BtM-Anfrage

Ja, es ist eine in der Zwischenzeit althergebrachte Weisheit, dass deutsche Apotheken ab dem 11.03.2017 Cannabis-Verschreibungen zu beliefern haben. Und dass es schon genug Unsinnigkeiten um die Bezahlung gegeben hat, wobei genug Leute mit viel Fachwissen aber ohne allzu viel Ahnung über die Gesetzeslage rund um die Apotheke mal wieder festgestellt haben, dass sich deutsche Apotheken eine goldenen Nase an den Patienten verdienen werden. [1] Und dass, obwohl es eine Reihe völlig ungeklärter Verfahrensprobleme gibt, die bis heute – also locker 9 Tage nach Inkrafttreten des Gesetzes – noch nicht mal teilweise geklärt sind aus meiner Sicht. [2] Aber dies soll nicht Thema dieses Eintrags sein. Denn ein – aus meiner bescheidenen Sicht – nicht unerhebliches Problem der Diskussion um den Cannabisgebrauch schwerstkranker Menschen ist, dass auf der selben Welle immer auch die „Genussnutzer“ reiten. Und dass diese ungefragt die Argumente der therapiebedürftigen Patienten nutzen und umfunktionieren, ohne jene überhaupt nur zu fragen, was natürlich ebenjenen Argumenten genauso wenig zum Vorteil gereicht wie ebenjenen Patienten, denen Cannabis tatsächlich einen therapeutischen Vorteil bietet. Und so begab es sich,

dass kaum 3 Tage nach Inkrafttreten ebenjener Neuregelung der staatlichen Anordnungen über den Verkauf spezieller Hanfendprodukte ein  eher junger Mann nach Einlösung seines eher unauffälligen Akutschmerzmittelrezepts meiner Kollegin, ihres Zeichens PTA, einen locker-flockigen, aber deswegen eher nicht weniger erst gemeinten Satz entgegenwarf:

Na dann kann ich ja demnächst hier Beteems kaufen, gell!

Und er beschloss seine eher als Feststellung denn als Anfrage formulierte Äußerung mit einem, und ich gebe es so wieder wie es über meine Apo-Theke schallte, freudigen

Hö, hö!

Also so wie der berühmte Mann der geweihten Nacht, aber mit jeweils zwei Punkten über dem Vokal. Da mir meine Kollegin etwas überfordert schien ob der Äußerung des Patienten, und gemäß Regelung der Beratungsbefugnis ihre sowieso an die zugewiesenen Grenzen zu gelangen schien, gesellte ich mich dazu, um dem netten jungen Mann folgenden Worte zu erwiedern:

Ich kam nicht umhin, Ihr Ansinnen zu bemerken. Und ich glaube ich muss Sie enttäuschen.

Diese Ansprache wecke sein Misstrauen, wiewohl ich seinem Gesichtsausdruck als auch seiner Antwort zu entnehmen interpretierte, als er sagte:

Aber im Gesetz wurde doch jetzt gesagt, dass ich in der Apotheke das kaufen kann!

Man konnte tatsächlich das Kursive heraushören, mit denen er das Wort „das“ kennzeichnete, um so furchbare Worte wie Gras, Shit, Pot, Brösel, Dutch, Krutt usw. zu vermeiden. Denn, so vermute ich zumindest immer noch, ging es ihm wohl eher weniger um Medizinalhanf. So hub ich also an, die Gesetzeslage etwas genauer darzulegen, in dem ich anzuführen beliebte:

Sie haben völlig recht. Gemäß Gesetz können Sie jetzt Hanfblüten in der Apotheke kaufen. Und das beste daran ist, dass das sogar ihre Krankenkasse bezahlt. Allerdings sollten Sie dafür zuerst eine austherapierte schwere Krankheit erwerben. Dann sollten Sie zusammen mit Ihrem Arzt einen Antrag auf Kostenübernahme bei Ihrer Krankenkasse stellen, die diese innerhalb von 5 Wochen beantworten muss. Sodann brauchen Sie natürlich eine passende Verschreibung Ihres Arztes, weil ohne…

Er unterbrach mich mit den Worten: Nee, das ist mir zu blöd jetzt.

