Pflegehilfsmittel: Mitleid versus Versicherungsbetrug

Vorab: Ich habe keinen rechtspflegenden Beruf, ich bin Apotheker. Alle juristischen Anmerkungen, Verweise und Schlüsse sind meine private Meinung und haben weder beratenden noch rechtlich bindenden Charakter.

In letzter Zeit werde ich verstärkt auf eine „Versorgung von Pflegebedarf“ angesprochen. Gemeint ist natürlich die „Versorgung von Versicherten mit zum Verbrauch bestimmten Pflegehilfsmitteln gem. § 78 Absatz 1 i. V. m. § 40 Absatz 2 SGB XI„. Damit habe ich so erst einmal kein Problem, denn eine Versorgung von pflegebedürftigen Patienten durch Leistungserbringer bzw. durch Pflegende zu Lasten der Pflegekasse der Pflegebedürftigen ist vom SGB erst einmal so vorgesehen. Und im Schnitt geht es immerhin um 31,00€ pro Monat, die dem Pflegebedürftigen da zustehen könnten. Um dies zu erreichen, gibt es prinzipiell zwei Wege:

  1. Es werden „Pflegehilfsmittel zum Verbrauch“ beim Leistungserbringer (also z.B. mir) mit Quittung gekauft. Diese Quittung wird dann bei der Pflegekasse eingereicht, und man bekommt – so alle Voraussetzungen erfüllt sind – bis zu 31,00€ pro Monat zurück.
  2. Der Pflegebedürftieg schließt einen Vertrag mit einem Leistungserbringer (also z.B mit der Knick-Apotheke) ab, und der Leistungserbringer kann Pflegehilfsmittel liefern, und dafür bis zu 31,00€ direkt mit der Pflegeversicherung abrechnen.

So weit, so gut. Variante 1 ist für den Leistungserbringer natürlich vorteilhafter, da er sein Geld schon in der Tasche hat, und der verwaltungstechnisch-bürokratische Aufwand am Pflegebedürftigen bzw. dessen Pfleger/Betreuer/Vormund hängen bleibt. Variante 2 ist für den Pflegebedürftigen natürlich einfacher, denn her holt seine Produkte einfach nur ab, unterschreibt dafür und gut ist es. Der Leistungserbringer muss vorher Anträge an die Pflegekasse schreiben, und bei jeder Abgabe muss man ein zu unterschreibendes Empfangsbestätigungsformular (neu) ausfüllen. Auch damit kann ich leben. Und grundsätzlich habe ich mit beiden Varianten kein Problem.

Warum ärgere ich mich nun immer wieder in letzter Zeit über diese Anfragen?

Gewöhnlicher Weise läuft es so, dass mich ein Patient mit einer Bitte betreffend der Pflegeversicherungs-Hilfsmittel-Belieferung anspricht, weil er darauf von einem Pflegedienst hingewiesen wurde, oder weil er etwas von einem Bekannten darüber gehört hat. Und gewöhnlicher Weise entwickelt sich dann das Gespräch wie folgt:

[Patient] …und dann bekommen Sie ja 31,00€ von der Pflegekasse pro Monat.
[Gedankenknick] Richtig. Vorausgesetzt, ich händige Ihnen auch die fraglichen Hilfsmittel im Wert von 31,00€ aus. Und Sie quittieren mir dies.
Und dann kann ich mir irgendetwas für 31,00€ aussuchen.
Richtig. Vorausgesetzt es handelt sich um die fraglichen Pflegehilfsmittel.
Dann hätte ich gerne einmal Hautcreme und einmal Schmerztabletten dafür!
Das geht so nicht. Ich kann Ihnen nur fragliche Pflegehilfsmittel anbieten. (Im Falle von Variante 2 und einem bereits genehmigten Antrag füge ich dann noch hinzu) Sie haben das selbst so unterschrieben. Schauen Sie sich gerne noch einmal den Antrag an. (An dieser Stelle hole ich den genehmigten Antrag aus dem Ordner.)
Aber die Schwester vom Pflegedienst Sankt Hubertus hat gesagt, ich kann mir da einfach irgendetwas aussuchen. Und die Apotheke hinter den 7 Bergen macht das auch so!
Das mag auch richtig sein. Aber der Pflegedinst Sankt Hubertus hat letzte Woche einen Insolvenzantrag gestellt, und was die Apotheke hinter den 7 Bergen so macht, kann ich nicht nachvollziehen. (Aber ich hörte, die hat Ärger mit einer bösen Landesbehördekönigin.)
Ich will das aber so.
Verstehe ich. Aber ich bin leider an Gesetze und auch an den Liefervertrag gebunden. Entweder wie es im Vertrag steht, oder gar nicht. Anders kann ich nicht.
Haben Sie denn gar kein Mitleid mit meinem zu pflegenden Angehörigen?!
[…] 

