Habischnisch

Samstag Vormittag, halb 10 Uhr in Deutschland. Ein Gedankenknick sitzt neben dem Telefon an seinem Rechner irgendwo hinter seiner Apo-Theke, schlürft seinen Kaffee [1] und wundert sich über den neuesten bürokratischen Unsinn, den es nun schon wieder zu beachten gibt, als plötzlich ein merkwürdiges, periodisch wiederkehrendes Geräusch seine Aufmerksamkeit erregt…

Ring ring ring…
Knickapotheke, Gedankenknick am Apparat. Guten Tag.
Hallo, hier ist Herr Privatier.
Guten Tag, was kann ich für Sie tun?
Haben sie Migränemittel „Triptan XY Spezialtabletten N3“ am Lager? „Triptan XY Spezialtabletten“ ist eines von verschiedenen Triptanen, welches mit einem ziemlich hohen Festbetrags-Aufschlag belegt ist. Will meinen, die Gesetzliche Krankenversicherung zahlt nur noch einen kleinen Anteil des Gesamtpreises, weswegen es sich nur noch bei privat versicherten Patienten der Beliebtheit erfreut, in meinem Fall bei einem einzigen. Es wird von Hersteller in jeweils mehreren Stärken, mehreren Packungsgrößen und mehreren Darreichungsformen angeboten. Und wenn ich eine da habe, ist es garantiert die falsche Schachtel. 
Ich denke nicht, aber ich schau mal. *Tastaturrumgeklapper* Tut mir leid, kann ich nur ran besorgen.
Und wan wäre es da?
Montag früh, ab 8.00 Uhr.
Ich dachte, sie bekommen das noch heute ran…
An dieser Stelle hört sich die Stimme doch etwas enttäuscht an. Zugegeben, wenn ich Notdienst hätte, würde ich es auch am heutigen Tage bzw. in der heutigen Nacht noch ran bekommen. Samstags bekommen wir eben nicht 6 Lieferungen wie Wochentags, sondern nur eine einzige. Aber da Samstags bei uns ein „halber Tag“ ist, hieße das auch, am Abend nochmals aus Kuhdorf in die Stadt fahren, und anschließend wieder zurück.
Wissen Sie, ich habe das einfach nicht am Lager, weil das in letzter Zeit 1x so im halben bis 3/4 Jahr lief. Ist einfach schlecht, sich das hinzulegen.
Ja, die letzten hatte ich bei Ihnen. Das hatte ich mir jetzt fast gedacht.
Ich könnte Ihnen anbieten, dass ich morgen [also Sonntag] so ab um 10 im Laden bin, und dann holen Sie sich die raus.
Nein, das ist mir zu spät. Ich schau mal woanders.
Wenn Sie sich bis um halb 12 melden, bekomme ich das noch hin. Ansonsten wünsche ich ein schönes Wochenende.
Ihnen auch.
Wiederhören.

Es kam kein Anruf bis 11.30 Uhr. Also habe ich es nicht mitbestellt.

Ich kenne eigentlich 2 Sorten privat versicherte Patienten [2]. Die einen sind bzw. waren Beamte. Die anderen sind bzw. waren selbstständige Unternehmer oder aber Angestellte mit einem hohen Einkommen und meist auch mit einer hohen Verantwortung. Beide Sorten Menschen sollten sich durch eine gewisse Zuverlässigkeit und Weitsicht auszeichnen. Meine ich zumindest.

