mal noch dadurch, dass der drittwichtigste Arzneimittelmarkt nach den USA und Europa Japan ist. Auch von dort kommen normalerweise solide klinische Studien.

        Die EMA ist meiner Einschätzung nach eigentlich keine Institution, die mutwillig Arzneistoffe aus dem Markt verschwinden lässt. Und die Pharmaindustrie ist nun wirklich kein Industriezweig, der sich blindlings Geschäfte entgehen lässt. Die Pharmaindustrie (insbesondere die forschende Industrie) ist da eigentlich sehr kreativ (durchaus auch in der Verhandlung mit Krankenkassen).

      • Ich wette auch, dass Tetrazepam nicht mehr wiederkommen wird.
        Das ist bisher bei allen Wirkstoffen so gewesen, auch bei denen, deren Zulassung lediglich ruht.
        Und neue Studien lohnen sich hier für eine Pharmafirma schlichtweg nicht!

  3. Dass der Arzt so gereizt reagiert, wen Du ihm einen Vorschlag machst ist doof – geht aber vor allem zulasten des Patienten. Das kenne ich von hier auch. Bei uns speziell auftretend in Kantonen mit Selbstdispensation – da scheinen sie sich irgendwie ins „Gärtli getrampt“ zu fühlen. Missleitetes Territorialverhalten halt.

    • Sich an der FDA zu orientieren kann man der EMA derzeit nur wärmstens empfehlen. Ich erinnere mal an die Zulassungserweiterung für Rivaroxaban neulich, die u.A. im arznei-telegramm ganz schön verrissen wurde.
      Zitate: „Die FDA hat schwerwiegende Mängel bei der Qualität und Vollständigkeit der Daten aufgedeckt und die Zulassung für das akute Koronarsyndrom bereits mehrfach verweigert.“
      Und: „Wäre die EMA eigenen Empfehlungen gefolgt, hätte sie die Zulassung von Rivaroxaban in Kenntnis der Mängel nicht erweitern dürfen.“

      Haben also offenbar Probleme, ihre Hausaufgaben zu erledigen.
      Aber Tetrazepam zu chassen, das war halt wichtiger. 😛

      • @ mclud ich halte dagegen. das Teil ist tot. ich finde es aus potentieller Pateintensicht nach wie vor dämlich. Es geht nicht an, das Zeugs kritiklos zu verschreiben, aber wenn der Patient nach sorgfaltiger Risko Nutzen Abwägung und unter Berücksichtigung des Umstandes, dass Alternativen eben bei im nicht bringen, sich entscheidet, das Risiko einzugehen.. wieso muss man dann überfürsorglich ein Medikament aufgrund unsicherer ?datenlage vom Markt nehmen. Ist wie bei Vioxx. Hat bei leute supergut geholfen.. und schwupps weg wars.Argerlich
        Gruss Landkrauter

    • Danke, den Artikel kannte ich noch nicht. Aber spannend ist der letzte Satz: [Zitat] „Im Zweifel müsste ein Genehmigungsinhaber bereit sein, mit dieser Altsubstanz neue Studien durchzuführen, was als unwahrscheinlich angesehen wird.“ Das sehe ich genau so – es ist einfach für JEDEN Hersteller unbezahlbar, für eine generisch zu beziehende Substanz (die von den Kassen auch auf generischen Nievau bezahlt wird) eine komplett neue Studienserie aufzulegen, da man die (geschätzt) 0,5 – 1 Milliarde € Kosten NIE mehr reinbekommen wird. Etwas anderes wäre es, würde man für Tetrazepam eine neue Indikation – bevorzugt eine onkologische – ausmachen, und darauf ein neues Patent anmelden. Dies erscheint mir aber – gelinde gesagt – unwahrscheinlich.

      Dass ein paar wenige deutsche Michel jetzt toben, wobei es mich wundert, wie lange die dazu gebraucht haben (ich habe hier schon vor 1 1/3 Monaten getobt, und intern schon seit Bekanntgabe Mitte Juni 2013), kratzt den europäischen Verwaltungs-Wal m.E. ungefähr so wie ein paar Seepocken…

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