Ich habe schon Mitleid. Aber dies kann ich nicht durch Zurecht-Interpretieren der Gesetze umsetzen. Und dafür habe ich auch meine Gründe. Wer sich für diese nicht interessiert, kann die Lektüre an dieser Stelle abbrechen. Wer mein „unsoziales Verhalten“ hinterfragen möchte, sei eingeladen, meine Erfahrungen und Überlegungen dazu kennenzulernen.

Los ging alles vor vielen Jahren. Damals war die „Pflegeversicherung“ noch nicht einmal vom Wort her erfunden. De fakto ist das ganze schon so lange her, dass meine Fehltritte in der Zwischenzeit hoffentlich verjährt sind. Herr Budenhups pflegte hingebungsvoll seine Ehefrau, welche nach verschiedentlicher onkologischer Behandlung zu Hause war, in einem medizinisch eher als schlecht zu bezeichnenden Zustand. Hätte ich das Wort „Palliativpflege“ damals schon gekannt, hätte ich das, was Herr Budenhups da leistete, genau als solches bezeichnet. Er ermöglichte seiner Frau ein Sterben in Würde, im vertrauten Zuhause, und in der Nähe ihrer Angehörigen, nämlich in seiner Nähe. Und natürlich war das nicht einfach, und er akzptierte jede Hilfe, die er bekommen konnte. So gab es auch damals schon die Abrechnung von Pflegehilfsmitteln nach obiger Variante 1, in Frage kamen damals folgende Produkte: Saugende Bettschutzeinlagen zum Einmalgenbrauch (Hilfsmittelgruppe 19 40 05 5 XXX), Einmal-Handschuhe und (Hände-)Desinfektionsmittel. Diese Produkte, und mehr nicht. Aber Herr Budenhups brauchte Creme, um die Wund gelegenen Stellen seiner Frau pflegenn zu können. Fragliche Creme ist im besten Fall ein (apothekenpflichtiges) Arznei-, aber nun einmal kein Hilfsmittel. Aber ich sah die Notwendigkeit, ich hatte Mitleid sowohl mit seiner Frau als auch mit ihm – die Rente war auch damals schon nicht üppig – sprich: ich sah den Sinn. Und so drückte ich alle Hühneraugen zu. Ich stellte eine Quittung über Bettschutzeinlagen aus, und Herr Budenhups bekam die Pflegecreme (im selben Warenwert). [1] Rein technischgesehen ist das einerseits ein Verstoß gegen §368 BGB (Quittierung), andererseits aber auch ein Verstoß gegen alle abgeschlossenen Lieferverträge zwischen Krankenversicherungen und Apotheken. Aber da ich wußte, was Herr Budenhups vor hatte, hätte man mir das wohl auch als „Beihilfe zum Versicherungsbetrug“ auslegen können – denn nichts weiter machte Herr Budenhups, wenn wir das nüchtern betrachten: Er reichte eine Quittung für Produkt A bei seiner Krankenversicherung ein, erhielt aber dafür Produkt B. Und ich half ihm dabei, indem ich ihn mit der Quittung für Produkt A versorgte, obwohl ich ihm Produkt B lieferte. Dabei blieb es aber nicht. Er brauchte dies und das, jenes und welches – und immer wieder redete ich mir die Sache schön – immer wieder fand ich eine „sinnvolle Ausrede“, warum Frau Budenhups das aus medizinischer Sicht wirklich brauchte, auch wenn es eben nicht Kassenleistung war. Und dann kam der Tag, an dem er unter anderem einen Deo haben wollte. Er schwitze immer so beim Pflegen seiner Frau, das sei schließlich körperlich anstengend, und seinen Schweißgeruch könne er doch seiner leidenden Frau nicht zumuten. Folgerichtig braucht ER das Deo FÜR SICH, um seine Frau pflegen zu können. An diesem Punkt versuchte ich das erste Mal eine Grenze zu ziehen. Aber siehe, er drohte mir damit, mein bisheriges Verhalten bei seiner Krankenkasse anzumahnen. [2] Mit anderen Worten: ich war plötzlich erpressbar geworden, nein, ich hatte mich selbst erpressbar gemacht. Kein schönes Gefühl. Nun, Frau Budenhups verstarb nicht lange darauf, und so versackte das Problem in den Tiefen der Erinnerung einiger weniger Beteiligter. Und ich kam mit meinem Chef überein: Nein, so etwas brauchen wir nicht wieder. Und Mundpropaganda, wie schön wir gegen Gesetze und Lieferverträge verstoßen, brauchen wir erst Recht nicht!  Und der geneigte Leser mag mir glauben (oder auch nicht), so laxe Sicht auf die Gesetzesbasis spricht sich rum. Relativistisch gesehen verbreiten sich solche Informationen im Zweifelsfall schneller als das Licht. [3] Und da wollte ich mich einfach nicht mehr vorne anstellen, deshalb habe ich seit damals dieses Geschäftsfeld anderen Marktteilnehmern überlassen. [4]
[ACHTUNG! Der vorherige Absatz war erstunken, erlogen und – natürlich – nichts weiter als ausgedacht. Er diente nur der Erläuterung der Problematik. Wäre mir wirklich so etwas widerfahren, hätte ich des moralischen Dilemmas wegen die Lieferverträge mit den Krankenkassen sofort einseitig kündigen und meinen Beruf an den Nagel hängen müssen!]