Herr Privatier weiß, dass wir seine gewünschte Schachtel nicht da haben, denn die letzten zwei Male haben wir sie auch für Ihn bestellt, und das letzte mal ist schon fast 1 Jahr her. Wenn man mehr oder weniger häufig mit Migräneanfällen zu tun hat – und ich meine richtige Migräneanfälle, solche, die einen 2 bis 3 Tage aus der Bahn schmeißen, und nicht einfach „nur“ einen Spannungskopfschmerz – dann hat man eine Vorstellung davon, wie dringend man „sein“ Migränemittel braucht. Herr Privatier schien auch schon ein Rezept zu haben. Bloß noch nicht eingelöst eben. Hätte er mich Freitag abend angerufen, 5 Minuten vor Ladenschluss [3], wäre das kein Problem gewesen. Aber von heute auf heute an einem Sonnabend zaubern, nein, dass kann ich nicht. Und mehr als anbieten, zumindest 2 Stunden von meinem Sonntag zu opfern, um ihn möglichst dringend zu versorgen, kann ich auch nicht. Und ehrlich? Das mache ich eigendlich nur bei wirklichen Notfällen. Nun, Migräne kann tatsächlich ein Notfall sein. Aber – Herr Privatier kennt seine Migräne. Er weiß genau, wann die letze Tablette aus der alten Schachtel verbraucht wurde, und wie „schnell“ er ungefähr mit dem nächsten Anfall rechnen kann. Zumindest so plus-minus. Und wenn ich ihn als Geschäftsmann fragen würde, ob er für ca. 10€ Rohgewinn 2 Stunden seines Sonntags opfern würde, würde er wahrscheinlich nur entsetzt schauen [4]. Das ist bei einem Kind, welches ein seltenes Antibiotikum aufs Wochenende verordnet bekommt, schon etwas ganz anderes.

Auch wenn ich den „eigenverantwortlichen Patienten“ für eine Illusion der Politik, der kranken Kassen und der BWLer halte [5], so halte ich den „mitverantwortlichen Patienten“ nicht nur für erstrebenswert, sondern für Pflicht. Ohne die Mitarbeit des Patienten funktioniert die beste Therapie und auch das wirksamste Arzneimittel nicht. Und die Mitarbeit des Patienten beginnt genau an dem Punkt, wo dieser das verordnete Arzneimittel zum „Therapiebeginn“ auch in der Hand hält. Ich bezweifel einfach schwer, dass (in diesem Fall) das Rezept an diesem Samstag um 9.25Uhr vom notdiensthabenden Arzt ausgestellt wurde. Und mehr als krumm machen kann ich mich nicht. Und ich werde den Verdacht nicht los, dass eine sofortige Bestellung bei einer Versandapotheke der Wahl die „Triptan XY Spezialtabletten N3“-Schachtel auch nicht am selbigen Samstag noch zum Nachmittag herbei geschafft hätte – und auch nicht am Sonntag.

Also gebt Eurer Apotheke eine Chance und sagt ihr rechtzeitig bescheid. Dann besorgt die auch alles – so sie kann – rechtzeitig für Euch ran.

——————
[1] Und keine Milchcreme-Schokolade-Waffel-Keks-Kombination, die von der Gesamtmenge kaum ausreicht, meinen wurzelbehandelten Zahn zu füllen, weit und breit zu sehen. So wird man von der Werbung getäuscht!
[2] Wenn ich es genau nehme, könnte ich so viele Untergruppen bilden, wie es privat versicherte Menschen gibt. Aber ich denke, die folgende Aufzählung reicht als ganz grobe Einteilung.
[3] De fakto hätte ich an fraglichen Freitag auch noch 20min nach Ladenschluss diese Bestellun hingebogen. Danach musste ich weg, etwas in ein weiter entferntes Dorf liefern. War auch ein Fall, wo Freitag vormittag um 11 Uhr aufgefallen ist, wie dringend das bis Freitag abend benötigt wird…
[4] Wenn ich ihn als Beamten fragen würde, ob er mir nicht mal schnell auf den Sonntag eine Baugenehmigung… Na, diese Vorstellung denke ich lieber nicht zu Ende. 😉
[5] Normalerweise ist der „eigenverantwortliche Patient“ immer dann gefragt, wenn man irgendwo im System Kosten drücken will. Wenn dann anschließend etwas schief gegangen ist, hat dass allversorgende System versagt.

Advertisements

9 Gedanken zu „Habischnisch

  1. das spricht sehr, sehr für Dich, dass Du für Herrn Privatier sogar den Sonntag geopfert hättest! Toll!

