Telefonitis… mal wieder

„Tüdelü tüdelü!“ werde ich gerufen – vom Telefon natürlich, denn gewöhnlich bedienen wir uns schon artikulierterer Äußerungen bei zwischenmenschlicher Interaktion. Egal… denke ich und nehme mir vor, ab sofort alles Gedachte kursiv zu protokollieren. Ein kurzer Blick aufs Display zeigt die Vorwahl Kleckershausen, von Kleinstadt aus betrachtet circa 1/3 des Wegs nach Mittelgroß-Stadt.

Knick-Apotheke. Knick am Apparat. Wie kann ich behilflich sein?

Ja. Tach. Haben Sie denn [überteuerter homöopatischer Hustensaft]?, verlangt die Stimme am anderen Ende der mehrfach digital-analog-wandelnden Kommunikationsverbindung 1) zu wissen.

Sich selber vorzustellen ist einfach nur höflich, sich nicht vorzustellen hat aber auch seine Gründe, denke ich natürlich nur, und ahne noch nicht, wie Recht ich damit haben werde. Statt dessen sage ich: Die kleine Flasche habe ich vorrätig, die große könnte ich bis heute abend ranbesorgen.

Und wie teuer ist die kleine Flasche?, bohrt das unbekannte Gesprächsgegenüber weiter.

Die kostet bei uns drölf €uro fünfzig, gebe ich wahrheitsgemäß Auskunft.

Damit scheint mein unsichtbarer Diskutant gerechnet zu haben, denn in einem schon als entrüstet zu bezeichnenden Tonfall erhebt er seine Stimme: Wie kann das sein? In Großstadt ist die 30% billiger! Das ist nicht in Ordnung. Schließlich sind wir hier in der Provinz! Oder ist Ihre Flasche so viel besser?

Mit dem hohen Preis versuche ich, die Kaufentscheidung zu wirksameren und preiswerten Produkten hin zu beeinflussen. Ganz ehrlich, es ist der „Listenpreis“, die „unverbindliche Preisempfehlung des Herstellers“. Das Produkt ist bei mir ein Nieschenprodukt. Damit locke ich keine Kunden, und ich kaufe es auch nicht mit Super-Sonder-Billig-Konditionen ein. Warum sollte es es dann zu Super-Sonder-Billig-Preisen verkaufen? Statt dessen lasse ich nur ein lahmes Tja. von meinen Stimmbändern zum Mikrofon springen.

In Großstadt ist es billig, hier ist es teuer! Was soll das? Das. Ist. Nicht. In. Ordnung. Denn da ist es VIEL billiger!, beharrt mein mono-toner Gesprächspartner.

Vielleicht liegt es am Kapitalismus? Vielleicht sollten Sie mal Marx lesen? Vielleicht sollten Sie sich erinnern, dass nicht mal die Rot-Grüne Bundesregierung versprochen hat, dass sich die Apotheken-Preise nur in die eine Richtung, nämlich nach unten, entwickeln dürfen, als sie die OTC-Preisfreigabe beschlossen hatte? Vielleicht wenden Sie sich mal an Herrn Trump, denn der will Apothekenprodukte VIEL billiger machen, in dem er die gesamte FDA auf Weiterbildung in ein denkmalgeschütztes sibirisches Gulag schickt… Fragen über Fragen, auf die ich nie eine Antwort bekommen werde, denn ich sage: Wissen Sie, das Produkt ist bei mir scheinbar wirklich teurer als in Großstadt. Dafür verkaufe ich einen Haufen anderer Produkte wesentlich preiswerter als in Großstadt.3), und warte gespannt auf eine Erwiderung.

Davon weiß ich nichts!, verkündet  die körperlose Stimme mehr als unwirsch, und mit einem „Klick!“ trennt sich die Verbindung.

Tja. So ist das dann wohl in der freien Marktwirtschaft. Ich hätte ihn vielleicht darauf hinweisen sollen, dass er von Kleckershausen aus ein Bahnticket nach Großstadt inclusive Rückfahrt für schlappe 35€ bekommt. Kauft er sich dann auch nur 10 Flaschen [gar nicht teurer homöopathischer Hustensaft], hat er den Fahrpreis locker raus. Die zwei Stunden Fahrzeit hin und die 2 Stunden zurück gibt es geschenkt dazu vom Bahnbetreiber. Genau wie das Benzin, wenn der arme von mir so gebeutelte Mitmensch das Auto nimmt, um nach Großstadt zu kommen. Benzin… Benzin… Sicherheitshalber gehe ich noch einmal auf die Straße und schaue mein Schild an: „Knick-Apotheke„. Immerhin hat kein Scherzkeks die Sprüdose gezück und „Knick´s Bazar! Im- und Export; Kamel- und Dromedarkaravanserei“ darüber graffitiert. Das Deppenapostroph hätte mich fertig gemacht. Benzin…