So. Nun häufen sich in letzter Zeit solche Anfragen. Aber nicht nur nach obiger Variante 1, bei der ich nur „Beihilfe zum Versicherungsbetrug“ begehen würde. Nein. Explizit angefragt wird dabei die Abrechnung nach Variante 2, bei der ich der aktive Part bei dem Betrug wäre. Da Danke! Zumal der Versicherte im Zweifelsfall immer behaupten kann, ich hätte ihm dieses Vorgehen vorgeschlagen und ihn somit zusätzlich dazu angestiftet. Ich hätte keinen Gegenbeweis. Aber ich hätte ein Motiv (Umsatz/Gewinn) und eine Gelegenheit (jedes Mal neu, wenn der Versicherte kommt). Um das Problem mit der Variante 2 vertiefen zu können, muss man sich den Ablauf der Vertragsschlüsse und der Belieferung genauer anschauen. Und der geht so:

  1. Man muss einen Antrag beim „Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherungen“ zum Beitritt zum Vertrag über die „Versorgung von Versicherten mit zum Verbrauch bestimmten Pflegehilfsmitteln gem. § 78 Absatz 1 i. V. m. § 40 Absatz 2 SGB XI“ stellen. In diesem Antrag muss man bereits angeben, welche der zur Auswahl stehenden „Pflegehilfsmittel zum Verbrauch“ man beliefern möchte, und welchen Preis man dafür nehmen möchte. Der Preis darf gerne unter dem 2008 vertraglich festgesetzen liegen, aber nicht darüber. Unnötig zu erwähnen, dass diese Preise seit 2008 nicht nach oben angepasst wurden.
  2. Dieser Antrag muss genehmigt werden.
  3. Man muss rausbekommen, dass der Antrag genehmigt wurde, und man nun vertraglich beliefern darf. [5]
  4. Man muss für jeden Versicherten, der versorgt werden will, einen separaten Antrag bei der Pflegeversicherung des Versicherten stellen.
  5. Bei jeder Versorgung des Versicherten muss ein separates Formular ausgefüllt werden, welche „Pflegehilfsmittel zum Verbrauch“ der Versicherte zu welchem Preis erhalten hat.
  6. Der Versicherte muss mit Unterschrift bestätigen, dass er diese Produkte in einem „ordnungsgemäßen und hygienisch einwandfreien“ Zustand erhalten hat.
  7. Das Formular wird über Abrechnungsdienstleister bei der Pflegeversicherung zur Bezahlung eingereicht.

