Heimwerkerwünsche

Es ist Freitag Mittag. Genauer gesagt, es ist so ziemlich exakt 12.45 Uhr. Also ist es genau der richtige Zeitpunkt, um ein medizinisches Problem zu bekommen, wenn man sich sicher sein will, gerade keinen niedergelassenen Arzt anzutreffen, denn der durchschnittliche Arzt macht meist spätestens um 12 Uhr die Praxis dicht [1]. Ich sitze gerade vor der Mittagsbestellung und grübele nebenbei schwer darüber nach, ob ich nicht dringend noch zwei Rechnungen schreiben sollte [2], als ich – mal wieder – durch die Geräusche einer höchst nervige Erfindung des vorletzten Jahrhunderts in meinem Überlegungen empfindlich gestört werde: Tüdelitü tüdelitü macht das Telefon neben mir auf sich aufmerksam…

Schon am Klingelton höre ich, dass es sich um ein internes Gespräch handelt. Und das Display zeigt „Büro“. Da mein Chef normalerweise nicht telefonisch mit mir kommuniziert, wenn ich zur gleichen Zeit im selben Hause bin wie er, eröffnen sich exakt zwei Möglichkeiten der Problemstellung. Einerseits könnte es ein privates Gespräch sein, welches halt für mich ist. Andererseits könnte es ein Gespräch, eine Rückfrage oder auch ein Problem sein, welches mein Chef aus unterschiedlichen Gründen nicht selbst (weiter) bearbeiten möchte [3], auf dass er es dann an mich weiterreicht. Das ist nicht weiter schlimm, denn ich halte es durchaus öfter mal genau so mit ihm [4]. Meistens ist es andererseits. Nun ja. Ich greife zum Telefonhörer und spule meinen Standart-Spruch ab:

Knick-Apotheke, Knick am Apparat. Was kann ich für Sie tun?
Ja, hallo, hier ist Kichenschmirks. Scheint eine schlechte Leitung zu sein, der Name kam mir doch recht merkwürdig vor. Aber egal, da kann man ja drüber hinwegsehen. Mein Sch*nuschel*an ist ab. Haben Sie da einen Kleber für? Nun ja, soviel zu Namen. Scheint also an der Leitung, an meinen Ohren oder aber an der Aussprache zu liegen, aber gut, das kann man ja verifizieren.
Herr Kichenschmirks, ich habe rein akustisch nicht verstanden, was ab ist und sie kleben möchten. Könnten Sie das für mich wiederholen?
Mein Stift-Zahn ist ab! Den will ich wieder ankleben. Der ist aus dem Transplantat gefallen.
Sie wollen sich selber einen Stiftzahn wieder einkleben? In diesem Augenblick sitze ich wohl doch mit offenem Mund und hochgezogenen Augenbrauen am Telefon. Zumindest erklärt dies die zwischenzeitlich schwierige Aussprache hinreichend.
Na kann doch nicht so schwierig sein.
Ähm… Was halten Sie denn vom zahnärztlichen Notdienst?
Der ist ja heute erst ab 20.00 Uhr da. Ich wollte das Problem gleich lösen.
Ich habe ja nicht so wahnsinnig viel Ahnung davon, aber ich vermute, dass der Klebstoff sehr genau abgestimmt sein muss auf das Problem. Ich weiß, dass Zahnärzte da durchaus unterschiedliche Produkte einsetzen, je nach den Materialien vom Stift und vom Transplantat. Außerdem würde ich unterstellen, dass man da in einer desinfizierten Umgebung arbeiten sollte, damit anschließend keine Infektion in oder an dem Transplantat  entsteht.
Och, ne desinfizierte Umgebung kann doch nicht so schwer sein!
Und wie wollen Sie den korrekten Sitz hinbekommen? Ich meine, wenn der nicht wirklich richtig sitzt, haben Sie anschließend wirklich ein Problem.
Meinen Sie wirklich?
Ja, meine ich. Bitte gehen Sie zum zahnärztlichen Notdienst. Da wird ihnen fachkompetent geholfen.
Na wenn Sie meinen.
Na dann wünsche ich gute Besserung und ein schönes Wochenende dann!
Ja, tschüss! Tut tut tut tut tut. Klack.

Etwas perplex schaue ich das Telefon an. Was das real oder finde ich mich demnächst im Radio wieder – Telefonfalle Hubert K. auf Radio2000Würfelbecher hat wieder zugeschlagen! Heute die Knick-Apotheke! Ich lasse das Gespräch noch mal durch mein Hirn wandern. Und so ich denke folgende Dinge noch einmal, die mir schon während des Gesprächs durch den Kopf gepocht sind.