    Ich bewundere Euch ja immer mehr, wie Ihr es schafft die Medikamentenflut durch gefühlte 537 Generikahersteller, 131 Reimporteure und 1453 Rabattverträge immer noch zu beherrschen. Immer wieder – Respekt!

    Wäre gut zu wissen, wie derr Hr. Privatier nun zu seinem Medikament gekommen ist. Hat er Samstags in der nebligen Abenddämmerung in ein Großhandelslager eingebrochen?

    Falls ja, hat er dort hoffentlich seinen Lebensbedarf mitgenommen und läßt Dich und Kollegen zukünftig in Ruhe.

  2. Ich fasse es nicht. Wenn ich sehe, daß meine regelmäßig zu nehmenden Tabletten zur Neige gehen, dann gehe ich zum Arzt und hole mir ein Rezept. D.h. ich habe dann immer noch einen Vorrat für ca. 10 Tage, der Apotheker kann ganz entspannt nachbestellen wenn nötig und ich bin auch entspannt. „Mitverantwortlicher Patient“ erfordert nur ein bißchen Nachdenken und Mitdenken. Mist, das habe ich ganz vergessen:
    „Manche Menschen würden eher sterben, als einmal nachzudenken – genau genommen tun sie das ja auch.“ (George Bernard Shaw)

    • Das sehe ich ganz genau so. Und zugegeben, „manchmal“ vergisst man so etwas auch mal, und dann ist es doof. Aber gerade bei solchen Migräne-Problemen vergehen zwischen den Anfällen gewöhnlicher Weise ein oder zwei Tage, und diese Zeit könnte man auch benutzen, um seinen Vorrat wieder aufzufüllen… Aber vielleicht habe ich auch einen befangenen Standpunkt…

  3. Nun, grundsätzlich würde ich denken, wenn ich den letzten Blisterstreifen aus meiner Packung nehme, dann wäre es an der Zeit mal beim Arzt ein Rezept zu bestellen….
    Aber die Erfahrung zeigt,daß dem mitnichten so ist. Und so kommt dann Lieschen Müller am Samstag um halb eins, wenn es wirklich zu spät für alles ist und braucht UNBEDINGT ihre Schilddrüsentabletten, weil sie nämlich schon seit drei Tagen keine mehr hat…..
    Oder. Die Pille, weil sie jetzt wieder anfangen muß und -Überraschung!- die Packung LEER ist.
    Der ganz normal Wahnsinn eben.

    • … Oder (mein Lieblings-Fall) man kommt mit dem Wochen-alten Rezept für die Malaria-Tabletten, weil man morgen (Sonntag) in die Ferien fliegt – und wird in der Apotheke dann laut, weil wir nicht die nötigen 4 Packungen hier haben, sondern nur eine. Ist ja nicht so, dass man schon laaaange wusste, dass man in die Ferien fliegt. Oder das Rezept zu Hause hat. Oder ….
      Und dann soll es auf einmal *mein* Notfall sein. Nö, ist es nicht.

      • Malarone und Lariam bestelle ich immer nur nach Bedarf. Viel zu selten bei mir. Und wenn ich es brauche, ist ein anderer Reimport grad 2Cent billiger, und ich bin der Böse. Nene, sowas bestell ich frisch…

  4. a) Als Migräne-Erfahrene geurteilt: der Mann hat keine. Wenn es ihm nicht wichtig genug ist, rechtzeitig für seine Arznei Sorge zu tragen… !!! Also nee, NEE aber auch. Gut, daß es Apotheker gibt, denen kann man immer die ganze Schuld zuschieben. (und meine Große studiert Pharmazie – da kommt ja was auf sie zu…)

    b) Ich unterschreibe Fußnote 6 samt zugehörigem Fließtext. Dick.

    Viele Grüße, Sathiya

Knick hier Deine Gedanken (Mit Nutzung der Kommentarfunktion erklären Sie sich damit einverstanden, dass alle eingegebenen Daten und Ihre IP-Adresse nur zum Zweck der Spam-Vermeidung durch das Programm Akismet in den USA überprüft und gespeichert werden.):

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s