Die Punkte 1-3 muss man natürlich nur einmal abhaken, den Punkt 4 für jeden Versicherten einmal. (Und schon hier weise ich den Versicherten darauf hin, welche Produkte ich beliefern kann und werde – und das dies eine abschließende Liste ist. Der Versicherte unterschreibt diesen Antrag bei seiner Pflegeversicherung – oder eben nicht, dann darf und kann ich auch nicht liefern.) Und die Punkte 5-7 muss ich für jede Belieferung neu durchführen. Nettes Verfahren, oder? Das ganze läuft bei mir unter „Bürkratie-Abbau“. Einen Vorschlag für das Formular zur Abrechnung findet man übrigens hier. Und in dieser „Anlage 2“ finden sich auch die abschließende alle Produkte wieder, die maximal in Frage kommen:

  • Saugende Bettschutzeinlagen für den Einmalgebrauch
  • Fingerlinge
  • Einmalhandschuhe
  • Mundschutz
  • Schutzschürzen zum Einmalgebrauch
  • Schutzschürzen wiederverwendbar
  • Händedesinfektionsmittel
  • Flächendesinfektionsmittel
  • Saugende Bettschutzeinlagen, wiederverwendbar (Sonderregelung)

Ich werde jetzt weder meine mir vom  Spitzenverband zugesicherten Abrechnungspreise offen legen [6], noch werde ich verraten, welche Produkte ich prinzipiell nicht beliefere, weil ich es preistechnisch nicht kann.

Aber was klar hervorgehen dürfte, ist, dass ich wohl schlecht Bettschutzeinlagen bei der Pflegeversicherung abrechnen kann, wenn ich dem Versicherten für das Geld eine Wundschutzcreme liefere (welche sonst von der Kranken- und auch Pflegeversicherung nicht übernommen würde). Denn dieses Verhalten wäre, ganz einfach gesagt, Versicherungsbetrug. Und so ein Verhalten bei mir Anzufragen ist schlicht und einfach „Anstiftung zum Versicherungsbetrug“. Und auch, wenn einen die Versicherungen oft genug betrügen austricksen,  geht leider aus keinem Gesetz hervor, dass man es ihnen mit gleicher Münze heim zahlen darf. Und für solche Spielereien möchte ich mich nicht zum Handlanger machen (lassen), so viel Verständnis und Mitleid ich für die Pflegebedürftigen und die Pflegenden auch habe.

Womit wir zur wahren Frage des Problems vorstoßen. Wenn ich mein Mitleid im Einzelfall über das Gesetz stelle, wie ich es weiter oben theoretisch durchexerziert habe, bei welchem Versicherten mache ich es, und bei welchem Versicherten mache ich es nicht? Und warum schließe ich den einen ein und den anderen aus? Für welche Produkte breche ich das Gesetz, und bei welchen Produkten weigere ich mich? Und warum weigere ich mich bei einigen Produkten und bei anderen nicht? Dass ich schon bei einmaliger Gesetzesbiegereibrecherei erpressbar werde, hatte ich schon dargestellt. Dabei sollte man nicht vergessen, dass Versicherungsbetrug kein Kavaliersdelikt ist. Denn um so mehr eine solidarisch arbeitende Versicherung betrogen wird, im so höher werden die Beitragsprämien für alle Versicherten werden. Jeder, der bei so etwas mitmacht, egal ob als Durchführender, als Initiator oder als „Nutznießer“, sollte sich also besser nicht über die nächste Beitragsanpassung nach oben aufregen. Denn alle, die mitmachen, sind selbst Ursache der Beitragsanpassungen. Und diese Weisheit gilt nicht nur für die Pflege- und auch Krankenversicherung, sie gilt auch für Haftpflicht-, Kfz-, Hausrat- und was weis ich nicht noch für diverse Versicherungen.

Noch ein anderes Themengebiet ist das immer weitere Nachhaken, ob man mich nicht doch vielleicht „umstimmen“ kann. Spätestens nachdem ich das erste mal das Wort Versicherungsbetrug habe fallen lassen – und das mache ich gewöhnlicher Weise meist erst, nach dem sich der Nachfragende gegen alle freundlichen Umschreibungen dieser doch juristisch recht unschönen Sachlage als resistent erweist – erwarte ich, dass man mich versteht. Wer anschließend die „Mitleidskarte“ spielt, appelliert nicht wirklich an mein Mitleid, sondern versucht micht schlicht und einfach zu manipulieren. Und, man möge es mir verzeihen oder auch nicht, solches Verhalten kann ich nicht leiden.