A) Wenn man mit einem offenen Wurzelkanal rumrennt, weil dieser gerade wurzelbehandelt wird, ist das nicht schlimm. Da spült man ein paar mal am Tag mit klarem Wasser und/oder mit einer Chlorhexidin-Lösung [5], und alles ist schick. Ich kann das beurteilen, ich habe das schon öfter durch, auch mit unterschiedlichen Behandlungsvarianten.
B) Eine desinfizierte Umgebung meint natürlich nicht den Raum, in dem der Zahnarzt-Stuhl steht. Wobei es da schon sauber sein darf. Aber der Zahnarzt hat dieses hübsche Pusteteil, und da kommt gefilterte Luft, gereinigtes Wasser – und soweit ich weiß – durchaus auch ein Desinfektionsmittel raus. Damit kann man also alles schön sauber, trocken und fettfrei pusten. Und irgend so ein Spruch steht doch auf den allermeisten Klebstoff-Tuben drauf, wenn ich mich recht erinnere.
C) Ich kann mir wirklich lustigere Sachen vorstellen, als ein schweineteures Transplantat zu verlieren, weil ich da ein paar Keime eingeklebt habe, die dann im Zweifelsfall eine schwere Entzündung verursachen, welche danach, um wirklich mal schwarz zu malen, den Kieferknochen erodiert, so dass ich nicht nur ein neues Transplantat, sondern auch gleich eine OP zur Kieferknochenrekonstruktion benötige.
D) Ich kenne einige Klebstoffe. Ich habe in meiner Jugend – lang lang ist es her – Plastikmodellbau betrieben [6]. Von Heiß-Klebstoffen, Lösungsmittel-Klebstoffen, Zweikomponentenklebstoffen und auch von Cyanacrylat-Klebern habe ich durchaus eine geringe Vorstellung. Oder um es anders auszudrücken: Wenn es in meiner Familie was zu Kleben gibt, bin ich der Erste, der da gefragt wird. Welche genau aber „körpergeeignet“ sind – keine Ahnung. Würde ich so etwas an mir selbst ausprobieren wollen? Eher nicht [7].
E) Es gibt „Körper-Klebstoffe“ in der Apotheke. Oder es gab sie zumindest mal – als „Pflasterersatz“. Hat sich aber nicht durchgesetzt, ist wieder vom „Hobby-Markt“ verschwunden und wird größtenteils nur noch klinisch eingesetzt. Diese wären für fragliches Problem aber aufgrund ihrer Wirkungsweise gar nicht geeignet, denn da wird Gewebe mittels Enzymen zusammengepappt. Nur dürfte weder der Stiftzahn aus körpereigenem Gewebe sein, noch das Transplantat, in dem ersterer wieder fixiert werden soll.
 F) Es gibt einen Klebstoff für Zähne in der Apotheke. Das ist aber ein Klebe-System für gebrochene Zahnprothesen. Das System ist m.E. teuer und als provisorische Lösung geeignet. Mehr würde ich dieser Sache nicht zumuten.
G) Wie zum Geier will der Anrufer den korrekten Sitz seines Werkstücks überprüfen? Mit zwei, drei oder vier Spiegeln in Reihe geschaltet? Wow, das dürfte einiges an Koordination erfordern…

Und so saß ich da und fragte mich, wieso man in Deutschland – dem Himmel der Heimwerker – bestimmte Probleme nicht einfach doch vom Profi reparieren lässt. Die Gasleitung zum Beispiel. Den Starkstrom-Anschluss eventuell. Den 700-PS-V8-Vierfachvergaser-Biturbo-Motor vielleicht. (Obwohl der ja eventuell erst in Hobby-Arbeit entstanden ist.) Und ob ich wohl fraglichen Kandidaten auch ein Skalpell mit der Klingenform 23 hätte verkaufen können, damit er seine Blinddarm-Entzündung heimwerkerisch in den Griff bekommen hätte? Na, ich glaube ja nicht.