Nun ja. Ich grinste in mich hinein, als ich ihm Gute Besserung! betreffend seines ja regulär eingelösten Rezeptes wünsche, was er aber nicht beantwortete, da er sehr schnell meine Apo-Theke verließ. Irgendwie hatte ich das Gefühl, nicht das geantwortet zu haben, was er sich so vorstellte.

Und die Moral von der Geschicht? Es gibt Menschen, für die Medizinalhanf eine Therapieoption ist, und denen immer noch zu viele Steine in den Weg gelegt werden. Und nein, nicht durch die Apotheker, auch wenn dieses so scheint, sondern – immer noch – durch den Gesetzgeber, der die Apotheker immer weiter überreglementiert, ohne dabei auch nur annähernd eine dafür ausreichende Bezahlung zu verbriefen. Aber völlig daneben sind die Menschen, die jene Patienten als Erklärung und als Rechtfertigung für ihre Gelüste – und ja, ich habe mir das folgende Wort gut überlegt – missbrauchen. Das ganze ist so, als wenn ich, nachdem ich mir die Kante mit Ethanol gegeben habe, als Erklärung vor mich hin lalle, dass so eine Extremdosis C2OH ja auch die Lebensrettung für eine methanolvergiftete Person ist. Und das ungefragt allen erzähle, die es nicht hören wollen, eben weil ich das kann. Und mich dazu auf mein Recht auf „beste Therapie“ berufe, auch wenn ich mir die Welt nur schön saufen und/oder meine Probleme vergessen will. [3] Toll. Und herzlichen Dank auch an die Politiker, die den Unterschied nicht verstehen wollen. Oder können. Wer weiß dies schon so genau..?

P.S.: Meine Kollegin meinte anschließend zu mir, dass ich glücklicher Weise dazwischengegangen sei, da sie tatsächlich nicht gerafft hatte, was der Kaufwillige bei ihr eigentlich erwerben wollte. Sagte ich schon, dass sich die Knick-Apotheke in einer Kleinstadt befindet..?


[1] De facto ist meine goldene Nase, die ich mir so als angestellter Apotheker bisher verdient habe, so schwer, dass ich immer wieder vorne über falle. Und wenn ich mich dann mit Füßen und Händen vorwärts schiebe, ohne den Kopf zu heben wie dazumal bei „der Truppe“, bei der ich Sanitöter im Entlassungsdienstgrad einer Zweipommesschulter bin, obwohl ich als zwischenzeitlich zum Apotheker geadelter Ex-Mitarbeiter bei der nächsten von mir nicht geplanten Reserveübung locker 11 Dienstgrade überspringen würde, was wohl  nicht im Sinne des Erfinders und auch nicht im Sinne der von der Leine gelassenen Ursula liegen dürfte, weshalb diese Reserveübung wohl nie stattfinden wird, allerdings diesmal nicht, damit mir meine Mütze nicht simuliert perforiert wird, sondern weil meine goldene Nase eben so schwer ist. Und so hinterlasse ich regelmäßig eine goldene Abriebspur auf dem Pflaster, welche von der Restbevölkerung dann aufgepinselt  und beim nächsten Godschmied des Vertrauens versilbert werden kann, auf dass der Brosamen meines unendlichen Reichtums den Nichtapothekern dieses Staates zu Gute kommt.

[2] Zum Beispiel importiere ich dann eine Rezeptursubstanz nach §73.3 AMG, obwohl sich dieser § ausschließlich auf Fertigarzneimittel bezieht.

[3] Dass das dann gewöhnlich erst die Ursache für ganz andere Probleme so ca. 8 bis 12 Stunden später ist, säuft man sich wohl auch schön. Sonst würde man früher aufhören.

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