Denn ich vermute schwer, dass genau diese meiner Patienten / Kunden das geringste Mitleid mit mir empfinden würden, wenn in der Zeitung stünde, der Knick-Apotheke seien wegen Versicherungsbetrugs und unrechtmäßigen Produktabrechnungen erst die Lieferverträgen gekündigt worden, und deswegen sei sie anschließend Pleite gegangen. Ich unterstelle da eher, dass diejenigen, die mich am meisten zu unlauteren Handlungen aufforderten, am lautestes „Steinigt Bestraft den Verbrecher!“ rufen werden. Nicht, dass ich diese beiden scheinbar recht zwiegespaltenen Positionen innerhalb eines Menschen nicht nachvollziehen kann – insbesondere unter Berücksichtigung des physischen, psychischen und auch emotionalen Drucks auf die pflegenden Angehörigen, welcher ebend durch die Pflegesituation erst entsteht. Nur erhoffe ich mir solches Verständnis bei meinem Gegenüber auch für meine Position. Und dieses Verständnis ist leider klein, solange Versicherungsbetrug einerseits ein Volkssport bleibt, und andererseits Versicherer sich unter fadenscheinigen Vertrags- und Gesetzesinterpretationen verstecken und so den Versicherten um ihm eigendlich zustehende Leistungen bringen. Und – man möge mir verzeihen – da sind die KrakenKassen zusammen mit dem „Medizinischen Dienst der Krankenversicherungen“ leider immer wieder im Gespräch – insbesondere wenn der MDK mal wieder jemandem die Pfelegstufe vorenthält die völlige Selbstständig bescheinigt, um Kosten für die Pflegeversicherung klein zu halten weil derjenige ja sein Leben alleine bewätigt. [7] Dass ein Betroffener / Angehöriger sich da gerne rächen revangieren möchte, kann ich durchaus nachvollziehen. Das ich dann zum Instrument gemacht werden soll, will ich nicht nachvollziehen können.

Nachtrag: Wer jetzt den Verdacht hegt, ich schreibe diesen Artikel, weil Weihnachten vor der Tür steht (oder zumindest im Zusammenhang mit Weihnachten), der irrt, auch wenn der Zusammenhang hervorzutreten scheint. Ich habe diesen Artikel deshalb geschrieben, weil sich in den letzten Monaten die Anfragen zur „Erweiterten Auslegung der Pflegehilfsmitteldefinition“ bei mir leider häuften. Und weil ich mir meine Gedanken dazu einmal von der Seele reden schreiben musste.