———————–
[1] Was nicht heißt, dass der fragliche Arzt dann im Wochenende sein muss. Bürokratie und auch Hausbesuche fordern durchaus Aufmerksamkeit. Bei anderen Ärzten ist das aber manchmal auch einfach anders.
[2] Ich habe den Käse dann auf Samstag verschoben.
[3] Da wäre zum Beispiel: Er findet das fragliche Produkt in der Datenbank nicht, weiß gerade nicht, was ein anderer mit dem nachfragenden Kunden abgesprochen hat, kennt das Produkt einfach nicht, welches gerade nachgefragt wird usw. usw. Auch ein Chef kann nicht alles wissen. Oder er kann sich halt gerade noch solange zusammenreißen, bis er das Gespräch an mich weitergereicht hat, um dann vor Lachen unter dem Schreibtisch zu liegen.
[4] Da wären zum Beispiel Anrufe betreffend Finanzamt, Weinhändlern mit ganz preiswerten Angeboten für 500 Kisten Roten, Behindertenwerkstätten mit ganz preiswerten Angeboten von Kopierpapier und Aufwischlappen usw. usw.
[5] Chlorhexidin ist wegen seltener aber schwerwiegender allergischer Reaktionen gerade schwer in Verruf gekommen. Andererseits gibt es kaum etwas auf der Welt, wogegen man nicht allergisch reagieren könnte.
[6] Dieser Fakt erklärt einiges über mich. 😉
[7] Und wer sich schon mal mit Sekundenkleber die Finger zusammengepappt hat, weiß, warum ich das nicht (noch einmal) ausprobieren möchte. Immerhin war ich damals clever genug, das nicht in der Notaufnahme „bearbeiten“ lassen zu müssen
.

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9 Gedanken zu „Heimwerkerwünsche

  1. „Und wer sich schon mal mit Sekundenkleber die Finger zusammengepappt hat“
    Erste Hilfe: Sofort, besser noch schneller als sofort, Spucke drauf oder Wasser, das verhindert die Aushärtung und evtl. einen Arztbesuch.
    Selbstbehandlung: Gab es da nicht mal einen Typen, der wg. Angst vorm Zahnarzt seinen Backenzahn selbst mit Schnellzement plombieren wollte? Da Schnellzement schnell abbindet, das ist sein Job, ist er dann mit Maulsperre doch zum Zahnarzt. Fällt wohl in Kategorie Suizid aus Angst vorm Tod. 🙂

    • Ich muss widersprechen: Cyanacrylat-Klebstoffe binden via „anionischer Polymerisation“, und diese wird durch geringe Konzentrationen an Hydroxid-Ionen gestartet. Es reichen dabei so kleine Mengen, dass die Autoprotolyse von Wasser (Luftfeuchtigkeit) bereits genug Ionen zur Verfügung stellt. „Spucke drauf“ beschleunigt den Abbinde-Vorgang also eher.

      Es gab mal einen Typen, der sich sein gesamtes Gebiss selbst repariert hat mit einem Dremel, Titan-Schrauben aus dem Baumarkt und irgend einer Spachtelmasse. Das Röntgenbild seines Kiefers habe ich heute noch in Erinnerung – es sah aus, als wenn sich da ein leicht durchgedrehter „Tim Taylor, der Heimwerkerkönig“ mehrere Folgen von „Tool-Time“ damit verbracht hat, und Al Borland zu jedem einzelnen Arbeitsschritt meinte „Ich glaube nicht, Tim!“…

      • Nö! Auch Öl würde nichts helfen, da es sich ja um eine Polymerisation handelt. Hydroxid-Ionen zum Start finden sich auch (trotz „Säureschutzmantel“) genug in der Haut. Ich war erstens so geistesgegenwärtig, immer mit sehr kleinen Mengen zu arbeiten, weil es a) auf der Verpackung stand und b) damals das Zeug noch viel teurer war als heute. Damit war die Klebeflächse sehr klein. Dann habe ich mir die Finger getrennt, in dem ich die oberste Hornschicht des einen Fingers langsam, vorsichtig aber stetig opferte, und mir anschließen diese Hautzellen, den Kleber und die nächsten Hautzellen mittels einer Scheuerbürste und Fingernägeln der anderen Hand von fraglichem Finger knibbelte. 😉
        Größerflächige Verklebungen hätte ich so auch nicht (alleine) rückgängig machen können…

    • Mein Chef repariert sich seine Kauleiste nicht selber, und klar ist er Apotheker… Er meinte nur, dass der fragliche Anrufer eben den Prothesenkleber meinte, und wußte nicht, wie derjenige hieß…

      Da ich solche Gespräche aber immer noch mal bei fast null anfange, um sicher zu sein, nichts falsch verstanden zu haben, bin ich über dieses kleine Missverständnis gestolpert…

  2. Zum Thema Heimwerken, ich hatte mal eine Kundin, die wollte eine Pipettenflasche, und fragte ob die steril sei oder wie sie sie sterilisieren könne. Auf Nachfrage meinerseits stelle sich schlussendlich heraus, daß sie sich einen Augentrostabsud kochen wollte und das als Augentropfen verwenden wollte……immerhin wäre ja die Flasche steril gewesen……
    Ideen haben manche Leute….
    Gruß aponette

      • Auf die Idee bin ich vor lauter Entsetzten gar nicht gekommen, aber das wäre ihr dann sowieso zu teuer geworden, sie meckerte schon über die 2,50€ für das Pipettenglas….

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