Benzin! Jetzt weiß ich, was ich heute noch machen werde! Ich nehme mir das Telefonbuch und suche die Nummer der örtlichen Tankstelle: Hallo? Das Benzin hier in Kleinstadt ist viel zu teuer. In Überseehafen-Stadt kostet das Benzin viel weniger! Was soll das? Das. Ist. Nicht. In. Ordnung. Denn in Überseehafen-Stadt ist es VIEL billiger! Hach ja, schon die Vorstellung an das Gesicht des potentiell angerufenen armen Tankstellenangestellten…

Ich schaue auf, vor mir steht ein lächelnder älterer Mensch. Können Sie mir hierzu etwas erklären? Das Buch in seiner Hand, mit vielen eingeklebten Seitenmarkierungen, trägt den Titel: „Kolliodales Silber. Total preiswerte Wunderheilung für zu Hause und jedermann“ . In mir keimt der Verdacht, dass ich mir heute nicht mehr viele neue Freunde machen werde.


  1. Was waren das noch für Zeiten, als ein Telefon aus zwei leeren Konservendosen und einen Bindfaden bestand. 2)
  2. Andererseits konnte man schon beim Leeren der Konservendosen mutmaßen, dass die Gespräche „Grütze“ werden…
  3. Da bin ich mir sogar ziemlich sicher, weil touristisch aktive Laufkundschaft dann öfter mal gleich zwei oder drei der Lieblingspackungen kauft mit dem Verweis auf unsere unschlagbar günstigen Preise im Vergleich zu Apotheken in Großstadt. Da die Packungen bisher immer bezahlt wurden bezweifle ich auch, dass diesen Aussagen eine gewisse Ironie innewohnt.
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9 Gedanken zu „Telefonitis… mal wieder

  1. Hey Knick (oder Herr Knick?)
    Ich finds toll, dass du wieder öfter schreibst.
    Was waren das noch für Zeiten, als es Benzin nur in Apotheken gab. Zu Apothekenpreisen… 😀

    • Vielleicht kommen diese Zeiten wieder wie Petticoat und Schlaghosen. Wenn erst mal des E-Auto gesiegt hat, gibt es Benzin wieder nur noch in der Apotheke. Aber dank REACH darf ich es dann nur noch an Gewerbetreibende verkaufen…

  2. Was ist das nur für ein Hype mit dem kolloidalen Silber gerade? Wurde diese Woche bei mir auch zwei mal verlangt, ist aber nicht lieferbar. Da verdient sich wohl jemand ’ne goldene Nase mit der Leichtgläubigkeit mancher Leute. Seltsam… bei uns in der Apotheke sind sie immer skeptisch bis zum Gehtnichtmehr wenn man etwas neues anbietet, den Fernsehzeitungsanzeigen wird aber bedingungslos geglaubt… verkehrte Welt manchmal!

    • Na bei mir gings ja um so einen „Kolloid-Silber-Generator“, der elektrochemisch Silber aus einer Opferelektrode auslöst und kolloidal im Wasser abscheidet, welches dann gerunken wird. Die Sau wird alle Jahr bei mir mal durch die Apotheke getrieben. Ist wie mit allen anderen Wunder-Hokus-Pokus wie Aprikosenkerne oder was weiß ich… Ein bißchen Lesestoff zum Überfliegen findet sich hier: https://www.psiram.com/ge/index.php/Kolloidales_Silber

    • *Kolloidales Silber ist wieder da? Der Kreis ist schon wieder rum? Kommen dann jetzt auch die Spargeldichfits wieder ? Und die Annanaschips? Biddääh biddääh!*
      (nein, nicht….nicht schon wieder der Schr..tt!)
      @PTAchen: Aber sicher sind Fernsehzeitschriften VIIIEEEEL wissenschaftlicher als wir in der Apo, klar doch, immer! Ist doch die Zeitung…*seufz*
      Einstein, Unendlichkeit, Universum, Dummheit…

      • Ja. Ist wieder da! Und nach kolloidalem Gold wurde ich heute auch gleich noch gefragt. 😀

        Mein Tipp war: Gold und Silber beim Juvelier kaufen, und das Geld für dubiose Pseudomedizinprodukte in frisches Obst und Gemüse investieren… Was soll ich da denn sonst sagen?

        Ansonsten fände ich ja so Dinge wie Apfelessigkapseln (gegen und für alles!) und Süssgrastabletten (als Talisman um den Hals gedragen schützen die vor Diabetes-Infektion) mal wieder fürchterbar notwenig…

  3. Oh nein, kolloidales Silber kommt wieder? Und ihr könnt das bestellen? Ich bekomme das ja nicht in der Apotheke. Keine Zulassung = hat der Grossist nicht. Und halblegal im Internet will ich das auch nicht besorgen.
    Übrigens : der Titel kommt mir irgendwie bekannt vor…

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