—————–
[1] Natürlich hatte ich mir vorher das OK meines Chefs dafür geholt. Lange Kundin… Medizinisch ja relevant… Muss man auch Mitleid haben… Alle diese Punkte wurden kurz angesprochen.
[2] Dies fand dann auch mein Chef nicht mehr OK, wußte spontan aber auch keinen gangbaren Ausweg, bei dem alle Beteiligten das Gesicht wahren konnten.
[3] Deswegen waren einige Zeit lang Raumschiffe, die von schlechten Nachrichten angetrieben wurden, der letzte Schrei im Universum. Dumm war nur, dass diese Raumschiffe bei den Planeten, die sie ansteuerten, erstaunlicher Weise äußerst unwillkommen waren. Dieser Antrieb kam aus der Mode, als das Unendliche Unwahrscheinlichkeitsdrive fertiggestellt war. Nachdem sich jedoch aufgrund diesen Antriebs plötzlich ein Haufen Planeten ohne Vorwarnung in Bananenkuchen verwandelten, schwenkte man auf das Prinzip des Bistr-o-Matic-Drives, dessen Mathematik auf italienischen Restaurates beruht. Und damit hatte das Universum wieder Ruhe gefunden… [Douglas Adams, so ungefähr zitiert aus „Per Anhater durch die Galaxis“]
[4] Der reinen Verstöße gegen das BGB und SGB wäre schlimm genug. Gewöhnlicherweise enthalten die Lieferverträge mit den Krankenkassen aber eine Klausel, dass bei vorsätzlichem Verstoß gegen einzelne Vertragsklauseln dem fraglichen Leistungserbringer die Lieferverträge gekündigt werden können. Und zwar alle – auch die für Arzneimittel. Und das wäre der Tod der fraglichen Apotheke.
[5] Dafür habe ich fast 4 Monate nach Genehmigung gebraucht.
[6] Man möge mir glauben, es ist wenig genug.
[7] Ich möchte den MDK nicht prinzipiell diskreditieren. Aber leider habe ich schon von weit mehr als einer „Fehleinschätzung“ des MDK zugunsten der Krenkenversicherung gehört – von direkt Betroffenen (die meist gar nicht wußten, wie ihnen bei der Überprüfung geschah), von Angehörigen, von Pflegedienst-Angehörigen, von Arztpraxis-Angehörigen, im Rundfunk. Vielleicht ist in der Zwischenzeit ja alles „viel besser“, allein mir fehlt der Glaube. Was daran liegen könnte, dass der „unabhängig agierende“ MDK seinen Brötchengeber schon im Namen stehen hat: Medizinischer Dienst der Krankenversicherungen. Es ist nicht der „Medizinische Dienst der Patienten“, und auch nicht der „Medizinische Dienst der unabhängigen Gutachter“. Der MDK arbeitet im Auftrag der Krankenkassen und wird von den Krankenkassen (über Umlagen) (und damit von jedem einzelnen GKV-Versicherten direkt) bezahlt. In anderen Brachen nennt sich so etwas ein „Abhängigkeitsverhältnis“ und gilt aus Ausschlusskriterium für unabhängige Gutachten.

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25 Gedanken zu „Pflegehilfsmittel: Mitleid versus Versicherungsbetrug

  1. Wenigstens haben sie den Satz von 31,-€ nicht verringert, wie die AOK bei der Inko-Versorgung …. Wie man einen schwer inkontinenten Kranken für 29,-€ im Monat adäquat versorgen soll, wird auf ewig das Geheimnis dieser Kranken Kasse bleiben.
    Gruß aponette

    PS hatte Dich schon vermisst!

    • Wobei man erwähnen muss: Keinen Inflationsausgleich umzusetzen ist faktisch eine jährliche Verringerung der Leistung. Der Kassenbeitrag steigt schließlich auch automatisch mit einer Lohnanpassung.

      Bei den Pauschal-Versorgungen mache ich nicht mit. Habe ich nicht, als ca. 2006 der erste Vertrag bei mir „anklopfte“. Und werde ich auch in Zukunft nicht. Das ist weder wirtschaftlich noch moralisch machbar. Just my 0,02€.

      • Wir machen mit, also mein Chef – aber lustig für die Patienten ist es nicht (für uns auch nicht). Über Inflationsausgleich denk ich schon gar nicht mehr nach, ich freu mich schon, wenn wir überhaupt für unsere Leistungen bezahlt werden.
        Gruß aponette

      • Ich mache aus verschiedenen Gründen nicht mit. Einer ist, dass in einem der ersten Verträge, die mir vorlagen, eine Klausel existierte, dass ich mit der inkontinenten Person ein „Dichtigkeitstraining“ machen MUSS. Ein anderer ist, dass mich viele Verträge verpflichten, über mehrere Tage ein „Gewichtsprotokoll der Vorlagen“ zu erstellen, damit „nicht volle Vorlagen weiter verwendet werden“. Das ist für den Patienten, aber auch für mich entwürdigend. Danke, aber: Nein danke.

      • Ein Dichtigkeitstraining? Gewicht protokollieren? Nicht komplett volle Vorlagen weiterverwenden? ?!?!?
        Ich bin zutiefst bestürzt – solche Vorgaben und Bedingungen sind menschenverachtend und entwürdigend. Ich kann nicht fassen, daß – bei allem Verständnis des Zwanges zum wirtschaftlichen Handeln – solche Klauseln wirklich in Verträge geschrieben werden dürfen. Was ist mit der Menschenwürde? Ihrer und der Ihrer Patienten?

        Trotz allem – schön, wieder von Ihnen zu lesen! Guter Text. 🙂
        Frohe Feiertage, Sathiya

      • Der erste so formulierte Vertrag kam mir, wie gesagt, ca. 2006 (oder früher) unter. Zu diesem Zeitpunkt sprach im mit Personal aus einem Behindertenpflegeheim (ist das politisch korrekt?), und da wurde mir gesagt, dass so etwas dort schon länger so gemacht werden muss. Ja, man lernt nicht aus…

  2. Hallo Gedankenknick,
    Das Thema passt ja gerade so schön.
    Wir haben gerade einen Patienten, wo wir sowohl Handschuhe als auch Sterilium genehmigen sollten und auch haben.
    Problem: Das Sanitätshaus hat die Belieferung eingestellt, weil die Handschuhe, die gewünscht waren zu teuer waren, und beim Leistungserbringer, also uns bzw das Sanitätshaus nur ein Betrag von ca 2/3 des Preises erstattet werden.
    Der Erstattungspreis liegt unter EK+ Mehrwertsteuer.
    Das Sterilium wird als „Flächendesinfektion“ eingesetzt. (???)
    Wir haben es also genehmigt bekommen und jetzt mosern die Angehörigen rum, 1.weil es die anderen Handschuhe sein sollen, wo wir von vornerein gesagt haben, das die bei uns auch nicht gehen.
    2. Die Angehörigen wollten Sterilium zur Flächendesinfektion, und jetzt wird sich auch darüber beschwert. (Fällt dir noch eine vernüftige Flächendesinfektion, ausser Sagrotan Spray ein?)
    Was aber laut Angehörigen geht, hätte die Kasse gesagt, das Sie die Handschuhe selber kaufen können und dann den vollen Preis erstattet bekommen.
    Jetzt frage ich mich aber, wenn Sie von uns die anderen Handschuhe holen, und das Sterilium, geht dann noch die Erstattung der Luxus Handschuhe oder bekommen wir irgendwann lustige Retaxe?
    Ist es also möglich die Abrechnungswege zu vermischen?

    Ich tendiere jetzt eher in die Richtung, das die kaufen sollen, was Sie brauchen und dann selber zur Kasse gehen. Der Patient scheint ja den vollen Betrag wiederzubekommen.
    Für Tipps von Kollege zu Kollegin bin ich dankbar.
    Herzliche Grüsse
    Boreal

    • Zur Oberflächendesinfektion: Ethanol oder Isopropanol 70% könnte ich hier in der Schweiz als „Herstellung“ über die Krankenkasse abrechnen. Ich bräuchte einfach eine Verschreibung von einem Arzt…

      • Der Tipp ist gut, allerdings glaube ich, das die Pflegekasse Schwierigkeiten machen wird, wenn ich eine Rezeptur abrechnen möchte. Ich weiss es aber nicht und mache mich daher noch mal schlau.
        Trotzdem Danke!

    • Ich tendiere dazu, dass es nur eine Entweder-Oder-Belieferung geht. Eine Durchmischung ist meiner Meinung nach nicht möglich. HIer bietet sich an, ALLES auf Quittung und via Vorkasse zu machen, so dass die Angehörigen den gesamten Betrag einreichen (können).

      Bei dem Flächendesinfektionsmittel bin ich auf den Sonntag grade überfragt, schau aber bei Gelegenheit mal nach.

      • Ich glaube auch, das eine Vermischung der Abrechnungswege nicht geht.
        Ich sage schonmal Danke fürs nachschauen.
        Herzliche Grüsse
        Boreal

      • Ich habe heute nicht eine Minute geschafft, hier nachzuschauen. Wir wurden heute etwas überrannt, als gäbe es kein morgen. 😉
        Ich schlage das beim nächsten Besuch der Angehörigen vor und gebe anschliessend noch mal Rückmeldung! Danke!
        Schöne Feiertage und denk am 25. 12 mal an mich. Da schieb ich Notdienst….
        Herzliche Grüsse
        Boreal

    • Meliseptol ist bei uns als Flächendesinfektionsmittel recht gängig.
      Da ich den EK aber nicht im Kopf habe kann ich gerade nicht sagen ob das preislich funktioniert…

      • Hallo, Anbei die versprochene Rückmeldung,
        Ich habe mit den Angehörigen nun gesprochen und wir haben uns dahin gehend geeinigt, das Sie die Bons selber bei der Kasse einreichen. Es ist ja offensichtlich so, das Sie dann auch die Handschuhe bekommen, die wir nicht abrechnen können.
        Wofasept bekomme ich über GH, preislich ist das auch OK und die Angehörigen waren sehr gebauchpinselt, als ich davon erzählte, was ich alles gemacht habe, um an die Info ranzukommen. Ich habe von einem „Apothekerforum“ im Internet erzählt, wo ich extra nachgefragt habe. Also Gedankenknick und Kollegen, nochmal Herzlichen Dank und unbekannte Grüsse der Angehörigen.
        Wofasept ist bestellt.
        Das Meliseptol habe ich zwar auch nachgeschaut, aber das ist etwas teurer als das Wofasept.
        Herzliche Grüsse und vielen Dank!

    • Just my 2 cents als Leser…

      „Sie“ mit Großbuchstaben ist eine Anrede. Wenn mehrere Personen oder eine weibliche Person damit bezeichnet, aber nicht angeredet werden sollen, wird es kleingeschrieben.
      Ich fühl mich jedes Mal ganz seltsam, wenn ich lese, ich sollte etwas bezahlen, was mich überhaupt nicht betrifft…

      Nix für ungut.
      😉

  3. Versicherungsbetrug scheint tatsächlich ein Volkssport zu sein; auch in anderen Branchen scheint es da recht faule Eier zu geben.
    In der Apotheke (Schweiz) habe ich auch schon die tollsten Sachen gehört! Eine Kundin hat mir mal Folgendes vorgeschlagen: „Die Sachen auf dem Rezept brauche ich eigentlich alle gar nicht. Sie könnten mir doch über diesen Betrag Kosmetika mitgeben und die Medikamente der Krankenkasse in Rechnung stellen!“ Als ich verneint habe, meinte sie, dass das in der Trottel-Apotheke im Nirgendwo aber immer so laufe. Sie ist dann unverrichteter Dinge wieder gegangen…
    Ich habe mich nur damals gefragt, ob die andere Apotheke das wirklich regelmässig so macht? Und ob der Apotheker sich im klaren ist, wie erpressbar er sich macht? Und ob er weiss, dass seine Kunden das so herumerzählen? Mal ganz abgesehen davon, dass es Versicherungsbetrug ist und nichts anderes! Und wir alle mit den Krankenkassenprämien dies bezahlen müssen… 😦
    Die Leute haben irgendwie das Gefühl, dass wenn sie schon Krankenkassenprämien bezahlen, sie auch eine Leistung verdienen – da die Prämien ja auch jedes Jahr steigen…
    Die Krankenkasse ist jedoch eine Risikoversicherung und funktioniert nach dem Solidaritätsprinzip: Alle bezahlen etwas ein und wer wirklich krank ist, dem wird Geld bezahlt. Viel Geld, wenn es sein muss (z.B. bei Krebs, Operationen etc.). Wenn jedoch alle „ihr“ Geld wieder beziehen wollen, da sie die Krankenkasse ja nutzen müssen, wenn sie schon dafür bezahlen, dann kann das System nicht funktionieren oder wird unbezahlbar…

  4. Nur kurz zum MDK:
    Ich habe da auch schon Horrorstories gehört.
    Als vor ca. 12 Jahren meine Mutter erkrankte, beantragten wir in Absprache mit den Ärzten Pflegestufe ein – durch eine schwere chronische Erkrankung benötigte sie Hife im Haushalt und ein „Backup“ beim Baden etc., aber zu diesem Zeitpunkt noch keine tägliche stundenlange Pflege.

    Mein Mutter war begeistert'(!) vom MDK-Mitarbeiter, der sich lange mit ihr unterhielt und wohl am Ende meinte, er sei froh, endlich mal bei jemanden gewesen zu sein, wo er nicht das Gefühl habe, dass von der Familie eingebläute Jammergeschichten erzählt wurden, sondern er der Meinung sei, durch ihre Offenheit könne er die Situation jetzt gut einschätzen.

    Kurze Zeit später kam dann die Genehmigung – von Pflegestufe 2! 🙂

    • Sicher gibt es solche und solche Erfahrungen. Glückwunsch, dass dort ein Mitarbeiter seinen Job gut gemacht hat! Die Geschichten, von denen ich aus erster Hand gehört habe, waren zumeist leider weniger erfreulich. Daher meine leicht säuerliche Meinung…

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